2018: Alles beim Alten!

Die Art linker Inszenierungen von "Männlichkeit", die Sarah ankotzen. - Foto: Lars Berg/Imago
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Manchmal fragen mich Männer, die ich von früher kenne, warum ich Feministin bin. „Ist doch klar, dass der Kapitalismus an der Unterdrückung der Frau schuld ist“, sagen dann die, mit denen ich früher in verrauchten Keller zusammen saß und über die Weltrevolution diskutierte, mir auf Demos die Stimme heiser brüllte, die Fingerspitzen blau von der Farbe auf unseren Flugblättern und das Herz voll ­Leidenschaft für die Rettung der Welt.

„Wenn der Widerspruch in den Produktionsverhältnissen überwunden ist, dann endet auch die Unterdrückung der Frau.“ Das sagen sie und lächeln, ganz so, als sei es fast schon traurig, mir nach all den Jahren noch immer oder schon wieder das ­Offensichtlichste erklären zu müssen. Nachsichtig, denn ich bin ja eine Frau, und außerdem habe ich Kinder und bin eigentlich schon lange ein wenig bürgerlich. Ich sehe sie an, diese nicht mehr ganz jungen Männer, von denen ich die meisten schon früher ziemlich dämlich und langweilig fand und die heute noch viel langweiliger sind und in mir steigt Wut auf.

Ich erinnere mich daran, dass es schon vor 20 Jahren immer die Männer waren, die sprachen, laut, mit dröhnender Stimme, die uns in endlosen Monologen darzulegen versuchten, wie sehr sie den Durchblick hatten, jeder von ihnen mindestens ein neuer Rudi Dutschke oder gleich Che Guevara.

Von uns Frauen, von uns ganz jungen Frauen, sprach nur selten eine. Wir waren nur Zierde, wir durften nur dabei sein, um zu bewundern und um Kuchen zu backen. Sprach eine von uns, so musste sie damit rechnen, von den Männern, den alten und den jungen, regelrecht auseinander genommen zu werden. Zu viel Gefühl, zu wenig revolutionäre Haltung. Ihr Frauen, ihr bringt es einfach nicht. Hormone, PMS und all das. All das schwang immer mit, wenn sie sich diese männerbündischen Blicke zuwarfen, mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln.

Die meisten unter uns liefen rot an, begannen zu stottern und sagten nie wieder etwas. Dann gab es die Wochenenden, die „Teach-Ins“, in denen wir „Das Kapital“ lasen und viel tranken und rauchten und wenn es dunkel und spät wurde, dann teilten die Männer die Frauen unter sich auf, denn Eifersucht und so, ey, das ist voll bürgerliches Besitzdenken, das müssen doch auch wir verstehen.

Am nächsten Morgen saßen sie dann zusammen, die Männer, und belobten einander für ihre Eroberungen. Kaum verhohlen ihre Verachtung und ihr Sexismus gegenüber den Frauen, mit denen sie die Nacht verbrachten. Und wenn die Frauen dazu kamen, dann schwankten die zwischen Scham und Trotz. Die meisten gingen mit geknickter Würde und zerstörtem Ruf, denn noch bevor der Fairtrade gehandelte Kaffee in den Tassen kalt wurde, wusste ­jeder der anwesenden Männer, ob die Frau rasiert war und ob sie es auch anal gemacht hatte. Schon damals war ich wütend. Ich wusste es nur noch nicht.

Als gute Antikapitalistin verriet ich meine Genossen nicht. Ich war ihnen zu Diensten, stellte ihnen meine Vagina zur Verfügung, damit sie an und in mir ruhen und rasten konnten nach dem erschöpfenden Kampf gegen: Nazis, die imperialis­tische Verschwörung und all die Bösen da draußen.

Vermutlich fragen sich einige jetzt, ob ich meine Jugend irgendwann in den späten 60ern und den 70ern verbracht habe. Aber nein, so alt bin ich noch nicht. Als ich eine radikale Linke war, endeten gerade die 90er, das neue Jahrtausend begann. Was uns damals auf die Straßen trieb, waren die Ereignisse beim G8 Gipfel in Genua und der Irakkrieg, das einte uns. Wir alle wollten sie abstreifen, die bürgerliche Moral, all dieses kranke Zeug in unseren Köpfen. Was uns trennte, war unser Geschlecht.

Wir sprachen viel über Unterdrückung und Ausbeutung damals, doch über die älteste und mächtigste Unterdrückungsform der Welt, nämlich die der Frauen, sprachen wir nicht. Es ist leicht, sich über die bösen Kapitalisten zu empören, über die ureigenen Privilegien zu sprechen hingegen nicht. Geschlechterrollen wurden in linken Kreisen höchstens pro forma in Frage gestellt, für einen echten Wandel traten nur die wenigsten ein und so blieb und bleibt auch unter linken – und damit auch grünen – Idealisten alles, wie es seit Jahrtausenden ist.

Frauen werden vergewaltigt, als Kinder verheiratet, verstümmelt, erniedrigt, ermordet, geschlagen, geschwängert, zur ­Abtreibung oder zur Schwangerschaft ­gezwungen, betatscht, gestalkt, beschimpft, schlechter bezahlt, ausgegrenzt und diskriminiert – immer durch Männer. Der Frauenhass hat viele Gesichter, sogar in uns drin zeigt er sich in unserem Selbsthass auf unsere Körper und in unserem mangelnden Vertrauen in unsere Fähigkeiten.

Aber ich sah sie nicht, die Misogynie, damals, denn ich wollte mir meine eigene Unterdrückung nicht eingestehen. Ich wollte nicht wahrhaben, dass sie, meine Genossen, die doch von einer besseren, einer anderen Welt träumten, nicht auch für meine Befreiung kämpften, sondern nur für ihre eigene. Der Marxismus als Befreiungsideologie half mir zwar, die Welt und all ihre Widersprüche zu sortieren und zu benennen. Für meine eigene Unterdrückung aber hatte er keine Worte, im Gegenteil: Er machte mich blind und stumm gegenüber dem alltäglichen Sexismus, dem ich und so viele andere Frauen unter linken Männern ausgesetzt waren.

Ich schreibe diesen Text 20 Jahre später, nach Silvester 2016/17, während einer Debatte um das vermeintlich rassistische Vorgehen der Kölner Polizei. Und nachdem Laurie Penny einen Text in der taz veröffentlicht hatte, in der sie das männ­liche ­Establishment anflehte, doch bitte, bitte endlich die Bedeutung des Feminismus anzuerkennen, da dieser gegen den Rechtsruck helfe. Sie ermahnte die Frauen, auch nur ja gute Feministinnen zu sein, damit die Rechten nicht gewinnen.

Meine Timeline auf Facebook ist voll von antifaschistischen Seiten, die sich über Racial Profiling empören, die aber zu der Gewalt gegen Frauen in der Kölner Silvesternacht ebenso schweigen wie zur alltäg­lichen Gewalt gegen Frauen.

In mir bricht sich heute eine Wut Bahn, die ich viel zu lange unterdrückt habe, fast 20 Jahre lang, doch jetzt finde ich Worte für sie. Frauen haben mir beigebracht, sie in Worte zu fassen, sie überhaupt zuzulassen. Es war ein schmerzhafter Prozess, zu erkennen, dass die, die ich für meine Kampfgefährten hielt, in vielen Fällen eigentlich meine Gegner sind.

Männer aus linken Zusammenhängen beschweren sich in den Kommentarspalten über „Polizei­gewalt“ und „No-Go-Areas“ und warnen davor, das „sei nur der Anfang“ einer neuen rassistischen Agenda der Polizei. Sie schrecken noch nicht einmal davor zurück, uns Frauen zu raten, doch einfach zu Hause zu bleiben, um Ärger zu vermeiden.

Auf die Ereignisse an Silvester 2015 haben sie mit ohrenbetäubendem Schweigen rea­giert. Dass Köln eine „No-Go-Area“ für Frauen war, ja, dass Deutschland voll ist von „No-Go-Areas“ von Frauen, geschaffen von biodeutschen Puffgängern in den Rotlichtvierteln oder von nichtbiodeutschen Männerhorden, die „Party“ machen wollen, das interessiert sie nicht.

Linke Männer sind für Prostitution. Wo sie sonst die kapitalistische Ausbeutung anprangern, sehen sie in den Augen der Frauen auf den Straßen und in den Laufhäusern nur ihre eigene „sexuelle Befreiung“. Ihre Nutten und ihre Pornos wollen sie nicht aufgeben. Das male bonding, die Bindung zwischen Männern, selbst aus diametral entgegengesetzten politischen Lagern, ist stärker als die Liebe zu Gefährtinnen, Frauen, Müttern, Töchtern; als jeder vermeintliche Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit.

Wie das funktioniert, sah man jüngst, als ein AfD-Politiker der Vergewaltigung bezichtigt wurde und linke Männer flugs an die Unschuldsvermutung erinnerten – das müssen sie auch, denn sie selbst haben genug Dreck am Stecken. Auch sie belästigen und stalken Frauen in ihren eigenen Reihen oder tolerieren, dass ihre Genossen es tun. So groß die politischen Gräben auch sein mögen, wenn es um die patriarchalen Privilegien geht – und sei es nur das Recht, an Silvester in Gruppen aufzutreten und für Frauen eine zumindest gefühlt bedrohliche Situation entstehen zu lassen – stehen Männer zusammen und bringen lästige Frauen ganz schnell zum Schweigen.

Auch die Unfähigkeit der Partei Die Linke und auch der Grünen, sich kritisch zu Prostitution zu äußern, spricht Bände über dieses Versagen. Linke Männer verlangen, dass wir über die uns angetane Gewalt schweigen, wenn sie nicht zur politischen Agenda passt. Statt über das Frauen angetane Leid zu sprechen, ziehen die Linken die Rassismuskarte; benutzen sie als Silencing-Methode, bis sogar die vergewaltigten Frauen selbst Angst davor haben, die Hautfarbe ihrer Vergewaltiger zu benennen. Die ultimative politische Unterwerfung unter die eigene Unterdrückung.

Solange es das Patriarchat gibt, solange gibt es keine Freiheit, solange kann es ­immer nur Privilegien für einzelne, durch Männer bestimmte Gruppen geben. Zu diesen privilegierten Gruppen gehören auch und insbesondere linke Männer.

Reden wir nicht über Rassismus. Reden wir über Geschlecht und Misogynie, reden wir über die Vergewaltigungskultur und die ermordeten und vergewaltigten Frauen des vergangenen Jahres, der vergangenen Jahrtausende, reden wir über männliche Gewalt und wer die Kriege anzettelt, unter denen wir leiden. Und reden wir auch über den Sexismus und die Misogynie der linken Männer innerhalb der Parteien und außerhalb, die lieber noch den Geringsten unter ihnen schützen als eine einzige Frau vor einem Übergriff.

Männer mögen sich in Sachen Besitzverhältnisse, Rasse und Herkunft feindlich gegenüberstehen, wenn es um den Zugriff auf Frauenkörper geht, sind sie sich einig. Die Linken sind nicht so besessen von der Gebärfähigkeit der Frauen wie die Rechten, ihnen geht es um die freie Verfügbarkeit von Sex.

„Nun habe dich nicht so“, ist ein Satz, den ich auf linken Veranstaltungen und später auch in der Partei Die Linke unzählige Male gehört habe. Und es ist auch der Satz, den ich aus der aktuellen Debatte heraushöre.

Erst einmal gilt es doch den Rassismus zu bekämpfen, den Rechtsruck zu verhindern, um das lästige Frauengedöns können wir uns doch noch kümmern, wenn für die Männer die Welt wieder in Ordnung ist. Die Wahrheit hinter dieser Debatte ist, dass die Grünen Angst um ihre linken Privilegien haben. Sie haben am meisten zu verlieren, wenn die Mitte der Gesellschaft mehr nach rechts rückt, sie haben ganz plumpe, körperliche Angst davor, demnächst von ein paar Rechten eins aufs Maul zu bekommen, wenn sie mit ihren Jutebeuteln in der Innenstadt unterwegs sind.

Wenn linke Männer andere Männer vor Rassismus verteidigen, dann verteidigen sie in Wirklichkeit sich selbst.

Feminismus ist kein Label, das man sich umhängen kann, um die eigenen ­Interessen voranzubringen. Er hat seinen Ursprung in der jahrtausendealten Unterdrückung von Frauen und seine Agenda ist die Befreiung der Frauen in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Solange auch nur eine von uns von einem Mann unterdrückt, ausgebeutet, vergewaltigt, ­geschlagen oder anderweitig benutzt wird, hat der Feminismus seine Berechtigung. Er muss nicht aufgewertet oder legitimiert werden. Männliche Gewalt ist es, die ­unsere Weit zerstört und die Linke scheitert immer wieder daran, diese Gewalt auch nur zu erkennen, geschweige denn, sie zu benennen und das liegt daran, dass die Linke selbst ein männliches Projekt ist, ein Teil der patriarchalen Weltordnung.

Der Feminismus ist kein Mittel zum Zweck. Er ist nicht einer von vielen Kämpfen um gesellschaftliche Gerechtigkeit und die liberale Zivilgesellschaft, um die jetzt alle zittern.

Für uns Frauen bedeutet diese liberale Zivilgesellschaft keine Zuflucht, keine Freiheit, denn sie macht uns zu Sexobjekten, die devot und halbnackt von Werbeplakaten herunterlächeln oder in Pornos millionenfach inszenierte Vergewaltigungen über sich ergehen lassen, an denen sich unsere Partner, Väter, Kollegen, Freunde und Vorgesetzte aufgeilen, sie liefert unsere Schwestern der Prostitu­tion aus und nennt die täglich erlebte ­sexuelle Gewalt zynisch „Wahlfreiheit“.

Sie lässt zu, dass wir in den sozialen Netzwerken, im Netz überhaupt, mit Hass überschüttet werden, nur weil wir Frauen sind. Dass wir uns in jedem billigen Vorabendfilm eine Vergewaltigung ansehen müssen, weil es die „Story“ aufwertet und zu Musik tanzen, die uns erzählt, Vergewaltigungen sei der Sex, den wir verdienen.

Diese liberale Gesellschaft entfremdet uns von uns selbst, beutet unsere Körper aus und nimmt uns das Recht, über uns und unsere Körper selbst zu bestimmen. Warum sollten wir für diese Gesellschaft, die unsere Kämpfe so lange mit Füßen ­getreten hat, kämpfen? Weil sie das kleinere Übel ist? Was ist, wenn dieses kleinere Übel für uns nicht mehr genug ist?

Die Ereignisse der Silvesternacht 2016 bzw. das Verhalten linker Männer, die sich über angebliche „No-Go-Areas“ für Männer aufregen und „Rassismus“ krakelen, bestätigen mich in einer Entscheidung, die ich schon vor langer Zeit traf: Ich bin keine Linke mehr.

Ich bin eine radikale Feministin. Man kann nicht beides sein, radikal links und radikale Feministin. Ich kämpfe den ältesten Befreiungskampf der Welt gegen die älteste Unterdrückungsform der Welt. Ich kämpfe ihn für mich und meine Töchter und alle die Frauen, auch die, die Feminismus scheiße finden. Ich kämpfe ihn gegen rechts und gegen links und gegen die Mitte und gegen jeden, der glaubt, Gewalt gegen und Unterdrückung der Frauen irgendwie rechtfertigen zu können. Ich kämpfe ihn auch und insbesondere gegen linke Männer und ihre Verlogenheit. Ihr habt uns – verraten, wieder und wieder.

Jüngst las ich einen Zeitungsartikel. Demnach veröffentlichte die FAO, die Welternährungsorganisation, eine Studie, die zeigte, dass, wenn Frauen in ländlichen Regionen die gleichen Chancen hätten wie Männer, 150 Millionen Menschen weniger Hunger leiden würden weltweit. Wa­rum? Weil Frauen das Geld besser einsetzen und erfolgreicher wirtschaften.

Ich schnitt den Zeitungsartikel aus und trage ihn seither bei mir. Wenn ich sie treffe, die barttragenden linken Männer meiner Jugend, jetzt gealtert und ein bisschen wehleidig, und sie mich fragen, wa­rum ich dieses ganze Feminismusding auf einmal so verbissen sehe und mich dann noch vorwurfsvoller fragen, warum ich auf keine Demos mehr gehe, jetzt, wo doch alles so schlimm sei, dann hole ich den Zeitungsartikel hervor und zeige ihn ihnen.

Der Feminismus muss nicht links oder rechts werden, er muss nicht die Welt retten vor dem Rechtsruck, nur damit wir Frauen im nächsten Augenblick wieder die dressierten Sexobjekte der linken Weltverbesserer sein dürfen. Wer die Welt retten will, muss aufhören, links zu sein und ­damit beginnen, Feminist zu werden.

Weiterlesen:
Der Text ist ein gekürzter Auszug aus der gerade erschienenen Streitschrift
„Stören­friedas – Feminismus radikal ­gedacht“ (Books on demand, 24.90 €).

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Vor 50 Jahren flog die Tomate

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13. September 1968. Klatsch. Die berühmte Tomate knallt an den Kopf des Genossen Krahl. Genauer gesagt, waren es sogar drei Tomaten, die an diesem denkwürdigen Tag auf das Podium flogen, ein halbes Pfund. Sigrid Rüger hatte sie vor dem SDS-Kongress in Frankfurt eingekauft. Eigentlich zum Kochen. Aber nun feuert die hochschwangere Soziologie-Studentin ihre Esswaren auf Hans-Jürgen Krahl und seine Genossen vom Sozialistischen Studentenbund (SDS). Denn Genossin Sigrid ist sauer. Sauer darüber, dass die eigenen Genossen einfach so gar keinen Bock haben, der Frau zuzuhören, die auf dem 23. SDS-Kongress gerade eine Rede hält.

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Helke Sander ist die erste Frau, die auf einem Kongress des 1946 gegründeten Studentenbundes, einem Linksausscherer der SPD, sprechen darf. Was an sich schon gewöhnungsbedürftig für die Jungs ist, die es gewohnt sind, selbst die großen Reden zu schwingen. Verschärfend hinzu kommt: Sander hat die Unverfrorenheit, nicht über „den Kapitalismus“ und „die Proletarier aller Länder“ zu sprechen, sondern über ihre eigene Lebenslage als Frau in einer Männerwelt, ob proletarisch oder nicht. Denn, so erklärt sie: Das Private ist politisch.

Selbst privilegierte Frauen, die studieren könnten, „merken spätestens, wenn sie Kinder bekommen, dass ihnen alle ihre Privilegien nichts nützen“, sagt Sander. „Sie werden auf Verhaltensmuster zurückgeworfen, die sie meinten, dank ihrer Emanzipation schon überwunden zu haben. Das Studium wird abgebrochen oder verzögert, die geistige Entwicklung bleibt stehen oder wird stark gemindert durch die Ansprüche des Mannes und des Kindes.“ Deshalb fordert die Schauspielerin, Studentin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und Mutter eines neunjährigen Sohnes, „den Klassenkampf auch in die Ehe zu tragen und in die Verhältnisse. Dabei übernimmt der Mann die objektive Rolle des Ausbeuters oder Klassenfeindes.“ Und die Frau in die Rolle der Ausgebeuteten. Ein paar Jahre später werden Yoko Ono und John Lennon das so formulieren: „Woman Is the Nigger of the World“.

Kein Mann wäre damals auf die Idee gekommen, abends aufs Kind aufzupassen

Helke Sander, die Beruf, Studium und Mutterschaft unter einen Hut bringen muss, weiß, wovon sie spricht. „Man darf nicht vergessen, dass dies eine Zeit war, in der niemals ein Mann mit Kinderwagen auf der Straße gesehen werden konnte. Kein Mann wäre auf den Gedanken gekommen, abends auf das Kind aufzupassen und stattdessen seine Frau zu einer Veranstaltung gehen zu lassen, oder sie durch irgendeine Form der ‚Mithilfe‘ zu entlasten“, schreibt Sander rückblickend. Also initiierte sie Anfang 1968 gemeinsam mit anderen Frauen in Berlin die ersten „Kinderläden“: selbstorganisierte Kinderbetreuung in den vielen leerstehenden Tante-Emma-Läden. Diese Kinderläden sollen die „autoritären Staatskindergärten“ ersetzen. Und sie sollen den gestressten Studentinnen ermöglichen, auch mal an Demos und Sit-ins teilzunehmen, die bis dato nur von den Kindsvätern besucht werden. Die fühlen sich zwar für die Weltrevolution zuständig, nicht aber fürs Babysitten.

Die Resonanz war groß: Zur ersten Einladung im Januar 1968 kamen rund 100 Frauen. Schon beim zweiten Treffen gründeten sie den „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“.

Als deren Sprecherin steht nun Helke Sander im September 1968 auf dem Podium und liest den Genossen die Leviten. Die hatten die Frauen bis dato stets damit vertröstet, dass zunächst der „Hauptwiderspruch“ gelöst, sprich: der Kapitalismus beseitigt sein müsse, bevor man sich dem „Nebenwiderspruch“ zuwenden könne: der Unterdrückung der Frauen. Doch Helke Sander will sich nicht länger vertrösten und zur Nebensache degradieren lassen. Und sie plädiert dafür, die „privaten“ Machtverhältnisse genauso ernst zu nehmen wie die politischen.

„Wir können die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau nicht individuell lösen“, erklärt die Genossin. „Und wir können damit nicht auf Zeiten nach der Revolution warten, da eine nur politisch-ökonomische Revolution die Verdrängung des Privatlebens nicht aufhebt, was in allen sozialistischen Ländern bewiesen ist.“ Zuguterletzt droht sie: „Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig. Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“

Da die Genossen ganz augenscheinlich nicht zur Diskussion bereit waren, sondern die Rede der Genossin Sander mit Desinteresse straften, zog Genossin Rüger Konsequenzen und griff in ihre Einkaufstasche.

Die Tomate war zweifellos ein heftiges Geschütz, das seine Wirkung nicht verfehlte. Aber war sie auch der „Startschuss für die Frauenbewegung“, wie dieser Tage rund um das 50-jährige 68er-Jubiläum manchmal behauptet wird?

Sie erinnern sich gelassen: Silvia Kontos, Cristina Perincioli und Sabine Zurmühl. - Fotos: Bettina Flitner
Sie erinnern sich gelassen: Silvia Kontos, Cristina Perincioli und Sabine Zurmühl. - Fotos: Bettina Flitner

„Vom Tomatenwurf haben ja ganz viele Menschen gar nichts mitbekommen“, erinnert sich Sabine Zurmühl, damals Studentin der Germanistik an der Freien Universität Berlin und spätere Mitgründerin der feministischen Zeitschrift Courage. Auch der „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ blieb ganz im studentischen Milieu verhaftet: „Ich glaube, dass den nur diejenigen mitbekommen haben, die mit dem SDS was zu tun hatten.“ Zurmühl hatte nichts mit dem SDS zu tun. Die gelernte Journalistin dreht sich in der SDS-Versammlung, die sie ein einziges Mal besucht, auf dem Absatz wieder um. „Die Männer des SDS waren ja wirklich grauenhaft anzuhören. Deren Sprache war ein Code. Und den musste man beherrschen, sonst war man überhaupt niemand. Und die Frauen im SDS waren schon sowieso niemand.“

Das hatte auch der „Weiberrat“ begriffen, der sich in der Folge des Tomatenwurfs an der Frankfurter Uni gegründet hatte. Beim nächsten SDS-Kongress im November 68 in Hannover verteilen die Weiber ihr berühmt-berüchtigtes Flugblatt mit den abgetrennten Penissen der SDS-Chefideologen, präsentiert als Jagdtrophäen. Slogan: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“ Die Weiber sind sauer, keine Frage.

Auch Silvia Kontos, damals Soziologie-Studentin an der Frankfurter Uni, ist erschüttert, und das schon länger. Die 21-Jährige hatte 1965 eine verstörende Erfahrung gemacht: eine „grauenvolle Abtreibung“.

Ihre grauenvolle Abtreibung war für Silvia Kontos wichtiger als die Revolution

Die schwangere Studentin im ersten Semester will Kinder, aber nicht jetzt. Doch Abtreibung ist gesetzlich verboten und gesellschaftlich tabu. Silvia bekommt unter der Hand die Adresse eines Arztes in der Schweiz. Sie reist hin, der Arzt weigert sich. Schließlich landet sie auf dem Küchentisch einer „Engelmacherin“, die eine Seifenspülung macht. „Ich habe mir später mal die Sterbestatistik angeschaut, da ist mir noch im Nachhinein ganz schlecht geworden“, erzählt Kontos. Die Engelmacherin lässt sich ihren Dienst kräftig bezahlen, der Gynäkologe, zu dem sie anschließend geht, auch.

„Ich hatte noch nie eine so demütigende Erfahrung gemacht“, sagt Silvia Kontos. „Dass eine Entscheidung, die mein ganzes Leben prägt, vom Wohlwollen eines Arztes abhängt – das fand ich absolut unerträglich. Ich fand das alles so furchtbar, dass mir klar war: Das darf so nicht bleiben!“

Das findet nicht nur die Frankfurter Studentin Silvia, das finden auch Hunderttausende Frauen, die bei illegalen Abtreibungen ähnlich demütigende und lebensbedrohliche Erfahrungen machen. So manche hat eine Freundin, die bei   einem Abbruch im Hinterzimmer verblutet ist. Die Wut der Frauen in Deutschland über die Bevormundung wächst. Aber noch bricht sie nicht aus.

Lediglich an einigen Unis kämpfen die Weiberräte, die sich inzwischen auch in weiteren Städten im Umfeld des SDS gegründet haben, um einen ebenbürtigen Platz an der Seite der marxistischen Machos: Vor allem machen sie nun selbst Marx-Schulungen, um mit den Genossen mithalten und mitreden zu können. Doch die sehen die revolutionäre Rolle ihrer Genossinnen vor allem darin, sich von ihnen Flugblätter tippen zu lassen und sexuell zur Verfügung zu stehen. Getreu dem Motto: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“ Doch die Strahlkraft der Weiberräte erlischt außerhalb der Uni-Mauern.

„Diese ersten Weiberräte waren eine kleine Gruppe, und die Stoßrichtung war in die Linke – in den SDS – hinein“, sagt Silvia Kontos. „Das war aber noch nichts, was sich an die Gesellschaft insgesamt gerichtet hat. Das war eigentlich erst der § 218. Der bedeutete den Ausbruch aus dem studentischen Ghetto.“

Innerhalb der linken studentischen Blase ist der Frauenaufstand bald niedergeschlagen. Kinderläden, Rollenverteilung, Sexzwang – alles bald wieder „Nebenwiderspruch“, dessen Auflösung sich höheren Zielen unterzuordnen hat: der Weltrevolution beziehungsweise deren Vorbereitung durch Marx-Schulungen.

So erklärt der „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ im Oktober 1969 die Kinderläden als Mittel zum marxistischen Zweck, wie die Filmemacherin und Aktivistin Cristina Perincioli in ihrem Buch „Berlin wird feministisch“ berichtet: „Durch Kinderladenarbeit sollten – dem Protokoll zufolge – die Mütter soweit ‚befreit‘ werden, dass sie sich ebenfalls der Schulung ganz widmen könnten. Zu lesen waren die Schriften von Karl Marx, Mao Zedong, Wladimir I. Lenin, Lin Biao, Friedrich Engels, Werner Thönessen und ein Text von Rosa Luxemburg.“ Folge: „Die feministische Intention wurde in Westdeutschland von der Linken völlig aufgesogen.“

Die Genossinnen sollten vor allem Flugblätter tippen & zur Ver-
fügung stehen

1969 wird sich der Berliner „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ ganz auflösen. Diejenigen, die die Frauen schon vor der Revolution befreien möchten, darunter Helke Sander, verlassen die Gruppe. Die anderen, die marxistischen Hardlinerinnen des Aktionsrates, gründen den DDR-nahen „Sozialistischen Frauenbund Westberlin“ (SFB), der seine Aufgabe so beschreibt: „Wir organisieren uns zunächst separat als Frauen, um in theoretischer Arbeit die Ansatzpunkte zur spezifischen Frauenagitation herauszufinden. Wir sehen dies als Voraussetzung, um unter der Führung der Kommunistischen Partei unsere Aufgabe im Klassenkampf zu übernehmen.“ Der Frankfurter „Weiberrat“ existiert zwar noch, theoretisiert sich bald darauf aber ebenfalls zu Tode. Da stürmt in den USA die „Women’s Liberation“ schon Miss-Wahlen, besetzen in Holland die „Dollen Minas“ Herrentoiletten, legt in Frankreich das „Mouvement de Libération des Femmes“ (MLF) am „Grab des unbekannten Soldaten“ einen Kranz für die „Frau des unbekannten Soldaten“ nieder. Und bei allen ist das Recht auf Abtreibung eine der zentralen Forderungen.

In Deutschland hingegen beklagt die Brigitte noch im April 1971, dass die feministische Revolution hierzulande immer noch nicht ausgebrochen sei: „Deutsche Frauen verbrennen keine Büstenhalter und Brautkleider, stürmen keine Schönheitskonkurrenz und emanzipationsfeindlichen Redaktionen, fordern nicht die Abschaffung der Ehe und verfassen keine Manifeste zur Vernichtung der Männer. Es gibt keine Hexen, keine Schwestern der Lilith, wie in Amerika, nicht einmal Dolle Minas mit Witz wie in Holland, es gibt keine wütenden Pamphlete, keine kämpferische Zeitschrift. Es gibt keine Wut.“

Da irrte Brigitte. Auch die deutschen Frauen waren wütend. Über die demütigenden und nicht selten lebensgefährlichen Umstände, unter denen Abtreibungen stattfinden mussten. Über das diskriminierende Familienrecht, das ihnen ihre Bürgerinnenrechte aberkannte. Über die grassierende sexuelle Belästigung. Aber es bedurfte eines Funkens, der das Pulverfass entzündete.

Am 6. Juni 1971 erscheint der Stern mit dem berühmten Titelbild: „Wir haben abgetrieben“. Alice Schwarzer, die damals in Paris lebt und im MLF aktiv ist, hat die Selbstbezichtigungs-Aktion nach Deutschland geholt. Die Stern-Veröffentlichung wird innerhalb von Tagen zum nationalen Skandal – und Auslöser einer Lawine. Frauen schweigen nicht länger. Sie reden über ihre Angst vor nicht gewollten Schwangerschaften. Über ihre Abtreibungen. Über Sexualität. Und über Gewalt. Sie reden überall, nicht mehr nur in den Universitäten, sondern in Büros, Fabriken und auf den Straßen. In zahlreichen Städten gründen sich Gruppen der „Aktion 218“. Zum ersten gemeinsamen Treffen in Düsseldorf kommen sieben Gruppen, schon zwei Wochen später sind es beim zweiten Treffen in Frankfurt 100 Frauen aus 20 Städten.

Der Funke, der das Pulverfass entzündete, war die Stern-Aktion "Wir haben abgetrieben!"

Der Aufbruch der deutschen Frauen ist nicht mehr zu stoppen. Längst geht es nicht mehr nur um den Kampf gegen den § 218, sondern um andere Themen: Gewalt, Schönheitsdiktat, Zwangsheterosexualität und natürlich um das entmündigende Familienrecht. Jetzt fliegen auch in Deutschland Schweinshaxen auf Modenschauen und Steine in die Fenster von Pornoläden.

In Frankfurt organisiert Silvia Kontos mit ihren Mitstreiterinnen vom inzwischen gegründeten Frauenzentrum Abtreibungs-Fahrten nach Holland und platziert volle Windeln auf Kirchenaltäre. Cristina Perincioli initiiert in Berlin gemeinsam mit anderen Frauen die „Homosexuelle Aktion Westberlin“ und später das Frauenzentrum in der Hornstraße. Sabine Zurmühl bekommt am Ku’damm einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem steht: „Kommt ins Frauenzentrum!“ „Und ich dachte: Das ist was Tolles, da gehst du hin! Und ich habe da begriffen: Das, was wir jetzt hier machen, nennt sich ‚Frauenbewegung‘.“

Und Helke Sander? Die gründet die feministische Initiative „Brot und Rosen“, die 1972 ihr „Frauenhandbuch Abtreibung und Verhütungsmittel“ herausbringt, das reißenden Absatz findet.

Am 11./12. März 1972 laden die westdeutschen Frauengruppen der „Aktion § 218“ zum ersten „Bundesfrauenkongress“ nach Frankfurt. Rund 450 Frauen aus 40 Städten reisen an. „Der Frankfurter Weiberrat, bisher eher bekannt dank seiner marxistischen Schulungsgruppen, erschien mit einem Lied auf den Lippen“, schreibt Alice Schwarzer damals in Pardon. „Da reimten sich auf der Melodie von Lotta continua die ‚Puppen‘ in der Werbung auf die ‚Leichtlohngruppen‘ in der Arbeit, und die Zeile ‚Schluss mit Objekt sein in Betten‘ auf ‚Frauen, zerreißt eure Ketten!‘. So ein wenig holprig klang das noch, trotzig und vor allem ungewohnt. Deutsche Frauen singen Kampflieder in eigener Sache – Ausdruck eines neuerworbenen Selbstbewusstseins, das ihnen, im Gegensatz zu den Amerikanerinnen und etlichen Europäerinnen, bis vor kurzem noch so ganz abgegangen ist.“

Jetzt aber ist es da, das Selbstbewusstsein, und es hat alle erfasst: Reporterin Schwarzer, angereist aus ihrer damaligen Wahlheimat Paris, notiert: „Es trafen aufeinander: geschulte Genossinnen und aufmüpfige Hausfrauen, interessierte Parteifrauen und versprengte Urfeministinnen. Zwei Tage lang wurde im Plenum und in vier Arbeitsgruppen heiß diskutiert.“ Es geht dabei um „die Funktion der Familie in der Gesellschaft“, „die Situation der erwerbstätigen Frau“ und die „Gründe für die Selbstorganisation der Frauen“.

Am Ende steht eine gemeinsame Resolution: „Frauen müssen sich selbst organisieren, weil sie ihre ureigensten Probleme erkennen und lernen müssen, ihre Interessen zu vertreten“, heißt es da. Und: „Die Gruppen, die zunächst größtenteils nur aus dem Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen entstanden, haben erkannt, dass die Unterdrückung der Frauen in einem  umfassenden gesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen ist, der über die Abtreibungskampagne hinausgeht.“

Die deutsche Frauenbewegung ist geboren. Aber darüber demnächst mehr: zum 50. Jahrestag der neuen deutschen Frauenbewegung im Jahr 2021.

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