Chloé Zhao: Sie geht ihren Weg

Frances McDormand & Chloé Zhao mit ihren sehr verdienten Oscars. - Foto: Chris Pizzello/AFP/getty images
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Ihr zweiter Film handelte von Brady, einem jungen Rodeo-Reiter, dem ein Pferdehuf den Schädel zertrümmert hat. Die bekennende Feministin Zhao verhandelte in „The Rider“ das Thema Männlichkeit so klug und einfühlsam, wie man es im Kino selten gesehen hat.

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Zhao: Ich bin selber eine Outsiderin

Und jetzt also ihr dritter Film „Nomadland“: über Menschen, die der Turbokapitalismus ausspuckt, und die sich auf den Weg machen, in ihren ärmlichen Wohnmobilen ein würdevolles Leben zu führen. Der Film räumt seit Monaten alle Preise ab, darunter den Goldenen Löwen in Venedig und die Golden Globes für den besten Film und die beste Regie.

Regisseurin Chloé Zhao bei der Premiere für "Nomadland" im Autokino. Foto: Amy Sussman/Getty Images .
Regisseurin Chloé Zhao bei der Premiere für "Nomadland", die im Autokino stattfand.
Foto: Amy Sussman/Getty Images

Jetzt also drei Oscars. Drei! Für: den besten Film, die beste Regie, die beste Hauptdarstellerin. Ein Film über Outsider, Menschen, die, aus Geldnot oder nach einem Schicksalsschlag, ihre Zelte hinter sich abbrechen und sich „neu erfinden“. Menschen wie Fern, gespielt von der einfach großartigen Frances McDormand. Mit dem Mut der Verzweiflung steigt Fern in ihren Camper, nachdem sie zuerst ihren Mann und dann ihr Haus verloren hat, um sich von nun an mit Gelegenheits-Jobs und auf der Straße durchzuschlagen.

Damit ist Chloé Zhao erst die zweite Frau, die mit einem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet wird (nach Kathryn Bigelow für "The Hurt Locker" im Jahr 2010). Die einzige Frau, die in der 76-jährigen Geschichte der Golden Globes jemals als beste Regisseurin ausgezeichnet wurde, war Barbra Streisand für „Yentl“ – vor 38 Jahren. Damals erblickte Chloé Zhao gerade in Peking das Licht der Welt.

Ihr Vater leitete ein staatliches Stahlunternehmen, ihre Stiefmutter ist die in China sehr bekannte Schauspielerin Song Dandan. Auch Stieftochter Chloé begann, sich für Filme zu interessieren, und wurde bald selbst zu einer Art Nomadin. Mit 14 besuchte sie ein Internat in Brighton, mit 18 beendete sie die High School in Los Angeles. Dort wohnte sie in Koreatown hinter einem abgeranzten Grill, der ihre „so romantische Vorstellung, die ich von Amerika hatte“ in Bratfett ertränkte.

Bevor Chloé schließlich an die New Yorker Filmhochschule ging, studiere sie Politik am Mount Holyoke-Frauencollege in Massachusetts. Sie sei ein „unabhängiger, feministischer Mensch“ und habe „Feminismus im Blut“, erklärt Zhao. Gerade deshalb habe sie es zunächst spannender gefunden, „Geschichten über männliche Charaktere aus einem weiblichen Blickwinkel zu erzählen. Ich möchte unseren Jungen zeigen, dass ein Held verletzlich sein und weinen kann.“ Ein zarter Held wie ihr Brady Blackburn in „The Rider“, in dem sie, wie in allen ihren Filmen, mit LaienschauspielerInnen arbeitete, die sich selbst spielten.

Die Regisseurin beim Dreh zu "Nomadland" mit Frances McDormand und Joshua Richards, Kameramann und Lebensgefährte. Foto: Searchlight Pictures/imago images.
Die Regisseurin beim Dreh zu "Nomadland" mit Frances McDormand und Joshua Richards, Kameramann und Lebensgefährte. Foto: Searchlight Pictures/imago images.

Frances McDormand war so angetan von „The Rider“, dass sie die Frau kennenlernen wollte, die diesen Film gemacht hatte. Das Ergebnis ist „Nomadland“. McDormand hatte bereits die Rechte an dem faktenbasierten Buch erworben. Sie produzierte den Film und spielte die Hauptrolle, alle anderen „Nomaden“ sind auch im wahren Leben in ihren Campern unterwegs. „Der Zugang zu ‚Nomadland‘ wird für viele schwierig sein“, glaubt die Filmemacherin. „Einmal wegen der Altersfeindlichkeit des Westens, und auch wegen der generellen Vorbehalte gegen Menschen, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen.“

McDormand: Heult zum Dank wie ein Wolf

Chloé Zhao selbst lebt am Rande von Los Angeles, in den Topatopa Mountains, zusammen mit Hunden, Hühnern und ihrem Lebensgefährten Joshua James Richards, der als Kameramann die poetischen Bilder in Zhaos Filmen macht.

„Die Landschaften sind Teil des Heilungsprozeses, den die Hauptfigur Fern durchlebt“, erklärt Zhao. Sie selbst habe „schon als Kind von der riesigen Steppe der Mongolei geträumt“. Stattdessen wurde es die Prärie in South Dakota. Zu den Landschaften gehören die Tiere. In ihrer kurzen Dankesrede zum Oscar zeigte Francis McDormand, was sie selber beim Drehen dieses Films gelernt hatte: Sie heulte wie ein Wolf.

CHANTAL LOUIS

 

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