Manal al-Sharif: Abgefahren

Foto: Imago/Zuma Press
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Natürlich ist die erste Frage der Moderatorin an Manal al-Sharif, was wohl den Sinneswandel von König Salman ausgelöst haben könnte. Der Herrscher Saudi-Arabiens hatte kürzlich eine kleine Sensation verkündet: Ab Juni 2018 sollen Frauen in seinem Reich Autofahren dürfen. Und die Frau, die soeben auf einem Klappstuhl auf der Bühne der Kölner Stadtbücherei Platz genommen hat, hat an dieser Entscheidung, auf die die Welt seit langem gewartet hatte, maßgeblichen Anteil. Man darf getrost behaupten: Ohne Manal al-Sharif und ihre kühne Kam­pagne „Women2Drive“ hätte der König bis heute nicht eingelenkt.

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Am 17. Mai 2011 hatte sich die damals 32-jährige Informatikerin ans Steuer ihres Autos gesetzt und war durch die Straßen von Khobar gefahren. Ihre Freundin Wajeha, Journalistin und Mitbegründerin der saudischen „Vereinigung für Frauenrechte“, filmte Manal, während die beiden Frauen über die Absurdität des Fahrverbots sprachen. „Du kannst Professorin sein, aber Autofahren darfst du nicht“, schimpfte Manal, während sie den Wagen lenkte. „Und Frauen müssen ein Drittel ihres Gehaltes für einen Fahrer ausgeben.“

Den achtminütigen Clip stellten sie ins Netz. Noch am selben Abend wurde er 700.000 Mal geklickt. Und Manal landete für zehn Tage im Gefängnis, inklusive Leibesvisitation und Kakerlaken. „Eine der demütigendsten Erfahrungen meines Lebens“, schreibt sie in ihrem Buch „Losfahren“. Darin schildert sie ihren Weg: vom kleinen frechen Mädchen über die streng gläubige ­Jugendliche hin zur erwachsenen Rebellin gegen den religiös-pa­tri­archalen Wahn und die Geschlechterapartheid in ihrem Land.

Bei ihrer tollkühnen Autofahrt vor sechs Jahren musste sich Manal noch mit einer schwarzen Abaya verhüllen, an diesem Abend in Köln trägt sie Jeans, hellbraune Lederstiefel und eine bunte Bluse. Und sie antwortet auf die Frage der Moderatorin ­danach, wie sie sich den Sinneswandel des saudischen Königs erkläre, zunächst mit einem Scherz: „In Saudi-Arabien sagt man, sie mussten das Fahrverbot für Frauen aufheben, bevor die selbstfahrenden Autos auf dem Markt sind.“ Gelächter im Publikum, auch Manal al-Sharif lacht mit blitzenden Augen. Auch wenn es in ihrem Buch um Bitterernstes geht. Manchmal auch um Todernstes.

Zum Beispiel um den Vater ihrer Freundin Mehra. Als er mit einem Herzinfarkt zu Hause zusammenbrach, konnte die Tochter ihn nicht ins Krankenhaus fahren. Er starb in ihren Armen. „Mehra hat das Land verlassen und gesagt, dass sie erst zurückkommt, wenn Frauen Autofahren dürfen“, erzählt Manal al-Sharif. Sie selbst lebt inzwischen mit ihrem brasilianischen Mann und ihrem fünfjährigen Sohn in Sydney. Doch im Gegensatz zu Mehra hat Manal nicht vor zurückzugehen.

Denn es geht ja keineswegs nur um das Autofahrverbot. Das wird ab dem 24. Juni Geschichte sein. Denn erstens muss das Land wegen des fallenden Ölpreises auf andere Wirtschaftszweige setzen und braucht dazu weibliche Arbeitskräfte. Zweitens, erklärt Manal, sei der internationale Druck auf die saudischen Vertreter in den letzten Jahren, nicht zuletzt aufgrund der „Women2Drive“-Kampagne, massiv gestiegen. „Bei jedem Staatsbesuch mussten sie sich fragen ­lassen: Wann lasst ihr eure Frauen endlich Autofahren?“

Aber der Kampf ist damit noch lange nicht zu Ende. „Auch das Vormund-System muss abgeschafft werden!“ fordert Manal al-Sharif. Eine Frau in Saudi-Arabien darf nichts ohne Erlaubnis eines männlichen Verwandten. Sie darf keine Ausbildung machen, nicht ins Ausland reisen, sie darf noch nicht einmal ohne Erlaubnis des „Mah­ram“, des Vormunds, vor die Haustür treten. „Sobald mein Sohn 18 wird, wäre er in Saudi-Arabien mein Vormund“, erklärt Manal.

Die erste, die in ihrer Familie das Mahram-Gesetz übertrat, war Manals Mutter gewesen. Sie meldete alle drei Kinder – Manal, ihre Schwester und ihren Bruder – in der Schule an, obwohl sie das als Frau nicht gedurft hätte. Die Familie lebte in Mekka in kleinsten Verhältnissen und die Mutter wollte, dass auch ihre Töchter aus dem winzigen Haus – dessen Fenster stets verhängt waren, damit niemand die weiblichen Familienmitglieder zu Gesicht bekam – in die Welt gehen könnten. Manal war ein rebellisches Mädchen, das heimlich Fahrrad fuhr, aber dennoch begann bald die „Gehirn­wäsche“ zu wirken, „die sie uns in der Schule verpasst haben“. Der Teenager ging auf in dem wahabitischen Wahn, glaubte an Paradies und Hölle und verbrannte die „Take That“-Kassetten ihres Bruders, weil in ihrer Glaubenswelt Allah Musik für böse hielt.

Doch während ihres Informatik-Studiums gerät das Weltbild der jungen Frau langsam ins Wanken. Die strikte Geschlechtertrennung scheint ihr zunehmend aberwitzig: „Der Professor sprach nur zu den männlichen Studenten. Wir saßen im Raum nebenan und sahen die Vorlesung per Bildschirm. Fragen mussten wir auf Zettel schreiben, die ihm dann von Helfern hereingereicht wurden.“

Bei einem Arbeits-Aufenthalt in den USA kippt Manals Glaubensgefüge endgültig. Sie findet männliche Freunde, die ihr Fotografieren und Skifahren beibringen; sie sieht im Theater Wedekinds „Frühlings Erwachen“ mit zwei sich küssenden Jungen; sie stellt überrascht fest, dass die nette Naomi Jüdin ist. Aus der fanatischen Wahabitin wird eine radikale Kämpferin für Frauenrechte. In den USA machte sie den Führerschein.

Wo Manals Auto jetzt steht? Auf diese Frage einer Zuschauerin antwortet Manal wieder mit einem Scherz: Das Auto stehe in einer Garage in Mekka. „Aber eines Tages soll es in Saudi-Arabien ein Frauenmuseum geben, da soll es dann ausgestellt werden.“

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Manal al-Sharif: Losfahren (Secession, 25€)

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