Sabine Derflinger: Ihre Weiber im TV

Foto: Petro Domenigg/filmstills.at
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Frauenzählen ist eine effiziente Waffe, im Filmbusiness wie anderswo. Das bewiesen die übergriffigen Fragen von ZDF-Moderator Claus Kleber im Interview mit Schauspielerin Maria Furtwängler zur Studie über die Sichtbarkeit von Frauen im deutschen Fernsehen mal wieder recht deutlich. Wenn man aus Österreichperspektive beim „Tatort“ zu zählen beginnt, landet man rasch bei Sabine Derflinger: Sie war 2012 die erste österreichische Regisseurin bei der 1970 erstmals ausgestrahlten Krimireihe.

"Das war wie auf den Mond fliegen wollen!"

„In den 1980er Jahren als Frau auf dem Land zu sagen: ‚Ich will zum Film!‘, das war wie auf den Mond fliegen wollen“, stellte Sabine Derflinger einmal fest. Geboren 1963, wuchs sie in Vöcklabruck in Oberösterreich auf. Im elterlichen Textilhandel wurden schon als Kind ihren Freundinnen Kostüme und Text zugeteilt. „Ich hab unseren Dekorateur gezwungen, mir ein Zebrakostüm zu machen. Ich hab den Hund dressiert und mir gedacht, wenn ich mich lang genug bemühe, wird er über ein Stöckchen gehen. Ich hab mein Leben lang nie etwas anderes gemacht als Film, mir war das nur nie bewusst“. Sogar der katholische Religionsunterricht wurde zweckentfremdet: „Bei der Flucht aus Ägypten haben andere drei Männchen gezeichnet und ich hab sechs große Seiten mit Breitwandkino gefüllt.“

Der Zufall führte eine Filmproduktion in den Ort, Derflinger wurde Regieassistentin, lernte alles von der Pike auf. Ab 1991 ­studierte sie Drehbuch an der Filmakademie Wien.

Inzwischen hat sie die gewünschte Mondlandung zigmal wiederholt: Sie begann wie viele Filmemacherinnen mit Dokumentarfilmen („Das stellt man nicht in Frage, weil das Thema wichtig ist“), unter anderem „Achtung Staatsgrenze“ (1996). Ihr Spielfilmdebut „Vollgas“ (2001) handelt von einer Saisonkellnerin zwischen Überarbeitung, Kindererziehung und Exzess. Dafür gab’s ­einen Max-Ophüls-Preis.

Ihr TV-Film „Kleine Schwester“ (2004) über eine Beamtin beim Bundesgrenzschutz und ihre im Osten verbliebene Schwester behandelte erneut die Frage nach dem „Geht sich das aus?“. Er gewann beim Filmfest München den Preis für den besten Fernsehfilm und den Darstellerpreis des Baden-Baden Filmfestivals, was man in Österreich geflissentlich ignorierte. „Ich hab immer gedacht, wenn ich ­etwas Gutes mach‘, dann wird das schon irgendwem auffallen. Eben wie so ein Mädel vom Land, das keine Ahnung hat“, erklärt Derflinger lachend. Doch damit war bald Schluss: Die Regisseurin fragte die männliche Konkurrenz nach ihren Gagen und bekam sie auch zu ­hören – das Argument, man würde sonst die billigere Kollegin einstellen, griff. Fragen nach einer Quotenforderung beantwortet Derflinger mit einem deutlichen Ja! „Wenn man es ernst nimmt mit der Machtverteilung, dann geht das nicht mit oberflächlicher Kosmetik.“

Die Doku „Schnelles Geld“ (2004) beobachtete StraßenbettlerInnen auf den Wiener Straßen, die kurze Arbeit „In den Straßen von Delhi“ (2006) Straßenkinder in Indien. Im Spielfilm „42plus“ (2007) überdenkt eine Frau ihr Leben und Lieben zwischen Geborgenheit und Freiheit. In der Doku „Eine von 8“ (2009) stellen sich zwei Frauen der Diagnose Brustkrebs – eine von acht Frauen erkrankt im Laufe ihres Lebens daran. In „Tag und Nacht“ (2010) zeigt Derflinger mit ihrer langjährigen Kamerafrau Eva Testor zwei junge Frauen, die es mit der Prostitution versuchen. Im Gegensatz zum männlich dominierten Arthouse-Kino, das das Thema gern mit verträumten jungen Prostituierten, freundlichen Freiern und möglichst detaillierten Sexszenen ausschmückt, zeigen Derflinger und Testor arge und komische Seiten des Jobs, skizzieren Machtverhältnisse und Kunden, und stellen sich erneut ihre Lieblings­frage: Geht sich das aus? Ja, manchmal. Oft nicht.

Für Derflinger war klar: Sie wollte nach den vielen Jahren im Beruf endlich dorthin, wo die gut bezahlten Aufträge zuhause sind – und wie das Amen im Gebet dementsprechend wenig Regisseurinnen: zum Fernsehen. Sie kämpfte um die Aufträge (nachgetragen hat man sie ihr nicht), 2012 kam der erste Tatort „Falsch verpackt“ mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser, 2013 folgte „Angezählt“, der die Brutalität im Rotlichtmilieu aufs Krasseste zeigte, 2014 mit „Borowski und das Meer“ auch eine deutsche Tatort-Folge.

2015 kamen die „Vorstadtweiber“, eine satirische Komödie über die Wiener Geld- und Polit-Elite, ihre Geheimnisse, Affären und korrupten Verstrickungen mit einer österreichischen All-Star-Besetzung. Fragen danach, ob die Serie nun ein fortschrittliches Frauenbild hat, bekommt hauptsächlich Regisseurin Derflinger gestellt, nicht der Drehbuchautor. Aber Frauen, „die nie deppert sind“, interessieren Derflinger sowieso nicht.

"Filmemachen ist das einzige, was ich kann."

Auch ihre Anna in Derflingers neuer Komödie „Anna Fucking Molnar“ geht nicht immer erleuchtet durchs Leben. Die exzentrische Schauspielerin, gespielt von Vorstadtweib Nina Proll, die auch das Drehbuch schrieb, versemmelt eine Premiere, wird vom Lebensgefährten verlassen und zieht schließlich wieder bei Papa ein.

Schon längst hat Filmemacherin Derflinger neue Ideen. Für ein Doku-Projekt über die legendäre österreichische Frauenpolitikerin Johanna Dohnal, deren Forderungen aktuell wie nie sind, kam leider keine Förderung zustande. Davon lässt sich Derflinger allerdings nicht aufhalten. Auf der Website der Regisseurin, Autorin, Produzentin und Dramaturgin heißt es: „Filmmaking is the only thing I can do”. Ist ja eh nur eine Mondlandung.

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Die Wut der Mildred Hayes

Mildred Hayes (Frances McDormand) vesetzt die Polizei mt einem Schlag in den Wachmodus.
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„Was darf man auf einem Werbeplakat nicht sagen?“ will die Frau in dem blauen Overall wissen und gibt die Antwort gleich selbst. „Ich vermute mal: nichts Verleumderisches. Und nicht Ficken, Pisse oder Fotze.“ Der sichtlich verschüchterte junge Werbeflächen-Vermarkter nuschelt hinter seinem Schreibtisch: „Und, äh, Anus.“ Die Frau nickt und sagt: „Dann dürfte es funktionieren.“ Und tatsächlich, es funktioniert.

Mildred Hayes versetzt die Polizei von Ebbing, ein verschlafenes Städtchen in Missouri, mit einem Schlag in den Wachmodus. Fast ein Jahr ist es her, dass ihre Tochter Angela an einer Ausfallstraße vergewaltigt und verbrannt wurde. Doch „die Polizei hier ist mehr damit beschäftigt, Schwarze zu foltern als die Mörder meiner Tochter zu suchen.“ Also mietet Mildred drei Werbetafeln an just dieser Straße (die sie mit dem Verkauf des Pick-ups ihres prügelnden Ex-Mannes bezahlt). Darauf steht nun in schwarz auf knallrot: „Vergewaltigt, während sie starb.“ „Und immer noch keine Verhaftungen?“ „Wie kann das sein, Chief Willoughby?“ Kaum hängen die Plakate, ist in Ebbing die Hölle los.

Im Mikrokosmos Ebbing geht es ab jetzt um alles: Sexismus, Rassimus, Homophobie. Sogar um die Diskriminierung eines Kleinwüchsigen, der hier im Mittleren Westen noch „Zwerg“ genannt werden darf. Und obwohl in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ permanent geflucht, geprügelt und gesoffen wird, ist das Ganze ein, ja, hinreißender Film geworden. Das hat drei Gründe.

Mildred Hayes (McDormand) mit Polizeichef Willoughby (Woody Harrelson).

1.Regisseur Martin McDonagh („Brügge sehen und sterben“) verrät seine Figuren nicht, niemand ist einfach Held(in) oder Bösewicht. Selbst der tumbe Polizist Dixon, ein Schwarzenhasser und Mamasöhnchen erster Güte, darf ein bisschen was begreifen – ohne am Ende der Supergeläuterte zu sein. Und so überraschend die Figuren, so unvorhersehbare Wendungen nimmt die Handlung.

2. Auch wenn es bisher nicht so geklungen hat: „Three Billboards“ ist – auch - sehr witzig. Die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik in Form von äußerst lakonischem Humor ist dem Iren McDonagh perfekt gelungen.

3. Frances McDormand. Einen Golden Globe hat sie für ihre Mildred Hayes schon bekommen. Den Preis der „Screen Actors Guild“ (SAG) für die Beste Hauptdarstellerin ebenfalls. Für den Oscar ist sie nominiert. Wie die 60-jährige McDormand Mildred Hayes mit wildem Furor in den Krieg gegen die halbe Kleinstadt ziehen lässt; wie sie der ungeschminkten Frau, die in ihrem Overall zu leben scheint und niemandem gefallen muss, einen Hauch von Berührbarkeit mitgibt; wie sie es schafft, aus Mildred eine kompromisslose, aber manchmal eben auch komische Heldin zu machen – das ist großes Kino. Und es erinnert ein wenig an Frances McDormands kultige schwangere Polizistin Marge Gunderson in „Fargo“.

1997 hat Frances McDormand für Marge Gunderson ihren ersten Oscar bekommen. Vielleicht gewinnt sie mit Mildred Hayes Anfang März den zweiten. So oder so ist Mildred aber schon jetzt in den Kanon der feministischen Lieblingsfilmheldinnen aufgenommen. Miss Marple, Lisbeth Salander und die anderen werden über den Neuzugang begeistert sein.

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