Die Biene Maja & Ich

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Anno 1976 war es so: Pippi Lang­strumpf war als bärinnenstarkes Mädchen in der Fernsehwelt allein auf weiter Flur und kam außerdem nicht jede Woche. Als tatendurstige Siebenjährige suchte ich also in der Fernseh-Kinderstunde, die täglich um 17.10 Uhr begann, vergeblich nach Role Models. Doch mir blieb nichts anderes übrig, als die Heldentaten von „Wickie und den starken Männern“ und die Spinatmuskeln von Popeye zu bewundern. Ernie & Bert führten ihren Männerhaushalt, während Tom & Jerry bei ihren wilden Hetzjagden ihr Haus in Schutt und Asche legten. Außerdem gab es da noch Paulchen Panther, Bugs Bunny und den Hasen Cäsar, auch alles Jungs.

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Biene Maja: neugierig, klug und ein bisschen vorlaut.

Und dann kam sie: die Biene Maja. Schon als sie am 9. September 1976 im ZDF aus ihrer Wabe schlüpfte, war klar, dass dieses Bienenmädchen feministisches Potenzial besaß. „Das fängt ja gut an. Alles muss man selber machen!“ schimpfte Maja, während sie mit ihren kräftigen Ärmchen die Wachswand durchstieß.

Sodann löcherte Maja ihre Lehrerin Kassandra gleich in ihren ersten Lebensminuten mit zahllosen Fragen, so dass die mit dem Antworten gar nicht hinterherkam. „Wie soll ich denn was lernen, wenn mir keiner was erklärt?!“ meckerte Maja. Und so blieb sie in den kommenden 52 Folgen: neugierig, klug und ein bisschen vorlaut.

Von nun an waren Maja und ich jeden Dienstag um 17.10 Uhr verabredet. Gebannt verfolgte ich, wie die freche, füllige Biene über den Bildschirm summte und Aben­teuer in ihrer Wiesenwelt bestand. In der hüüü-hüpfte Flip, der Grashüpfer und brummte Puck, die Fliege. Die respekteinflößendsten Tiere waren jedoch Insektinnen, nämlich Lehrerin Kassandra und Spinne Thekla. Ebenfalls revolutionär: der Mann an Majas Seite. Was Harry für Derrick, war Willi für Maja. Treu, aber etwas tumb und träge (Willi bekam konstant eine Fünf im Fliegen). Niemals hätte der dickliche Bienerich seiner pfiffigen Freundin die ­Heldinnenrolle streitig machen können.

Der Zeitpunkt, zu dem Maja vor nunmehr 42 Jahren in die männlich dominierte Kinderstunde einflog, dürfte kein Zufall gewesen sein. Fünf Jahre zuvor waren nämlich in Deutschland die Menschenweibchen ausgeschwärmt, um die Männerwelt zu verändern. Auf ihrer To-Do-­Liste stand unter anderem die Auflösung der Gleichung Mensch = Mann, was in ­ihrer Ableitung auch die Gleichung Zeichentrickfigur = Mann betraf. Hinzu kam: So manch eine der Frauenbewegten träumte vom Matriarchat. Da kam so ein Bienenstock gerade recht: Alle wichtigen Jobs bis hin zu dem der Königin machen da die Frauen. Die Drohnen hingegen sind weitgehend unnütz und werden, sobald sie ihre Befruchtungs-Schuldigkeit getan haben, nicht mehr gefüttert und aus dem Stock geworfen (was die TV-Serie ­allerdings einfühlsam aussparte).

Ob wohl auch die Buchvorlage „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ ein Produkt der Frauenbewegung war? Das Erscheinungsjahr 1912 – die Erste Frauen­bewegung war auf dem Höhepunkt – legt den Verdacht nahe. Es heißt, Maja-Erfinder Waldemar Bonsels (1880 – 1952) habe in seinem Weltbestseller seine Beobachtungen in den Wiesen und Teichen seiner Kindheit verarbeitet.

Jedenfalls ist seine kleine Heldin in wilhelminischen Zeiten eine rebellische Erscheinung. Sie weigert sich, in den dunklen Bienenstock zurückzukehren und bricht, statt ihre Pflicht zu tun, auf, um allein die bunte Wiesenwelt zu erkunden. Statt von Kaiser Wilhelm II. wird Maja von Königin Helene VIII. regiert, die sie am Ende zu ihrer Beraterin ernennt. Denn: Maja rettet schließlich ihr Bienenvolk, indem sie es vor einem Überfall der Hornissen warnt. In der Schlacht wird viel und gern für Volk und Königin gestorben. Vermutlich war Bonsels, damals einer der meistgelesenen Schriftsteller Deutschlands, von beidem beeinflusst: dem Feminismus und dem Militarismus seiner Zeit.

Und sie trägt weder Rosa noch Krönchen.

Maja jedenfalls ist auch über hundert Jahre nach ihrem ersten Flug eine Rarität. Denn nirgendwo sind im deutschen TV weibliche Hauptfiguren so selten zu sehen wie im Kinderfernsehen. Nur jeder vierte Protagonist ist ein Mädchen, stellte 2017 die von Maria Furtwängler initiierte Studie „Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen“ fest. Mal wieder. Noch heftiger sieht es bei den Fantasiefiguren aus: Auf neun männliche Tierfiguren kommt nur eine weibliche. Eine davon ist sie: die Biene Maja.

„Maaaja, alle lieben Maaajaa!“ schmetterte Karel Gott anno 1976 im unvergesslichen Titelsong. So ist es. Unverwüstlich summt sie inzwischen sogar über die Kinoleinwand, wenngleich ihr in ihrem zweiten Film „Die Honigspiele“, der im Frühjahr 2018 lief, sowohl Körperfülle als auch Eigensinn ein wenig abhanden gekommen sind. Dennoch: Sie ist, verglichen mit ihren anorektischen Kolleginnen Lillifee & Co. immer noch beruhigend rundlich und sie trägt weder rosa Kleidchen noch Krönchen. Sie ist ein summendes Bollwerk gegen Prinzessinnenwahn und Einhornschwemme. Ich jedenfalls komme auch vier Jahrzehnte nach unserer ersten Begegnung in der Kinderstunde bei Maja immer noch ins Schwärmen.

Weiterlesen:
Waldemar Bonsels: Die Biene Maja und ihre Abenteuer (DVA, 20 €)

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Die Bienen-Königinnen

Foto: Bettina Flitner
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In einem Bienenschwarm zu sitzen, ist ein, sagen wir, spezielles Gefühl. Aber genau deshalb haben Stephanie Lange und ihr Vater Uli eine Holzbank in die Ein- und Ausflugschneise ihres Bienenstocks gestellt. „Das musst du mal ausprobieren“, sagt Ulli. „Das ist wie Meditation.“ Ausprobieren? Direkt vor dem Bienenstock? Wie Meditation? Ähm, okay.

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Nun sitze ich also auf der Bank. Hinter mir, in der geschützten hintersten Ecke des großen Gartens in Bergisch Gladbach: ein Busch. Etwa einen halben Meter vor mir: die Bienen, die unablässig aus dem Schlitz ihres Stocks ein- und ausfliegen. Also Meditation. Tatsächlich empfiehlt es sich in dieser Situation, still zu sitzen, ganz ruhig ein- und auszuatmen und gelegentlich die Augen zu schließen, so eine Biene allzu nah am Gesicht vorbeisummt. Und zu hoffen, dass die Bienen erkennen, dass wir alle Teil des Universums sind, also auch ich, und sie mich folglich nicht stechen. Und tatsächlich – sie stechen mich nicht. Das finde ich phänomenal. Stephanie findet es normal.

Dafür, dass die 51-jährige Therapeutin erst seit einem Jahr hobbymäßig imkert, ist sie erstaunlich furchtlos. Mit bloßen, ungeschützten Händen hebt sie die Holzrahmen aus der Kiste, der so genannten „Beute“, und tunkt ihren Finger in den ersten Honig, während nur wenige Zentimeter nebenan die Bienen krabbeln. „Willst du auch mal probieren?“ fragt Stephanie. Nun ja. Gut, fasse ich halt auch noch mitten in die Waben. Und wieder: Die Bienen nehmen es gelassen und wuseln weiter. Der Honig schmeckt köstlich. Um den Honig geht es Stephanie allerdings nur in zweiter Linie. „Mich hat das Bienensterben berührt“, sagt sie.

Das Bienensterben. Die bedrückenden Zahlen sind inzwischen quasi Allgemeinwissen: Drei Viertel aller fliegenden Insekten sind in den letzten drei Jahrzehnten in Deutschland verschwunden. Im November 2017 bewies eine Studie wissenschaftlich, was bis dato Vermutung gewesen war. InsektenforscherInnen des „Entomologischen Vereins Krefeld“ hatten in einer Langzeitstudie gezeigt: Seit 1989 hat sich der Insektenbestand in Deutschland um 75 Prozent reduziert.

In über 60 Naturschutzgebieten in ganz Deutschland hatten die ForscherInnen Insektenfallen aufgestellt und die ­Ergebnisse 27 Jahre lang ausgewertet. Die Studie schlug ein wie eine Bombe. „Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob die ­Insektenwelt in Schwierigkeiten steckt, sondern wie das Insektensterben zu stoppen ist“, erklärte der Naturschutzbund Deutschland (NABU).

Keine Frage – die Lage ist ernst. (...)

Chantal Louis - Der vollständige Artikel steht in der Juli/August EMMA 2018. Ausgabe bestellen

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