In der aktuellen EMMA

Bibi & Bonnie im Baby-Paradies

So präsentieren sich Bonnie (links) und Bibi auf Instagram.
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Da liegt sie, die junge Mutter, in rosafarbenen Tüll und Satin gehüllt, ihr wenige Tage altes Baby trinkt an ihrer Brust. Die Mutter legt die Hand sanft auf die Wange des Kindes, auch, um sein Gesicht vor der Instagram-Öffentlichkeit zu verbergen. Das Bild zeigt das Model Bonnie Strange. Es ist Beweis für die Geburt der kleinen Tochter.

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Schon zuvor hatte sie die Schwangerschaft bildhaft auf Instagram inszeniert. Strange schaut mit großen blauen Kulleraugen und adrettem Pony in die Kamera, sie gibt die Lolita. Allenfalls die Traurigkeit im Blick mag verraten, dass das Leben der jungen Mutter kein Ponyhof ist. Bonnie Strange, so entnehme ich es einem Magazin, wurde noch in der Schwangerschaft von ihrem Lebensgefährten betrogen. Zur Strafe durfte er der Geburt der Tochter nicht beiwohnen.

Bilder einer neuen Form
von Mutter-
propaganda

Die Bildunterschrift lautet: „meanwhile in our little castle“. Wir sehen also, was sich gerade in Bonnies kleinem Schloss abspielt. Größer kann die Differenz zwischen Wunschtraum und Realität kaum sein. Aber so verhält es sich ja allenthalben mit den Bildern von Mutterschaft.

Natürlich sind weichgezeichnete Werbebilder vom Muttersein nichts Neues. Auf Instagram, Facebook und Co. tritt aber eine ganze Armada junger Mütter an – unter ihnen nicht wenige Influencerinnen, die ihr Geld mit aufwendiger Inszenierung und Produktplatzierung verdienen – um ihr Bild von Mutterschaft zu propagieren. Die Bilder grenzen dabei an eine neue Form von Mutterpropaganda, in deren Sound Themen wie Abtreibung absolut undenkbar sind. Denn das Baby verspricht ultimatives Glück und Erfüllung.

Die Propaganda verfängt umso mehr, da sie von den Müttern selbst stammt und nicht etwa von grauhaarigen Männern und selbsternannten Experten verkündet wird. Auch da, wo Instagram angeblich die Schattenseiten der Mutterschaft ins Bild setzt, wird die Mutterschaft als Schicksal nie in Frage gestellt sondern glorifiziert. Die Mutter ist Kämpferin oder Tigerin (wegen der Schwangerschaftsstreifen). Die Botschaft der Bilder lautet: Es ist hart, aber das ist es wert. Die subtile, aber umso wirksamere Botschaft dahinter: ­Muttersein ist unsere Bestimmung. Wie prägend solche Bilder für Millionen von Follower sind, zeigen auch andere Beispiele.

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Müssen alle Frauen Mütter sein?

© Judith Samen o.T (Opfer)
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Aus "Regretting Motherhood" von Esther Göbel
Ein Vater schrieb als Kommentar auf Facebook: „Alle jammern immer nur rum.“ Eine Frau postete: „Krank. Diese Frauen sollten sich schämen!“. Ein User namens Shrimpsmann twitterte: „#regrettingmotherhood = Egotrip.“ Die Welt betitelte die laufende Diskussion als rückständig und kompletten Unsinn. Und in dem Debattenmagazin The European bezeichnete die Kolumnistin Birgit Kelle die twitter-Kampagne #regrettingmotherhood unter der Überschrift „Werdet endlich erwachsen!“ als „Selbstmitleid in Perfektion.“ Doch was war passiert? Orna Donath, eine israelische Soziologin von der Universität Tel Aviv, hatte eine qualitative Studie durchgeführt. Die 39-Jährige erforschte ein Phänomen, das sie regretting motherhood nennt. Übersetzt heißt das so viel wie: Die Mutterschaft bereuen. Donath befragte 23 israelische Mütter im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte 70 in intensiven Interviews zu ihren Gefühlen gegenüber der eigenen Mutterrolle. Die Frauen hatten sich freiwillig als Reaktion auf einen Aufruf bei der Wissenschaftlerin gemeldet.

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Aus "Die deutsche Mutter ist heilig" von Antonia Baum
Ich habe schreckliche Angst davor, Mutter zu werden. Interessiert Sie nicht? Finden Sie heulsusenhaft, irrelevant, egal? Klingt egoistisch, selbstbezogen, unreif? Wahrscheinlich sollte ich mich nicht so anstellen und machen, was Frauen tun, seit es Menschen gibt, nämlich Kinder kriegen, die natürlichste Sache der Welt, gewissermaßen, und wenn ich schon dazu nicht in der Lage bin, so sollte ich doch wenigstens nicht darüber schreiben, denn es gibt wirklich wichtigere Sachen (Griechenland, Ukraine, brennende Flüchtlingsheime). Also, da bitte wirklich die Finger von lassen, sonst setzt es was, und zwar jene moralischen Zurichtungs- und Durchhalteparolen, die die deutschen Mütter schon immer begleitet haben: Stell dich nicht so an, reiß dich zusammen, da müssen wir alle durch. Jedenfalls liegt der Fehler auf jeden Fall bei dir, der Mutter. Du bist schuld.

Die Lage scheint sich in den letzten 40 Jahren nicht wirklich geändert zu haben. 1977 schrieb Alice Schwarzer, damals 34 Jahre alt, über ihre eigentlich gar nicht so persönliche Entscheidung, "warum ich keine Kinder habe". Und der Text klingt gar nicht so von gestern. Leider.

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