Graphic Diary: Anne Frank lebt!

Im Hinterhaus erinnert Anne sich an die schönen Zeiten, als noch alle Jungs in der Schule für sie schwärmten.
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Es ist das Buch der Stunde. Für Erwachsene wie Jugendliche. Anne Franks Tagebuch als Graphic Diary, gezeichnet und inszeniert von dem genialen Team Polonsky und Folman („Waltz with Bashir“). Annes Leben zieht wie ein Film an uns vorüber. Die wichtigsten Briefe an „Kitty“, ihre „beste Freundin“, sind im Original abgedruckt, die Dialoge im Hinterhaus basieren ganz dicht auf Annes Tagebuch.

Der 1973 in Kiew geborene Zeichner Polonsky und der 1962 als Kind Überlebender in Haifa geborene Folman, sind von der Anne-Frank-Stiftung gebeten worden, das berühmte Tagebuch der im KZ Bergen-Belsen kurz vor der Befreiung ermordeten 15-Jährigen zu realisieren. Die Wahl hätte klüger nicht sein können.

Wir lachen mit ihr und weinen mit ihr

Sie lassen Anne in ihrer Erzählung in Strich und Wort vor unseren Augen wieder auferstehen. Wir lachen mit ihr und weinen mit ihr, wir schütteln manchmal den Kopf über sie – aber wir verstehen und lieben sie immer.

"Das Tagebuch der Anne Frank" als Graphic Diary von Ari Folmann & David Polonsky.
"Das Tagebuch der Anne Frank" als Graphic Diary von Ari Folmann & David Polonsky.

Zwei Jahre lang waren die Franks – Annes geliebter Vater, die geliebt-gehasste Mutter und die vernünftige ältere Schwester – im Hinterhaus in Amsterdam vor den Nazis versteckt. Die winzigen Räume und das karge Essen teilten sie mit den drei van Daans und Zahnarzt Pfeffer. Da konnten Spannungen nicht ausbleiben.

Doch das Entscheidende an diesem wohl humansten Dokument über die Verfolgung der Juden ist eigentlich nicht das Drama, es ist Annes Persönlichkeit. Sie kommt als 13-Jährige in das Versteck und wird, zusammen mit ihrer Familie, als knapp 15-Jährige deportiert. In dieser Zeit wird aus einem eigenwilligen Mädchen eine bemerkenswerte Persönlichkeit: so poetisch wie reflektiert, so mitfühlend wie sarkastisch. Kein Zweifel: Hätte Anne das KZ Bergen-Belsen überlebt, aus ihr wäre eine ganz große Autorin geworden. Und sie wusste das.

Am 4. August 1944 werden die Franks abgeholt. Sie sind Opfer eines holländischen Denunzianten (die bekamen dafür Geld von den nationalsozialistischen Besatzern). Die Alliierten stehen schon in der Normandie. Am 15. Juli 1944 notiert Anne in ihr Tagebuch:

Das Graphic Diary macht sie noch ein Stück lebendiger als ihr Tagebuch

„Ich habe einen stark ausgeprägten Charakterzug, der jedem, der mich länger kennt, auffallen muss, und zwar meine Selbsterkenntnis. Ich kann mich selbst bei allem, was ich tue, betrachten, als ob ich eine Fremde wäre. Überhaupt nicht voreingenommen oder mit einem Sack voller Entschuldigungen stehe ich dann der alltäglichen Anne gegenüber und schaue zu, was diese gut oder schlecht macht. Dieses ‚Selbstgefühl‘ lässt mich niemals los, und bei jedem Wort, das ich ausspreche, weiß ich sofort, wenn es ausgesprochen ist: ‚Dies hätte anders sein müssen‘ oder ‚Das ist ganz gut so, wie es ist‘. Ich verurteile mich selbst in so unsagbar vielen Dingen und sehe immer mehr, wie wahr Vaters Worte waren: ‚Jedes Kind muss sich selbst erziehen.‘ Eltern können nur Rat oder gute Anweisungen mitgeben, die endgültige Formung seines Charakters hat jeder selbst in der Hand. Dazu kommt noch, dass ich außerordentlich viel Lebensmut habe, ich fühle mich immer so stark und im Stande, viel auszuhalten, so frei und so jung! Als ich das zum ersten Mal merkte, war ich froh, denn ich glaube nicht, dass ich mich schnell unter den Schlägen beuge, die jeder aushalten muss.“

Anne hat sich nie gebeugt. Aber diesem Grauen konnte letztendlich selbst sie nicht standhalten. Dank ihrem Tagebuch ist sie unsterblich geworden – und noch ein Stück lebendiger mit diesem Graphic Diary.

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Ari Folman/David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank, Ü: Mirjam Pressler/Ulrike Wasel/Klaus Timmermann (S. Fischer, 20 €).

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Die Retterin von Anne Franks Tagebuch

Miep Gies. - Foto: Bettina Flitner
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Eigenartig, das mit der Pagode. Habe ich da etwas falsch verstanden? Rechts und links der Autobahn nur Kühe und Schafe. Und dazwischen diese kleinen, sauberen Häuser mit diesen riesigen, blank geputzten Scheiben. Durch das Vorderfenster fällt man hinein und zum Rückfenster gleich wieder heraus, quer durch die Topfpflanzen vorne, die blauweiß gedeckte Kaffeetafel in der Mitte und die Topfpflanzen hinten. Und landet wieder auf der Wiese mit den Kühen und Schafen.

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„Stellen Sie Ihr Auto ab, und warten Sie in der Vorhalle der Pagode. Um 13 Uhr“, lauteten die Anweisungen von Herrn Suijk. Herr Suijk. Ich weiß noch nicht einmal, wie der überhaupt aussieht. Das einzige, was ich von ihm habe, ist eine Handynummer. Doch plötzlich steht sie da, die chinesische ­Pagode. Ein riesiger, rot-goldener Bau glitzert in der Junisonne. Ich bin wirklich ergriffen. Es ist 12 Uhr 30. Ich parke und gehe in die Hotellobby. Die fernöstliche Pagode – von innen ein „Best Western“. Niemand zu sehen. Ich falte die deutsche Zeitung auseinander und tue so, als würde ich lesen. Aber ich kann mich nicht konzentrieren. Mir geht die Vorgeschichte meines Besuches durch den Kopf.

Holland 1942. Die Deutschen haben das Land seit zwei Jahren besetzt. Nun wird es endgültig brenzlig für die im Exil lebende deutsche Familie Frank. Das Judenreferat beginnt mit der Deportation aller Juden in Amsterdam. Otto Frank bittet seine Sekretärin Miep Gies, ihn, seine Frau Edith sowie seine Töchter Margot und Anne vor den Nazis zu verstecken.

Im Hinterhaus der Firma Frank, hinter einer falschen Tapete, überlebt die Familie nahezu zwei Jahre. Miep und ihr Mann Jan sowie zwei weitere Helfer versorgen die Versteckten mit Lebensmitteln, Lesestoff und Kleidung.

Zweimal täglich klappt Miep Gies die Bücherwand zur Seite und klettert die steile Treppe hinauf ins Hinterhaus. 24 Stunden täglich setzt sie dafür ihr Leben aufs Spiel. Als die Familie Frank am 4. August 1944 verraten und ins KZ deportiert wird, wagt Miep Gies sich noch einmal in das Versteck. Sie nimmt Annes Aufzeichnungen, von denen sie weiß, an sich: ein rot kariertes Poesiealbum, mehrere einzelne Hefte und 327 lose Blätter. Miep verstaut die Papiere ungelesen in ihrem Büroschreibtisch.

In den folgenden Tagen riskiert sie Kopf und Kragen, um ihre Freunde zu retten. Sie geht sogar direkt ins Gestapo-Hauptquartier und bietet dem SS-Oberscharführer Geld für Leben. Vergebens. Noch Monate nach Kriegsende hofft Miep, Anne ihre Tagebücher zurückgeben zu können. Aber sie kann sie nur noch Vater Frank überreichen. Er kehrt nach einer Odyssee von Auschwitz über Odessa nach Amsterdam zurück, als einziger Überlebender.

„Sie können Cor zu mir sagen“, sagt Herr Suijk, der plötzlich vor mir steht. Ein älterer Herr von 78 Jahren mit weißem Haar. Ich lade meine Fotosachen in sein Auto, und er startet. Nein, kein älterer Herr, ein wacher, drahtiger Mann, der alles im Blick hat. Ob er beim Militär war? „Nein, nein“, sagt er, aber 27 Jahre lang Leiter des Anne-Frank-Hauses. Und vorher, während der Besatzung? Na, da ist ihm bei der Ausweiskontrolle etwas ganz Dummes passiert. Als er auf das Fahrrad stieg, ist ihm sein Hosenbein hochgerutscht – und da guckten zwanzig nagelneue Pässe für untergetauchte Juden aus seinem Strumpf. Einmal nach Neuen­gamme und zurück und dann in Holland inhaftiert.

„Ich wollte eigentlich nie wieder etwas mit Deutschen oder Österreichern zu tun haben, aber da hat Otto Frank nach dem Krieg zu mir gesagt: ‚Ich glaube, Du bist auf dem falschen Weg. Ich bin Deutscher, und Miep ist Österreicherin.‘“ Miep Gies ist in der Tat gebürtige Österreicherin: 1909 in Wien geboren, von ihrer bitterarmen Mutter, einer Näherin, mit einem Hilfsprogramm für hungernde Kinder nach Holland geschickt; bei den „sehr liebevollen“ Pflegeeltern ist sie geblieben.

Wir fahren im Zickzack. Der Wohnort von Miep Gies soll nicht bekannt werden. Und Cor hat noch immer Übung im Spurenverwischen. Und dann – ich habe trotz aller Wachsamkeit längst die Orientierung verloren – sind wir da. Ein Haus mit großen, blank geputzten Fens­tern und Topfpflanzen auf der Fensterbank. „Miep kann sehr misstrauisch sein“, warnt mich Cor, als er klingelt.

Und da steht sie auch schon in der Tür. Eine alte Dame von 94, mit weißem Haar.

Ja, das auch, aber vor allem eine sehr wache Frau, die alles im Blick hat. Sie gibt mir die Hand, schaut mich eine unendliche Weile durchdringend an, ohne die Miene zu verziehen. Dann lässt sie mich passieren. Ich habe die Prüfung bestanden.

Jetzt gibt es erst einmal Kaffee und Kuchen. Währenddessen entleert Cor den Inhalt seiner Tasche auf den Tisch. Eine Flut von Papier ergießt sich. Dreißig, vierzig, fünfzig Briefe, handgeschrieben, getippt, bemalt. „Miep, Miep, Miep“ steht da auf einem zuoberst in Kinderschrift und rundum am Rand in allen Farben: „Hero, Hero, Hero“: „Miep, you are a hero. You are the bravest woman I have ever heard of in my eleven years“, schreibt ein gewisser Gustavo aus der St. Joseph’s Primary School in London. Und Alexandra aus São Paulo findet, dass „Anne ein bisschen hart zu Fritz war. Okay, er macht im Morgengrauen Gymnastik, aber das ist noch lange nicht so schlimm wie das, was meine Schwester, diese Nervensäge, mit mir macht.“ Eine Flut von Kindergeschichten auf dem Tisch. Eine Flut von Reaktionen auf das Tagebuch der Anne Frank.

Miep sitzt bedrückt vor dem Haufen. „Die Post von letzter Woche. Von nur einer einzigen Woche“, stöhnt sie. Und dann geht vor meinen Augen ein kleines Tischballett los, ein perfektes Beantwortungs-Pas-de-deux gewissermaßen. Cor liest Miep die von ihm in der letzten Woche getippten Antworten vor und schiebt ihr Brief für Brief über den Tisch zu. Miep unterschreibt, schiebt zurück. Auf den Zuruf „Foto!“ wirft Miep ihm routiniert eine unterschriebene Autogrammkarte herüber. Ein neuer Brief saust über den Tisch, „Foto!“, die Karte fliegt.

„So geht das jede Woche“, stöhnt Cor, „Und sie will jeden einzelnen Brief beantworten. Aber was haben wir auch schon gelacht. Was die Leute manchmal schreiben! Sie hätten die Inkarnation von Anne Frank gesehen … Und, wie sah die dann aus, die Inkarnation? Hatte auch schwarze Haare.“ Miep zieht, während sie eine weitere Karte herüberschiebt, eine Braue hoch und verdreht die Augen. Einen Ausdruck, den ich noch öfter sehen werde an diesem Nachmittag.

Nun trägt Cor die Anfragen der Woche vor: „Miep, Frau Bush möchte dich kennenlernen.“ „Wer?“ „Frau Bush, die Frau des amerikanischen Präsidenten.“ Miep verdreht wieder die Augen, die Brauen schnellen nach oben. „Nein!“, sagt sie bockig. „Und dann hat da nochmal diese Winnie Ophrey nachgefragt.“ „Winnie wer?“ „Ophrah Winfrey“, verbessere ich sanft. „Ja, diese Talkmasterin“, sagt Cor ungeduldig. „Nein!“, ist die glasklare Antwort. „Und auch Woppi …“ – „Woppi wer?“ – „Na, Whoopi Goldberg, diese amerikanische Schauspielerin.“ Auch sie scheitert an Mieps hochgezogener Augenbraue.

„In Amerika“, erzählt Cor, „waren wir beide monatelang mit Mieps Autobiografie auf Lesereise.“ Einmal wurden sie vom Gastgeber mit dem Auto vom Flughafen abgeholt und auf dem Highway von einem Asiaten geschnitten. „Typisch!“, entfuhr es dem Gastgeber. Und da passierte es wieder. Das, was in solchen Situationen immer passiert. Mieps Zeigefinger bohrte sich in den Rücken von Cor. Der holte Luft und sagte zum Gastgeber: „That sounds a little stereotype.“ Stille. Erneut der Finger von Miep im Rücken von Cor. „Immer an einer bestimmten Stelle“, sagt Cor und verzieht noch in der Erinnerung schmerzhaft das Gesicht. Mieps Finger so lange im Rücken, bis Cor ein glasklares „Das war rassistisch!“ hervorstieß. Stille im Auto und Ruhe für den Rücken. Vor dem Hotel verabschiedete sich der Gastgeber herzlich von Miep; Cor würdigte er keines Blickes.

Am Abend dann eine Gala zu Ehren von Miep. Die ganze Stadthalle ist voll. Der Gastgeber steht auf der Bühne. Plötzlich hört Cor seinen Namen. Der Gastgeber bittet „Herrn Cor Suijk“ auf die Bühne. Heute Nachmittag, sagt der Gastgeber, habe er bei einer Autofahrt etwas Wichtiges gelernt. Etwas über den alltäglichen Rassismus. Etwas über sich selbst. Das habe ihm die Augen geöffnet. Dies habe er allein Cor Suijk zu verdanken. Cor, der Hero. Als er endlich unter tosendem Applaus die Bühne verlassen kann, steht Miep da, zwinkert ihm zu und flüstert: „Ich finde, Du könntest dich bei mir bedanken.“

Wie die beiden da sitzen, sehen sie aus wie Geschwister. Etwas ganz Spürbares, aber nicht wirklich Greifbares verbindet sie. Es sind Blicke, Gesten, Halbsätze, die da mit den Autogrammkarten hin- und herfliegen. Eine Übereinkunft, die vielleicht auch aus einer Zeit kommt, in der man wenig aussprechen konnte und vieles erahnen musste.

„Miep ist ein richtiger Packesel, sie ­rackert sich ab. Fast jeden Tag hat sie irgendwo Gemüse aufgetrieben und bringt alles in großen Einkaufstaschen auf dem Fahrrad mit“, so steht es in Annes Tagebuch. „Angst? Dazu hatte ich gar keine Zeit. Den ganzen Tag habe ich im Büro gearbeitet, dann alle Einkäufe gemacht, immer quer durch die Stadt, man durfte ja nicht alles im gleichen Laden kaufen“, antwortet Miep. Wieso sie die Tagebücher ausgerechnet in der Schreibtischschublade versteckt hat, möchte ich wissen. Die war noch nicht einmal abgeschlossen, die konnte doch jeder einfach aufziehen. „Eben“, lächelt Miep.

Miep Gies gibt schon lange keine Interviews mehr, lässt sich nicht mehr foto­grafieren. Der heutige Tag ist eine Ausnahme. Eigentlich möchte sie nicht mehr darüber sprechen müssen, nicht immer und immer wieder. Denn mit den Fragen kommen die Bilder, kommen die Gefühle, kommt der Schmerz. Als ich mich verabschiede, blickt Miep Gies mich wieder an mit diesen wachsamen Augen und sagt: „Äußerlich bin ich ganz ruhig. Aber innen – da ist alles immer da.“

Bettina Flitner

Weiterlesen:
Bettina Flitner: „Frauen mit Visionen. 48 Europäerinnen“ (Fotoband Knesebeck, 19.80 €).
Melissa Müller: „Das Mädchen Anne Frank“ (List TB)

www.bettinaflitner.de

 

Porträts & Interviews

www.annefrank.de

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