Marilyn, we miss you!

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Feministinnen haben sich nicht ohne Grund gefragt, wie Marilyn Monroes Karriere wohl 20 Jahre später verlaufen wäre – wenn statt des Ausschusses für unamerikanische Umtriebe und publicitystarker Hausfrauenverbände kämpferische frauenbewegte Freigeister die Öffentlichkeit beeinflusst hätten. Mit Sicherheit wäre der Humor, mit dem Marilyn aus ihren Frauenfiguren Menschen zu machen verstand, auch außerhalb der Leinwand in ihr Leben und in ihre Arbeit gedrungen. Aber so wie die Dinge lagen, sah und fühlte sich die Schauspielerin zu Recht unterschätzt, wenn sie immer und überall nur das sexy girl war. Ein Mädchen, nach dem die Männer sich den Hals verrenkten, war in den 50er Jahren wie auch zu anderen Zeiten im Filmgeschäft höchst willkommen.

In den Fünfzigern aber stand so ein Mädchen menschlich und beruflich nicht in hohem Ansehen. Man setzte sie gerne in den passenden Rollen ein, aber man respektierte sie als Persönlichkeit nicht vollends. Der Dualismus von Körper und Geist, Sex und Intelligenz war so scharf und schuf derart dominante Klischees, dass es schlechterdings unmöglich war, eine sexuell überwältigend anziehende, üppige Frau ohne Verweis auf ein Defizit an Köpfchen zu inszenieren, so als ob eine atemberaubende Figur stets ein Verstandesopfer erfordert und umgekehrt eine Frau mit Hirn nie sexy sein könnte. Selbstverständlich galt dieser Dualismus, diese verquere Form von Sexualabwehr nur für Frauen, nicht für Männer.

Für Frauen aber war sie ab einem bestimmten Grad von Sexappeal geradezu Pflicht. In Marilyn Monroes Film „Machen wir’s in Liebe“ mit Yves Montand tritt Monroe als das Revuegirl Ramona auf, das Abendkurse besucht, um klüger zu werden, jedes Mal, wenn ihr Verehrer Montand sich mit ihr verabreden will, hat sie einen anderen Kurs. Sie „kriegen“ sich natürlich doch, und nach dem langen Kuss am Ende haucht sie: „Soll ich trotzdem noch mein Abitur machen?“

Geboren wurde Marilyn Monroe im Jahr 1926 in Kalifornien als Norma Jeane Mortensen. Sie heiratete das erste Mal mit sechzehn – ihre damalige Pflegemutter konnte sie nicht länger unterhalten und arrangierte die Ehe mit einem Nachbarjungen, um das Mädchen versorgt zu sehen. Das Paar hatte sich nicht viel zu sagen; man ging auf Distanz, nachdem Norma Jeane begonnen hatte, als Fotomodell zu arbeiten, was dem Gatten missfiel.

Norma aber besaß Ehrgeiz, das eigene Einkommen machte sie froh. Vor die Wahl gestellt, Hausfrau zu spielen und so ihre Ehe zu retten oder weiter zu arbeiten und unabhängig zu sein, entschied sie sich für das Letztere. Als sie später den Baseballstar Joe DiMaggio heiratete, war sie schon in einigen Filmen hervorgetreten.

Einflussreiche Produzenten hatten ihr Potenzial erkannt, es ging aufwärts. Dass Marilyn dennoch einen Mann ehelichte, der – zeittypisch – wie auch ihr erster Gatte von ihr erwartete, dass sie ihre Laufbahn opferte, ist nach der frühen Erfahrung kaum zu verstehen. Aber noch mehr als Abhängigkeit und Nichtstun verabscheute Marilyn die Einsamkeit. Joe liebte sie und war stark, und sie brauchte einen Beschützer. Natürlich ging es nicht gut. Als Marilyn sich zum zweiten Mal scheiden ließ, war sie bereits ein Weltstar und der abgehalfterte Baseballspieler an ihrer Seite ein Karrierehindernis.

Ihre Affäre und ihre Hochzeit mit Arthur Miller versetzte die internationale Klatschpresse in Hochstimmung. Man spürte, dass hier etwas Außerordentliches geschah: Ein bebrillter, unsportlicher Intellektueller heiratet einen Vamp, und eine Schauspielerin, die vor allem in erotischen Rollen geglänzt hatte, wählte einen Bücherwurm. Darin lag ein doppeltes Eingeständnis. Von ihrer Seite, dass sie mehr wollte als sich in ihrer eigenen Schönheit spiegeln, dass sie sich zur Welt des Geistes hingezogen fühlte. Von seiner Seite, dass ihm die Theorie nicht reichte und er näher heran wollte an den goldenen Baum des Lebens. Die Menschen waren gerührt von diesem Streben nach Vervollkommnung. Abgesehen von einigen Misanthropen, die den beiden ihr Glück missgönnten, weil sie eh’ an kein Glück glaubten, haben damals auch die zynischsten Zeitungsschreiber dem Paar eine Zukunft gewünscht. Es wäre so schön gewesen. Leider behielten die Misanthropen recht.

Im Grunde hatte Marilyn Monroe das, wonach sie sich so sehnte, die Anerkennung als „ernsthafte“ oder „wirkliche“ Schauspielerin und als liebenswerter Mensch, längst errungen. Ihre Darstellung wird bis heute als außergewöhnlich, als die Klischees sprengend gelobt. In ihren späteren Komödien, in „Manche mögen’s heiß“ und „Machen wir’s in Liebe“ (1960) erreichte sie mit ihrer komödiantischen Verve den Schauspieler-Parnass.

Sie selbst aber konnte das nicht so sehen. Weil sie die Leute zum Lachen brachte, glaubte sie, sie würde ausgelacht. Ihre Sugar in „Manche mögen’s heiß“ hielt sie für eine Witzfigur, die ihrer nicht würdig sei. Sie fühlte sich bloßgestellt.

Dabei hatte Meisterregisseur Billy Wilder, der schon in „Das verflixte siebte Jahr“ ihr Regisseur gewesen war und ihr Talent schätzte, alles dafür getan, der kleinen Träumerin Sugar nicht nur Witz und Drastik, sondern auch eine rührende Menschlichkeit mitzugeben. Monroe war außerstande, das zu erkennen. Sie sah sich immer nur wieder in derselben Rolle und um ihren brennenden Wunsch, nach den Weihen höherer Kunst betrogen. Was für ein Widerspruch, dass die große Freude, die sie ihrem Publikum durch ihre Sugar, ihre wunderbaren Gesangsnummern (I’m through with love) macht, von ihr selbst mit nichts als Verdruss und mehr: der Gewissheit, es zu nichts gebracht zu haben, bezahlt wurde.

Nun war Marilyn Monroe spätestens zu der Zeit, als sie ihren beliebtesten Film drehte, schwer depressiv, vollkommen tabletten- und alkoholabhängig und aufs Neue durch eine Fehlgeburt aus der Bahn geworfen. Sie zeigte im Grunde die typischen Symptome eines depressiven Menschen: Angst vorm Versagen, Gefühl der Wertlosigkeit, Verfolgungswahn. Aber jenseits der privaten Hölle bleibt noch eine Frage, die man an ihre Epoche stellen kann und muss – die Frage nach dem Sexsymbol MM.

Marilyn Monroe war der Inbegriff der begehrenswerten und bereitwilligen Frau, die in den Träumen von Millionen Fans, auch weiblichen, als Vollendung der körperlichen Schönheit, der weiblichen Wärme und der erotischen Verlockung herumgeistern durfte. Sie verkörperte nicht die Frau, die selbst begehrt. Das ist eine wichtige Einschränkung. Wie die aktive sexuelle Kraft des umschwärmten Filmstars aussah, darüber erfährt man auch auf dem Umweg über ihre Rollen so gut wie nichts. Die Loreleis, Kays, Sugars und Ramonas wollen Glück und Erfolg, aber was die Männer betrifft, so steht deren Ehetauglichkeit im Vordergrund.

Ob die jeweiligen Kerle im Bett die Richtigen für sie wären, darüber geben die Filme keine Auskunft. Und was ihr Leben betrifft, so haben ihre Biografen es wohlweislich vermieden, ins Einzelne zu gehen. Es klingt immer mal wieder die Vermutung an, dass Monroe selbst an Sex gar nicht sonderlich interessiert war.

Gibt es das – ein Sexsymbol, für das Sex eher etwas Symbolisches ist? Für dessen eigene Vorstellung von spannungsreicher oder beglückender Sexualität sich jedenfalls niemand interessiert hat? Ja, das gibt es, es heißt Marilyn Monroe. Diese Festlegung auf die passive Seite der sexuellen Beziehung, auf den Objektstatus, auf das Bild, das Begehren entzündet, ohne dass sein eigenes Begehren ins Spiel kommt – die macht Monroes Ausgeliefertsein an das Showbusiness, an die Geschäftsleute, die ihr Image vermarkteten, ihre Abhängigkeit von männlichen Geschmacksdiktaten und von ihren wechselnden Begleitern, die sich in ihrem Glanz sonnten oder auch von ihrer Hilflosigkeit gerührt waren, noch einmal deutlich. Es zeigt, wie schwach, wie ohnmächtig die Sexgöttin bei all ihrer Macht bleiben musste. Wie wenig sie eigene Entwürfe und Ziele in ihre Arbeit einfließen lassen konnte.

An dieser Schieflage hat sich offenbar außer ihr selbst niemand gestört. Das stellt der Epoche der Fifties ein ungünstiges Zeugnis aus. Aber diese besondere Mischung aus erotischer Übermacht und sozialer, psychischer Ohnmacht verlieh Monroe eine dramatische Wirkung, die dafür verantwortlich war, dass sie zugleich geliebt und bemitleidet wurde.
BARBARA SICHTERMANN

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