Offener Brief an CDU/CSU-Fraktions-Chef Volker Kauder

Sozialarbeiterin Sabine Constabel (mi). - © Bettina Flitner
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Sehr geehrter Herr Kauder,

ich bitte Sie herzlich, sich als Fraktionsvorsitzender für die Anhebung des Mindestalters von 21 Jahren einzusetzen.

Ich arbeite seit 23 Jahren in der Beratung und Betreuung von Prostituierten. Jeden Tag habe ich es mit jungen Frauen zu tun, die fürchterlich unter der Prostitution leiden, die verzweifelt sind, die aussteigen möchten und es einfach nicht schaffen. Weil der Bruder dabei ist und aufpasst, oder sie Kinder Zuhause haben, die sie ernähren müssen, oder der Zuhälter sie keinen Moment aus den Augen lässt.

Die Frauen müssen ge- schützt werden

Wären Sie wie ich Tag für Tag in den Bordellen, Terminwohnungen, auf der Straße und in den Clubs unterwegs, wären Sie sich sicher, dass Prostitution ein großes Unrecht ist und die Frauen geschützt werden müssen.

In der Regulierung dürfen nicht die wirtschaftlichen Interessen einer Handvoll Dominas und BordellbesitzerInnen im Vordergrund stehen, sondern muss es um die zigtausende Armuts- und Zwangsprostituierten gehen, die auf unserem Prostitutionsmarkt jeden Tag psychisch und physisch zerstört werden.

Wie Sie wissen, sind mindestens achtzig Prozent der Frauen in der Prostitution Ausländerinnen. Der Anteil der unter 21-Jährigen steigt in den letzten Jahren konstant und hat sich im Prostitutionsmarkt als Wettbewerbsvorteil heraus gestellt. Trotzdem sprechen sich die Betreiber der legalen Bordelle für die Anhebung der Altersgrenze auf 21 Jahre aus, unter der Bedingung, dass diese dann überall gilt und nicht zum Wettbewerbsnachteil Einzelner führt. Denn auch auf Bordellbetreiber machen viele der unter 21-jährigen Osteuropäerinnen keinen erwachsenen Eindruck.

Für die Anhebung des Einstiegsalters sind auch die wenigen deutschen Frauen, die in der Prostitution verblieben sind. Sie sehen sich durch die Konkurrenz der ganz jungen Frauen, die keinerlei Erfahrung haben und alles mit sich machen lassen, aus dem Geschäft gedrängt.

Ganz anders sieht das natürlich bei den BetreiberInnen kleinerer Prostitutionsstätten aus, die in Kooperation mit den Zubringern der jungen und besonders hilflosen Mädchen, durchaus einen Marktvorteil gegenüber den Großbordellen haben.

Diese sehr jungen Frauen in der Prostitution sind zumeist Opfer von Loverboys, denn mittlerweile ist diese Art der Anwerbung nicht nur für die deutschen jungen Frauen, sondern auch in Osteuropa üblich geworden. In der Praxis zeigt sich, dass nahezu immer bei den unter 21-Jährigen eine starke emotionale Abhängigkeit zu einem Mann besteht, der sie in die Prostitution gebracht hat und an den sie ihren Verdienst abgeben müssen.

Die Kenntnisse über Sexualität sind bei den jungen Osteuropäerinnen frappierend gering. Sie stammen aus Gesellschaften, in denen Sexualität weitgehend tabuisiert ist und würden weder im Elternhaus, noch in der Schule sexuell aufgeklärt. Die jungen Osteuropäerinnen kennen, wenn sie in den Prostitutionsmarkt gebracht werden, zumeist nur den Sex mit ihrem Freund. Und von der Prostitution nehmen sie an, dass Frauen da eben Männern gegen Geld für Sex zur Verfügung zu stehen haben. Mehr nicht.

Die jungen Frauen waren in keinster Weise auf die extremen sexuellen Wünsche ihrer Kunden vorbereitet. Da sie meist kein Deutsch sprechen, verstehen sie nicht, welche Praktik der Freier fordert. Sie selbst können sich auch nicht mitteilen und müssen deshalb im sexuellen Vollzug erfahren, was mittlerweile in der Prostitution üblich geworden ist: den Freier ohne Kondom oral befriedigen, in jede Körperöffnung penetriert werden, gewürgt werden, als Toilette dienen und ähnliches. Diese jungen Frauen berichten von ständiger Todesangst während der Arbeit.

Sind die Frauen länger in der Prostitution, berichten sie darüber, dass sie sich an den konkreten Kontakt mit dem Freier immer häufiger nicht mehr erinnern können. Sie wissen nicht mehr, wie sie zu den blauen Flecken gekommen sind, ob der Freier das Kondom anbehalten hat, was sie genau getan haben und wozu der Freier sie benutzt hat. Die Frauen dissoziieren.

Die Verschärfung der Freierwünsche, hin zu extremen Praktiken, hat in den letzten Jahren stark zugenommen und ist mit eine der Ursachen, warum nur noch so wenige deutsche Frauen in der Prostitution zu finden sind. Professionell arbeitende Frauen lassen derartige Praktiken nicht zum Normalpreis von 30 bis 50 Euro über sich ergehen. Sie achten auch auf ihre Gesundheit und geben schon deshalb derartigen Freierwünschen nicht nach.

Auch die Loverboy-Masche ist bei 17- bis 20-Jährigen, also in dem Alter, in dem die Mädchen von den Loverboys kontaktiert werden, wesentlich erfolgversprechender als bei einer älteren Frau. Die Jungen sind ganz ausgeliefert Argumenten wie: „Es ist legal“ – „Es ist doch nichts dabei, wenn du das ein paar Wochen lang machst, um mir zu helfen“ – „Das ist ein ganz normaler Job“. Die Bereitschaft, Grenzen zu setzen und sich zu wehren, steigt mit dem Alter und der Erfahrung. Drei Jahre machen da viel aus.

Die Befürchtung, dass eine Erhöhung des Schutzalters zu einem Abgleiten der Frauen in die Illegalität, ins schwer zu kontrollierende Dunkelfeld führt, ist in der Praxis nicht nachzuvollziehen. Denn im Dunkelfeld, also ohne Werbung, kann kein Prostitutionsbetrieb wirtschaftlich geführt werden.

Erst letzte Woche traf ich wieder auf eine junge Frau, die im Sommer erst 18 Jahre alt wurde und ihren ersten Sexualkontakt hier in der Prostitution hatte. Diese junge Frau war, wie alle, nicht aufgeklärt, hatte keine Ahnung, wie sie sich vor Geschlechtskrankheiten schützen kann und wie sie eine Schwangerschaft verhüten kann. Sie wusste auch nicht, dass es in Deutschland nicht legal ist, eine Frau zur Prostitution zu zwingen. Sie leidet fürchterlich unter dieser Tätigkeit, ist aber emotional nicht in der Lage, sich gegen ihre „neue Familie“, die sie aus dem Kinderheim geholt hat, zu positionieren.

Die jungen Frauen berichten von ständiger Todesangst

Jetzt, wenige Wochen nach ihrer Einreise, hat sie bereits eine Geschlechtskrankheit und ist schwanger. Ihre „Familie“, vertreten hier durch einen „Bruder“, bringt sie am kommenden Wochenende nach Ungarn zurück, damit sie dort abtreibt. Danach wird sie weiter in der deutschen Prostitutionsindustrie vermarktet werden.

Diese junge Frau hatte keine Chance, erwachsen zu werden, sie hatte keine Zeit zu reifen und die Stärke zu entwickeln, die notwendig ist, um nicht so ausgeblutet zu werden. Wäre sie drei Jahre älter gewesen, hätte sie Zeit gehabt, ein eigenes selbstständiges Leben zu beginnen. Sie wäre heute mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Prostituierte.

Sehr geehrter Herr Kauder, ich bitte Sie herzlich, setzen Sie sich als Fraktionsvorsitzender dafür ein, dass junge Frauen durch die Anhebung des Mindestalters für Prostituierte auf 21 Jahre geschützt werden können.

Mit freundlichen Grüßen

Sabine Constabel

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"An Zynismus nicht zu überbieten"

Sabine Constabel mit zwei der von ihr betreuten Frauen. - © B. Flitner
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Betr: Ihr Artikel  "Opfer oder Femme fatale?"

Der Beitrag von Frau Lohaus ist an Zynismus nur noch schwer zu überbieten. Die Tausende von Armutsprostituierten, mit denen hierzulande die Bordelle bestückt werden, auch nur in die Nähe der "Femme Fatal", eines verführerischen Frauentypus, zu bringen, kann ich nur als Ausdruck eines fatalen Nichtverstehens der Thematik werten. Seit über zwei Jahrzehnten arbeite ich als Sozialarbeiterin mit Prostituierten und bin mit deren Lebenswirklichkeit tagtäglich konfrontiert. Die Frauen opfern sich für ihre Familien, meist für ihre Kindern, weil ihnen die Prostitution als einziger Weg aufgezeigt wurde. Nichts daran ist selbstbestimmt und Folge einer realen Wahlmöglichkeit. Sie ergeben sich in ihr Schicksal, nur und ausschließlich, weil man ihnen keine Wahl gelassen hat und lässt. Und das übrigens nicht erst seit 2002. Prostitution war noch nie der Ausdruck und die Folge eines selbstbestimmten Lebens, immer schon fanden sich in der Prostitution zuhauf Frauen mit sexuellen Gewalterfahrungen.

Und was für eine Arroganz von Frau Lohaus, den Armutsprostituierten ihre ausweglose Situation noch als Gewinn verkaufen zu wollen. Das ist infam, menschenverachtend und in der Tat durch und durch rassistisch. So einige der Armutsprostituierten würden sehr viel lieber ihre Organe verkaufen, anstatt sich hier Männern als Objekte zur sexuellen Benutzung anbieten zu müssen. Doch spätestens an dieser Stelle ist uns plötzlich klar, dass hier die sogenannte "Selbstbestimmung" ihre Grenzen finden muss. Nein, das dürfen sie nicht, wir schlachten nicht die Ärmsten aus, selbst dann nicht, wenn sie "freiwillig" und "selbstbestimmt" auf den OP-Tisch hüpfen würden. Aber zur sexuellen Benutzung sind sie zu gebrauchen? Das ist legal. Dass Freier tausende von jungen Frauen und Mädchen dabei psychisch vernichten, scheint für viele irrelevant zu sein und wird nicht zur Kenntnis genommen.

Die Profiteuere des ProstG von 2002 sind nicht die Prostituierten, dieses Wissen sollte man mittlerweile auch bei Frau Lohaus voraussetzen können. Die Profiteure sind die Bordellbesitzer und Bordellbesitzerinnen, samt den Käufern der Frauen, die sich niemals zuvor die Armut und Verzweiflung der Prostituierten derart ungebremst zu Nutze machen konnten.

Darüber hinaus bleibt festzustellen, dass die Frauen in der Prostitution keine Angst vor der so genannten "Illegalität" haben. Sie wissen durchaus, dass ein Verbot der Prostitution ihren Fluchtweg aus der Ausbeutung kennzeichnen kann.

Bis wir die Stufe der Zivilisation erreicht haben, die es für uns undenkbar macht, dass ein Mensch den anderen zur sexuellen Benutzung kauft, ist die längst überfällige Reglementierung des Prostitutionsmarkts zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Den Appell von Frau Schwarzer zu unterstützen, war für mich dshalb ein Akt der Selbstverständlichkeit.

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