Berliner Szene: Die Hetzfeministinnen

#ausnahmslos (v li): Bücker (Edition F), Wizorek, Adiyaman (#schauhin), Strick (#aufschrei) und Lohaus (Missy). - © ZDF/Aspekte
Artikel teilen

Es gibt eine Welt, in der eine Minderheit agiert und von der die Mehrheit nichts ahnt. Das ist die Welt der so genannten Netzfeministinnen. Es ist gar nicht so leicht, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Denn dort spricht frau in Dogmen und Rätseln, Sternchen und Unterstrichen. Die Sprache dieser Netzfeministinnen ist so normiert und spezialisiert, dass auch Akademikerinnen kaum folgen können.

Es ist eine geschlossene und begrenzte Welt. Eine coole, hippe Welt. Doch die Regeln in dieser Welt sind uncool. „Sprachverstöße“ werden erbarmungslos geahndet. Wer Sprachverstöße „bei anderen“ auch nur ignoriert, wird zur „Mittäter_in“. Artikel werden mit „Triggerwarnungen“ versehen, um die „Leser_in“ darauf vorzubereiten, dass es gleich um etwas Heikles geht, wie zum Beispiel eine V*rg*w*lt*g*ng. Manchmal wird „Unangenehmes“ auch gar nicht erst erwähnt – um den Vorfall nicht zu „reproduzieren“.

Vor allem, wenn es sich um „Rassismen“ gegen PoC bzw. WoC handelt (das ist die Abkürzung für „People of Colour“ bzw. „Women of Colour“), also Menschen, die „nicht-weiß“ sind. Im Gegensatz zu „weiß Positionierten“. Und weiß schreibt frau jetzt auch kursiv, „da gesellschaftlich wirkungsvolle Kategorien beschrieben werden sollen und keine äußerlichen Zuschreibungen“. Das weiß inzwischen sogar Wikipedia.

Geht es in dieser kleinen – aber medial sehr präsenten – Welt also nur um Formalitäten? Oh nein! Es geht auch um Inhalte, um Politik. Es geht um Deutungshoheit, nicht nur gegenüber den Medien, sondern auch innerhalb der feministischen Szene.

Diesem „liberalen Feminismus“, der aus Amerika zu uns geschwappt ist, geht es in erster Linie um persönlichen Erfolg, Anti-Rassismus und die Vielfalt der sexuellen Identitäten. Die Klassenfrage, die heute so genannte soziale Frage, spielt in diesen Kreisen kaum eine Rolle. Zumindest in der Praxis nicht, auch wenn theoretisch gerne vom „Klassismus“ geredet wird.

Und wenn diese Netzfeministinnen finden, dass die anderen die falsche Position haben, dann verbieten sie ihnen eben einfach den Mund, mehr noch: Sie diskreditieren sie. Am liebsten als „Rassistinnen“. Die Femen zum Beispiel. Die haben die falsche Position. Und vielleicht haben sie in den Augen der Netzfeministinnen auch zu viel Aufmerksamkeit erregt.

„Die Blackfacing-Aktion der Femen hat uns endgültig gezeigt, dass wir keine Slutwalks mehr organisieren wollen.“

Zum Beispiel 2012 auf dem so genannten Slutwalk, diese aus Kanada herüber­geschwappte „Schlampen“-Demo gegen sexu­elle Gewalt. Die Proteste waren 2011 in Toronto gestartet. Ausgelöst von dem Polizeibeamten Michael Sanguinetti, der in einem Vortrag vor StudentInnen erklärt hatte: „Frauen sollten vermeiden, sich als Schlampen zu kleiden, um nicht zu Opfern zu werden." Aus Protest gingen am 3. April 2011 über 3.000 Frauen (und einige Männer) auf die Straße, Motto: „My dress doesn’t mean yes!“ Mein Kleid ist keine Einladung. Die Kanadierinnen hatten einen Nerv getroffen. In den folgenden Monaten : Slutwalks weltweit.

Bei dem Slutwalk am 15. September 2012 in Berlin marschierten mehrere Femen mit. Sie hatten sich das Gesicht und den bloßen Oberkörper schwarz angemalt, um so gegen die Verschleierung und Unterdrückung von Frauen in den islamistischen Ländern zu protestieren.

Als Fotos von dem Slutwalk auf Facebook erschienen, darunter die schwarz angemalten Femen, brach ein Sturm der Empörung, ein Shitstorm los. „Blackfacing!“ lautete der Vorwurf. Blackfacing. So nannte man das früher am Theater: Weiße Darsteller malten ihre Gesichter schwarz an und gaben so den – meist lächerlichen – Schwarzen. Diese Praxis ist heute geächtet.

Den Femen allerdings war es gar nicht um schwarze Frauen gegangen, sondern um schwarz verschleierte Frauen. Doch da die ­Organisatorinnen des Slutwalks den Femen-Auftritt "nicht verhindert" hatten, folgte ­umgehend eine Abmahnung auf der Fünf-Jahres-Feier des Bloggerinnen-Kollektivs Mädchenmannschaft.

Doch auch bei diesem Tribunal hätten sich „die Organisator_innen von Slutwalk Berlin wiederholt rassistisch geäußert“ und „weiße Dominanz und Abwehr reproduziert“, rügte die Mädchenmannschaft. Im Januar 2013 schrieb EMMA, das Tribunal erinnere sie an „Schauprozesse in der stalinistischen und maoistischen Ära“.

Das war der letzte Slutwalk in Berlin. Im Sommer 2013 erschien auf der Slutwalk-­Facebook-Seite das reuige Statement: „Die ‚Blackfacing-Aktion‘ der Femen auf dem Slutwalk 2012, von der wir uns leider nicht rechtzeitig distanziert haben; die wir am Anfang sogar noch in Schutz genommen haben, weil wir sie nicht verstanden haben – obwohl wir Blackfacing jetzt erst recht schlimm finden! – und die zu Recht zu vielen Diskussionen und zu einer harschen Kritik auch am Slutwalk Berlin führte, hat uns endgültig gezeigt, dass wir keinen Slutwalk mehr organisieren wollen.“ Damit war der einzige organisierte, feministische Protest beerdigt. Von linken Rechtgläubigen.

Und heute, vier Jahre später? Die derzeit medial präsenteste Netzfeministin heißt Anne Wizorek. Sie war beim Start der Slutwalks dabei, hat 2013 den Hashtag #aufschrei erfunden und gilt als „Gesicht des neuen Feminismus“ (Kölner Stadt-Anzeiger). Mit ihrem Buch „Weil ein #Aufschrei nicht reicht – für einen Feminismus von heute“ tourt die Studienabbrecherin, die auf ihrer Website als Beruf „Digital Media Consultant“ und „Speaker“ angibt, durch linke und liberale Medien und Parteiveranstaltungen: von der SPD, über den Deutschen Gewerkschaftsbund und die Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) bis hin zur Rosa-Luxemburg-Stiftung (Die Linke) und Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne).

„Rechtskonservative und einige Feministinnen nutzen die Geschehnisse von Köln für rassistische Hetze.“ (Anne Wizorek)

Was die 35-jährige Wizorek zu sagen hat? Über die Burka zum Beispiel das: „Ich finde es immer schwierig, wenn westliche Feministinnen ihre Vorstellung von Befreiung auf Frauen übertragen, von deren Lebensrealität sie wenig wissen (...) Kleidungsstücke sind eigentlich nicht der Punkt.“ (Stern, 2014). Und ein Burkaverbot? Das findet Wizorek einfach nur „kontraproduktiv“, denn das nähme den Frauen ja die Möglichkeit, „sich emanzipieren zu können“. Der Burkini, diese Bade-Burka, ist für Wizorek gar ein regelrechtes „Emanzipationswerkzeug“ (N24, 2016).

Ähnlich tönte das #ausnahmslos-Bündnis, das Wizorek u.a. zusammen mit der orthodox-muslimischen Bloggerin Kübra Gümüşay im Januar 2016, ein paar Wochen nach der Kölner Silvesternacht, initiiert hatte. Motto: „Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus.“ Darin heißt es: „Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter die vermeintlich ‚Anderen‘ sind: die muslimischen, arabischen, schwarzen oder nordafrikanischen Männer – kurzum, all jene, die rechte Populist_innen als ‚nicht deutsch‘ verstehen.“

Wie bitte? Ausgerechnet Feministinnen hätten bisher nichts gesagt über die sexuelle Gewalt der weißen oder gar eigenen Männer? Die 1981 in der DDR geborene Wizorek scheint wenig zu wissen von dem Kampf der Feministinnen im Westen gegen männliche Gewalt seit Mitte der 1970er Jahre. Oder weiß sie es besser und hat Gründe, es zu ignorieren?

Das #ausnahmslos-Bündnis apropos Silvester belehrend weiter: Die sexuelle Gewalt dürfe „auch nicht nur dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Opfer (vermeintlich) weiße Cis-Frauen sind“. Für Nicht-Eingeweihte: Cis-Menschen sind alle, bei denen das biologische Geschlecht und die Geschlechterrolle übereinstimmen, also Sex gleich Gender – im Gegensatz zu manchen Homosexuellen oder transsexuellen Menschen.

„Rechtskonservative, und leider auch einige Feministinnen, nutzen die Geschehnisse in Köln für rassistische Hetze“, erklärte Anne Wizorek in der Frankfurter Rundschau. Für alle, die noch nicht verstanden haben: Mit den „einige Feministinnen“ ist Alice Schwarzer gemeint, die laut Wizorek die „rassistische Grundstimmung anheizt“. Und das vor allem, seit sie gewagt hat, öffentlich eine Evidenz zu sahen: Nämlich, dass die Täter der Kölner Silvesternacht überwiegend Marokkaner und Algerier waren.

„Ich muss sagen, dass mich Alice Schwarzer nicht beeinflusst hat“, erzählt die 35-Jährige JournalistInnen neuerdings gerne. Früher tönte das anders. Als der Kölner Stadt-Anzeiger im Januar 2013 auf dem Höhepunkt der #aufschrei-Debatte Wizorek gegen Schwarzer ausspielte, hatte Anne noch an die „liebe Alice“ geschrieben: „Über diesen unsäglichen Artikel habe ich mich bereits bei der Autorin beschwert. Sie hat Aussagen von mir verdreht und war ganz offensichtlich bereits mit einer fertigen Story im Kopf zum Interview gekommen. Bitte lass durch diesen Artikel keinen falschen Eindruck entstehen.“ Und weiter: „Mir liegt hier auch jeglicher Genera­tionsgrabenkampf fern, und ich finde es so unglaublich billig, dass einige ihn nun wieder herbei inszenieren wollen.“

„Der Schock" von Alice Schwarzer ist eine rassistische Hass-Schrift", ist „Hatespeech im Feminismus-Mantel". (Missy)

Ein erstaunlicher Gesinnungswandel. Was mag dahinter stecken?

Ähnlich verlief auch der Gesinnungswandel des Missy Magazine. Beim Start 2008 verstand sich das Blatt noch als Organ „feministischer Popkultur“; inzwischen hat es den Anspruch, auch die „Politik“ abzudecken und gilt als das Verlautbarungsorgan des „jungen Feminismus“.

Im Sommer 2016 bezeichnete Missy Online das von Alice Schwarzer apropos der Kölner Silvesternacht herausgegebene Buch „Der Schock“ als „rassistische Hassschrift“ und „Hatespeech im Feminismus-Mantel“. Gelesen haben kann die Missy-Autorin Mithu Sanyal das Buch nicht. Sonst könnte sie nicht übersehen haben, dass vier der acht AutorInnen in dem Buch MuslimInnen sind, darunter auch solche, deren Leben Islamisten mit Todes-Fatwas bedrohen. Und dass alle vier, ganz wie Herausgeberin Schwarzer, der Überzeugung sind, dass die islamistische Verhetzung der Männer – nicht der Islam! – an diesem Abend eine Rolle gespielt hat.

Doch auch bei Missy hatte das schon mal ganz anders geklungen. „Liebe Frau Schwarzer“, hatte Missy-Gründerin Chris Köver anno 2008 geschrieben apropos der Hetze in den Medien über „Jung-Feministinnen versus Alt-Feministinnen“: „Das ist eine Scheindebatte, bei der es vor allem darum geht, feministisch denkende Frauen gegeneinander auszuspielen. Wir möchten da nicht mitspielen. Die EMMA und die gesamte zweite Welle des Feminismus hat uns stark geprägt. Wir sehen unseren Feminismus und unser Magazin als eine Fortsetzung Ihrer Arbeit, nicht als Gegenentwurf (…) Wir stehen auch in Kontakt mit zwei der Autorinnen des Buches ‚Wir Alphamädchen‘. Wir haben alle das Gefühl, dass es viele Missverständnisse gibt.“

Das Gefühl hatte EMMA auch. Und schon bei den Alphamädchen, die die Medien nach den Girlies und vor den Netzfeministinnen gefeiert hatten, hatten auch wir die ­innerfeministischen Misstöne bedauert. Wir gaben den Missys also verlegerische Tipps und luden Chris Köver und Kolleginnen ein.

Irgendwann kamen die Missy-Macherinnen nach Köln. Das an diesem Tag geführte Gespräch schaffte es im März 2011 auf den EMMA-Titel, Schlagzeile: „Kein Bock auf Spaltung!“ Auf dem Cover: Chris Köver, Stefanie Lohaus und Katrin Rönicke (die damals noch für die Mädchenmannschaft bloggte). Schulter an Schulter mit den EMMAs.

Wir EMMAs fanden das gut. Die Missys aber bekamen noch vor Erscheinen der EMMA-Ausgabe kalte Füße. Was war der Grund? Über die Facebook-Seite des Magazins ergossen sich Hasstiraden. Tenor: „Wie könnt ihr euch mit diesen Rassistinnen verbünden?“

Mit „Rassistinnen“ waren wir EMMAs gemeint. Grund: Unsere seit 1979 veröffentlichte Kritik am Islamismus, dem politisierten Islam. Doch die BefürworterInnen des Islamismus sind seit Jahrzehnten sehr präsent an den deutschen Universitäten und in der Internet-Szene, vor allem die KonvertitInnen. Jede Kritik am Islamismus wird von ihnen mit dem Rassismus-Hammer erschlagen. Das scheint Wirkung zu zeigen.

Neulich hat Stefanie Lohaus von Missy, ebenfalls im #ausnahmslos-Bündnis, mal wieder jemand die „Alice-Schwarzer-Frage“ gestellt. Die bekommen „Feministinnen alle sehr häufig gestellt“, klagt die Interviewte in einem Video auf YouTube. Um sodann in aller Ausführlichkeit zu erklären, warum Schwarzer für sie „kein Vorbild“ sei: „Da ist zum einen ihre Haltung zum Kopftuch, auch ihre Haltung zur Sexarbeit, das sehe ich ganz anders als sie. Auch ihre Position zu Hausfrauen ... Sie verfolgt eben einen sehr universalistischen Feminismus, wo sie ansagt, wie Frauen sich verhalten sollen. Und mein Ansatz ist eher, Frauen zu ermächtigen, eigene Entscheidungen zu treffen, freiwillig.“

Ermächtigen. Freiwillig. Auch so Zauberformeln. Mit diesen Positionen weist Lohaus sich als Vertreterin des so genannten „liberalen Feminismus“ aus. Der besteht im Kern darin, dass alles, was eine Frau „freiwillig“ tut, gut ist. Die Analyse der Kausalität zwischen ­äußeren und inneren Zwängen, die zu Beginn der Frauenbewegung selbstverständlich war, scheint für diese Feministinnen verloren gegangen zu sein (siehe auch Meghan Murphy).

„Ich bin sicher: Einige dieser Musliminnen können Kaffee durch den Schleier trinken." (Stevie Schmiedel von Pinkstinks über die Burka)

Und dann ist da auch noch Stevie Schmiedel von Pinkstinks. Schmiedel hatte im Jahr 2012 die Initiative gegen sexistische Werbung aus Großbritannien nach Deutschland geholt. Inzwischen ist Schmiedel nicht nur Pro-Prostitution, O-Ton: „Es muss möglich sein, selbst zu entscheiden, ob man lieber als Escort oder als Putzhilfe sein Studium finanziert.“ Sie ist auch pro Vollverschleierung, O-Ton: „Ich bin sicher: Einige dieser Muslim*innen können Kaffee durch den Schleier trinken. Sie können sogar selbst entscheiden, handeln und bestimmen, wie Feminismus für sie aussieht und aussehen wird.“

Im Jahr 2015 wurde Pinkstinks mit 64.000 Euro vom Frauenministerium gefördert. Anne Wizorek wurde in die „Sachverständigenkommission für den 2. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung“ berufen.

Wer in der politisch korrekten, häufig mit Posten und Subventionen bedachten Berliner Feminismus-Szene agieren darf und wer nicht, darüber herrscht in der Hauptstadt allerdings ein strenges Regiment. Zum Beispiel im Fall Gina-Lisa Lohfink, der im Sommer 2016 einen kleinen feministischen Frühling ausgelöst hatte. Alle, wirklich alle waren im #TeamGinaLisa. Sogar die Frauenministerin. Manche aber waren nicht erwünscht.

So sollte die „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“, die Prozessbeobachtung bei Vergewaltigungsfällen betreibt, nach Meinung dieser Wortführerinnen nicht mit von der Partie sein. Und das, obwohl diese Initiative die Solidaritäts-Aktion für Gina-Lisa überhaupt erst initiiert hatte. Die #ausnahmslos-Frauen waren erst später auf den bereits fahrenden Zug aufgesprungen.

Fünf Tage vor der Demo meldete sich ­Wizoreks #ausnahmslos-Bündnis“ zu Wort: „Wir werden uns bei der Solikundgebung am 27. Juni vor dem Amtsgericht in Berlin be­teiligen, machen jedoch darauf aufmerksam, dass wir die Sexarbeiter_innen- und trans*feindlichen Positionen der Organisator_innen der ‚Intiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt‘ ebenso wie etwaiger weiterer Solidaritätsbekunder_innen ablehnen."

Dieser Vorwurf war in den Tagen zuvor quasi wortwörtlich bei den Pro-Prostitu­tions-Lobbyistinnen von Hydra erschienen. Was wiederum Anne Wizorek auf Twitter wohlwollend zur Kenntnis nahm: „Wichtiges Statement von @hydra_berlin, die auch ihre Solidarität mit Gina-Lisa Lohfink aussprechen.“ Von da wanderte die gerechte Sicht auf die #ausnahmslos-Webseite. So läuft das.

Hydra ist quasi die Erfinderin der „Prostitution als Beruf wie jeder andere“. Seit nunmehr drei Jahrzehnten klüngeln die Hydra-Frauen mit der Berliner Politik, vornehmlich SPD und Grüne, für eine noch weitergehende Deregulierung der Prostitution in Deutschland – zur Freude von Menschenhändlern und Zuhältern und auf Kosten von hunderttausenden Armuts-Prostituierten. Hydra muss das nicht scheren. Sowohl der Berliner Senat als auch der Bund subventionieren die Pro-Prostitutions-Organisation seit Jahrzehnten mit Millionenbeträgen.

„Die innerfeministischen Angriffe hatten existenzgefährdende Auswirkungen für uns." (Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt)

Die „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“ dagegen setzt sich für die Freier-Bestrafung ein. Damit stehen sie für Anne, Stefanie, Kübra & Freundinnen auf der Abschuss-Liste. Die Folge: „Engagierte Personen aus der Orga-Gruppe zogen sich aus der Demo-Organisation heraus. Ihnen folgten Rednerinnen, die sie eingeladen hatten“, klagt die Initiative. „Hauptgrund für den Rückzug war, dass sie bei anderen feministischen Events bereits innerfeministische Angriffe und Shitstorms erfahren hatten und diese teils existenzgefährdende Auswirkungen auf sie gehabt hatten“.

Und was hatten die Organisatorinnen der Gina-Lisa-Demo noch verbrochen, dass sie nicht nur als „sexarbeiter_innenfeindlich“, sondern auch als „trans*feindlich“ und als „Rassistinnen“ bezeichnet wurden? Sie hatten in ihren Texten das Venuszeichen verwendet, das seit Ende der 1960er Jahre international für die Frauenbewegung steht (und auch das Symbol von EMMA ist). Damit schließen sie angeblich „alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt aus, die sich nicht als Frauen definieren“ (so die Netzfeministin Cat vom „Kampagnenbündnis #NeinheißtNein“).

Und: Sie hatten den EMMA-Appell unterzeichnet, in dem der international für Prostitution gebräuchliche Begriff „white slavery“ auftaucht. „An rassistischer Ignoranz“ sei das „kaum zu übertreffen“, beschied Mädchenmannschafts-Bloggerin Magda Albrecht.

Im September 2016 schließlich fand im SchwuZ, ein lesbisch-schwuler Szenetreff in Berlin, eine Diskussion über „die Sichtbarkeit von lesbischen Frauen“ statt. „Es meldeten sich viele Frauen zu Wort. Doch die beschwerten sich vor allem darüber, dass keine Transsexuelle auf der Bühne saß“, erzählt Gudrun von der Feministischen Partei. Und keine Schwarze. Und keine Nicht-Akademikerin. Und keine Bisexuelle.

Bereits im Vorfeld hatte die sich als „queerfeministisch“ verstehende Rapperin Sookee ihre Teilnahme abgesagt, verschreckt durch einen Shitstorm im Netz. Sookee, Mitglied im #ausnahmslos-Bündnis, stehe „Transweiblichkeiten aktiv feindselig und abwertend“ gegenüber, hatte es da geheißen. Der Beweis: ihr Song „If I had a dick“.

Die Kritik las sich auf Facebook so: In dem Lied mache sich Sookee „Gedanken darüber, wie es wäre, wenn sie einen ‚Schwanz‘ hätte. Ihr imaginierter Penis wäre ein ‚guter, ein entspannter, kein aggressiver Schwanz‘.“ Aber Achtung: „Penisse (oder das, was allgemein darunter verstanden wird) mit dem Wort ‚aggressiv‘ zu beschreiben, ist transmisogyn, weil es unterstellt, dass Transfrauen und andere transweibliche Personen aufgrund ihrer (vermeintlichen) Genitalien aggressiv seien, was in einem feministischen Kontext unterschwellig bedeutet, dass sie männlich seien.“

Eingeschüchtert bekennt die Rapperin Sookee sich schuldig: „Dass ich als cisgeschlechtliche Person in den letzten 32 Jahren einen cisnormativen Habitus erworben habe, will ich mit keiner Silbe bestreiten. Ich bin seit geraumer Zeit daran, dies aktiv zu reflektieren und zu verlernen.“

Wieviele junge Frauen an der Uni und in der Szene werden eigentlich von dem Dogmatismus dieser Netzfeministinnen abgeschreckt?

Sie können nicht folgen? Nicht schlimm, wir auch nicht. Was allerdings keine Generationenfrage ist. Denn es handelt sich hier um einen selbstreferentiellen Diskurs eines sektenartigen Milieus. Und es gibt zum Glück viele junge Feministinnen, die ganz anders drauf sind. Allerdings müssen wir uns fragen, wie viele engagierte junge Frauen an den Universitäten und in der Szene abgeschreckt sind und verstummen von der Rigidität und dem Terror dieser Politisch Korrekten?! Und so für die Sache der Frauen verloren sind.

Denn die Rechtgläubigen drücken ihre Dogmen inzwischen so rigoros durch – per Shitstorm, Tribunal oder Ausschluss –, dass Aktivistinnen zugeben, dass sie Angst vor ihnen haben, wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Dass sie gar nicht mehr wissen, was sie sagen dürfen und was nicht. Und deshalb in vorauseilendem Gehorsam lieber schweigen. Die von den Medien gehätschelten Netzfeministinnen sind dabei nur die öffentlichen Gesichter dieses rigiden Klimas. Hinter ihnen steht eine schwer fassbare Armee anonymer Gesinnungspolizist_*innen, die Frauen im Netz oder in der „real world“ mit Hohn überschütten.

Die einzige wahre Wahrheit wird vorgegeben. Diskussionen sind nicht erlaubt. Unabgesichertes Denken schon gar nicht. Jede noch so geringe Abweichung wird im Keim erstickt. Was bedeutet: Stagnation und Sterilität.

Das alles ist nicht neu. In den 1970er Jahren hieß diese Art von Stellvertreter-Politik „Klassenwiderspruch geht vor Geschlechterwiderspruch“ und lautete die ultimative Disqualifizierung „bürgerliche Feministin“ oder „Reformistin“. In den 1990er Jahren hießen dann die von Medien gegen die „Altfeministinnen“ in Stellung gebrachten „jungen Feministinnen“ zunächst Girlies (damit waren diverse Künstlerinnen gemeint, die sich entschieden gegen das Etikett wehrten). Dann kamen die Alphamädchen (ein Autorinnen-Team). In den Nullerjahren folgte die Mädchenmannschaft (ein Bloggerinnen-Kollektiv). Jetzt also die Netzfeministinnen.

Früher hieß es bei den linken Frauen: Klassenwiderspruch first! Jetzt heißen sie Netzfeministinnen und deklarieren: Rassismus first!

Das Phänomen ist nicht so kurzlebig, wie es auf den ersten Blick scheint. Es taucht nur immer wieder unter neuen Labeln auf. Erkennungszeichen: Gegen die Falschmeinenden und die „Altfeministinnen“. Und pro Pornografie, pro Prostitution, pro Kopftuch, ja pro Burka. Statt wie die Alt-Feministinnen „klassenkämpferisch“, sind die Jung-Feministinnen jetzt „intersektional“. Was damit gemeint ist? Dass sie sich angeblich nicht „nur“ für die Probleme von Frauen interessieren, sondern für die aller Geschlechter und Identitäten, aller Rassen und Klassen.

Geschenkt. Für die aus dem linken Aufbruch der 68er kommende Neue Frauenbewegung war und ist der konkrete Kampf gegen Sexismus, Rassismus und Antisemitismus eine Selbstverständlichkeit. Und ebenso das Eintreten für soziale Gerechtigkeit und gegen Machtmissbrauch.

In den (post)akademischen Kreisen der Hetzfeministinnen ist das aber leider nicht so. Zumindest nicht in der Praxis. Da üben sie mit Macht Bevormundung aus: für ihren - in der Regel eins zu eins aus Amerika übernommenen - Right-Feminism. Sie tun das zwar nur in ihrer kleinen Welt, die mit der realen Welt wenig zu tun hat, aber an den Universitäten und in der Szene spielen ihre Denkverbote eine bedrückende Rolle. Die Political Correctness hat auch im Feminismus längst groteske, reaktionäre Züge angenommen. Zeit, darüber zu reden.

Artikel teilen

Mozn Hassan: Universelle Probleme

Artikel teilen

Keine Frage: Doria Shafik, die große ägyptische Frauenrechtlerin, die 1948 die erste Frauenrechtsorganisation Ägyptens gründete, wäre stolz auf ihre Nachfolgerin Mozn Hassan. Die wurde für ihren Kampf für Frauenrechte gerade mit dem "Right Livelihood Award", dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Die Preisträgerin konnte den Preis allerdings nicht persönlich entgegennehmen. Denn sie steht zurzeit in Kairo vor Gericht und die Behörden verweigern ihr die Ausreise. Der Vorwurf: Ihre Organisation "Nazra for Feminist Studies" werde illegal vom Ausland finanziert.

"Wir sind eben keine nette, akzeptable Frauenorganisation, die Entwicklungsarbeit betreibt", sagt Mozn Hassan. "Wir sind eine feministische Bewegung!" Seit 2007 kämpft die 37-Jährige mit "Nazra" für Frauenrechte: Während des "Arabischen Frühlings" und der sexuellen Gewalt nicht nur auf dem Tahir-Platz in Kairo, organisierten Mozn und ihre Mitstreiterinnen medizinischen, psychologischen und juristischen Beistand für die Opfer. "Nazra" sorgte dafür, dass die sexuelle Belästigung ein Straftatbestand wurde.

"Der Right Livelihood Award würdigt nicht nur die Arbeit von Nazra, sondern ein ganzes Jahrhundert an feministischem Aktivismus in Ägypten. Aktivismus, der uns inspiriert hat, und den wir mit unserer ganzen Kraft fortsetzen werden", sagt Mozn Hassan, die sich am Abend der Preisverleihung per Videobotschaft meldete. Vielleicht sorgt die internationale Anerkennung ja dafür, dass Mozn Hassan nicht im Gefängnis landet, sondern sich weiter für Frauenrechte einsetzen kann.

So wie in diesem Artikel über die Silvesterübergriffe in Köln. Darin zieht die Ägypterin die Parallele zwischen Tahrir-Platz und Hauptbahnhof. Und sie bezichtigt so manche westliche Feministin der "Komplizenschaft mit dem Patriarchat". Hier ihr (gekürzter) Text:

Von Ägypten nach Deutschland
Eine feministische Perspektive auf die Attacken in Köln

Wir sind überzeugt, dass feministische Solidarität ein universelles, grenzüberschreitendes Konzept ist. Deshalb glauben wir, dass es unsere Verantwortung ist, sexuelle Gewalt anzuprangern, wo immer sie auftritt, und solidarisch mit den Opfern zu sein, wer und wo immer sie sind.

Das Dilemma westlicher Feministinnen im Hinblick auf die Silvesternacht in Köln (und in acht weiteren deutschen Städten) erinnert uns an unsere eigenen Erfahrungen mit den massenhaften sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen rund um den Tahrir-Platz. Als der „arabische Frühling“ begann, haben auch wir bei den demokratischen Kräften heftige Widerstände beobachtet, zuzugeben, dass es diese sexuellen Attacken auf Frauen gab - bei Demonstrationen und generell im öffentlichen Raum. Dabei hatten diese Attacken schreckliche Formen angenommen, von Massen-Überfällen bis hin zu Vergewaltigungen mit scharfen Gegenständen.

Für die Weigerung, das Problem zu benennen, gab es mehrere Gründe: Erstens gilt sexuelle Gewalt nicht als politisches Problem. Also werden Frauenrechte beiseite gefegt, zugunsten von Problemen, die man größer und wichtiger findet, zum Beispiel „die Revolution“ oder die Rechte von Migranten. Und so wie viele die Augen vor den Übergriffen auf dem Tahrir-Platz verschlossen haben, aus Angst, den Ruf der Revolution zu untergraben, so befürchteten viele, dem Ruf von Flüchtlingen und Migranten zu schaden, wenn sie die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof verurteilten.

Die Kölner Silvesternacht erinnert uns an unsere eigenen Erfahrungen

Haben diese Übergriffe etwas mit der arabischen oder muslimischen Herkunft der Täter zu tun? Wie können wir diese Attacken verurteilen und ihre – unter anderem kulturellen – Wurzeln benennen, ohne in die Falle zu tappen, zu verallgemeinern oder gar rassistisch zu werden? Oder zum Erstarken rassistischer Bewegungen beizutragen.

Als ägyptische Feministinnen, die in den letzten fünf Jahren mit vielen Aktionen gegen sexuelle Gewalt gekämpft haben, schauen wir auf die Verbrechen von Köln mit Blick auf unsere Gesellschaft und unsere Realität, in der wir fast täglich Opfer sexueller Gewalt werden. Wir schauen auf Köln mit einer feministischen Perspektive, die einhergeht mit unserem festen Glauben an die Rechte von Flüchtlingen und unserem Kampf gegen Rassismus. Aber diese Perspektive bedeutet nicht, dass wir Frauenrechte gegen diese Prinzipien aufrechnen.

Die Frage, um die es hier geht, ist zuerst und vor allem eine Geschlechterfrage. Diese Übergriffe nicht zuallererst als einen Fall von sexueller Gewalt auf Frauenkörper zu sehen, ist Komplizenschaft mit patriarchaler Gewalt. Natürlich brauchen Flüchtlinge und Migranten Schutz vor Rassismus und Diskriminierung. Aber Frauen haben auch das Recht, vor Männergewalt geschützt zu werden. Deshalb sollte nichts, auch keine politische Rücksichtnahme, eine höhere Priorität haben als das Recht der angegriffenen Frauen. Die Tatsache, dass sie von Mitgliedern einer ebenfalls unterprivilegierten Gruppe angegriffen wurden, macht das Verbrechen nicht weniger abscheulich.

Eine Debatte, die die Angriffe rechtfertigt oder verschleiert, indem sie die Täter selbst als „Opfer“ oder „Unterprivilegierte“ betrachtet, ist - auch wenn sie auf den ersten Blick das Gegenteil zu sein scheint - in Wahrheit erniedrigend für Migranten. Wenn man Rassismus entgegentreten will, indem man die schwierige Lage arabischer Flüchtlinge und Migranten romantisiert, läuft das auf maskierten Rassismus hinaus. Denn man tut so, als könne man an diese Männer niedrigere ethische Standards anlegen als an andere. Wir denken hingegen, dass Flüchtlinge und Migranten für ihre Handlungen verantwortlich sind.

Das Patriarchat ist ein weltweites Phänomen, kein exklusiv arabisches

Es geht hier weder darum zu behaupten, dass alle Araber und Muslime gewalttätig gegen Frauen sind, noch darum, der Behauptung vom „Clash der Kulturen“ zu folgen, wonach die östliche Kultur von Natur aus rückwärtsgewandt ist und die westliche von Natur aus fortschrittlich. Das Patriarchat ist ein weltweites Phänomen, kein exklusiv arabisches oder muslimisches. Die Diskriminierung von Frauen wird nicht ausschließlich von Männern aus dem Mittleren Osten begangen.

Trotzdem ist es unmöglich zu ignorieren, dass die Mehrheit der Täter in Köln entweder arabische Flüchtlinge waren oder deutsche Bürger arabischer und muslimischer Herkunft. Und es gibt keinen Zweifel, dass viele politische Rechte von Frauen und ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung in unseren Gesellschaften nicht garantiert werden - und dass die meisten Frauen in westlichen Gesellschaften solche Rechte und Freiheiten genießen. Zum Beispiel das Recht, sich frei zu bewegen; das Recht, sich zu kleiden, wie man möchte; oder das Recht auf freie Partnerwahl. Rechte, um die wir noch kämpfen.

Es kann ebenfalls nicht bestritten werden, dass sexuelle Gewalt ein grassierendes Phänomen ist, das wir in vielen arabischen Ländern und Ländern des Mittleren Ostens täglich erleben. Eine große Rolle dabei spielt die „private“ Gewalt. Dabei geht es nicht nur um krasse Formen wie Häusliche Gewalt oder Genitalverstümmelung, sondern auch um die eingeschränkte Bewegungsfreiheit von Frauen und die Kontrolle von Männern über Frauen und ihre Sexualität. Diese Überwachung befördert die Vorstellung, dass Frauen nicht im Vollbesitz ihrer selbst sind, sondern Männern „gehören“ – dem Vater, dem Bruder, dem Ehemann. Sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum ist eine Fortsetzung dieser patriarchalen Vorstellung, in der das Auftreten von Frauen in der Öffentlichkeit nicht gern gesehen wird und die es Männern leichtmacht, solche Frauen als Freiwild zu betrachten. Gleichzeitig fordert der Staat keinen Respekt gegenüber Frauen ein und toleriert Gewalt gegen Frauen, indem er sich entweder weigert, entsprechende Gesetze zu erlassen oder bestehende Gesetze anzuwenden.

Natürlich gibt es Ausnahmen und die Situation der Frauen ist von Land zu Land unterschiedlich. Und manchmal gibt es auch Fortschritte zu verzeichnen, die Frauen erkämpft haben. Dennoch müssen wir der Tatsache ins Auge blicken, dass der vorherrschende Trend in unseren Gesellschaften der ist, die Freiheit der Frauen immer weiter zu beschneiden.

Der Trend geht dahin, die Freiheit der Frauen immer weiter zu beschneiden

Jahrzehntelang war der Postkolonialismus ein wichtiger Bestandteil der feministischen Bewegung, die den Klischees vom Mittleren Osten als „rückständig“, „reaktionär“ und „barbarisch“ etwas entgegensetzen wollten. Die Grundidee dabei war der Multikulturalismus: Die europäische Lebensart und Werte sollten den anderen Gesellschaften nicht als „besser“ aufgezwungen werden, Fortschritt sollte nicht zwingend an das europäische Vorbild gebunden sein. Die Kultur anderer Länder sollte als „anders“ betrachtet werden, nicht als rückständig.

Obwohl diese „postkolonialistische“ Position irgendwann einmal ihre Relevanz hatte, als es darum ging, kolonialistischen Vorurteilen zu bekämpgen, ist sie jetzt für uns hochproblematisch. Denn für die Art der Unterdrückung, mit der wir es heute zu tun haben und gegen die wir kämpfen, ist sie kontraproduktiv.

Sicher, kulturelle Vielfalt und verschiedene Lebensformen sollten respektiert werden. Aber es gibt universelle Werte, die die Grundlage für Rechte und Freiheit sind. Und zu diesen Werten gehört ganz sicher nicht, Frauen ihr Recht auf Bewegungsfreiheit zu beschneiden; ihr Recht einzuschränken, anzuziehen, was sie wollen oder über ihre Sexualität zu bestimmen.

Ein großes Problem ist, dass diese Art Postkolonialismus, den manche westliche Feministinnen heute vertreten, arabischen Feministinnen einen Maulkorb verpasst, indem man sie als Sprachrohr des Kolonialismus betrachtet, wenn sie sich gegen die patriarchale Gewalt in ihren Ländern wenden und wenn sie die universellen Werte verteidigen, die manche als „westlich“ bezeichnen. Es scheint, dass wir die patriarchalen Gepflogenheiten im Mittleren Osten verurteilen dürfen, zuerst bedenken sollen, was Europäer über unsere Proteste denken könnten – und das dann für wichtiger befinden sollen als die Rechte und die Sicherheit von Frauen. So bestimmen die Postkolonialistinnen, worüber arabische Feministinnen sprechen dürfen - und worüber nicht.

So manche westliche Feministin hat sich zur Komplizin der Täter gemacht

Konsequenterweise ist die erste Reaktion dieser Feministinnen, wenn europäische Frauen von arabischen Männern attackiert werden, ihre Komplizenschaft mit den Tätern. Komplizenschaft heißt in diesem Fall nicht, dass sie die Übergriffe nicht verurteilen, sondern dass sie darauf bestehen, dass sie absolut nichts mit dem kulturellen Hintergrund der Täter zu tun hätten. Als ob wir Frauen im Mittleren Osten nicht jeden Tag unter dieser Art Gewalt leiden würden. Und als ob es keine sexuelle und andere Gewalt gegen Frauen in den Flüchtlingsunterkünften gäbe.

Dass das Problem von Rassisten instrumentalisiert wird, ist auch deshalb möglich, weil es ihnen zu lange überlassen wurde. Die „Befreiung“ unserer Gesellschaften ist nicht nur eine Befreiung von Diktatoren und Imperialismus, sondern auch von extremistischen und fundamentalistischen „Werten“. Europäische Feministinnen sollten uns in unserem Kampf unterstützen, anstatt ihn als „imperialistisch“ abzutun.

Mozn Hassan

Weiterlesen

Neuen Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.