Katy Roewer - Die Managerin

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Wo sie das Foto von ihrem Sohn aufstellen soll, weiß sie noch nicht. Katy Roewers neuer Arbeitsplatz wird anders sein, als man sich den Vorstandsflur eines Traditionsunternehmens vorstellt. Keine dicken Teppiche, kein Chefsessel aus Leder, kein Vorzimmer. Stattdessen locker über den Großraum verteilte Ecken für alle Vorstände und eine gemeinsame Kaffeeecke. 

Katy Roewer ist Bereichsvorstand beim Handelskonzern Otto und zuständig für Personal­arbeit, genau genommen für 4.500 Menschen. Das macht sie zu einer der wichtigsten ManagerInnen, die von Deutschland aus gegen den US-Internet-Platzhirsch Amazon antreten. Otto ändert sich, will moderner, innovativer und schneller werden – und dafür müssen sich auch die Menschen bei Otto ändern. Roewer geht mit gutem Beispiel voran. Von Vorstand-Standes­dünkel hält sie ohnehin nichts. 

Die 44-jährige Katy ist in Neubrandenburg aufgewachsen. Ihre Familie ist oft angeeckt in der DDR. Ihr Vater war zwar in die SED eingetreten und galt als nicht sehr linientreu. „Er hat gern mal den Mund aufgemacht“, erzählt die Tochter. Als Kind hat sie zu spüren bekommen, dass ihre Familie dem Staat nicht passte. Sie wollte Journalistin werden – aber das werde ihr nicht erlaubt, teilte man ihr mit, sie solle doch „was mit Landwirtschaft“ machen. „Ich fand das wahnsinnig ungerecht und sehr diskriminierend“, sagt sie. „Du bist Klassenbeste, alle anderen werden in Pionierlager geschickt, nur du nicht. Die ganzen Auszeichnungen gingen immer an andere und nie an mich.“

Das war die eine Seite der DDR für sie. Die andere Seite: Ihre Mutter war immer voll berufstätig. „Frauen waren in der DDR ja gleichberechtigt und gleichgestellt“, sagt Roewer. Als sie zum Studium in den Westen zog und Freunde fand, deren Mütter nicht arbeiteten, konnte sie sich das kaum vorstellen. „Das hat mich erschüttert, als ich in den Westen gekommen bin.“ Als die Mauer fiel, war sie 14 Jahre alt. „Mein Wertesystem hat sich in meiner Kindheit ausgeprägt.“ 

Als Managerin will sie ihrer Prägung treu bleiben. „Ich mache keine Klassenunterschiede“, sagt sie. „Ob ein Azubi, eine Call-Center-Mitarbeiterin oder Michael Otto, für mich ist jeder Mensch gleich viel wert. Und ich lasse ihn es auch spüren.“

Roewer hat bei Otto angefangen, als sie 26 Jahre alt war, im Controlling damals, und sich langsam hochgearbeitet. Sie hat sich selbst für eine Führungsrolle ins Gespräch gebracht und ist dann recht schnell befördert worden. Als sie Mutter wurde, kam sie bald wieder zurück zur Arbeit, erst einen Tag pro Woche, dann, als das Baby sechs Monate alt war, auf einer 80-Prozent-Stelle. 

„Als das Angebot kam, Bereichsvorstand zu werden, musste ich drei Tage nachdenken.“ Sie hat ihrem Chef dann aber zugesagt. „Ich kann mir das vorstellen, ich traue mir das zu“, hat sie ihm gesagt. „Aber du musst mich so nehmen, wie ich bin. Mit meinen 80 Prozent.“ Der hat das sofort akzeptiert – und so wurde Roewer die erste Führungskraft in Teilzeit im Konzern. 

Montags arbeitet sie nicht, da ist sie zu Hause mit ihrem Sohn. „Es geht nicht nur um Präsenz vor Ort, auch nicht für Führungskräfte“, sagt sie. Es gehe um Loslassen-Können und Eigenverantwortlichkeit. 

Roewer will es auch anderen Müttern leichter machen, nach der Babypause in die Arbeitswelt zurückzukehren. Teilzeit gehört dazu, genauso wie das Home-Office. Es ist auch egal, wann gearbeitet wird, solange die Arbeit erledigt wird. Roewer lebt diese neue Arbeitswelt vor. Das bedeutet vor allem für die zahlreichen Frauen in dem Unternehmen viel. Katy Roewer ist für sie ein Vorbild geworden. Und den Platz für das Foto ihres Sohnes wird sie schon finden. 

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