PRO Frauen ins Militär: Gegen den

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EMMA Dezember 1980

Selten habe ich schon im vorhinein für einen Artikel so viele besorgte Ratschläge von wohlmeinenden Kolleginnen und Freundinnen bekommen, wie für diesen: Du musst unbedingt noch mal sagen, dass ... Und mach unmissverständlich klar, dass ... Und wiederhole ruhig fünfmal, dass ...

Selten auch, genauer: nie, bin ich wegen einer inhaltlichen Position soviel aus eigenen, aus frauenbewegten Reihen kritisiert bis angegriffen worden. So unterstellte mir zum Beispiel Courage bisher einfach immer wieder ein glattes Ja zu "Frauen in die Bundeswehr" und attestierte "eine falsch verstandene Emanzipation".

Die Kölner Frauenzeitung pflaumte mich in einem offenen Brief an: "Wir wollen nicht mehr nur Kanonenfutter produzieren, wir wollen endlich selber welches sein." Und die ökologiebewegte "Graswurzel Revolution" rügte: "Solche Probleme verlangen eine politische Position, die in dem Artikel von Alice Schwarzer durchaus fehlt."

Was ist los? Bin ich so hoffnungslos auf den falschen Weg geraten? Liegen alle anderen schief? Oder ist dies um's gleich forsch in militärischen Bildern zu sagen - ein besonders vermintes Terrain, durch dessen Fallen wir alle uns erst einmal mit Bedachtheit und Zielstrebigkeit durchfinden müssen? Ich neige zur letzteren Auffassung und meine, dass eine allgemeinpolitisch und gleichzeitig (!) feministisch richtige Antwort auf diese knifflige Frage ganz und gar nicht griffig parat liegt, sondern erst noch erarbeitet werden muss.

Worum geht es eigentlich? Um die Frage "Krieg oder Frieden"? Leider nein. Kriege finden, das wissen wir nun seit ein paar Jahrtausenden, so oder so statt, unabhängig davon, ob auch Frauen Zugang zu Waffen haben oder nicht. Denn diese Kriege werden entschieden in Machtsphären, in denen Frauen heute so abwesend sind wie gestern.

Geht es dann um die Frage, ob wir Frauen selbst überhaupt bereit sind, in diesen mörderischen Geschäften unsere Haut zu lassen? Ebenfalls leider nein. Denn zum Opfersein sind wir allemal gut genug auch ohne das Recht auf Täterschaft. Gestorben wird in der Etappe genauso viel wie an der Front (im 2. Weltkrieg gab es 27.843.000 tote Soldaten und 27.157.000 tote Zivilisten!). Außerdem: in Anbetracht der rasanten technischen Entwicklung wären wir bei zukünftigen kriegerischen Auseinandersetzungen in Mitteleuropa alle dran: egal. ob wir mitgemacht haben oder nicht ...

Geht es dann darum, dass Frauen durch ein Sich-raus-Halten Einfluss ausüben, Kriege verhindern könnten? Leider, leider auch nicht. Sonst wäre ich sofort dabei! Doch die Geschichte lehrt uns, dass Bewusstsein eine Sache, Macht aber - und erst recht Waffenmacht! - eine andere ist. Nehmen Bewusstseinsentwicklungen für Machthaber gar zu unbequeme Formen an, sind diese erfahrungsgemäß oft gar nicht zimperlich und treten Diskutierenden schlicht mit Gewalt entgegen.

"Die Macht liegt im Lauf des Gewehres" - das haben Unterdrücker wie Unterdrückte letztlich immer erkannt und oft genug entsprechend gehandelt.

Die Frage der Gewalt und der Waffengewalt ist also nicht pauschal zu behandeln. Es gibt Unterdrücker-Gewalt und es gibt Gegengewalt Unterdrückter. Darum ist Pazifismus um jeden Preis unpolitisch, und auch so bequem für diejenigen, die im Traum nicht daran denken, ihn zu praktizieren. (Nun ist die Bundeswehr allerdings keine revolutionäre Volksarmee, sondern Teil der Nato und damit Teil des massiven Einschüchterungsapparates, mit dem sich die großen Machtblöcke gegenüberstehen ...).

Im Namen der "Natur der Frau"! Übrigens: eigentlich ist die Sache schon längst entschieden: Frauen arbeiten in der Bundeswehr! Jeder zehnte bei der Behörde Bundeswehr beschäftigte Mensch ist schon heute weiblich. In vielen Ländern in West wie Ost als auch der dritten Welt sind Frauen ein zunehmend selbstverständlicher (und benötigter!) Bestandteil von Armeen.

Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Nämlich bis zu dem Punkt, wo es um den direkten Zugang zu den Waffen geht. Dann fängt es an, heikel zu werden. Kein Kombattantenstatus für Frauen: Bewaffnete Frauen sind tabu. So tabu, dass jede, die wagt, darüber nachzudenken, vehement verteufelt wird. Ich weiß, wovon ich rede ...

Nur - ich habe keine Lust, mir das Denken verbieten zu lassen! Auch und gerade nicht in dieser Frage! Denn eben dieser Grad der Tabuisierung signalisiert die Brisanz des Problems. Misstrauisch, sehr misstrauisch macht mich das, wenn von der "Natur der Frau" die Rede ist und der "natürlichen weiblichen Friedfertigkeit". (Mit diesen Argumenten verbietet nämlich das bundesdeutsche Grundgesetz Frauen den Zugang zum Dienst mit der Waffe.) Friedfertig sei das Weib.

Völlig überflüssig, Schwestern, unter diesen Umständen laut zu protestieren gegen einen weiblichen Wehrdienst. Ihr heult mit den Wölfen. Niemand will uns Frauen an die Waffe lassen, geschweige denn holen. Auch nicht die. die angesichts der herannahenden geburtenschwachen Jahrgänge mit dem weiblichen Geschlecht als Nachschubtruppe liebäugeln. Auch die denken nur an eine Teilintegration von Frauen in die Armeen und sind strikt gegen Frauen an Waffen und in Machtpositionen. Bei dem Gedanken graut's nämlich den Herren der Schöpfung. Flintenweiber.

Und genau das ist der Punkt, den ich spannend finde! Hier geht es um mehr, um soviel mehr als nur die Auffüllung einiger leer werdender Posten bei der Bundeswehr. Hier geht es um die Frage des Verhältnisses von Frauen zur Gewalt! Das und nichts anderes steht in Wahrheit dahinter, und macht die Diskussion so brisant und - so wichtig für Feministinnen.

Denn auch auf die Gefahr hin, niedergeschrieen zu werden, muss ich sagen: ich glaube nicht an die angeborene Friedfertigkeit von Frauen! Ich glaube nicht daran, dass Frauen "von Natur aus besser" sind als Männer! Ich glaube nicht, dass es in einer Gesellschaft, in der Frauen die (oder mehr) Macht hätten, automatisch auch friedfertiger zugehen würde! (Und die Geschichte bestätigt das: es hat durchaus auch blutige Frauenstaaten und friedliche Männerstaaten gegeben, sieh dazu "Frauenstaat - Männerstaat" von Mathilde Vaerting).

Aber ich glaube, dass es ein durchgängiges Merkmal aller Unterdrückten ist, dass sie sich haben einreden lassen, von Natur aus "friedfertig" zu sein. Eine Eigenschaft, die an sich sehr positiv und erstrebenswert ist, für die Friedfertigen selbst aber nur dann günstig, wenn auch die Verhältnisse friedfertig sind. Sklaven waren "friedfertig". Zu lange. Frauen sind "friedfertig". Zu lange.

Darum ist es so wichtig, dass wir unabhängig davon, wie wir zur Bundeswehr stehen, nicht hinnehmen, im Namen dieser "Friedfertigkeit" aus einem gesellschaftlich so relevanten Bereich ausgeschlossen zu werden! Ob wir da mitmachen oder nicht, ist von uns selbst zu entscheiden. Das Verdikt jedoch, das Wehrdienst für Männer zu einer "ehrenwerten Bürgerspflicht" erklärt, das "Vaterland zu verteidigen", und für Frauen für unnatürlich, ist eine Bevormundung.

Besonders zynisch ist dabei, dass wir im Ernstfall sowieso herhalten müssen. In der Etappe wie an der Front. Das war im algerischen Befreiungskampf nicht anders als es heute im palästinensischen ist. Und das war in der Endphase des Dritten Reiches so, wie es morgen in der Bundesrepublik sein könnte.

Denn das Grundgesetz verbietet uns zwar ausdrücklich den Dienst an der Waffe (Frauen "dürfen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten"), lässt sich aber gleichzeitig via Notstandsgesetze eine Hintertür offen ("Kann im Verteidigungsfalle der Bedarf an zivilen Dienstleistungen ... in ortsfesten militärischen Lazarettorganisationen nicht auf freiwilliger Grundlage gedeckt werden, so können Frauen ... durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes zu derartigen Dienstleistungen herangezogen werden.") 

Im Ernstfall also dürfen auch wir Frauen den Heldentod sterben. Nur in Friedenszeit gilt die Parole: friedlich sei das Weib. Frauen an Heim und Herd, Männer an die Macht. Darum geht es. Und darum dürfen wir gebetsmühlenartige Formeln wie "Frauen Nein zur Bundeswehr" nicht so unhinterfragt hinnehmen.

Klar doch: Auch ich bin gegen die Bundeswehr (und hätte mir nach dem Dritten Reich eher eine neutrale, militärfreie BRD gewünscht). Auch ich bin und war immer für Abrüstung. Und, ich gestehe, auch ich bin auch gegen Militär und militärischen Geist - um Kasernen mache ich einen Bogen, Befehls- und Ordenstralala finde ich lächerlich bis empörend - und ich hab was gegen Gleichschritt.

Ich glaube auch überhaupt nicht, dass ein Zugang für Frauen zur Bundeswehr uns emanzipierter machen würde. Auch halte ich den Kalkül von "gleiche Rechte = gleiche Pflichten" für eine Milchmädchenrechnung in einer Gesellschaft wie der unseren, in der Frauen immer noch bedeutend mehr Pflichten als Männer haben. Nur - das allein ist es nicht. Denn hinter dem Ausschluss von Frauen vom Waffendienst steckt kein Pazifismus, sondern Sexismus! Und es gibt Formen des Pazifismus, die nicht menschliche Güte, sondern - politische Dummheit sind.

In dieser Unrechtswelt kann Pazifismus wie Feminismus nur militant sein - was nicht unbedingt, und hier und heute schon gar nicht!, bewaffnet meint, aber doch angemessen kämpferisch. Für mich bedeutet das: bei der Frage nach der zukünftigen Rolle von Frauen in Armeen müssen wir eine Synthese finden zwischen militantem Pazifismus und militantem Feminismus. Dazu möchte ich beitragen. Ohne Denkverbote und ohne Einschüchterungsversuche aus den eigenen Reihen (die der anderen Seite genügen mir satt).

Eine Antwort möchte ich finden auf die Frage: Warum sind Männer in dem Punkt auf einmal die schlechteren Menschen und gerade gut genug für das dreckige Handwerk des Tötens? Und warum will man dieses ausgerechnet uns Frauen so galant ersparen, wo wir doch sonst gut genug sind für jede Drecksarbeit in dieser Gesellschaft?

Die Parole "Frauen zur Bundeswehr: nein danke!" ist gefährlich kurzsichtig. Wenn schon, dann kann es nur heißen: "Frauen und Männer zur Bundeswehr - nein danke!" Ich persönlich wäre, das habe ich oft genug gesagt, als Mann Kriegsdienstverweigerer. Und ich bin unter den gegebenen Umständen in der Bundesrepublik überhaupt gegen jede Wehrpflicht. Für Männer wie, versteht sich, für Frauen.

Aber ich möchte das selbst entscheiden können! Und ich möchte auch in dem Punkt andere Frauen nicht bevormunden. Selbst wenn Kasernen für mich zu den Orten gehören, die ich lieber heute als morgen umgewandelt sähe in Kinderspielplätze oder Tanzsäle.

(Aber so geht es mir ja nicht nur mit Kasernen, so geht's mir zum Beispiel auch mit den Chefetagen des wirtschaftlichen und politischen Managements, mit Fließbandsälen oder Eroszentern und all den anderen Schauplätzen erniedrigender und/oder entfremdeter Arbeit. Aber: ich möchte auch da Frauen den Zugang nicht untersagen, sondern bestenfalls ersparen!)

Ich bleibe also dabei: Ich bin gegen die Bundeswehr. Und ich bin gegen einen von der Männergesellschaft diktierten Ausschluss von Frauen beim "Dienst an der Waffe". Nicht einfach, ich weiß. Aber es sind halt selten die einfachsten Wege, die ans Ziel bringen.

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