In der aktuellen EMMA

Der Druck auf meine Töchter

Influencerinnen sind die neuen Idole. Sie ziehen Millionen von Mädchen in ihren Bann. - imago images/lunamarina
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Influencerinnen sind ein Fluch. Wie oft habe ich den Satz schon gedacht! Wenn unsere jugendlichen Töchter plötzlich unbedingt eine Tasche von Louis Vuitton haben wollten. „Nur diese eine einzige Tasche, sonst nichts.“ Bitte, bitte. Als ob Mädchen Handtaschen bräuchten. Noch dazu von einer sündteuren Designermarke.

Aber wir Mütter können uns den Mund fusselig reden, die 13- oder 15-Jährigen auf praktische Rucksäcke oder preiswerte Alternativen hinweisen, es dringt nicht durch zu den Kindern. Wenn eine ihrer Lieblingsinfluencerinnen eine solche It-Bag durch die Gegend schlenkert und vor Glückseligkeit strahlt, setzt bei den Mädels der Verstand aus. Dann werden die Eltern angebettelt, Sparschweine geschlachtet. Und wir führen endlose Debatten über Konsumterror. Aber gegen die Heldinnen unserer Töchter haben wir schlechte Karten.

Influencer sind Selbstvermarkter und Werbefigur in einem. Ohne sie geht heute nichts mehr, jeder Lifestyle-Konzern, ja, jeder Armaturenhersteller und Baumarkt arbeitet mit ihnen zusammen, denn Influencer kurbeln den Umsatz an. Jedes Video, jedes Selfie von ihnen wird von ihrer „Community“ aufgesogen – die Länge des Kleides, der Schnitt, die Farbe, der Preis und natürlich die Marke. Dazu die Ohrringe, das Makeup. Wie gut, dass es die passenden Tutorials gibt, wie – und mit Hilfe welcher Hilfsmittel und Produkte – man einen so wunderbar matt schimmernden Teint auf die Haut zaubert.

Ich habe mir das alles von unseren Töchtern zeigen lassen. Pia Wurtzbachs Channel. Pamela Reif, Caro Daur und „Bibi“ von BibisBeautyPalace. Wir kochen nach „Pams“ Kochbuch und haben während des Lockdowns ihre Workouts gemacht, oder waren es die von „Dagi Bee“ oder „Sophia“? Egal. Was sich mir nicht erschließt: Wie können diese Frauen mit ihrem immer gleichen Lächeln und Räkeln und Augenaufschlag, ihren hohen Stimmen und Bauch-Busen-Po-Programm Millionen von Jugendlichen in ihren Bann ziehen?

Alles, was Influencerinnen tun, beeinflusst Millionen Mädchen. Tragen sie Balenciaga, laufen die Schülerinnen mit ebensolchen Shirts in den Unterricht. Schaffen sie sich einen Welpen an, wollen ihre Fans auch so ein süßes Knuddeltier. Preisen sie den veganen Lifestyle, verweigert der Nachwuchs künftig Steaks, Milch und Omelette. Und wenn sie sich die Kilos vom Leib hungern, dann eifern die Mädchen ihnen auch darin nach.

An dem Punkt beginnt mein Unbehagen mit dem Phänomen. Influencerinnen bauen zu ihrer Community eine Nähe auf, die frühere Werbeträger nie hatten. Der Marlboro-Mann ist durch die Prärie geritten, der saß nicht mit uns am Frühstückstisch. Influencerinnen aber kommen zu uns nach Hause, haben Zugang zu den Kinderzimmern, als ewig quasselnde Entertainer, als „gute Freundin“, die unsere Töchter – und Tausende andere – an ihrem Leben teilnehmen lässt. Ganz privat. Ganz ehrlich und authentisch.

Dabei ist alles fake, eine große Show. Das durchschauen die Heranwachsenden in der Regel so nicht. Oder sie fallen trotzdem auf den Zauber herein, trotz besseren Wissens.

Wie oft haben unsere Töchter schon Instagram vom Handy gelöscht. Haben Dagi und Bibi „entfolgt“, weil sie merken, wie viel sinnlose Zeit sie da vergeuden. Wie sie ihr eigenes Leben immer langweiliger und blöder finden. Sich selbst immer hässlicher. Es ist längst wissenschaftlich bestätigt: Je länger jemand sich in den sozialen Medien bewegt, desto schlechter wird seine Stimmung. Das Selbstwertgefühl schrumpft. Das gilt insbesondere für Instagram.

Auf Insta ist immer heile Welt. InfluencerInnen sind stets mit den besten FreundInnen unterwegs. Haben die beste Zeit ihres Lebens. Und weilen an den schönsten Orten der Welt; nämlich in New York, Paris oder am Südsee-Strand, während unsere Kinder zu Hause in ihren Zimmern hocken. Und sich mit jedem Post ein bisschen schlechter fühlen.

Die Illusion vom großen Influcencer-Glück hält solange an, bis dieses in sich zusammenbricht. Wenn der Freund, mit dem gerade noch innige Selfies mit vielen Herzchen gepostet wurden, plötzlich weg ist, eine andere hat. Wenn aus der glücklichen Influencer-Kleinfamilie eine alleinerziehende Mutter mit Baby wird. Wenn die vegane Food-Bloggerin im Steak-Restaurant erwischt wird.

Oder wenn es um eine Influencerin plötzlich ganz still wird. Keine neuen Clips mehr kommen. Irgendwann meldet sie sich zurück mit einem Video mit dem Titel „Die Wahrheit hinter meiner Auszeit“ oder so ähnlich. Darin erzählt sie dann von ihren Depressionen, die sie hatte. Dass sie nicht klar kam mit dem Trubel, dem Stress, dem Druck. Dass sie gekämpft hat mit Kalorien. Dass ihr Body-Image schief war, es nicht geklappt hat mit der „Body-Transformation“, ihrer „Fitness-Journey“. Den Druck, von dem die Influencerinnen da berichten, geben sie leider ungefiltert weiter an ihre jungen Followerinnen. Die sehen die perfekten Körper ihrer Heldinnen, die oft noch mit Hilfe von Filtern in die gewünschte Form gebracht werden, und beäugen sich und die Unzulänglichkeiten ihrer Umwelt zunehmend kritisch, das haben wir hier zu Hause selbst erlebt. Dann findet die Tochter ihre Nase zu lang. Die Wangenknochen zu flach. Den Teint zu milchig, die Oberschenkel zu dick.

Es wird viel diskutiert über die Frauenfrage. Über #MeToo. Über das Gender-Gap bei der Bezahlung. Und als Eltern denkt man, da wächst eine selbstbewusste Generation von Frauen heran. Die wissen, was ihnen zusteht und fordern es lautstark ein – die Hälfte der Macht, die Hälfte der Vorstandsposten und 100 Prozent Selbstbestimmung.

Aber wer einen Blick auf die Handys des Nachwuchses wirft, sieht eine andere Welt, in der es von Stereotypen nur so wimmelt. Da wickelt „Bibi“ ihre Beine in Frischhaltefolie, damit sie dünner wirken. Ich werde nie vergessen, wie unsere Tochter mir das Video gezeigt hat, mit der ernstgemeinten Frage, ob das wirklich hilft. Oder wie „Sophia“ ihren Body von ihrem Freund begutachten lässt, an dem sie „jahrelang hart gearbeitet“ hätte. „Formcheck“ nannte sie das in dem Video. Fleischbeschau wäre treffender. „Adorable Caro“ hat sich mit 18 Jahren ihren Herzenswunsch erfüllt – eine Brustvergrößerung in Australien. Und unsere Töchter stehen da mit Körbchengröße A. Was hat es uns an Zeit gekostet, sie zu beruhigen, dass ein kleiner Busen in Ordnung ist. Dass ein paar Kilo zu viel in Ordnung sind. Dass auch Einsamkeit und schlechte Laune in Ordnung sind.

Irgendwie stecken wir noch ganz tief in den Rollenklischees und Stereotypen des vorigen Jahrhunderts! Nur hatten wir es damals nicht von morgens bis abends mit einer ganzen Zunft professioneller, hochbezahlter InfluencerInnen zu tun, die auf uns einsäuseln, wie wir zu sein haben.

Was das mit den Heranwachsenden macht? Die Messlatte für sie liegt heute extrem hoch – für Gefühle, für die Liebe, für den eigenen Körper. Der Hang zur Selbstoptimierung ist gerade bei den Mädchen riesig. Und ein Bereich, der sich am besten steuern lässt, ist die Ernährung. Ein paar Kilo runter, schon fühlt man sich besser. Was die Influencerinnen vormachen, klappt auch daheim. So werden aus den Mädchen kleine Kontrollfreaks. Sie drosseln die Ernährung, freuen sich über jedes Kilo, das fällt. Posten Bilder von Schlüsselbeinen, die vorstehen. Wie ihre YouTube-Heldinnen zelebrieren sie den Verzicht. Auf Fleisch. Fisch. Gluten. Zucker. Wegen der Gesundheit, der Haut, der Umwelt, den Tieren. Legen unsere Töchter sich ein Stück Hähnchen auf den Grill, werden sie schräg angeguckt. Also lassen sie es beim nächsten Mal lieber sein.

Treffen sie Freundinnen zum Essen, richten sie riesige Platten her: Eine bunte Auswahl an Gemüse – Tomate, Paprika, Gurke, Blumenkohl, Brokkoli. Alles roh. Salat ohne Dressing. Wunderschön anzusehen, nur satt werden die Jugendlichen davon nicht. Und manchmal ist es von da nur ein schmaler Grat zur Essstörung. Das lernen die Mädchen erst, wenn sie mitten drinstecken. Genau wie die Influencerinnen, die in ihrer „Beichte“ über ihre früheren Fressattacken oder Hungerphasen berichten. Im Nachhinein. Wenn sie wieder alles im Griff haben. Alles perfekt ist. Oder zumindest wirkt. Aber zwischen Schein und Sein klafft eine gewaltige Kluft – und die kann unglücklich machen. Oder sogar krank.

BETTINA WEIGUNY

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