„Der Fisch stinkt vom Kopf her!“

Artikel teilen

Sie sind bis 2013 Lehrerin an einer kombinierten Grund- und Hauptschule gewesen. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht, wie Lehrerinnen sie in EMMA beschrieben haben?
Ich hatte Einblick in die Arbeit von insgesamt neun Schulen, darunter auch in sozialen Brennpunkten in Hamburg, wo in den 1970er-Jahren schon 70 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund hatten. Und ich habe in all den Jahrzehnten die Erfahrung gemacht, dass es stark von der Leitung abhängt, ob das Klima an der Schule offen und unterstützend ist. Der Fisch stinkt vom Kopf.

Lehrerinnen beklagen, dass sie einzelnen SchülerInnen nicht mehr gerecht werden, weil sie überfordert sind mit Inklusions-­Kindern, vernachlässigten Kindern, Flüchtlingskindern oder Jungen, die Frauen nicht akzeptieren.
Der Fehler, den die deutsche Politik schon früher gemacht hat, ist derselbe, den sie heute macht: An solchen Schulen müssen die Schülerinnen und Schüler viel mehr ­gefördert werden. Sie und die Lehrkräfte brauchen viel mehr Zeit, u. a. für die Kommunikation mit den Eltern, dem Jugendamt oder für die Mitarbeit in Stadtteil-Konferenzen. In EMMA beklagt eine Lehrerin aus Sachsen, dass die Gelder für die Schulen nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden – egal, mit welchem Päckchen ein Kind in die Schule kommt. Das machen andere Länder besser.

Wie denn?
Ich war im März auf einer Konferenz, bei der sich die 25 OECD-Länder getroffen haben, die bei PISA am besten abschneiden. Da sagte der schottische Bildungsminister: „Wir haben entschieden, dass wir unsere Brennpunktschulen mit 845 Millionen Euro extra ausstatten.“ Schottland hat 5,9 Millionen Einwohner. Wenn man das auf unsere 80 Millionen Einwohner umrechnet, bedeutet das, dass wir in Deutschland 11,5 Milliarden Euro zusätzlich in die Brennpunkt-Schulen investieren würden!

Und Deutschland?
In Schleswig-Holstein haben wir angefangen, in den Förderschulen für Personal und Mittel einen Sozial-Index einzubeziehen. Hamburg macht das inzwischen auch und in Nordrhein-Westfalen überlegt man ebenfalls, das zu tun. Wenn in Gelsenkirchen in bestimmten Stadtteilen die Hütte brennt, dann müssen da eben Extra-Ressourcen hin. Wir wollen ja nicht, dass wir in die gleiche Situation kommen wie in den Banlieues in Frankreich. Aber dazu bräuchte es den politischen Willen.

Sehen Sie diesen Willen in der Politik?
Die Antwort, die ich als GEW-Vorsitzende bekomme, ist immer: Das ist Länder­sache! Und die Länder sagen mir: Wir ­haben die Schuldenbremse, wir müssen sparen. Und das hat seit dem Jahr 2000 dazu geführt, dass zum Beispiel allein bei den Schulgebäuden ein Investitionsstau von 34 Milliarden Euro drückt.

Ist nicht im Gespräch, Bildung zur Bundes­sache zu machen?
Wir haben seit 2006 im Zuge der Föderalismusreform das so genannte „Kooperationsverbot“ zwischen Bund und Ländern. Es verbietet dem Bund, die Länder dauerhaft bei der Finanzierung der Bildungsaufgaben zu unterstützen. Langsam sehen nun alle ein, dass man das aufheben und einen gemeinsamen Weg gehen muss. Zum Beispiel beim Thema Flüchtlingskinder. Die Schulen ­haben 300.000 Schülerinnen und Schüler integriert. Das haben die Länder weitgehend selbst stemmen müssen. Man muss sich mal vorstellen, wie viele Klassen das sind! Ich habe der Politik vorgerechnet, dass wir dazu 24.000 mehr Stellen für Lehrerinnen und Lehrer bräuchten. Da hätte die Kanzlerin ­sagen müssen: Wir müssen da noch mehr Geld in die Hand nehmen! Konnte sie aber wegen des Kooperationsverbots nicht.

Haben Sie den Eindruck, dass die Kanzlerin diesen Fehler mit der nächsten Regierung korrigieren wird?
Nachdem die Jamaika-Sondierung geplatzt ist, sollten wir jetzt erst einmal abwarten.

Lehrerinnen klagen darüber, dass sie von so manchem Jungen aus islamischen Familien nicht ernst genommen werden. Eine Lehrerin beklagte, dass ein Film über Darwin ausgebuht wurde, weil angeblich Allah die Welt erschaffen habe.
Erdoğan hat ja gerade in der Türkei eine Revision der Lehrpläne angeordnet. Dort soll jetzt die Evolutionstheorie nicht mehr unterrichtet werden. Das nehmen sich manche türkische Schüler zum Vorbild. Viele Kolleginnen, die in den so genannten Willkommensklassen Flüchtlingskinder unterrichten, berichten allerdings auch, dass sie lange nicht so wissbegierige Kinder erlebt haben. Für diese ist die Schule oft der erste richtige Halt. Wir wissen aber, dass sich manchmal in bestimmten Regionen – zum Beispiel um eine bestimmte Moschee herum – die Kinder radikalisiert haben. Kolleginnen aus Neukölln berichten mir, dass es arabische, albanische oder russische Clans gibt, das kann sich dann in der ­Schule auswirken. Für so etwas braucht eine Schule einen Verhaltenskodex: Wie gehen wir mit radikalisierten Kindern um? Und da sind wir wieder beim Anfang: Der Fisch stinkt vom Kopf. Eine Schule sollte Pro­bleme nicht verschweigen, sondern muss sie angehen.

Lehrerinnen beklagen aber, dass viele Schulleitungen das Gegenteil tun, nämlich: Das Problem unter den Teppich kehren, weil sie um den Ruf der Schule fürchten.
Das ist ein Problem. Früher gab es ja Schulen mit festen Einzugsbereichen. Das wurde – mit dem Argument, dass Wettbewerb untereinander die Qualität der Schulen fördert – aufgehoben. Diese Entscheidung fördert aber die Haltung von Schulleitungen, ihre Schule nach außen möglichst gut dastehen zu lassen. Und eine Kollegin, die Probleme anspricht – von Drogenmissbrauch über Sexismus bis Cybermobbing – steht dann leicht als Nestbeschmutzerin da. Deshalb braucht es einen klaren Kodex.

Was tut denn die GEW, um die Schulen und Lehrerinnen in diesem Sinn zu stärken?
Wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sind ja auch Personalräte oder Gleichstellungsbeauftragte. Und wenn ­diese merken, dass eine Schulleitung ein Thema wegdrückt, mischen sie sich ein. In vielen Bundesländern haben Lehrkräfte, Schülerinnen, Schüler und Eltern gemeinsam ein Leitbild entwickelt. Da geht es um Fragen des Zusammenlebens. Die Schulen sind da sehr unterschiedlich aufgestellt. Und wir führen natürlich viele Auseinandersetzungen. Etwa: Wo ist die Grenze der Religionsfreiheit?

Vertritt denn die GEW in diesen Fragen eine klare, einheitliche Linie?
Zum Kopftuch zum Beispiel verhalten wir uns offen. Die einen plädieren für Toleranz, damit die Mädchen nicht ausgegrenzt werden. Die anderen sagen, das Kopftuch sei kein religiöses, sondern ein Symbol der Unterordnung. Da haben wir eine Diskussion, die noch nicht abgeschlossen ist. Beim Thema Klassenfahrt hingegen haben wir die klare Haltung, dass Mädchen daran teilnehmen müssen.

In Ihrer Gewerkschafts-Zeitung Erziehung & Wissenschaft spiegelt sich diese Auseinandersetzung allerdings nicht. Ist das Problem der zunehmenden Radikalisierung muslimischer Schüler und auch Schülerinnen womöglich auch bei Ihnen ein Tabuthema?
Nein, das sehe ich nicht so. Wenn das an uns herangetragen würde, würden wir uns damit beschäftigen. Übrigens haben wir kürzlich in der E&W über das Thema Burkini berichtet. Es gab auch Leserreak­tionen auf den Beitrag.

Fast jedes zweite Mädchen klagt laut einer aktuellen Studie über sexuelle Belästigung, die häufig auch an Schulen stattfindet.
Diesem Thema widmet sich die GEW schon sehr lange. Ich habe zusammen mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung seine Kampagne „Schule gegen sexuelle Gewalt“ eröffnet. Zum Cybermobbing zum Beispiel haben wir zusammen mit der „Aktion Jugendschutz“ und der Polizei Fachtagungen gemacht. Da ging es sowohl darum, wie Kolleginnen und Kollegen die Kinder schützen können, aber auch sich selbst. Leider ist das mit den sozialen Medien sehr schwierig. Ich habe selbst den Fall erlebt, dass ein Mädchen an einer Schule über Facebook sehr stark gemobbt wurde. Sie hat dann die Schule gewechselt und ist nach Nordrhein-Westfalen zu den Großeltern gezogen. Aber wenn man ihren Namen bei Google eingibt, wissen an der neuen Schule wieder alle Bescheid. Deshalb muss an den Schulen viel stärker präventiv gearbeitet werden. Auch da braucht es einen Verhaltenskodex.

Die Verfasserin der Studie, Sabine Maschke, stellt einen klaren Zusammenhang zwischen sexuellen Übergriffen auf Mädchen und der zunehmenden Pornografisierung her. Sie fordert deshalb Fortbildungen, damit Lehrerinnen und Lehrer dieses Thema auch im Unterricht behandeln. Unterstützen Sie das?
Ja. Ich finde es notwendig, dass solche Themen im Rahmen der Sexualerziehung bearbeitet werden. Für den Sexualkundeunterricht laden Kolleginnen und Kollegen gern Teams von außen an die Schule ein, zum Beispiel von Pro Familia. Und im Zuge dieser Sexualaufklärung geht es meist auch um das Thema Pornografie. Aber das ist dann häufig der Initiative einzelner Lehrkräfte überlassen. Vielleicht sollten wir einen Vorstoß unternehmen, dass das Thema in den Lehrplan aufgenommen wird.

Lehrerinnen beklagen auch, dass es einen Backlash in Sachen Geschlechterrollen gibt. Motto: Jungs bzw. Mädchen sind „nun mal so“!
Damit haben wir in der Tat zu kämpfen. Wir fordern, Schulbücher mit Blick auf Geschlechter-Klischees zu überarbeiten. Die Rolle rückwärts wird stark durch Medien und Werbung beeinflusst: von Prinzessin Lillifee bis zu „Germany’s Next Topmodel“. Ein Problem ist auch der hohe Computerkonsum insbesondere der Jungen, die dann mit Konzentrationsschwierigkeiten in die Schule kommen. Medienkompetenz und Selbstreflexion brauchen mehr Platz in der Schule. Der rosa Ranzen war schon fast verschwunden. Jetzt ist er wieder modern und in die Schule zurückgekehrt.

Das Gespräch führte Chantal Louis.

Ausgabe bestellen