I am a feminist

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Die Frau hat das, was man im Französischen "une geule" nennt, eine Fresse. Will sagen: ein Gesicht. Und einen sinnlichen Körper noch dazu. Und das ist etwas, was in Zeiten von Gesichts-OPs und Botox nicht nur in Hollywood rar geworden ist. Schauspielerinnen und Models werden längst zu Wachsfiguren verbotoxt, und ihre Fotos und Filme nochmal retuschiert. Selbst einer Kate Winslet, 34, bleibt das nicht immer erspart. Worüber sie ziemlich sauer ist, denn:

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"In Filmen versuche ich, Frauen mit Falten und Rundungen zu spielen. Ich verstehe also nicht, warum irgendwelche Grafiker in Zeitschriftenredaktionen nachträglich noch an Fotos von mir rumretuschieren müssen – das stellt doch letztlich meine Arbeit infrage." Und sie setzt noch einen drauf, als sie zu dem Interviewer des SZ-Magazins sagt: "Sehen Sie sich bitte die Fotos an, die Sie drucken werden – und dann überlegen Sie, wie ich aussehe, wenn ich mich morgens um sieben verschlafen und unfrisiert um meine zwei Kinder kümmere, die Hunger haben. Das sind zwei völlig unvereinbare Welten!"

Wie eine Frau an diesen unvereinbaren Welten scheitern kann, zeigt Winslet gerade in einem Film, den sie mit ihrem zweiten Ehemann und Vater ihres zweiten Kinds, dem Regisseur Sam Mendes, gedreht hat: "Zeiten des Aufruhrs". Sicher, Leonardo Di Caprio ist auch nicht schlecht, aber es ist Winslets starkes, ungeschminkt wirkendes und zwischen Hoffnung und Verzweiflung changierendes Gesicht, das den Film trägt.

Zur Vorbereitung auf ihre Rolle, eine Hausfrau in den 50er Jahren, hat Winslet den feministischen Klassiker "Der Weiblichkeitswahn" von Betty Friedan gelesen und erläutert: "Das war die Ära, in der man Frauen Tabletten verschrieb – und die Frauen glaubten, sie seien verrückt, – weil sie dieses Hausfrauenleben nicht wollten."

Am 11. Januar kassierte Kate Winslet gleich zwei "Golden Globes" für "Zeiten des Aufruhrs" (Beste Hauptdarstellerin) und "Der Vorleser" (Beste Nebendarstellerin). Ihr erster Kommentar zu dem neben ihr sitzenden Leonardo Di Caprio lautete "Fuck!".

Die Engländerin kommt in der dritten Generation aus einer Schauspieler-Familie - aus einem "alten Schauspielerclan von Straßensängern, Zirkusclowns und staatlich diplomierten Schauspielern", wie sie sagt, doch sie träumte als Teenager keineswegs davon, auf der Bühne zu stehen. Denn Kate war mit 90 Kilo bei 1,68 Metern nicht dünn genug für den Job. Aber dann brach sich das Talent trotzdem Bahn: mit elf ein Werbespot für Frühstücksflocken. Die Familie horchte auf. "Meine Mutter steckte das gesamte Kindergeld, das sie für mich und meine Geschwister bekam, in meinen Unterricht. Meine Oma schoss auch noch etwas dazu. Ich musste wirklich kämpfen!"

Der Kampf hat sich gelohnt. Mit 16 ist Winslet die eindringliche Mutter-Mörderin in "Heavenly Creatures", mit 20 hat sie in Ang Lees Verfilmung von Jane Austens "Sinn und Sinnlichkeit" ihren Durchbruch, mit 22 wird sie an der Seite von Di Caprio mit "Titanic" weltberühmt.

"Fuck!" soll ihr Lieblingswort sein. "Sie sieht aus wie eine südenglische Gräfin, aber flucht wie ein nordbulgarischer Bierkutscher", erbebt der Stern. Auch zu dem Thema Schönheits-OPs fällt ihr nur "fuck you" ein. Und die Diäten sind eines ihrer Lieblingsthemen geblieben. Auf die Frage, ob Marilyn Monroe – an der sie die "Gebrochenheit" spannend findet, "diese Melancholie, den Schmerz" – es heute leichter hätte, antwortet die Kollegin ohne Umschweife: "Nein. Sogar noch schwerer. Schließlich hatte Marilyn – wie die meisten Frauen – keinen perfekten Körper. Sie hatte meistens ein paar Pfund zu viel. So etwas zeigt heute keine Zeitschrift mehr."

Das Gefühl, in der Öffentlichkeit beobachtet zu werden, hat die Selbstbewusste seit "Titanic" nie mehr ganz losgekriegt. "Und wissen Sie, warum ich mich vor dem Urteil anderer fürchte?", sagte sie in Vanity Fair: "Weil ich weiß, dass sie mich verurteilen. Sogar, wenn ich nur meine Kinder in die Schule bringe, merke ich, dass mich die anderen Mütter mustern. Ein paar von ihnen fragten mich sogar: ‚Was ist das Geheimnis Ihrer Haut?’ Mein Gott, es gibt keins! Seit ich 30 bin, habe ich sogar ein ziemliches Akneproblem am Kinn. Falls ich jemandem beibringen soll, wie man seine Problemzonen versteckt – gerne."

Auf der Berlinale lief im Februar "Der Vorleser", in dem sie Hanna Schmitz, die Ex-KZ-Wärterin und Geliebte eines 15-Jährigen, spielt, für die sie nun auch mit dem Oscar ausgezeichnet worden ist. Es wäre keine andere denkbar gewesen für diese so heikle Rolle einer Frau, die verhärtet und zart zugleich ist, die verstummt ist und erst als Verurteilte wieder Worte findet.

Mit Ehemann und Kindern lebt Winslet heute halb in London und halb in New York. Auf die Frage eines Journalisten, ob sie den Oscar will, antwortete die schon fünfmal Nominierte: "Darauf können Sie Ihren verdammten Arsch verwetten! Die Leute denken vielleicht, dass mir der Oscar egal ist oder dass ich keinen brauche. Aber es ist so hart, immer wieder hinzugehen – und immer wieder nicht zu gewinnen. Ich bin doch schließlich auch nur ein Mensch."

Stimmt, obwohl Kate Winslet ein Star ist, ist sie ein Mensch geblieben. Und genau das macht sie zu dem ganz besonderen Star. Außerdem ist sie, versteht sich, Feministin. "I am a feminist!" sagt Kate jedem, der es hören will oder auch nicht. Und dabei lächelt sie noch nicht einmal entschuldigend.

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