In der aktuellen EMMA

Frauennetzwerke: Girls, Girls, Girls!

Deutschlandtreffen der Zontians. - Foto: Zonta International
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Eigentlich haben sie schon genug zu tun, die 240 gestandenen Frauen, die heute Vormittag im Kongresssaal des Würzburger Maritim-Hotels versammelt sind. Denn sie sind Ärztin, Anwältin oder Architektin; sie betreiben ein Restaurant oder beraten Unternehmen; sie coachen oder forschen. Viele von ihnen haben Kinder und Enkelkinder. Sie sind also, wie gesagt, durchaus ausgelastet. Doch gestern sind sie aus dem ganzen Land zu ihrer jährlichen Konferenz angereist, aus Lübeck oder Landau, aus Düsseldorf oder Dresden.

134 Zonta-­Clubs gibt es in ganz Deutschland. Und deren Präsidentinnen – so heißt eine Club-Chefin im Zonta-Jargon – plus die eine oder andere Vize-Präsidentin sind heute hier und beschäftigen sich mit einem Thema, das sie deshalb interessiert und berührt, weil sie nicht nur erfolgreiche Frauen mit spannenden Berufen sind, sondern auch: Feministinnen. Ob sich jede der Anwesenden tatsächlich so nennen würde? Vielleicht würde die eine oder andere ein softeres Wort bevorzugen, vielleicht aber auch nicht. Nirgendwo steht geschrieben, dass Frauen in Business-Kostümen plus Perlenkette keine Feministin sein können. Fest steht jedenfalls, dass das erklärte Ziel der Zonta-Clubs lautet: „Empowering women worldwide“.

Deshalb geht es am heutigen Vormittag um: Kinderehen. Seit einem Jahr unterstützt Zonta die Kampagne „Ending child marriage“ der ­Vereinten Nationen. Präsidentin Susanne von Basse­witz berichtet vom Stand der Dinge. „Das Wort Kinderehe“, sagt sie, „ist eigentlich ein Witz. Eine Kinderehe ist ja keine Verbindung aus freien Stücken, sondern ein Verbrechen!“ Ihre Zuhörerinnen nicken und schauen betreten auf das Foto, das hinter der Rednerin an die Wand geworfen ist: Eine sehr junge Afrikanerin, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, hält ein Baby im Arm. Das Bild ist in einem Klassenraum mit Holzbänken aufgenommen. Die Botschaft ist klar: „Diese Mädchen gehen wahrscheinlich nie wieder zur Schule“, sagt von Bassewitz. Und nicht nur das. Sie sterben bei Geburten, für die ihre Körper noch zu klein sind; sie werden von ihren Männern geschlagen, von denen sie völlig abhängig sind. „650 Millionen Frauen auf der Welt wurden vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet, alle zwei Sekunden kommt ein Mädchen dazu.“ Der Grund? „Eine massive Verachtung der Hälfte der Menschheit!“

Susanne von Bassewitz ist eine Frau der klaren Worte. Das muss sie auch sein, denn die Düsseldorfer Unternehmensberaterin ist zur Zeit Präsidentin von Zonta International, sprich: Sie steht der gesamten Organisation vor, die in 63 Ländern rund 1.200 Clubs mit insgesamt 29.000 Mitgliedern hat. Und das bedeutet: Susanne von Bassewitz bespricht nicht nur im Zonta-„Headquarter“ in Chicago mit ihren Mitstreiterinnen die Aktivitäten des Verbands. Sie nimmt auch in New York an Konferenzen der Vereinten Nationen teil. Denn Zonta hat seit den 1970er-Jahren den höchsten Beraterstatus bei gleich mehreren interna­tionalen Organisationen: beim Wirtschafts- und Sozialrat der UN, aber auch beim Europarat.

In zwölf afrikanischen und asiatischen Staaten von Ghana bis Nepal wollen die Vereinten Nationen die Kinderehe bis 2030 abgeschafft haben. Zonta ist mit im Boot, erstens als Geldgeberin – zwei Millionen Euro hat das Netzwerk über seine Stiftung bereits beigesteuert. Zweitens aber auch durch konkrete Arbeit vor Ort: „In sieben dieser zwölf Länder gibt es Zonta-Clubs“, erklärt die Welt-Präsidentin den deutschen Club-Chefinnen. Und die Zontians sind dabei, wenn es darum geht, Überzeugungsarbeit zu leisten bei Dorfchefs und Regierungsvertretern. Im September 2018 hat Susanne von Bassewitz in einer Konferenz am Rande der UN-Vollversammlung mit RegierungsvertreterInnen an einem Tisch gesessen, zum ­Beispiel dem Präsidenten von Sambia oder der kanadischen Entwicklungsministerin, und sich deren Pläne angehört. „Ein erster Schritt“, sagt von Basse­witz, „ist zum Beispiel die verpflichtende Anmeldung von Geburten, damit bei einer Hochzeit überhaupt klar ist, wie alt das Mädchen ist.“

Doch die deutschen Zonta-Frauen wissen sehr genau, dass das Problem nicht nur in fernen Ländern bekämpft werden muss, sondern auch in Bochum oder Berlin. Und so wird nach Susanne von Bassewitz an diesem Vormittag auch eine Gastrednerin von Terre des Femmes über Frühehen in Deutschland sprechen.

Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist eins der zentralen Themen, die sich Zonta International auf die Fahnen geschrieben hat. Und das nicht nur auf UN-Ebene, sondern in den eigenen Städten.

Eine „Service-Organisation berufstätiger Frauen, die die gesetzliche, politische und ökonomische Situation von Frauen weltweit verbessern“, wolle sie gründen, hatte Marian de Forest erklärt, als sie 1919 in Buffalo Zonta ins Leben rief. Gemeinsam mit fünf Mitstreiterinnen hatte die Journalistin und Dramatikerin einen Herrenclub besucht, bei dem sie als Frauen jedoch nicht Mitglied werden durften. Also riefen sie eben einen eigenen „Service-Club“ für Frauen ins Leben und nannten ihn „Zonta“. Das Wort stammt aus der Sioux-Sprache und bedeutet ehrenhaft, aufrichtig, vertrauenswürdig. Im Laufe seiner 100-jährigen Geschichte wird das Frauennetzwerk einige berühmte Mitglieder haben: die französische Ministerin und Holocaust-Überlebende Simone Veil, die britische Premierministerin Margaret Thatcher oder die amerikanische Pilotin Amelia Earhart. Nach der legendären Flug-Pionierin, die seit ihrem Versuch einer Atlantik-Überquerung 1938 als verschollen gilt, hat Zonta International ihr „Amelia Earhart Fellowship“ benannt: Jedes Jahr vergibt das Frauennetzwerk ein Stipendium von je 10.000 Euro an 30 talentierte junge Forscherinnen in der Luft- und Raumfahrt.

Das Wort „Service“ im Zonta-Namen ist also durchaus wörtlich gemeint, allerdings kommt die finanzielle Unterstützung durch die Zontians auch den Frauen in den Club-Städten zugute. „Wir werden tätig im Dienste der Frauen vor Ort“, erklärt Martina Pötschke-Langer. Die Präsidentin des 51-köpfigen Zonta-Clubs Heidelberg ist seit 19 Jahren bei Zonta und heute ebenfalls zum Treffen der Club-Chefinnen gekommen. Eine Verlegerin ist in Pötschke-Langers Club dabei, gleich mehrere Gastronominnen und sogar eine Archäologin. „Ausgesprochen starke Persönlichkeiten mit eigenwilligen Biografien“, sagt die Heidelberger Präsidentin. Pötschke-Langer selbst ist Medizinerin und hat bis zu ihrer Pensionierung vor zwei Jahren die Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg geleitet. Die Heidelberger Club-Präsidentin trägt Business-Kostüm plus Perlenkette und ist „natürlich Feministin“. Zu Zonta kam die Krebsforscherin und Mutter zweier Söhne, die „immer berufstätig war“, nachdem die Kinder aus dem Haus waren. Das setzte Kräfte und Kapazitäten frei, die jetzt, befand Pötschke-Langer, der Frauen­sache zugute kommen sollten. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht für alle Zonta-Clubs das Thema Gewalt gegen Frauen.

Wie viele der 134 deutschen Zonta-Clubs mit ihren insgesamt 4.000 Mitgliedern spendet auch Zonta Heidelberg regelmäßig Geld ans örtliche Frauenhaus, das die Mitfrauen durch Benefiz-­Aktionen sammeln. Beim Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen am 25. November machen auch die deutschen Zonta-Clubs mit bei der weltweiten Zonta-Aktion „Orange your City“: Sie leuchten ein oder gleich mehrere Gebäude ihrer Stadt in orangefarbenes Licht. So ließen sie schon den Hamburger Michel, das Dresdner Rathaus oder die Europäische Zentralbank in Frankfurt erstrahlen, um ein Zeichen gegen Männer­gewalt zu setzen.

Die Lübecker Zontians hatten eine ganz besondere Idee: Sie verwandelten einen normalen Linienbus in einen rollenden Botschafter gegen Gewalt: „Gewalt hat viele Gesichter: Häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung, Menschenhandel und Prostitution“ stand Schwarz auf Orange auf dem Gefährt, das ab Oktober 2018 ein halbes Jahr lang durch Lübecks Straßen fuhr. Inklusive dem internationalen Kampagnen-Slogan: „Zonta says NO“.

Und noch ein Problem, das sie nicht selber haben, das aber Millonen Frauen betrifft, gehen die Zontians an: die Altersarmut. „Selbst im wohlhabenden Heidelberg gibt es Frauen, die nicht das Geld haben, um sich ein paar Schuhe zu kaufen“, weiß Martina Pötschke-Langer. Deshalb hat ihr Club einen Förderfonds aufgelegt. Das Geld verteilt die Caritas in Absprache mit dem Zonta-Club an bedürftige Frauen, meist Rentnerinnen. Da geht es um ein Paar Schuhe oder einen Wintermantel, „aber auch darum, dass die Frauen mal ins Kino oder ins Theater gehen können“, sagt die Ärztin. „Altersarmut bedeutet ja auch: Isolation.“ Stolze 180.000 Euro haben die Heidelberger Zontians mit ihren Benefiz-Veranstaltungen in den letzten zehn Jahren gesammelt „und damit mehrere hundert Frauen unterstützt“.

Einmal in der 100-jährigen Geschichte des Frauenverbandes waren die deutschen Zontians selbst auf Hilfe angewiesen: als nach dem Zweiten Weltkrieg das Land in Schutt und Asche lag. Die amerikanischen Schwestern schickten unzählige Care-Pakete an die deutschen Clubs. Was vor allem der Tatsache zu verdanken war, dass die Gründerin der ersten deutschen Zonta-Clubs 1937 ins Exil nach Amerika gegangen war. Magdalene Schoch hatte 1931 den Zonta-Club Hamburg ins Leben gerufen und rund 50 berufstätige Frauen für das Netzwerk gewonnen: eine Geigerin, eine Grafikerin und eine Grafologin sind dabei, Ärztinnen und Journalistinnen, Schauspielerinnen und Kunsthistorikerinnen und sogar eine Reederin. Schoch selbst war die erste deutsche Juristin, die sich habilitierte, an der Hamburger Universität lehrte sie internationales Privatrecht.

Doch nur zwei Jahre nach seiner Gründung traf Zonta das Schicksal, das auch die anderen neuen Berufsverbände für Frauen ereilte: Die Nationalsozialisten fordern direkt nach der Machtergreifung, dass die Frauenclubs ihre als „jüdisch“ gebrandmarkten Mitglieder ausschließen. Die Zontians weigern sich. Sie lassen sich aus dem Vereinsregister streichen und treffen sich ab jetzt heimlich weiter. Vier Jahre später wird Magdalene Schoch, die selber keine Jüdin ist, aber die Gleichschaltung ihres Lehrstuhls mit Entsetzen beobachtet, Nazi-Deutschland verlassen. In den USA wird sie Präsidentin des Zonta-Clubs Arlington in Virginia – und organisiert 1946 die Care-Paket-Aktion für die deutschen Zontians.

Das Netzwerken ist bis heute Teil der Zonta-­Kultur, wenn auch in Deutschland vor allem in beruflichen Fragen. Zonta-Präsidentin Susanne von Bassewitz hatte da gleich nach ihrem Eintritt anno 1994 eine „prägende Erfahrung“. Sie war damals Leiterin der Kommunikationsabteilung eines Windelherstellers in Nürnberg. Eines Abends rief die Bild-Zeitung an. Man habe die Information, dass Babys mit diesen Windeln Rötungen am Po hätten. Der Pressefrau brach der Schweiß aus. Im Unternehmen war niemand mehr zu erreichen, am nächsten Tag drohte die Schlagzeile. „Da fiel mir ein, dass unter den Zonta-­Frauen, die ich gerade kennengelernt hatte, eine Dermatologin an der Uni war. Die habe ich angerufen, und sie hat mir blitzschnell Infor­mationen darüber zusammengestellt, welche Gründe es noch für die Rötungen geben könnte.“ Die Kuh war vom Eis.

Entscheidend war und ist für Susanne von Basse­witz bei Zonta aber etwas anderes: der Blick über den Tellerrand. „Ich bin Feministin seit meiner Kindheit und hatte schon immer die EMMA auf dem Schreibtisch liegen“, erzählt sie. „Aber ich hatte nie etwas mit anderen Frauen zusammen auf die Beine gestellt. Zonta war der Wendepunkt.“

Am Ende des Vormittags im Würzburger Maritim stehen die Zonta-Frauen Schlange am Saal­mikro. Sie erlebe immer wieder, dass Mädchen, die vor Kinderehen aus ihren Familien flüchten, „nicht in die Frauenhäuser wollen, weil man ihnen eingetrichtert hat, dass dort nur ‚ehrlose‘ Frauen seien“, berichtet eine Zontian, die sich als Traumatherapeutin vorstellt. Was tun? Die Lübecker Club-Präsidentin berichtet von dem „großartigen“ Projekt „Stadtteil-Mütter“, das man finanziell unterstützt habe: Mütter mit Migrationshintergrund wurden anderthalb Jahre geschult und gehen jetzt als Aufklärerinnen in die Familien. Die Münchner Club-Chefin schlägt vor: „Das Thema muss genauso in der Schule behandelt werden wie die sexuelle Aufklärung!“

Morgen werden sie in ihren 134 Städten wieder in ihre Arztpraxis, in ihre Anwaltskanzlei oder in ihr Architekturbüro gehen. Und obwohl sie ja eigentlich genug zu tun haben, werden sie ver­suchen, die Welt für Mädchen und Frauen ein bisschen besser zu machen. Mit oder ohne Perlenkette.

Weiterlesen:

Im Netz: www.zonta-union.de, www.zontasaysno.com

Traute Hoffmann: Der erste deutsche Zonta-Club
(vergriffen, antiquarisch im Internet)

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