Der kleine Unterschied und die Folgen

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Ende August 1975 erschien „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ von Alice Schwarzer. Die Aufregung war gewaltig. Schon nach wenigen Tagen wurde nachgedruckt – und seither nicht mehr mit dem Drucken aufgehört. Der „Kleine Unterschied“ ist ein Longseller – und zum geflügelten Wort geworden.

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Alice Schwarzer: "Beim Ehestreit lag ich quasi auf der Bettritze."

In 16 repräsentativ ausgewählten Gesprächen - von der 21- bis zur 52-Jährigen, von der Hausfrau bis zur Studentin, von der „glücklich Verheirateten“ bis zur heimlichen Lesbe - redete die Autorin mit Frauen: über deren Sexualität – und ihr Leben, das sich darin spiegelte. Schwarzer postuliert eine angeborene Bisexualität und analysiert die „kulturelle Zwangsheterosexualität“ als "kulturell konstruiert" (wie es heute formuliert würde) und als patriarchales Herrschaftsinstrument.

„Das Buch machte mich mit einem Schlag berühmt und berüchtigt. Für die einen war ich die Buhfrau der Nation, für die anderen eine Vertraute“, sagt sie heute. „Beim Ehestreit lag ich sozusagen auf der Ritze: pro oder contra Alice.“

Millionen Frauen erkannten sich in den Gesprächen wieder. Der Bestseller wurde in zwölf Sprachen übersetzt.

Jetzt sucht Alice Schwarzer Frauen (und Männer), deren Leben vom „Kleinen Unterschied“ berührt oder gar verändert wurde, damals oder heute. - Schreibt es auf! Und schickt es an: alice.schwarzer@emma.de. Stichwort: Der kleine Unterschied.

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Alice Schwarzer schreibt

Der kleine Unterschied

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Fast immer, wenn ich in den letzten Jahren mit Frauen geredet habe, egal worüber und egal mit wem – ob mit Hausfrauen, Karrierefrauen oder Feministinnen, fast immer landeten diese Gespräche bei der Sexualität und bei den Männerbeziehungen dieser Frauen. Auch und gerade Frauen, die sich in anderen Bereichen scheinbar weitgehend emanzipiert hatten, blieben in ihrem Privatleben ratlos. Am schlimmsten ist es in der Sexualität: die „Sexwelle“, Oswald Kolle und Wilhelm Reich brachten den Frauen nicht mehr Freiheit und Befriedigung, sondern mehr Selbstverleugnung und Frigidität.

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Mir ist heute klar geworden, dass die Sexualität der Angelpunkt der Frauenfrage ist: Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen. Hier fallen die Würfel. Hier liegen Unterwerfung, Schuldbewusstsein und Männerfixierung von Frauen verankert. Hier steht das Fundament der männlichen Macht und der weiblichen Ohnmacht. Hier entzieht sich scheinbar „Privates“ jeglicher gesellschaftlichen Reflexion. Hier wird die heimliche Wahrheit mit der öffentlichen Lüge zum Schweigen gebracht.

Das aufzubrechen, Frauen zu zeigen, dass ihre angeblich persönlichen Probleme zu einem großen Teil unvermeidliches Resultat ihrer Unterdrückung in einer Männergesellschaft sind, ist mein Anliegen. Frauen werden sich in den Protokollen wieder erkennen und entsetzt und erleichtert zugleich sein: entsetzt, weil andere das aussprechen, was sie selbst sich oft nicht eingestehen können und wollen; und erleichtert, weil sie nicht länger allein sind, weil andere Frauen ähnliche Problem haben.

Und Männer? Viele werden es sich einfach machen, werden sagen, bei ihnen und ihrer Frau/Freundin sei alles ganz anders. Einige aber werden erschüttert sein über den Preis, den sie für den „kleinen Unterschied“ zahlen. Am schlimmsten ist es da, wo wir dank des Unterschiedes angeblich füreinander geschaffen sind: in der Sexualität. Da spiegeln sich Männergesichter in den Augen gedemütigter Frauen wie unmenschliche Fratzen.

Fast immer wenn ich in den letzten Jahren versucht habe, mit Männern über Emanzipation zu reden, landeten diese Gespräche beim kleinen Unterschied. Das sei ja alles schön und gut mit der Emanzipation, und es läge auch noch so manches im Argen (so die Fortschrittlichen), aber den kleinen Unterschied - den wollten wir doch hoffentlich nicht auch noch abschaffen? Oh nein! Nie würden wir uns erkühnen! Selbstverständlich nicht.

Aber Zeit, endlich einmal zu fragen, worin er eigentlich besteht, dieser gern zitierte kleine Unterschied. Und, ob er tatsächlich rechtfertigt, dass aus Menschen nicht schlicht Menschen, sondern Männer und Frauen gemacht werden.

Lange muss man in dieser potenzwütigen Männergesellschaft nach besagtem Unterschied nicht suchen: tatsächlich nicht sehr groß. Im schlaffen Zustand, so versichern die Experten, acht bis neun Zentimeter, im erigierten sechs bis acht Zentimeter mehr. Und in diesem Zipfel liegt das Mannestum? Liegt die magische Kraft, Frauen Lust zu machen und die Welt zu beherrschen? Die Zipfelträger zumindest scheinen davon überzeugt zu sein...

Doch Biologie ist nicht Schicksal, sondern wird erst dazu gemacht. Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht Natur, sondern Kultur. Sie sind die in jeder Generation neu erzwungene Identifikation mit Herrschaft und Unterwerfung. Nicht Penis und Uterus machen uns zu Männern und Frauen, sondern Macht und Ohnmacht. Die Ideologie vom Unterschied und den zwei Hälften, die sich angeblich so gut ergänzen, hat uns verstümmelt und eine Kluft zwischen uns geschaffen, die heute kaum überwindbar scheint.

Frauen und Männer fühlen unterschiedlich, denken unterschiedlich, bewegen sich unterschiedlich, arbeiten unterschiedlich, leben unterschiedlich. Nichts, weder Rasse noch Klasse, bestimmt so sehr ein Menschenleben wie das Geschlecht. Und dabei sind Frauen und Männer Opfer ihrer Rollen – aber Frauen sind noch die Opfer der Opfer.

Je genauer wir hinschauen, um so tiefer wird die Kluft zwischen den Geschlechtern. Nur wer es wagt, diese Kluft auszuloten, wird sie eines fernen Tages vielleicht auch überwinden. Nur wer Existierendes eingesteht, wird es auch verändern können. Langfristig haben dabei beide Geschlechter zu gewinnen, kurzfristig aber haben Frauen vor allem ihre Ketten und Männer ihre Privilegien zu verlieren.

Bei meinen zahlreichen Gesprächen in den letzten Jahren habe ich den Eindruck gewonnen, dass zwei Drittel aller Frauen akut oder zeitweise „frigide“ sind, genauer: frigide gemacht worden sind. Die Schätzungen der Sexualwissenschaft sind trotz Tabuisierung des Themas und großer Dunkelziffer nicht weit davon entfernt. Experten vermuten, dass jede dritte oder zweite Frau akut frigide ist und fast alle Frauen massive Schwierigkeiten in der Sexualität kennen.

Mit solchen Zahlen vor Augen wird erst richtig klar, wie makaber die sogenannte Sexwelle für Frauen ist. Früher konnten Frauen sich aus Prüderie oder Angst vor unerwünschter Schwangerschaft wenigstens weigern, wenn sie keine Lust hatten, heute haben sie dank Aufklärung und Pille zur Verfügung zu stehen. Nach ihren Bedürfnissen fragt niemand.

Prof. Bell veröffentlichte 1974 in den USA eine Untersuchung bei 2.373 Frauen und resümierte: Die Frauen sind so frigide wie vor 20 Jahren. Nur behaupten sie heute, im Unterschied zu früher, „in überwältigender Mehrheit“, das sexuelle Zusammensein „nicht mehr als Pflicht zu empfinden, sondern Spaß daran zu haben“.

Und vom Hamburger Institut für Sexualforschung berichten Prof. Schorch und Gunter Schmidt, dass Männer zunehmend ihre Fraue in die Sexualberatung schicken, damit sie „richtig funktionieren“: „Immer wieder sind in den letzten Jahren Frauen in die Sprechstunde gekommen mit Erklärungen wie: Mein Mann hat mich aufgefordert etwas zu unternehmen, damit ich einen Orgasmus bekomme. Er verlangt von mir, dass ich richtig reagiere.“

Und auf Vorstadtbällen ist es schon lange üblich, dass Jungen Mädchen vor dem Tanz fragen: „Hast du heute schon geschluckt?“ – die Pille nämlich. Hat sie noch nicht geschluckt, wird gar nicht erst mit ihr getanzt - sie ist ja doch nicht zu gebrauchen... Eine 15-jährige Schülerin, die noch keine sexuelle Beziehung hatte, antwortete einem Journalisten auf die Frage, warum sie die Pille nehme: „Damit ich vielleicht auch einmal einen Jungen kennen lerne, mit dem ich ein wenig länger zusammen sein kann.“ „Wie lange?“ „Na, vielleicht ein paar Wochen, das wäre schön.“

Was bedeutet: Frauen erkaufen sich menschliche Nähe, Hautkontakt, Zärtlichkeit und soziale Anerkennung durch Sex. Auch wünschenswerte Freiheiten wie Verhütung oder legaler Schwangerschaftsabbruch können Frauen noch unfreier machen, als Bumerang auf die Frauen zurückschlagen. Darum muss jede Liberalisierung gerade auch in der Sexualität Hand in Hand gehen mit mehr Bewusstsein und mehr Unabhängigkeit. DAmit die Frauen die neuen Freiheiten für sich selbst nutzen können, anstatt sich wieder nur benutzen zu lassen.

Noch im 19. Jahrhundert schrieb der berühmte englische Arzt Acton: „Der Gedanke an sexuelle Lust bei Frauen ist eine niederträchtige Verleumdung.“ Mädchen, Ehefrauen und Mütter hatten keine Sexualität zu haben. Die wenigen, die eine hatten, waren Huren und wurden von Männern, die es sich leisten konnten, dafür bezahlt. Im Zuge der Demokratisierung steht heute jedem Mann eine Hure, Mutter, Gefährtin und Dienstmagd in Personalunion zu. Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!, so lautetet einer der 68er-Slogans.

Als „frigide“ gilt heute eine Frau, die keinen „vaginalen Orgasmus“ bekommt, das heißt, einen Orgasmus, der ausschließlich durch das Eindringen eines Penis in die Scheide ausgelöst wird. Das ist die wissenschaftliche Definition. Gleichzeitig aber weiß diese Wissenschaft, dass es den vaginalen Orgasmus gar nicht gibt. Der Kinsey-Report basiert auf der Befragung von 6.000 Frauen und eben sovielen Männern. Er ist die bisher umfassendste Studie der herrschenden Sexualpraktiken und konstatiert in nüchternen Zahlen und Fakten: Es gibt keinen vaginalen Orgasmus, es gibt nur einen klitoralen, das heißt einen körperlich durch die Klitoris ausgelösten Orgasmus. Die Klitoris ist das weibliche Pendant zum männlichen Penis, das erotische Zentrum des weiblichen Körpers.

In den 60er Jahren bestätigten Masters und Johnson ("Die sexuelle Revolution") Kinseys Befragungen mit präzisen physiologischen Messungen und Laborbeobachtungen. Auch sie kamen zu dem Schluss: Es gibt keinen vaginalen Orgasmus. Er ist eine physiologische Absurdität, denn die Vagina hat so viele Nerven wie der Dickdarm, das heißt: fast keine. Ihr Hauptteil kann ohne Betäubung operiert werden. Frauen wissen selbst sehr gut, dass sie ein Tampon gar nicht spüren. In der Vagina spielt sich schlicht nichts ab.

Zur physischen sexuellen Stimulierung muss der klitoriale Bereich direkt oder indirekt gereizt werden - abgesehen von den psychischen Komponenten eines Orgasmus, der körperlich letztendlich jedoch auch in der Klitoris ausgelöst wird. Bei der Penetration, dem Eindringen eines Penis in die Scheide, findet die körperliche Stimulierung meistens nicht statt: die Klitoris liegt zu sehr vorne, um automatisch mit berührt zu werden. Masturbierende Frauen wissen das sehr gut. Sie berühren sich fast immer nur außen, also an der Klitoris, und selten innen in der Scheide und kommen dabei zu 85% zum Orgasmus (Sexualforscher Giese). Die Frauen spüren instinktiv, wo ihr Lustzentrum liegt.

„Gleichzeitig aber wächst makabererwiese die Zahl der Frauen (und Männer), welche die Gleichung Vaginalorgasmus – Normalität bedingungslos akzeptieren. Die Folge davon ist ein stetig wachsendes Schuldgefühl, ein Bewusstsein der Furcht und des Ressentiments bei in jeder Beziehung durchaus gesunden Frauen, denen es aber nicht gelingen will, jenen so schwer greifbaren Preis zu erringen“ (klagt die Sexualforscherin Mary Jane Sherfey in ihrem Buch "Die Potenz der Frau", 1973).

Die Amerikanerin geht dem „Unterschied“ bis in den Mutterleib nach. Sie erinnert daran, dass, rein embryologisch gesehen, die biologische Weiblichkeit und Männlichkeit nur leichte Varianten ein und desselben Grundmusters sind. Dass am Anfang nicht Adam ist, sondern Eva: Zwar liegt bei jeder Befruchtung das Geschlecht fest, doch ist zunächst jeder Embryo weiblich. Erst in der fünften Woche „maskulinisieren“ Androgene die ursprünglich weiblichen Fortpflanzungsanlagen und Sexualorgane des zukünftig männlichen Embryos. Sherfey: „Embryiologisch gesehen ist es durchaus richtig, im Penis eine wuchernde Klitoris, im Skrotum eine übertrieben wuchernde Schamlippe, in der weiblichen Libido die ursprüngliche zu sehen! Die moderne Embryiologie müsste für alle Säugetiere den Adam-und-Eva-Mythos umkehren.“

Wie aber konnte es dann überhaupt zu diesem offenbar absurden Dogma vom vaginalen Orgasmus kommen? Wie zu der zentralen Bedeutung einer Sexualpraktik, die Frauen frigide macht und oft genug ungewollt schwanger macht auch für Männer nicht zwangsläufig die körperlich befriedigendste Praktik sein muss? Was spricht für die Penetration? Nichts bei den Frauen, viel bei den Männern. Denn der die Frau zur Passivität verdammende Koitus ist für Männer die unkomplizierteste und bequemste Sexualpraktik: Sie müssen sich nicht mit der Frau auseinandersetzen, müssen sie weder seelisch noch körperlich stimulieren – Reinstecken genügt. Hinzu kommt die psychologische Bedeutung für diesen Akt  des Eindringens: Bumsen, wie es im Volksmund so treffend heißt, als Demonstration männlicher Potenz.

Aber das allein erklärt noch nicht den absoluten Zwang zu sexuellen Normen, die konträr zu den Bedürfnissen der Hälfte der Menschheit steht und zusätzlich die Belastung der Verhütung nach sich zieht. Man stelle sich das vor: Das ganze Grauen der ungewollten Schwangerschaften und Abtreibungen, die Nebenwirkungen der Pille und die Entzündungen durch Pessare – alles wäre mit einem Schlag überflüssig, wenn Frauen Sexualität ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechend erleben könnten. Die Penetration in der Heterosexualität wäre dann keine Liebespraktik mehr, sondern der Zeugung vorbehalten. Die Gründe für das unrealistische Dogma vom vaginalen Orgasmus müssen gewichtig sein.

Ich meine: Nur der Mythos vom vaginalen Orgasmus (und damit von der Bedeutung der Penetration) sichert den Männern das Sexmonopol über Frauen. Und nur das Sexmonopol sicher den Männern das private Monopol über Frauen, das wiederum das Fundament des öffentlichen Monopols der Männergesellschaft über alle Frauen ist.

In unserer Kultur, in der Menschen einsam sind, wenn sie keine Liebesbeziehungen haben, in der sie sich Gefühl und Zärtlichkeit mit Sex erkaufen müssen, sind Frauen wie Männer auf sexuelle Beziehungen angewiesen. Wenn diese Sexualität nur unter den Vorzeichen des „Unterschiedes“ möglich ist, ist Heterosexualität absolut vorrangig und sind Frauen und Männer aufeinander angewiesen. Das Monopol ist also scheinbar unumkehrbar. Aber nur scheinbar.

Denn ein Mann ohne Frau ist in unserer Gesellschaft allemal ein Mann, eine Frau ohne Mann aber keine Frau. Männer finden ihre Existenzberechtigung nicht nur in der privaten Beziehung, sie haben noch andere Bereiche der Bestätigung. Ein Mann, der im Privatleben scheitert, es aber im Beruf schafft, ist anerkannt. Eine Frau kann im Beruf noch so tüchtig sein, sie wird immer an ihrem Privatleben gemessen werden. So ist einer Simone de Beauvoir ein Leben lang die verweigerte Mutterschaft vorgeworfen worden. Wer käme darauf, Sartre nach der verpassten Vaterschaft zu fragen?

Eine Frau hat keine Existenzberechtigung als autonomes Wesen, sondern nur in Bezug auf den Mann. Ihre Definition ist die eines Geschlechtswesens. Das Sexmonopol von Männern über Frauen sichert ihnen also gleichzeitig das emotionale Monopol: Frauen verlieben sich selbstverständlich nur in Männer; das soziale Monopol: Frauen sind zur sozialen Anerkennung auf Männer angewiesen; und das ökonomische Monopol: Frauen akzeptieren aus „Liebe zum Mann“ Gratisarbeit im Haus und Zuverdiener-Jobs im Beruf. Darum kann nur die Erschütterung des männlichen Sexmonopols von Grund auf die Geschlechterrolle ins Wanken bringen.

Kategorien wie Heterosexualität und Homosexualität sind kultureller Natur und nicht biologisch zu rechtfertigen. Die herrschende Heterosexualität ist eine kulturell erzwungene, eine Zwangsheterosexualiät. Wir unhaltbar sie von Natur aus ist, legte schon Kinsey in seinem Report über "Das sexuelle Verhalten der Frau" dar: „Man kann nicht häufig genug betonen, dass das Verhalten eines jeden Lebewesens von der Art des Reizes, der es trifft, von seinen anatomischen und physiologischen Fähigkeiten und von seinen früheren Erfahrungen abhängig ist. Die Klassifizierung des sexuellen Verhaltens als onanistisch, heterosexuell und homosexuell ist daher sehr unglücklich, wenn dies den Gedanken nahe legt, dass drei verschiedene Reaktionstypen beteiligt seien oder dass nur verschiedene Typen von Menschen je eine dieser sexuellen Betätigungen suchen oder bejahen. Es ist uns in der Anatomie oder Physiologie der sexuellen Reaktion und des Orgasmus nicht bekannt geworden, wodurch sich onanistische, heterosexuelle und homosexuelle Reaktionen unterscheiden. Die Ausdrücke sind nur deshalb von Wert, weil sie die Quelle der sexuellen Reize angeben, sollten aber nicht zur Charakterisierung der Personen verwendet werden, die auf die jeweiligen Reize reagieren. Unser Denken wäre klarer, wenn die Ausdrücke vollständig aus unserem Wortschatz verschwänden, denn dann könnte das zwischenmenschliche Sexualverhalten als Betätigung zwischen Mann und Frau oder zwischen zwei Frauen oder zwischen zwei Männern beschrieben werden, was eine objektive Darstellung der Tatbestände wäre.

In einer Kultur, in der Zeugung nicht länger primärer Impuls für menschliche Sexualität ist, müsste also bei freien Entfaltungsmöglichkeiten die Homosexualität ebenso selbstverständlich sein wie Heterosexualität und Eigensexualität. Dass sie das nicht ist, hat politische Gründe. Nur eine zum Dogma erhobene Heterosexualität kann das männliche Sexmonopol sichern – ihr Vorwand ist der „kleine Unterschied“: Er stellt die Weichen für die Abhängigkeit der Frauen von Männern.

Wenn Frauenliebe für Männer kein selbstverständliches Privileg mehr wäre, würden sie sich anstrengen müssen. Um mithalten zu können, müssten sie sich umstellen. „Ihn einfach reinstecken“ ist dann kein lebensfüllendes Programm mehr. Darum und aus keinem anderen Grund klammern sie sich so an ihren kleinen Unterschied. „Eine wirklich befreiende Ethik auf diesem Gebiet muss das Dogma der Vorrangigkeit der Heterosexualität verwerfen. Eine nicht repressive Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der Frauen subjektiv und objektiv Männern gleich sind, wird zwangsläufig eine androgyne, eine zweigeschlechtliche Gesellschaft sei“, schreibt Susan Sontag 1972 in ihren "Reflektionen über die Befreiung der Frau".

Und Shulamith Firestone fordert 1974 in "Frauenbefreiung und sexuelle Revolution": „Die feministische Revolution darf nicht einfach auf die Beseitigung männlicher Privilegien, sondern muss auf die Beseitigung des Geschlechtsunterschiedes selbst zielen: Genitale Unterschiede zwischen den Geschlechtern hätten dann keine gesellschaftliche Bedeutung mehr.“

Geschlecht wäre nicht mehr Schicksal. Menschen wäre in erster Linie Menschen und nur in zweiter biologisch weiblich oder männlich. Frauen und Männern würde kein Rollenverhalten mehr aufgezwungen, der Männlichkeitswahn wäre so überflüssig wie der Weiblichkeitskomplex. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Ausbeutung wäre aufgehoben. Nur die biologische Mutterschaft bliebe Frauensache, die soziale Mutterschaft aber ginge Männer ebenso an wie Frauen. Das Leben von weiblichen und männlichen Menschen verliefe nicht länger nach Rollenzwängen, sondern nach individuell unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen – unabhängig vom Geschlecht.

Doch bei diesen Veränderungen kann und darf es nicht um neue Normen gehen. Nicht alle Frauen sollen bisexuell oder lesbisch werden. Aber alle Frauen sollen die Möglichkeit haben, bisher Selbstverständliches in Frage zu stellen. Und Frauen sollten ihre Wahrheit sagen, endlich von ihren Ängsten, Abhängigkeiten, Widersprüchen und Hoffnungen reden können.

Alice Schwarzer in "Der kleine Unterschied - und seine großen Folgen" (S. Fischer Verlag, 1975/Neuauflage 2002).

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