Cancel Culture gegen Lesben?

Foto: Bettina Flitner
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Das hat es in der nunmehr 47-jährigen Geschichte des LesbenFrühlingsTreffens (LFT), das in diesem Jahr virtuell stattfindet und von Bremen aus organisiert wird, noch nicht gegeben: Die Bremer Frauen-Senatorin zieht plötzlich ihre Schirmherrschaft zurück und streicht vier Wochen vor Beginn des LFT den zugesagten Zuschuss von 9.000 Euro. Referentinnen ziehen ihre Workshops und Künstlerinnen ihre Auftritte zurück. Im Netz tobt ein Shitstorm in Orkanstärke: Die LFT-Organisatorinnen werden als „faschistoid“ und „menschenverachtend“ beschimpft, es gibt Boykottaufrufe. Was ist passiert?

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In sechs der insgesamt rund 60 Workshops, Vorträge und Diskussionen geht es um ein Thema, das zurzeit ein besonders heikles zu sein scheint: das Thema Trans*. Der Felsbrocken des Anstoßes: Die Referentinnen aus dem In- und Ausland beschäftigen sich mit den problematischen Entwicklungen, die nicht nur lesbische Frauen in den letzten Jahren im Zusammenhang mit dem Transaktivismus beobachten (siehe die aktuelle EMMA).

Kann das Geschlecht tatsächlich einfach per „Sprechakt“ geändert werden?

Zum Beispiel die Tatsache, dass die Zahl pubertierender Mädchen und junger Frauen, die „transitionieren“, rasant zunimmt. Inzwischen kommen auf einen Jungen, der das Geschlecht wechseln will, zehn Mädchen. Hat das womöglich weniger mit Transsexualität zu tun als vielmehr mit den gerade für Frauen besonders einengenden Geschlechterrollen? Darum soll es im Workshop einer sogenannten De-Transitionierin gehen, also einer Frau, die zum Transmann wurde, und heute wieder als Frau lebt.

Wird das Geschlecht tatsächlich bei der Geburt „zugeteilt“ und kann es – wie es das geplante „Selbstbestimmungsgesetz“ von Grünen und FDP vorsieht – einfach per „Sprechakt“ geändert werden? Oder hat das die „Auslöschung der Kategorie Frau im öffentlichen Rechtsverkehr und damit auch der Frauenrechte und des Feminismus“ zur Folge? Auch um diese Frage soll es in einem Workshop gehen.

Der Workshop „What is the Cotton Ceiling?“ befasst sich mit einer Untersuchung, die die Britin Angela Wild in England durchgeführt hat. Sie hat Dating-Portale analysiert und lesbische Frauen nach ihren Erfahrungen befragt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Befragten einen „großen Druck“ schildern, dem Lesben ausgesetzt sind, wenn sie erklären, nicht mit körperlich biologischen Männern Sex haben zu wollen, die sich „als Frauen definieren“. Die für die Studie befragten lesbischen Frauen berichten von massiver verbaler Gewalt bis hin zu Vergewaltigungs- und Todesdrohungen sowie von körperlichen Übergriffen.

Der Vorwurf: Das LFT schließe Transfrauen aus und sei "transphob". Stimmt das?

Doch über all das soll offenbar nicht gesprochen werden dürfen. Kaum war das Programm des Lesbenfrühlingstreffens veröffentlicht, brach der Shitstorm los. Der Vorwurf: Das LFT schließe Transfrauen aus und sei „transfeindlich“ bzw. „transphob“!

Folge: Die Magnus-Hirschfeld-Stiftung, die das Lesbenfrühlingstreffen mit 2.000 Euro fördert, „distanzierte“ sich vom LFT. Man habe „mit Sorge feststellen müssen, dass das LFT 2021 trans* Lesben ausschließt und das Programm explizit trans*feindiche Programmpunkte beinhaltet“. Hätte man das Programm gekannt, hätte man das LFT „nicht gefördert“.

Nun kam die Lawine ins Rollen. Die Bremer Frauen-Senatorin Claudia Bernhard (Die Linke) sprang als Schirmherrin ab. Begründung: Das LFT sei „transphob“ und schließe trans* Lesben aus. Das allerdings ist schlicht falsch.

„Translesben haben immer zum LFT gehört, und das ist natürlich auch diesmal so“, erklärt Mit-Organisatorin Susanne Bischoff. Das habe sie der Magnus-Hirschfeld-Stiftung auch erklärt – und zwar vor deren „Distanzierung“. Dennoch behauptete der Stiftungsvorstand das Gegenteil.

EMMA fragte nach: Trifft es zu, dass die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wusste, dass es beim LFT 2021 gar keinen Ausschluss von Translesben gibt? Und wenn ja, warum hat sie dies in ihrer anschließenden Stellungnahme behauptet? Und: Will die Stiftung, die nach dem berühmten Sexualforscher Magnus Hirschfeld benannt ist und als Bundesstiftung mit jährlich einer halben Million Euro staatlich gefördert wird, tatsächlich, dass Debatten wie die auf dem LFT geplanten zum Thema Trans nicht stattfinden? Auch bei Senatorin Bernhard fragte EMMA an: Weiß sie, dass das angebliche Translesben-Verbot auf dem LFT gar nicht existiert? Antwort vom Stiftungsvorstand und der Pressestelle der Senatorin: Man könne die Fragen von EMMA „aus Zeitgründen“ leider nicht beantworten.

Und es ging weiter: Auch lesbische Initiativen wie der „Lesbenring“ oder der „Dyke March Deutschland“ distanzierten sich öffentlich – allerdings ohne bei den LFT-Veranstalterinnen überhaupt nur nachzufragen. Einschlägige Medien von taz bis Queer.de droschen ebenfalls auf das „transphobe“ LesbenFrühlingsTreffen ein. Und im Internet hagelte es Boykott-Aufrufe.  

Die Organisatorinnen sind fassungslos angesichts der "Massivität der Angriffe"

Die Organisatorinnen sind fassungslos über die „erschreckend einseitigen Darstellungen“ der „beispiellosen Medienkampagne“ und über die „Massivität der Angriffe. Frauen, die uns unterstützen, kriegen massiv Druck. Viele haben uns gesagt, dass sie Angst haben“, erklärt Susanne Bischoff. Die Organisatorinnen sahen sich genötigt, für das Bremer Studio, in dem Podiumsdiskussionen gestreamt werden, die „Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken“.

Aber: Es gebe auch viel Solidarität und Spenden von Frauen, die diese Art der Cancel Culture nicht dulden wollen. So haben sich die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die Women’s Human Rights Campaign, die Störenfriedas und eine Gruppe lesbischer Historikerinnen um Claudia Schoppmann und Kirsten Plötz zu Wort gemeldet und das Recht auf eine offene und freie Debatte eingefordert. Eine weitere Gruppe um die Filmemacherin Cristina Perincioli hat angesichts der "ungeheurlichen Hasskampagne" eine Solidaritätserklärung verfasst und erklärt: "Mit Entsetzen verfolgen wir, die UnterzeichnerInnen, den Shitstorm gegen die Organisatorinnen dieses ältesten Lesbentreffens in Deutschland. Die Kampagne ist von Unterstellungen, persönlichen Schmähungen und Aggression geprägt. Mit unserer Unterschrift stellen wir uns schützend vor die Orga-Frauen. Wir erleben diese unsägliche Kampagne als Angriff auf die Werte und die Geschichte der Frauen- und Lesbenbewegung." 

Das Lesbenfrühlingstreffen hält durch und an seinem Programm fest. Denn, so fragen die Organisatorinnen in ihrem Statement: „Wo sollen diese Diskussionen wertschätzend und auf Augenhöhe stattfinden, wenn nicht an einem Lesbenfrühlingstreffen?“

Zur Website des LesbenFrühlingsTreffens 2021 und zum Ticketshop geht es hier: www.lft2021.de   

 

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