Pornografie ist ein Einstieg

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Mitten in der Nacht, in einem schlammigen Graben neben leeren Bierdosen und zerknüllten Zeitungen in einem Vorort außerhalb Stockholms, kauern meine Kollegin Nathalie und ich dicht nebeneinander. Vor uns liegt ein riesiger, verlassener Parkplatz und in der Ferne sehen wir die Lichter der nächsten Autobahn. Der Parkplatz ist leer, abgesehen von einem Auto, einem alten dunkelgrünen Toyota. Er parkt genau in der Mitte des Schotterparkplatzes.

Wir sind dem Mann ungefähr 15 Minuten gefolgt, seit er die Frau aufgesammelt hat, die nun mit ihm in dem Auto sitzt. Bevor er sich eine Frau ausgesucht hatte, war er fast eine Stunde die Malmskillnadsgatan immer wieder rauf und runtergefahren. Schließlich entschied er sich für Kristýna, eine dünne Frau in den Zwanzigern aus Tschechien mit einer ­total kaputten Vergangenheit: Sie wuchs mit viel Gewalt inklusive sexuellem Missbrauch auf, jetzt ist sie Alkoholikerin. ­Jedes Mal, wenn wir sie getroffen haben, war sie betrunken und hatte immer ein paar Ersatzbiere in ihrer Handtasche versteckt. Sie war durchgehend nett und höflich, wollte nie jemanden verletzen. Außer sich selbst.

Vor einem Jahr haben wir, gemeinsam mit der Einheit für Menschenhandel, ihren Zuhälter verhaftet, er sitzt jetzt hinter Gittern. Allerdings waren sämtliche Angebote verschiedener sozialer Einrichtungen und anderer Organisationen vergeblich, sie lehnte jede Hilfe ab. Und jetzt steht Kristýna wieder auf der Straße.
„Siehst du das, Simon? Das Licht und das Auto hüpfen nur so auf und ab!“ Ich schaue mir das Auto genauer an. Das Mondlicht ist hell genug, um die leichte, aber ständige Bewegung des Autos sichtbar zu machen. Aber das Licht von innen, bei dem es sich vielleicht um eine Taschenlampe handelt, leuchtet noch immer hell.

Irgendetwas stimmt nicht, wir müssen jetzt handeln, das Ganze geht schon viel zu lang. Ich schaue Nathalie an und zeige auf das Auto. Dann stehe ich langsam auf und bewege mich durch das hohe Gras und stechende Brennnesseln Richtung Auto. Natürlich trete ich direkt in eine Pfütze und mein Schuh saugt sich mit stinkendem, ekelhaften Tümpelwasser voll. Es riecht nach faulen Eiern und ­toten Ratten. Von der Dunkelheit beschützt, schleichen wir uns heimlich über den Parkplatz.

Das Auto bewegt sich noch immer auf und ab, als wir die Rückseite erreichen. Sie haben uns anscheinend bisher noch nicht bemerkt. Nathalie ist direkt hinter mir, während ich auf allen vieren an der Beifahrerseite entlangkrabbele. Das Geräusch des Kieses hört sich für mich an wie grollender Donner. Das federnde Auto quietscht in die Stille der Nacht hinein.

Als ich die hintere Tür der Beifahrerseite erreicht habe, drehe ich mich um. Nathalie hat ihre Polizeimarke herausgeholt, die jetzt sichtbar um ihren Hals hängt. Sie nickt mir zu. Ich drücke mich gegen die kalte Autotür und stehe langsam auf. Ein Zentimeter nach dem anderen. Im Fenster sehe ich den nackten ­Rücken einer Frau auf dem Rücksitz. Kristýna. Sie sitzt mit gespreizten Beinen auf einem Mann, ebenfalls nackt, und bewegt sich auf und ab. Sie reitet ihn heftig. Und dieses Licht leuchtet immer noch.

Mein erster Gedanke ist, dass er eine Taschenlampe benutzt, um sie besser sehen zu können. Aber er hält in seiner Hand tatsächlich ein Handy und seine Augen kleben auf dem Bildschirm. Er kümmert sich nicht um Kristýna. Sie reitet ihn einfach weiter, fast schon mechanisch. Vielleicht filmt er den Akt, ist mein nächster Gedanke. Aber als er das Display umdreht und der Frau zeigt, realisiere ich, dass er etwas ganz anderes tut. Auf dem kleinen Bildschirm erkenne ich eine junge Frau, die vor einem Mann kniet, den sie oral befriedigt. Ich hocke mich wieder hin, drehe mich um und flüstere Nathalie zu: „Bei den beiden geht es hart zur Sache. Und das Licht: Du wirst es nicht glauben. Der Typ schaut sich gleichzeitig einen Porno an!“

Nathalie schüttelt den Kopf und bewegt sich zurück zum Heck des Autos, dreht sich um und verschwindet. Ich höre die Stimme des Mannes. „Fick mich härter! Fick mich härter, du kleine Hure!“

Die Frau antwortet mit noch stärkerem Stöhnen und das Auto bewegt sich in schnellerem Rhythmus auf und ab. Ich bücke mich und werfe einen kurzen Blick unter das Auto. Mit meinem Kopf flach auf der Erde sehe ich Nathalies schwarze Stiefel. Sie steht in Position, wie ein Spiegelbild von mir. Wir sind bereit. Ich löse eine Taschenlampe von meinem Gürtel.

Es ist soweit. Ich springe hoch, schalte die Taschenlampe ein und leuchte in das Innere des Autos. Mit meiner anderen Hand packe ich den Türgriff und versuche, die Tür zu öffnen. Abgeschlossen. Ich hämmere mit meiner Faust gegen das Fenster und brülle: „Polizei! Öffnen Sie sofort die Tür!“

Ich drücke meine Polizeimarke gegen das Fenster. Das Licht meiner Taschenlampe ist fast schon zu hell, um irgendetwas erkennen zu können, aber ich spüre Bewegung im Auto. Aufruhr.

„Diese Tür ist auch abgeschlossen!“, ruft Nathalie von der anderen Seite.

Der Mann schubst Kristýna weg und zieht hastig seine Hose hoch. Sie rollt sich auf der Rückbank zusammen. Wir klopfen immer noch an die Fenster und befehlen ihm, die Tür zu öffnen, aber er krabbelt auf den Beifahrersitz, durchwühlt seine ­Jackentaschen und findet einen Schlüssel. Mit verzweifeltem Blick schiebt er sich auf die Fahrerseite. „Er hat die Autoschlüssel! Er wird abhauen!“, brüllt Nathalie mir von der anderen Seite zu.

Ich renne schnell zu dem Fenster der Fahrerseite. Ich hole den schwarzen Schlagstock aus meiner Weste. Ich schlage auf das Fenster. Der Stock prallt zurück. Ich hole nochmal aus, dieses Mal noch härter. Der Stock stößt wieder zurück. Ich drehe den Stock um und benutze stattdessen meine ganze Kraft, um den Griff durch das Fenster zu schmettern. Es knackt. Noch ein Schlag. Das Glas zerspringt. Der Mann schreit, ein paar Splitter treffen ihn.

„Polizei! Öffnen Sie die Tür, verdammt nochmal!“, schreit Nathalie. „Stop! Stop!“

Der Mann krümmt sich in Embryohaltung zusammen und verdeckt mit den Händen sein Gesicht. Sein nackter Oberkörper ist von Glassplittern übersät und er hat es noch nicht mal geschafft, seine Hose richtig zu schließen.

Ich fordere den Mann auf, mir seine Autoschlüssel zu geben. Er streckt seine zitternde Hand aus und lässt die Schlüssel erst los, als ich nach ihnen greife. Ich öffne das Auto zur gleichen Zeit, als Krýstina die hintere Tür aufmacht. Sie krabbelt hinaus und schluchzt, sie wolle das alles nicht mehr tun. Nathalie hilft ihr, ihre Kleidung auf dem Rücksitz einzusammeln. Ich starre den Mann an.

„Das ist absoluter Wahnsinn! Wissen Sie eigentlich wie böse das hätte enden können? Warum haben Sie versucht zu fliehen?“ – „Warum wohl? Vielleicht, weil ich betrunken gefahren bin und mir zur Krönung noch eine Hure gekauft habe! Macht Sinn, oder nicht?“ – „Wie ist Ihr Name?“ – „Ahmed …“ – „Hatten Sie schon vorher Kontakt zu der Polizei?“ – „Nein, noch nie.“ – „Wie alt sind Sie?“ – „22 …“

Ich entspanne. Die Gefahr ist vorbei. Plötzlich bemerke ich, wie noch immer jemand stöhnt. Neben Ahmed auf dem Beifahrersitz liegt das Handy, der Bildschirm leuchtet. Ein Mann drückt den Kopf der Frau noch näher an sich und rammt seinen Penis so tief in ihren Hals, dass sie anfangen muss zu würgen. Sie wirft ihren Kopf zurück, um dem zu entkommen, die Augen gefüllt mit Tränen.

„Warum der Porno?“ – „Porno?“ – „Ja, der auf Ihrem Handy.“ – „Ach, das. Na, natürlich um geil zu werden. Ist das illegal?“ – „Nein, aber Sie hatten gerade Sex mit einer Frau. Reicht das nicht?“ – „Nein, ich brauche auch den Film, während ich ficke. Das ist schwer zu erklären … Haben Sie schon mal Viagra probiert? Es hat ungefähr den gleichen Effekt.“ – „Wie Viagra?“ – „Ja, es ist ja nicht so, als wäre ich noch 15 Jahre alt.“

Der Mann lacht und erwartet, dass ich ihn verstehe, als wäre das, was er mir gerade erzählt hat, das Natürlichste auf der Welt.

„Ziehen Sie sich an und kommen Sie aus dem Auto. Sie sind festgenommen wegen Trunkenheit am Steuer und dem käuflichen Erwerb von sexuellen Dienstleistungen, wie Sie sich sicher schon denken können. Wir fahren jetzt zum nächsten Polizeirevier für die Beweise, und Sie werden auch befragt.“

Der Mann steigt aus dem Auto. „Das ganze Auto ist demoliert. Fuck. Was soll ich meinem Bruder sagen?“

Er sucht nach seiner Kleidung, die verstreut auf dem Rücksitz liegt. Ich entferne mich ein paar Schritte und rufe unsere Einsatzzentrale an. „Einsatzzentrale, hier ist Anna.“ „Hey, hier spricht Simon, 37-7190. Wir brauchen einen Abschleppwagen. Wir mussten eine Autoscheibe einschlagen und einen Mann festnehmen. Wir können das Auto hier nicht stehen lassen.“

Es wäre für mich unmöglich gewesen, ein Buch über Prostitution zu schreiben, ohne einen Punkt zu erwähnen, der uns immer öfter zu denken gibt. Ich hätte es mir leicht machen und das Thema einfach aussparen können. Aber wenn ich eine legale Sache sehe, die offensichtlich so einen großen Einfluss auf ein illegales Business hat, dann wäre es falsch, das in einem Buch über Prostitution nicht zu ­erwähnen. Also möchte ich jetzt über die Verbindung von Prostitution und Pornografie sprechen.

Als ich bei den ersten Razzien dabei war, war der typische Sexkäufer ein älterer, schwedischer Mann. Jahr für Jahr hießen sie Sven, Gustav, Anders, Ulf, Hans oder vielleicht Ingemar, meistens waren sie über 45 Jahre alt. Aber die Lage hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Sexkunden, die wir jetzt festnehmen, sind jünger und ihr Alter sinkt weiter stetig. Heute nehmen wir Männer zwischen 18 und 25 Jahren fest, manchmal sogar noch jüngere und das jede Woche. Das durchschnittliche Alter des Sexkäufers ist in einer relativen kurzen Zeitspanne drastisch gesunken.

Zu allererst muss ich festhalten, dass diese jungen Männer, im Gegensatz zu anderen Sexkäufern, von ihrem Aussehen und auch sonst nicht besonders aus dem Rahmen fallen. Das sind ganz gewöhnliche Jungs. Die älteren Sexkäufer, Sven und Konsorten, schieben ihre Taten auf ihre jahrelange Ehe mit der immer gleichen Frau und ihrem Bedürfnis nach Veränderung. Aber die Jungs in den Zwanzigern, die meistens eine Freundin haben, können sich mit so einer Entschuldigung nicht rausreden. Ich denke, es muss noch eine andere Erklärung geben.

Die Einheit für Prostitution verhaftet pro Jahr etwa 150 bis 200 Männer wegen des käuflichen Erwerbs von Sex. Das heißt, wir durchsuchen eine beachtliche Anzahl an Smartphones, befragen Hunderte von Freiern und Frauen und durchforsten unentwegt Online-Plattformen und Foren, in denen es um Prostitution geht. Deshalb würde ich sagen, dass wir einen guten Überblick über die derzeitige Lage haben.

Ist mir noch ein anderer Trend aufgefallen, außer dass die Sexkäufer wesentlich jünger sind als früher? Die Antwort lautet: Ja. Wenn ich die Handys der Sexkunden durchsucht habe, habe ich eine große Menge an pornografischem Bildmaterial gefunden. Und ich frage mich, wie sehr die ­Pornografie diese Männer beeinflusst.

Wenn man den Einfluss von Pornografie auf die Sexkäufer verstehen möchte, ist es interessant sich anzuschauen, wie der gekaufte Sex abläuft. Ziemlich oft ist er nämlich die Kopie eines pornografischen Skripts. Über all die Jahre hinweg habe ich dann die Frauen, die ich in der Prostitution getroffen habe, immer wieder gefragt, wie die Pornografie die Männer beeinflusst, die sie treffen. Und es ist immer wieder frappierend für mich, wie bewusst den Frauen der Zusammenhang ist.

Wenn ich sie darauf anspreche, lachen sie normalerweise, schütteln den Kopf und finden die Frage geradezu lächerlich. Ich sollte es mittlerweile doch wissen, sagen sie. Dann höre ich eine Geschichte nach der anderen, wie die Kunden gemeinsam mit ihnen Pornos gucken und genau diese Dinge, die sie gerade gesehen haben, tun wollen.

Sowohl schwedische als auch internationale Untersuchungen ergeben, dass das durchschnittliche Alter, in dem Jungen anfangen Pornografie zu konsumieren, heute ungefähr bei elf oder zwölf Jahren liegt. Das ist natürlich auch ein Resultat des leichten Zugangs zu Pornografie durch das Internet via Smartphones. Und Pornografie ist heutzutage etwas anderes als früher. Was heute im Porno als „normal“ gilt, nannte man, als ich Teenager war, noch „hardcore“.

Was passiert mit dem Blick eines Jungen auf Frauen, wenn er regelmäßig, vielleicht sogar täglich, diese Filme guckt? Was passiert mit seinem Selbstbild? Ist es überhaupt möglich, solche Filme zu schauen, ohne davon beeinflusst zu werden? Kann es vielleicht sein, dass Pornografie unsere Gesellschaft bereits stärker geprägt hat, als wir zugeben möchten? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Antworten, aber ich habe im Laufe der Jahre eine Menge gesehen.

Das Problem vieler junger Männer, die wir treffen, ist, dass ihnen der Konsum von Pornos irgendwann einfach nicht mehr reicht. Sie wollen das haben, was sie sehen – in echt. Damit missbrauchen sie bereits geschädigte Frauen, indem sie einfach Sex von ihnen kaufen, die keine Wahl haben und die deshalb genau das machen, was du ihnen sagst.

Simon Häggström
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch von Simon Häggström: Shadow's Law (Bullet Point Publishing). Ü: Maren Schleimer

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Ein Detektiv für Laura und Larisa

Simon Häggström aus der Stockholmer "Prostitution Unit" spürt Opfer von Menschenhandel auf. - © Cornelia Nordström
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Es ist ein normaler Dienstag. Ich sitze vor meinem Computer und scrolle durch aufgespritzte Lippen, Silikonbrüste und Tangas. World Top Escorts heißt eine der zahlreichen Websites, die lüsternen Sexkäufern Tag und Nacht frische, junge Frauen bereitstellt. Klickt man auf die Unterseite Escort, öffnet sich eine Weltkarte.

Ich klicke auf Europa. Die Karte zoomt näher ran. Ich setze den Cursor auf Schweden und klicke. Eine Liste von Städten ploppt auf. Neben den Städten stehen Zahlen in Klammern: Frauen, die in diesem Moment Sex in dieser Stadt verkaufen. Stockholm steht, wie gewohnt, mit seinen 193 Frauen an der Spitze der Liste, gefolgt von Göteborg. Eslöv bildet das Schlusslicht mit nur einer aktiven Anzeige.

Ich wähle Stockholm. Fünf Anzeigen in jeder Reihe: alles Frauen, ein Mann mit athletischem Körper ist die Ausnahme. Unter jedem Foto in der Reihe steht ein Name. Laura. Ionela. Karla. Larisa. Beatriz. Unter den Namen sind fünf Sterne. Während bei den einen alle fünf Sterne gelb aufleuchten, haben andere nur zwei oder drei gelbe Sterne, wiederum andere sogar nur anderthalb. Diese Sterne sind die Bewertungen der Sexkäufer.

Mein Job ist es, nun herauszufiltern, welche dieser Anzeigen sich die Sozialarbeiterinnen Malin und Zanna gemeinsam mit mir heute vornehmen sollten. Von all den Sexanzeigen schaffen wir nur einer Handvoll von ihnen pro Woche auf den Grund zu gehen. Die Frage, die wir uns dabei jeden Tag stellen: Wer benötigt am dringendsten einen Besuch der Prostitution Unit?

Um das herauszufinden, muss der Inhalt der Seite sehr genau auf bestimmte Muster und Signale durchleuchtet werden. Mein Blick bleibt bei einer Frau hängen, die sich selbst Serena nennt. Sie trägt einen winzigen rotkarierten Rock. Ihr Oberkörper liegt komplett frei und ihre Brüste sind sehr klein. Ihre langen Haare sind zu zwei Zöpfen gebunden, sie schaut mit verführerischem Blick direkt in die Kamera und lutscht an ihrem Daumen. Ich klicke auf das Foto und werde zu ihrer Anzeige weitergeleitet.

Das Foto erstreckt sich nun über meinen halben Bildschirm. Ich betrachte es noch genauer und stelle fest, dass sich meine Vermutung über das junge Alter der Frau bestätigt. Ich frage mich, ob sie überhaupt über 18 ist. Auf der rechten Seite des Fotos ist eine Liste mit den Eigenschaften des Mädchens: 18 Jahre alt, 167 cm, 48 Kilo, helle Haut, braune Haare, braune Augen, Körbchengröße B, rasiert, Nichtraucherin, spanisch.

Spanisch oder italienisch bedeutet in dieser Art von Anzeigen in Wirklichkeit meistens rumänisch. Die Menschenhändler wissen nämlich ganz genau, dass Frauen aus den ärmsten Ländern Europas bei den Sexkäufern nicht ziehen. Häufig hat das wenig damit zu tun, dass die Kunden fürchten, es mit einem Menschenhandels-Opfer zu tun zu haben. Sie haben vor allem Angst, dass sich das Risiko einer Verhaftung für sie erhöht. Die Sexkäufer glauben, solche Mädchen sind eher im Fokus der Polizei, weil sie so gut wie immer in die Organisierte Kriminalität verwickelt sind.

Weiter unten auf der Seite finden sich drei Spalten. Hierbei handelt es sich um eine Preisliste, die sich danach richtet, ob der Kunde einen incall will – also ob er Sex mit Serena bei ihr, in einem Hotel oder einer Wohnung kaufen möchte – oder einen outcall – dann kommt Serena zu ihm nach Hause. So wie andere Leute ­Pizza bestellen, ordern die Sexkunden eine Frau und lassen sie sich bis vor ihre Haustür liefern. Die Preise gehen von 150 Euro für 30 Minuten bis zu 2.000 Euro für 24 Stunden.

Unter dem Titel Beschreibung ist eine Nachricht, die verführerisch und einladend klingen soll:

Hi Baby,
ich bin eine völlig unabhängige Escort-­Dame. Eine wirklich charismatische Schönheit mit glamouröser Weichheit und hinreißender Energie, die dich auf unglaubliche Weise fesseln wird. Ich bin gutmütig, habe Manieren und lache gerne. Mein reizendes, diskretes und vergnügtes Auftreten macht mich zu deiner idealen Begleiterin für jeden Anlass. Ich bin ein extrem bodenständiges, kluges, sexy, kultiviertes und abenteuerlustiges Mädchen, das es einfach liebt, Spaß zu haben! Also nimm dein Telefon und ruf mich an. Ich bin sehr aufregend, Baby. Ich mach deine Träume wahr.

Sie arbeitet von Montag bis Sonntag, 24 Stunden von 24.

Dass es da draußen tatsächlich Männer gibt, die glauben, Serena stehe als eine „unabhängige Escort-Dame“ 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche aus völlig freiem Willen den Sexkunden zur Verfügung, ist einfach nur deprimierend.

ch muss an den älteren Mann denken, den wir vergangene Woche verhaftet haben. Er erzählte uns, dass er das slowakische Mädchen schließlich gefragt hätte, ob sie das Geld behalten dürfe. Als sie daraufhin Ja sagte, fand er, er habe seine Pflicht getan und nahm ihre „Dienste“ ruhigen Gewissens in Anspruch.

Serenas Anzeige will einfach nicht enden. Kein Detail wird ausgelassen. Ich scrolle weiter nach unten und finde eine Liste mit den Dienstleistungen, die sie anbietet:

Fortgeschritten, American, CIM, Classic Cocktail, CIB, Cocktail, COF, Danish, Deep throat, Dildo Show, Dutch, erotische Massage, Escortdate, Facesitting, Fetish Fashion, Fingern, Fisting, French, German, GFE, Lesben Show, Golden Showers, Greek, Küssen, Masturbation Show, Norwegian, Oily Spanish, OWO, Oral mit Schlucken, Anilingus, Rollenspiele, Russian, Sandwich, Schulmädchen, BDSM, Sexspielzeuge, Sex ohne Kondom, Sklavenschlampe, Spanish, Schläge, Squirting, Striptease, Super French.

Aha, diese angeblich 18-jährige Frau will also das alles machen. Nehmen wir zum Beispiel das Küssen. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass viele der ausländischen Frauen keine Küsse anbieten. Küssen gilt als zu intim; das möchten sie für den Tag aufheben, an dem sie ihre große Liebe finden. Damit sie wenigstens eine Sache von sich aufgehoben haben, wenn es soweit sein sollte.

Weiter unten finde ich noch mehr Fotos. Auf dem einen trägt die Frau ein pinkes Höschen und umarmt einen Teddybären; auf dem nächsten hält sie einen Stapel Bücher, gekleidet wie ein Schulmädchen in einem kurzen, karierten Rock und aufgeknöpfter Bluse. Es liegt auf der Hand, dass solche Fotos versteckt zeigen sollen, dass die Frau definitiv unter 18 ist.

Wie auch immer, die Anzeige sagt, Serena sei 18 Jahre alt. Falls das wirklich stimmt, ist sie den Fotos nach allerdings höchstens 18 Jahre und einen Tag alt. Sie ist Tag und Nacht verfügbar und bietet alle möglichen Sexpraktiken an. Diese Anzeige riecht nur so nach Menschenhandel.

Die Bürotür öffnet sich und Zanna kommt rein, das Funkgerät in der einen Hand und ihre schwarze Schutzweste in der anderen. „Komm, wir müssen los! Ein gesuchter Zuhälter ist Nathalie und Henk direkt in die Arme gelaufen. Sie brauchen Rückendeckung! Malin wartet auf uns im Auto.“

Ich klicke auf das X in der rechten Ecke des Fensters und schließe den Browser. Für diesen Moment muss ich die junge Frau gehen lassen. Ich muss ein anderes Mal Zeit für sie finden. Wenn sie dann überhaupt noch in Schweden ist. Das Risiko ist ziemlich hoch, dass die Menschenhändler sie in eine andere Stadt verfrachten werden, vielleicht sogar in ein anderes Land – Sexkäufer sind schnell gelangweilt von dem immer ­gleichen Angebot an Frauen.

In diesem Fall kann man nur hoffen, dass meine Kollegen von einer anderen Prostitution Unit irgendwo auf der Welt sie im Internet finden, die gleichen Schlüsse wie ich ziehen – und ihr helfen.

In den vergangenen Jahren hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Länder zu besuchen und über unsere Arbeit in Schweden zu sprechen. Auf diesen Reisen gibt es eine Frage, die mir immer wieder begegnet – ob von PolitikerInnen, RichterInnen, PolizeikollegInnen und JournalistInnen. Bei dieser Frage geht es um die Befürchtung, dass die Prostitu­tion verschwinden und im Untergrund ausgeübt würde, wenn man die Freier kriminalisiert. Angeblich verliere man durch die Kriminalisierung der Freier die Kontrolle und könne Frauen wie Freier nicht mehr aufspüren. Das ist ein bedauerlicher Irrglaube über unser Schwedisches Modell, der sich in keinster Weise bestätigt hat.

Es ist ganz einfach: Prostitution kann gar nicht komplett untertauchen. Wie in jedem anderen Business auch, müssen Käufer und Verkäufer in irgendeiner Weise miteinander kommunizieren, und das passiert meistens über solche Anzeigen, wie ich sie beschrieben habe. Genauso leicht wie die Sexkunden die Anzeigen der Frauen finden, die sie treffen möchten, findet die Polizei sie.

Die Prostitution Unit hatte noch nie Probleme damit, Hotels oder Wohnungen aufzuspüren, in denen Frauen verkauft werden. Es erfordert nicht sonderlich viel Zeit oder großen Aufwand, die Adressen herauszufinden. Alles was wir brauchen, ist ein Handy – und in ein paar Minuten wissen wir, wo genau der nächste Sexverkauf in Stockholm abläuft. Nichts leichter als das.

Es überrascht mich immer wieder neu, wie viele Leute sich plötzlich zu Experten der Polizeiarbeit aufschwingen, sobald es um das schwedische Sexkaufverbot geht. Behauptungen wie „Prostitution wird in den Untergrund abtauchen!“, „Die Gewalt gegen Prostituierte wird drastisch zunehmen!“, „Das Gesetz ist nur schwer umzusetzen!“ oder „Die Polizei kann nicht genügend Beweise finden!“ werden einfach für bare Münze genommen. Immer und immer wieder werden diese Pseudo-Argumente in Debatten und Konferenzen in aller Welt vorgebracht. Wir, die an der Front arbeiten, nehmen das nicht sonderlich ernst.

Denn wir wissen, dass es sich dabei nur um eins handelt: einen Mythos.

 

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Der Text ist ein Auszug aus dem Buch von Simon Häggström: Shadow's Law (Bullet Point Publishing) - Übersetzung aus dem Englischen: Maren Schleimer

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