Eine Journalistin auf den Spuren der Herkunft der Frauen

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„30 000 Euro hat er mit mir verdient, und zwei Autos“. Die junge Rumänin, nennen wir sie Mariana, lebt in einer geheimen Wohnung, wird von Polizisten beschützt, denn sie fürchtet die Rache der flüchtigen Frauenhändler. Er suchte Nachschub für seinen Puff in Deutschland. Sie träumte von Liebe. Jetzt ist sie im Zeugenschutzprogramm der Polizei. Keiner darf wissen, wie sie tatsächlich heißt und wo sie wohnt, denn sie ist ausgestiegen, bereit, gegen ihren Peiniger auszusagen.

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„Er hat mir gesagt, dass er mich liebt“, sagt Mariana und ein Schatten gleitet über ihr schmales Gesicht. „Er hat gesagt, er will mich heiraten, Kinder mit mir haben. Und dass nur noch ein bisschen Geld fehlt für eine Wohnung, ein Auto …“ – „Loverboymasche“ nennen die Polizisten von der ­Abtei­lung Milieukriminalität diese Methode. Sie garantiert maximale Abhängigkeit der Frau und minimales Risiko für den Mann. Dahinter steht meist ein ganzes Netzwerk: ein Anwerber, der Loverboy eben, der für beständigen Nachschub an Mädchen sorgt; einer, der den Transport organisiert und einer, der dann in Deutschland darüber wacht, dass das Mädchen nicht abspringt. Er ist es, der die Frau dazu zwingt, regelmäßig zu Hause anzurufen, zu behaupten, wie gut es ihr gehe, von der schönen Arbeit in einem Restaurant zu berichten, Geld zu schicken.

Für Mariana waren es bald 15, 20 Freier am Tag. Sie begann, sich zu wehren. Doch Bogdan, der Kumpel ihres Loverboys, drohte: „Wir werden deiner Familie Fotos von dir schicken, ihnen erzählen, was du hier machst. Und an Flucht solltest du noch nicht mal denken. Die deutsche Polizei kriegt von uns Geld. Sie werden dich sofort zu uns zurückschicken.“
Als er zuschlug, wagte sie es trotzdem. Ein Freier half ihr zu entkommen.

Mariana ist kein Einzelfall: Vor allem Frauen aus Rumänien und Bulgarien werden wie Ware gehandelt. Der Umsatz in der Prostitution beträgt allein in Deutschland 15 Milliarden Euro pro Jahr. Den Löwenanteil kassieren die Frauenhändler, Zuhälter, Bordellchefs. Für die Frauen bleibt nur ein Rest zum Überleben. Die UN schätzt die Zahl weiblicher Zwangsprostituierter in Europa auf 500000.
Die Menschenhandelskette beginnt in kleinen Dörfern und Städtchen in Rumänien. Die Hintermänner sind Teil eines ganzen Netzwerks, bringen immer wieder Nachschub nach Deutschland, nutzen die Träume junger Frauen von einem besseren Leben gnadenlos aus.

Wenn sie nach alptraumhaften Erfahrungen zurückkehren, landen sie, wenn sie Glück haben, bei Iana Matei und der von ihr gegründeten Organisation „Reaching Out“ in der Kleinstadt Pitesti, eineinhalb Autostunden entfernt von Bukarest. Viele Schützlinge der energischen Psychologin sind minderjährig, die Jüngste ist 13. Iana Matei päppelt sie langsam wieder auf. Sie begleitet die Opfer zu den Gerichtsterminen, verhandelt mit der Polizei und musste mehr als einmal feststellen, dass Polizei und oft auch die ­Justiz in Rumänien korrupt sind und mit den Menschenhändlern zusammenarbeiten. Vor allem, wenn sie eine Flucht aus den Häusern der Täter plant, mit laufendem Motor auf ein Mädchen wartet, bräuchte sie dringend besseren Schutz.

Prostitution ist in Rumänien verboten – theoretisch. Denn natürlich gibt es Prostitution, sagt Iana Matei, auch in Rumänien. „Allerdings bringt für Menschenhändler und Zuhälter ein Mädchen, das sie in den ­Westen ‚verkaufen‘, am meisten.“ Inzwischen hat sie ihr Schutzhaus mit hohen Zäunen gesichert, einen Notfallknopf in allen Zimmern, freilaufende Hunde auf dem ­Gelände. Trotz aller Vorsicht: Oft schon sind die Menschenhändler aufgekreuzt und forderten ihre „Ware“ zurück. Manchmal glauben auch die Mädchen den Beteuerungen ihrer Loverboys, dass sie sich geändert hätten und kehren „freiwillig“ zurück.
Matei hat das Gefühl, an zwei Fronten zu kämpfen. Oft trifft die Rumänin auf ­internationalen Konferenzen in Deutschland auf „selbstbestimmte Prostituierte“, die ihre „Sexarbeit“ verteidigen. Sie schüttelt resigniert den Kopf und deutet auf die Dreizehnjährige, die sich im Wohnzimmer fest an die Hand einer Älteren klammert. Manche Kinder und Jugendliche werden von ihren Familien aus schierer Not verkauft, viele Eltern arbeiten im Ausland, die Kinder bleiben in den Dörfern bei Verwandten zurück und sind leichte Beute von Männern und auch Frauen, die ihnen von einer tollen Arbeit und der goldenen Zukunft im Ausland vorschwärmen. Oft suchen sich die Frauenhändler gezielt Mädchen aus, die aus schwierigen Familien­verhältnissen kommen und froh sind, einen „Beschützer“ gefunden zu haben.

Das US-Außenministerium kürte Iana Matei für ihre „großartige Arbeit“ bei der Befreiung von Opfern des Menschenhandels 2006 zur „Heldin des Jahres“. Und das britische Oberhaus zeichnete sie 2007 mit dem „Abolitionist Award“ aus.

Auch Alexandra Mitroi von ADPARE, der „Association for Developing Alternative Practices for Reintegration and Education“ kümmert sich um zurückgekehrte Opfer, sorgt dafür, dass sie wieder zur Schule gehen oder eine Berufsausbildung beginnen und bringt Frauen unter, die nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehren können. Wird bekannt, dass die Mädchen im Ausland nicht gekellnert, geputzt und auf Babys aufgepasst, sondern angeschafft haben, sind sie in ihren Dörfern unten durch.

Zurück nach Deutschland. Polizeikommissariat Hannover. Dimitrinka aus Bulgarien konnte flüchten. Der 38-jährigen Frau hatte ein Bekannter ihrer Schwester Arbeit in einer Gaststätte versprochen. Sie vertraute ihm und landete auf dem Straßenstrich, musste zwei Monate anschaffen, drangsaliert und ständig bewacht von ihrem Zuhälter und seiner Kumpanin, bis ihr endlich die Flucht gelang. „Ich kann nicht lesen und schreiben, doch der Bekannte meiner Schwester sagte: ‚Das macht nichts, Töpfe abwaschen kannst du doch.‘ Hier hat er mich dann geschlagen und ­vergewaltigt und auf die Straße geschickt. Alles Geld hat er mir weggenommen.“

Polizeihauptkommissar Makel ruft eine Betreuerin der Frauenberatungsstelle Kobra an. Mit ihrer Flucht ist Dimitrinka ein hohes Risiko eingegangen, denn die Peiniger der Frauen drohen mit Rache, wenn sie auspackt. Kasia Zentner von Kobra berät die Frauen, erklärt ihnen, was beim Prozess auf sie zukommt, kauft Kleidungsstücke, bringt die Mädchen und Frauen bis zur Gerichtsverhandlung in Hotels und Schutzwohnungen unter, deren Adressen geheim sind. Oft versuchen Täter, die Frauen zu entführen und sie von einer Aussage abzuhalten. Dimitrinka kennt Deutschland nur aus der Perspektive des Straßenstrichs. Nun kommt sie zum ersten Mal zur Ruhe und fängt hemmungslos an zu weinen: „Ich habe zu Hause fünf ­Kinder. Mit meinem Mann bin ich seit 20 Jahren verheiratet. Was werden sie sagen, wenn sie alles erfahren? Und ich dachte doch, ich bekomme hier eine Arbeit, kann meiner Familie helfen. Er hat mich immer und immer wieder geschlagen und ver­gewaltigt, wenn ich ihm gesagt habe, ich mache das nicht“.

Kasia Zentner bringt Dimitrinka zum Flughafen. Als Analphabetin kommt sie nicht allein zurecht. Marina von der Partner­organisation Animus in Bulgarien steht am Flughafen in Sofia bereit. Sie wartet auf Frauen aus Madrid und Rom, Paris und Hamburg, nimmt sie in Empfang, kümmert sich um sie, setzt sie in den Bus nach Hause. Und wird sie später, wenn sie zum Prozess nach Deutschland kommen, wieder abholen und ins Flugzeug setzen.

Dimtrinka wohnt weit weg vom schicken Sofia. Sie gehört zur diskriminierten Minderheit der Roma, deren Dörfer man schon von weitem erkennen kann. Rundherum unfassbare Armut und Verwahrlosung. Kaum einer hat Arbeit, wenige Kinder gehen zur Schule. Die meisten Familien leben von der Stütze oder vom Schrotthandel. Das Haus ist eine baufällige Bude, der magere Klepper, der beim Schrotttransport hilft, noch nicht abbezahlt. Frauen bekommen oft schon mit 14 das erste Kind. Hier haben es Männer leicht, die tolle Arbeit im Westen versprechen.
Die Grenze zwischen Bulgarien und Serbien: Über diese Grenze wurde sie nach Deutschland transportiert. Es ist der kürzeste Weg nach Westeuropa. Die Polizisten sind inzwischen geschult, fragen nach, wenn ein Mann mit vielen Frauen im Auto sitzt, doch auch die Zuhälter sind geschickter geworden, erzählen etwas von einer Familienfeier und verteilen vor der Grenze Geschenkpäckchen, damit das Szenario glaubhafter wirkt. Meist sind die Polizisten hilflos, müssen die Wagen passieren lassen. „Natürlich haben wir ausgebildete Polizisten, die auf bestimmte Typen achten, sie anhalten und befragen“ sagt der Grenzbeamte. „Aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt.“

Bistra Slavova von der Organisation „Face to Face“ ist heute in eine Schule nach Sofia gekommen. Das Klassenzimmer ist voller junger Mädchen und Kinder. Auch einige Mütter und Großmütter sind dabei. Magdalina Valchanova, die ehemalige Miss Bulgaria, die im Land populär ist, hat „Face to Face Bulgarien“ gegründet als Ableger von „Face to Face International“ der Vereinten Nationen. Sie hat einen Film drehen lassen: „Svetlanas Reise“. Er erzählt die wahre Geschichte einer jungen Bulgarin, die in der Prostitution landet. Erst führt Bistra Slavova den Film vor. Dann zeigt sie eine Karte, auf der Pfeile eingezeichnet sind, die von Bulgarien aus nach Westeuropa führen: „Seht mal, das sind die Wege der Menschenhändler. Von hier aus bringen sie euch nach Deutschland, Italien oder Spanien. Und wenn sie euch und euren Töchtern und ­Enkelinnen erzählen, dass ihr das große Los gezogen habt mit einem Job im Westen, seid misstrauisch, glaubt ihnen kein Wort.“

Doch die Methoden der Menschenhändler werden immer raffinierter. Die 17-jährige Kardiye wurde zusammen mit ihrem Bruder aus einem bulgarischen Romadorf nach Deutschland verschleppt. Sie dachte, ihr Bruder werde sie beschützen im fremden Land, hoffte, sie bekäme die versprochene Arbeit als Putzfrau und ihr Bruder werde in einer Bäckerei arbeiten. Doch ihr Bruder konnte ihr nicht helfen. Er wurde bedroht und zurück nach Bulgarien geschafft. Sie landete in einem Puff in Hannover. Nach zwei Wochen rannte sie in BH und Slip auf die Straße, flüchtete in eine Tankstelle und rief um Hilfe. Der Besitzer rief die Polizei.
„Ein deutscher Freier hatte mir versprochen zu helfen“ erzählt Kadriye. „Ich habe auf ihn gewartet, doch er kam nie wieder. Ich spreche Türkisch, wie viele Roma und habe einen Türken angefleht, mir zu helfen. Doch er hat gesagt: Ich komme her, um Sex zu haben. Dafür bezahle ich. Ich will keine Probleme mit der Polizei“.
Kardiye hat Angst. Sie weiß, dass sie ihren Peinigern vor Gericht gegenüber­treten muss. Kumpane des Menschenhändlers sind im Dorf aufgetaucht und haben Geld angeboten. Dafür sollte sie auf ihre Aussage verzichten. Doch sie hat abgelehnt.

In Kardiyes Fall hat die Staatsanwaltschaft also eine Chance, den Menschenhändler wirklich vor Gericht zu bringen. Haben die Frauen zu viel Angst vor einer Aussage, ist die Staatsanwaltschaft machtlos. Eine Verurteilung aufgrund von Indizien ist bei einem Mord möglich, nicht aber in einem Menschenhandelsprozess. Selbst wenn eine Minderjährige mit gefälschtem Pass verängstigt in einem Bordell aufge­griffen wird, reicht das nicht: Die Justiz braucht die Aussage. Die Frau muss erklären, dass sie gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen wurde. Genau dazu sind aber viele Frauen, so die Erfahrung der Staatsanwältin, nicht bereit. Selbst wenn sie bei der Polizei noch zu Protokoll gegeben hat, dass sie sich unter Zwang prostituiert hat, muss sie das später in einem Gerichtsverfahren wiederholen. Inzwischen hat der Menschenhändler seine Chance genutzt, um sie oder ihre Familie zu bedrohen. ­Erscheint sie aus Angst nicht vor Gericht, bricht das Verfahren zusammen.

Deshalb hat Staatsanwältin Kerstin Lotz manchmal das Gefühl, „gegen Windmühlen anzukämpfen“. Die Juristin wünscht sich die Möglichkeit, einen Menschenhändler aufgrund von Indizien und objektiven Tatbeständen zu verurteilen. Was die Staatsanwältin besonders erbittert: Nach der Entlassung aus dem Gefängnis kann ein verurteilter Menschenhändler wieder ein Bordell betreiben. Alles ganz legal.
Irmingard Schewe-Gerigk, ehemalige Bun­destagsabgeordnete der Grünen, war eine vehemente Vorkämpferin der Prostitutionsreform von 2002, die den Frauenhändlern in Deutschland Tür und Tor geöffnet hat. Sie ist auch heute noch von deren Segnungen überzeugt: „Die Prostituierten sind nicht mehr angewiesen auf Zuhälter, weil sie jetzt auch ihren Lohn einklagen können. Das war ja vorher nicht der Fall. Sie können selbstbestimmt arbeiten. Und sie können entscheiden, wie sie arbeiten wollen.“ Dass die Frauen gar nicht wissen, welche Rechte sie haben, gerade Frauen aus Rumänien und Bulgarien, lässt die ehemalige grüne Abgeordnete nicht gelten. „Die Frauen können ihre Rechte nur dann durchsetzen, wenn sie informiert sind. Das heißt, es müssten Flyer entwickelt werden, in denen steht: Die Bundesregierung informiert, so und so ist das Gesetz. Da könnte auch die Notfallnummer der neuen Helpline aufgeführt werden, so dass die Frauen dort anrufen können.“ Das aber scheitert in der Realität oft schon daran, dass etliche Frauen diesen Flyer gar nicht erst lesen können.

Osnabrück. Die Polizei auf dem Weg zu einer Bordellkontrolle. In der Kleinstadt gibt es etwa 70 Prostitutionsstätten mit 400 Frauen und Mädchen. Angemeldet ist nur eine Zimmervermietung in einem Wohnhaus – kein Bordell. Aber wer hat diese jungen Frauen hergebracht? Warum ausgerechnet Osnabrück? Sind sie freiwillig hier oder wurden sie hierher verschleppt? Die Antworten der Mädchen wirken auswendig gelernt. „Sie wussten auf alles die richtige Antwort. ‚Ich hab’s im Internet ­gefunden, ich hab mir die Busfahrkarte gekauft und alles allein.‘ Das ist einfach schwer zu glauben bei so jungen Mädchen.“ Kriminalkommissar Wolfgang Cordes ist sicher: Hintermänner haben sie gebrieft. Denn sie wissen: Es reicht, dass eine Frau darauf beharrt, sie sei selbständig, aus freien Stücken hergekommen. Dann sind die Polizisten machtlos. Die Beamten hinterlassen ihre ­Visitenkarten mit einer Telefonnummer.

Aber Frauen, die jetzt hier sind, sind nächste Woche vielleicht schon in Frankfurt, die Woche drauf in Hamburg oder Stuttgart. Gerade Frauen aus Bulgarien und Rumänien werden in sogenannte Flatratebordelle gestopft. Für 100 Euro, manchmal auch nur für 69 oder 79 Euro dürfen Freier mit ihnen Sex haben, sooft sie können oder wollen.

Heutzutage kann jeder in Deutschland ein Bordell aufmachen. Vorschriften gibt es keine. Niemand fordert einen unbescholtenen Leumund oder die Einhaltung hygienischer Mindeststandards. Auch die gesundheitliche Kontrolle für Prostituierte wurde abgeschafft. Es gibt keine Rechtsvorschriften für die Prostitutions-Industrie. Kriminalkommissar Cordes: „Wenn Sie eine Dönerbude eröffnen wollen, müssen Sie irgendeinen Kurs mitmachen bezüglich der Hackfleischverordnung, Sie müssen nachweisen, dass Sie Hygienevorschriften einhalten. Wenn Sie ein Bordell eröffnen, in dem Geschlechtsverkehr gegen Geld stattfindet, dann müssen Sie nichts nachweisen. Das ist schon bedenklich“.

An der deutsch-französischen Grenze. Die meisten Freier kommen aus Frankreich. Deutschland ist nicht mehr das Land der Dichter und Denker, sondern ein riesiger Puff: Im kleinen Saarland gibt es rund 270 Bordelle mit rund 3000 Frauen.

Die Polizisten finden jedes Mal andere Frauen vor: Die Mädchen werden wochenweise von Stadt zu Stadt gekarrt, um Freiern immer wieder neuen Nachschub zu bieten. In Deutschland gibt es für jede Eckkneipe und jede Dachwinkelneigung mehr gesetzliche Vorschriften als für ein Bordell. Mietwucher und Ausbeutung sind normal und, das Schlimmste: ganz legal. Die Frauen mieten offiziell nur ein Zimmer. Dafür zahlen sie allerdings 100 bis 150 Euro am Tag. Der Zuhälter tritt nur als Vermieter auf. Und gibt sich ganz unbedarft: „Wenn die Mädchen bei mir anrufen und fragen: ‚Haben Sie ein Zimmer frei, ich möchte gerne kommen?‘ denke ich, sie kommen freiwillig. Ich kann aber nicht sagen, ob hintendran jemand mit der Pistole steht.“

Auch in Berlin schweben sie ein: Freier aus Rom und Stockholm, die mal eben einen Wochenendausflug ins Bordell ­machen. Vom Flieger geht es mit dem Taxi direkt in den Puff, der offiziell eine „Wellnessoase“ ist. Freier zahlen 80 Euro Eintritt für Sauna, Schwimmbad, Essen. Sex geht extra. Die Frauen zahlen 90 Euro „Eintritt“ inklusive Übernachtung. Was sie beim Sex verdienen, können sie behalten – oder auch nicht. Den Betreiber interessiert das nicht: „Wir haben hier eine Regel. Wir sagen: Alles, was außerhalb dieses Hauses und Parkplatzes passiert, ist quasi nicht mehr unsere Baustelle.“
Es hat sich herumgesprochen, dass Deutschland ein Paradies ist: für Freier und Bordellbetreiber. Sascha Erben, Betrei­ber des „King George“, ein Flatratebordell in Berlin: „Es kommen viele Gäste aus ­Skandinavien, aus Schweden, aus Norwegen. Da ist Prostitution verboten. Seit das Prostitutionsgesetz eingeführt worden ist, haben wir viele Probleme weniger. Man kann ganz einfach offiziell kommunizieren und muss sich nicht verstecken.

Der Staat könnte dennoch gegensteuern, wenn er nur wollte: In München gibt es keine Flatratebordelle. Polizeihauptkommissar Uwe Dörnhöfer und seine Kollegen machen auf Betreiber Druck, kontrollieren mehrmals pro Woche. Das verdirbt das Geschäft, denn Freier wollen unerkannt bleiben. Mutti denkt schließlich, Papi holt nur Zigaretten. Sie durchkämmen alle Zimmer, wollen Zwangsprostitution auf die Spur kommen. In München müssen sich alle Prostituierten vor Arbeitsaufnahme bei der Polizei anmelden. So wissen die Polizisten, wer in ihrer Stadt anschafft. Sie erklären den Frauen, wo sie Hilfe bekommen können. Kriminalhauptkommissar Uwe Dornhöfer zieht ein bitteres Fazit: „Das Prostitutionsgesetz ist eher ein Prostituiertenausbeutungsgesetz und ein Zuhälterschutzgesetz.“

Der Frauenhandel blüht in Deutschland. Frauenhandel ist eines der lukra­tivsten Geschäfte der organisierten Kriminalität.

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