Von Frau zu Mann zu Frau

Sam, Nele und Ellie haben als Transmänner gelebt - und irgendwann gemerkt, dass sie die falsche Entscheidung getroffen haben.
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Wann und warum habt ihr geglaubt, dass ihr trans seid?
Sam Ich war nie übermäßig feminin. Ich trage kurze Haare, seit ich zehn bin, und ich hab immer nur weite Klamotten getragen. Dann kam dauernd der Spruch: „Du siehst aus wie ein Junge!“ Deshalb wurde ich viel gemobbt. Mir wurde immer gesagt, es sei falsch, wie ich aussehe und wie ich mich gebe. Das hat mich zur Außenseiterin gemacht und ich habe einen großen Selbsthass entwickelt. Dann hat mir ein Freund, der noch heute als Transmann lebt, erklärt, dass es diesen Weg der Transition gibt. Er hat mir empfohlen, zu einem Therapeuten zu gehen, der sich mit Transmenschen auskennt. Mit dem wollte ich einfach mal sprechen, um Klarheit zu bekommen. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht sicher, dass ich trans bin. Ich dachte nur, es könnte vielleicht ein Weg sein, damit es mir besser geht. Der Therapeut hat dann nach 30 Minuten die Dia­gnose gestellt, dass ich auf jeden Fall trans bin. Und dass mir eine Transition helfen wird.

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Eine Diagnose nach 30 Minuten? Wie alt warst du da?
Sam Ich war 22. Der Therapeut hat dann sofort alles in die Wege geleitet. Er hat mir die Nummer eines Endokrinologen gegeben, und der hat die Diagnose auch gleich bestätigt. Noch am selben Tag habe ich das Rezept für das Testosteron bekommen. Und dann dachte ich: Wenn das alle mit so einer Bestimmtheit sagen, dann wird es wohl so sein. 

Wie ging es weiter?
Sam Es ging alles ziemlich schnell. Im März 2013 hatte ich das erste Gespräch mit dem Therapeuten, im April habe ich die Namensänderung beantragt. Dazu brauchte ich zwei Gutachten, die beide positiv ausfielen. Der eine Gutachter erklärte übrigens, er würde die Änderung befürworten, weil ich auf Frauen stehe und dadurch ja quasi heterosexuell würde. Die Namensänderung wurde im Oktober genehmigt. Dann habe ich die Operationen beantragt. Dazu hätte ich eigentlich zwei neue Gutachten gebraucht, aber die Krankenkasse hat die alten akzeptiert und die OPs genehmigt. Und im Januar 2015, also zehn Monate nach der Diagnose, hatte ich die Mastektomie, also die Entfernung der Brüste, und im Mai die Hysterektomie, also die Entfernung der Gebärmutter und der Eier­stöcke.

Sam: Der Therapeut hat bei mir die Diagnose "trans" nach 30 Minuten gestellt.
Sam: Der Therapeut hat bei mir die Diagnose "trans" nach 30 Minuten gestellt.

Wie hast du dich damit gefühlt?
Sam Nicht gut. Auf der einen Seite hat es sich zu dem Zeitpunkt richtig angefühlt. Es war eine Möglichkeit, aus dieser Opfer-Situation rauszukommen und sozusagen auf die Gegenseite zu wechseln. Auf der anderen Seite habe ich mich gefragt: Warum mache ich das? Hilft mir das wirklich? Ich hatte das Gefühl, es geht alles viel zu schnell. Vor der Mastektomie war ich mir eigentlich schon nicht mehr sicher, hab es aber trotzdem gemacht. Und vor der Hysterektomie war ich schon in einem Umdenkprozess. Da habe ich langsam verstanden, dass mein Problem mit Geschlechterstereotypen zu tun hatte. Und dass die Tatsache, dass ich kurze Haare und keine „femininen“ Hobbys habe, nicht heißt, dass ich keine Frau bin. Ich war also nicht sicher, ob ich die Hysterektomie wirklich will. Aber ich hatte Angst, dass ich die Kosten für die genehmigte OP selber zahlen muss, wenn ich davon zurücktrete. 

Das war ja eine OP mit sehr weitreichenden und irreversiblen Folgen.
Sam Ja, aber darüber wurde ich nicht richtig aufgeklärt. Ich habe mir dann später selber im Internet zusammengesucht, was es heißt, sich die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernen zu lassen, wenn man noch nicht in den Wechseljahren ist.

Bist du dabei therapeutisch begleitet worden?
Sam Nein. Ich hatte drei Stunden. Danach hat der Therapeut gesagt, ich solle mich melden, wenn ich noch Fragen hätte.

Hat nie jemand anders, zum Beispiel deine Eltern oder Lehrer, die Diagnose hinterfragt?
Sam Nein. Meine Mutter hat allerdings gesagt, dass sie mich unterstützt, auch wenn ich meine Meinung später mal ändern sollte.

Wie war dann dein Leben als Transmann?
Sam Ich wurde als Mann anders behandelt als früher. Ich habe zum Beispiel lange vor der Transition in einem Verpackungslager gearbeitet. Und da wurde mir superoft gesagt: Das schaffst du eh nicht! Das ist zu schwer für dich! Dafür bist du zu klein! Nach meiner Transition habe ich dann in einem Lager gearbeitet, und niemand hat in Frage gestellt, ob ich das schaffe. Obwohl ich die gleiche Statur hatte wie vorher. Das war natürlich angenehm. Aber trotzdem hat es sich falsch angefühlt. 

Und wie war das bei dir, Ellie?
Ellie Ich bin auch gemobbt worden. Ich war als Kind ein Tomboy und andere Kinder beschimpften mich als „Hermaphrodit“. Ich bin immer sehr groß gewesen und hatte breite Schultern. Ich habe viele Jahre Basketball gespielt und musste mir sagen lassen, das sei ein Jungensport. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin nicht wie die anderen Mädchen, und kam zu dem Schluss, dass ich als Junge besser ins Schema passen würde. Mit 15 habe ich mich dann bei meinen Eltern als lesbisch geoutet. Und da merkte ich erst recht, dass es sich komisch anfühlte, mir mich als erwachsene Frau vorzustellen.

Was hast du gemacht?
Ellie Ich recherchierte im Internet und fand eine Trans-Organisation in Brüssel. Da ging ich hin, um mit ihnen darüber zu sprechen, womit ich zu kämpfen hatte. Der Therapeut der Organisation erklärte mir, dass es Testosteron gäbe und die Möglichkeit, sich operieren zu lassen. Als ich rauskam, war ich total verwirrt und hatte das Gefühl, dass ich dazu nicht bereit bin. Aber der Therapeut hatte einen kleinen Samen gepflanzt und langsam fand ich Gefallen an der Idee, meinen Körper zu verändern. Ich fand im Netz viele YouTube-Videos von Transmännern, die von ihrer Transition berichteten, und wie sie immer besser aussahen und immer beliebter wurden. Ich fing an, meinen weiblichen Körper zu hassen. Mit 16 habe ich meinen Eltern erklärt, dass ich einen männlichen Körper will und dazu Testosteron nehmen muss.

Wie haben deine Eltern reagiert?
Ellie Meine Mutter erklärte mir, dass sie diese Entscheidung mit 16 zu früh fände. Das machte mich sehr wütend. Schließlich lautete die Botschaft im Internet, dass so eine Reaktion „transphob“ sei. Ich begriff nicht, dass sie sich einfach Sorgen um mich machte. Ich machte dann so lange Druck, bis meine Eltern mit mir in eine Gender-Klinik gingen. Der Therapeut dort erklärte, ich sei nicht trans, sondern Opfer des Trans-Hypes in den Medien. Daraufhin überzeugte ich meine Eltern, mit mir zu einem Therapeuten der Trans-Organisation zu gehen. Der erklärte dann, dass ich natürlich trans sei. Meine Eltern waren sehr besorgt darüber, welche Langzeit-Folgen die Hormone auf meine Gesundheit haben würden. Ein Gynäkologe, den die Organisation empfahl, erklärte ihnen, es gäbe keinen Grund, mit den Hormonen zu warten. Je früher man anfinge, desto besser sei das Resultat. Und er sagte, dass alle Effekte des Testosterons reversibel seien. 

Ellie: Ich hatte das Gefühl, dass ich als Junge besser ins Schema passe.
Ellie: Ich hatte das Gefühl, dass ich als Junge besser ins Schema passe.

Aber das stimmt ja nicht.
Ellie Nein. Er hat gelogen, und das wusste ich auch. Aber ich wollte einfach, dass meine Eltern zustimmen. Was sie dann auch taten. Mit 17 hatte ich dann die Mastektomie. Ich bin Belgierin und in Belgien gibt es keine Altersgrenze für geschlechtsangleichende Operationen. Man muss einfach einen Arzt finden, der es macht. 

Und was waren die Folgen?
Ellie Zuerst war ich sehr glücklich damit. Ich fand, dass ich als Mann gut aussah und habe viele Komplimente bekommen. Ich fühlte mich wohl mit meinem Körper, aber ich fühlte mich unwohl mit meiner Rolle. Die Leute behandelten mich als Jungen, aber ich hatte ja keine Erfahrung als Junge, sodass ich immer das Gefühl hatte, ich spiele eine Rolle. Ich bin zum Beispiel beim Schulsport in die Jungengruppe gewechselt, und ich fand es sehr schwer, mich deren Erwartungen anzupassen: so ruppig und so wettkampforientiert zu sein. 

Und wie war es bei dir, Nele?
Nele Ich kam sehr früh in die Pubertät. Ich war neun und eins der ersten Mädchen in der Klasse, das große Brüste hatte. Ich wurde auf der Straße angemacht, mir wurde hinterhergepfiffen. Mein erster Kontakt mit meinem weiblichen Körper war also Ablehnung. Andererseits war ich sehr angepasst und habe meinen Selbstwert sehr daran gemessen, dass ich Männern gefiel. Ich war ein sehr feminines Mädchen. 

Und wieso wolltest du dann irgendwann ein Mann sein?
Nele Zunächst wollte ich unbedingt dünn sein. Ich wollte abnehmen, um die Brüste und die Hüften loszuwerden. Ich bin dann in eine Essstörung gerutscht, ich wollte meinen Körper weghungern. In dieser Zeit habe ich auch gemerkt, dass ich auf Frauen stehe. Ich kam dann immer mehr an den Punkt, dass ich mich nicht mehr als Frau identifizieren konnte. Heute weiß ich, dass das mit den Rollenbildern zusammenhing, die ich von Frauen im Kopf hatte. Ich wollte nicht so feminin sein, hatte aber gleichzeitig die Vorstellung: Wenn ich nicht feminin bin, dann bin ich als Frau nichts wert. 

Und dann?
Nele Ich habe angefangen, im Internet nach Brustentfernungen zu recherchieren, denn ich hatte einen richtigen Ekel vor meinen Brüsten. Darüber kam ich dann zum Thema Transidentität. Ich habe mich gefragt, ob das denn bei mir überhaupt der Fall sein könnte, weil ich ja nie ein Tomboy gewesen war. Aber es hieß dann, jeder Transmensch sei anders. Und ich wusste ja, dass ich mit meiner extremen Femininität sozusagen überkompensiert hatte. Und dann hat es für mich Sinn gemacht, dass ich transgender bin, also im Körper des anderen Geschlechts geboren wurde. Mit Anfang 20 habe ich mich dann geoutet und eine Therapie angefangen.

Wie waren die Reaktionen?
Nele Meine Eltern sagten, dass es ihnen am wichtigsten sei, dass es mir gut geht. Sie hätten es mir ja auch nicht mehr verbieten können, und sie wollten unsere gute Beziehung nicht gefährden. Der Therapeut hat mir nach drei Monaten das Testosteron verschrieben. Er erklärte, er würde das normalerweise nicht so schnell machen, aber bei mir sei er sich so sicher wie bei keinem anderen Patienten zuvor. Ich selber wollte das auch ganz schnell durchziehen, weil ich dachte: Mein Leben lang habe ich mich in meinem Körper unwohl gefühlt, und jetzt habe ich endlich die Lösung gefunden! Warum noch länger warten? 

Hat der Therapeut dich nach deinem Konflikt mit der weiblichen Rolle gefragt?
Nele Er hat die Ursache für die Essstörung und die Depression darin gesehen, dass ich eben transgender geboren wurde. 

Geboren?
Nele Ja. Und in der Therapie ging es dann auch nur um Fragen wie: Wie ging es dir damit, dass du gestern wieder misgendered (als das „falsche“ Geschlecht angesprochen, Anm. d. Red.) wurdest? Warum hast du dieses T-Shirt an, damit siehst du aus wie eine Frau! Der Therapeut hat gesagt: Wenn du als Mann akzeptiert werden willst, musst du jetzt aber auch kurze Haare haben. Er hat die Geschlechterstereotype also total bestätigt.

Warum habt ihr alle drei eigentlich nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, als lesbische Frauen zu leben, die nicht dem Rollenklischee entsprechen?
Sam Ich bin in einem kleinen Städtchen groß geworden, und dort geht es immer noch relativ konservativ zu. Ich wusste schon sehr früh, dass ich auf Frauen stehe, aber ich hab es nie mit dem Begriff „lesbisch“ in Verbindung gebracht. Über Lesben wurde immer negativ geredet, besonders über Butch-Lesben. Deshalb wollte ich nicht dazugehören. 

Ellie Als ich als Teenager gemerkt habe, dass ich auf Frauen stehe, habe ich nach lesbischen Bars gesucht, aber ich habe nichts gefunden. Es gab in Brüssel zwar eine große Schwulenszene, aber keine Orte für Lesben. Und dann bin ich mit meinen Fragen halt zu der Trans-Organisation gegangen. Und die hat mir nur die eine Option an die Hand gegeben: Ich habe Geschlechtsdysphorie, ich bin trans. Und so wurden meine Role Models eben Transmänner. 

Nele Ich habe auch überhaupt keine Vorbilder gesehen. 

Aber es gibt doch inzwischen durchaus eine Menge offen lesbischer Frauen, von der Moderatorin bis zur Ministerin. Und es gibt Serien wie „Orange is the New Black“.
Nele Aber dieser Trans-Weg wird einem so vor die Füße gelegt. Und ich kannte niemanden, der gesagt hat: Ich hab es mir noch mal überlegt und lebe doch lieber als lesbische Frau. 

Sam Die Lesben, die ich kenne, sind 20, 30 Jahre älter als ich. In meinem Alter bezeichnen sich die Frauen, die de facto lesbisch sind, meist als queer, um nicht transphob zu wirken.

Warum wirkt man transphob, wenn man sagt, dass man lesbisch ist?
Sam Weil man damit aussagt, dass man auf biologische Frauen steht – und daher in der Regel nicht auf Penisse. Aber Transfrauen sind eben oft Frauen, die Penisse haben. Und da man als Lesbe folglich nicht auf Transfrauen steht, gilt das als transphob.

Nele Ich habe mich auch als queer oder pansexuell bezeichnet. 

Hat euch nie jemand gesagt, dass man als Frau auch ein rollenabweichendes Verhalten zeigen darf?
Ellie Mein Vater hat mir gesagt, dass ich mich nicht rollenkonform verhalten muss, und dass ich dazu keine Hormone nehmen müsste. Aber ich habe das damals nicht verstanden. Ich war auch einfach in der Pubertät und auf Konfronta­tionskurs mit meinen Eltern. Und die waren unter großem Druck, der von der Trans-Organisation und den Ärzten ausgeübt wurde. Dabei wäre es so wichtig gewesen, dass alle gesagt hätten: Lass uns mal die verschiedenen Optionen anschauen, die du hast! 

Sam Es geht einfach superschnell, dass man diese Trans-Identität aufgedrückt kriegt – und sie sich auch selbst aufdrückt. Man bekommt von der Trans-Community vermittelt, dass es transphob sei, wenn jemand dein Trans-Sein in Frage stellt. Deshalb gibt es viele Eltern, die sich überhaupt nicht mehr trauen, irgendwas zu sagen. 

Nele Meine Mutter hat mich gefragt, ob es nicht andere Lösungen gäbe. Aber ich habe nach außen nicht den kleinsten Zweifel gezeigt, weil ich Angst hatte, dass mir die Chance zu transitionieren dann vielleicht wieder weggenommen wird.

Nele: Ich hatte schon mit neun große Brüste und wurde angemacht.
Nele: Ich hatte schon mit neun große Brüste und wurde angemacht.

Seid ihr über die medizinischen Folgen und Risiken der Hormone und der OPs aufgeklärt worden?
Nele Der Gynäkologe hat nur von den positiven Effekten gesprochen: Die tiefe Stimme, die Behaarung, also die Sachen, die ich ja wollte. 

Sam Es hat mich vor der Hysterektomie niemand darüber aufgeklärt, was passieren würde, wenn ich aus irgendwelchen Gründen das Testosteron nicht mehr nehmen kann. Als ich dann nach knapp drei Jahren das Testosteron abgesetzt habe, bin ich zum Endokrinologen gegangen, weil mein Körper ja nun gar keine eigenen Geschlechtshormone mehr produzierte. Es war der Endokrinologe, der mir vorher das Testosteron verschrieben hatte. Der sagte aber nur, dass er jetzt auch nicht wüsste, was er tun soll. Es hat dann über ein halbes Jahr gedauert, bis ich eine Gynäkologin gefunden habe, die wenigstens ein bisschen Ahnung hatte. Ich nehme jetzt Östrogentabletten. Die greifen aber auf Dauer meine Leber an. 

Ellie Ich hatte starke Schmerzen in der Gebärmutter. Als ich damit zu dem Gynäkologen gegangen bin, der mir das Testosteron verschrieben hatte, sagte der: „Die Gebärmutter ist halt ein schmerzhaftes Organ.“ Und es stimmt ja auch nicht, was viele Ärzte behaupten: Dass ein weiblicher Körper, dem man Testosteron verabreicht, dadurch ein komplett männliches System wird. 

Hat man euch über das erhöhte Krebsrisiko aufgeklärt?
Ellie Ich habe meinen Gynäkologen gefragt, ob Testosteron das Krebsrisiko erhöht. Er hat gesagt, da gäbe es wohl eine Studie, die zu diesem Ergebnis gekommen ist, aber die sei nicht ernst zu nehmen. Ein anderer Arzt hat mir schon erklärt, dass meine Lebenserwartung sinkt, aber das war mir egal. Ich war 16. Gedanken über meine Gesundheit habe ich mir da gar nicht gemacht. Das kam erst später. 

Nele Mein Endokrinologe hat gesagt: „Es wird vermutet, dass Testosteron das Krebsrisiko erhöht, aber das ist nicht wahr.“ Ich muss aber auch sagen: Selbst wenn er mir gesagt hätte, dass das Krebsrisiko steigt – es wäre mir zu diesem Zeitpunkt egal gewesen. Ich war mit meiner Essstörung an einem Punkt, dass ich nicht mehr in die Uni gehen konnte und Probleme hatte, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten. Es war für mich: Transition oder Suizid. Und das ist eben auch ein Problem: Dass Therapeuten und Ärzte diese Hormongabe durchgewunken haben, obwohl da ein Mensch mit Essstörungen vor ihnen saß, der seinen Körper total abgelehnt und selbstverletzendes Verhalten gezeigt hat. Die hätten erkennen müssen, dass ich in diesem Moment keine gesunde Entscheidung für mich treffen konnte. 

Gerade werden die Leitlinien zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen überarbeitet. Es ist im Gespräch, dass Ärzte und Therapeuten nur noch nach dem so genannten affirmativen Ansatz arbeiten sollen, also den Transitionswunsch bestätigen. Das war ja bei euch der Fall.
Sam Wenn der Therapeut oder die Therapeutin nichts in Frage stellen darf, geht ja der Sinn der Therapie verloren. Und der Sinn sollte doch nicht sein, dass du einfach deinen Wisch kriegst, sondern dass dir wirklich geholfen wird. Und wenn sich dabei herausstellt, dass der richtige Weg für dich ist, dass du eine Transition machst, dann ist das ja okay. Aber es sollte doch potenziell möglich sein, dass es auch ein anderer Weg sein könnte. 

Nele Die Transition sollte niemandem verboten werden, aber es bedarf ganz großer Vorsicht. Die medizinische Behandlung hat ja schwerwiegende Folgen, die teilweise nicht rückgängig zu machen sind. Ich finde, die Therapeuten sollten verpflichtet sein, sich die darunterliegenden Probleme anzuschauen. 

Ellie Man muss auch schauen, um wessen Interessen es eigentlich geht. Oft heißt es ja, es sei besser für ein Kind, so früh wie möglich zu transitionieren. Es müsse dann nicht zweimal durch eine Pubertät gehen. Aber die Frage ist doch: Geht es wirklich um das Kind? Oder geht es darum, dass das Kind unser Bild von einem „richtigen“ Jungen oder einem „richtigen“ Mädchen nicht stört. Und dann muss man abwägen. Und das braucht Zeit. Es geht aber oft alles so schnell, das habe ich ja selbst erlebt. 

Sam Wenn ich die Aussagen so genannter Experten lese, die sagen: Wenn der kleine Junge öfter die Pumps seiner Mutter anzieht, könnte das ein Anzeichen für Transsexualität sein, dann kriege ich zu viel. Wir müssen von diesen Stereotypen wegkommen. 

Nele Ich habe schon oft von Detransitionierern wie uns gehört, die Schwierigkeiten haben, Therapeuten zu finden. Weil die Therapeuten ausschließlich nach dem transaffirmativen Ansatz arbeiten und sich schwer tun, jemanden auf dem umgekehrten Weg zu begleiten und zu unterstützen. 

Ellie Alles, was nicht hundertprozentig transaffirmativ ist, wird immer öfter als „Konversions­ therapie“ (siehe S. 63) diffamiert. Dadurch wird der Druck auf Therapeuten immer größer. 

Habt ihr eigentlich schon mal darüber nachgedacht, eure Therapeuten oder Ärzte für ihre Leichtfertigkeit zu verklagen?
Sam Ich habe vergeblich versucht, die Kosten für die zweite Namensänderung von meinem Therapeuten erstattet zu bekommen, weil er eine Fehldiagnose gestellt und mit mir auch gar nicht die vorgeschriebenen 30 Therapiestunden absolviert hat. Er hat aber die Termine einfach eingetragen und ich kann nicht beweisen, dass es de facto nur drei Stunden waren. Ich habe auch darüber nachgedacht, das Krankhaus wegen Körperverletzung zu verklagen, weil ich dort nicht richtig aufgeklärt wurde. Aber Prozesse gegen Krankenhäuser sind sehr schwer zu führen, und ich habe Angst, so einen Prozess zu verlieren und dann auf noch mehr Kosten zu sitzen. 

Nele Ich habe darüber auch nachgedacht. Meiner Ansicht nach haben die Gutachter eine Fehldia­gnose gestellt und sollten mir zumindest das Geld für meine Kosten zurückerstatten. Aber ich habe für eine Klage kein Geld und selbst wenn ich es hätte, hätte ich im Moment nicht die Kraft für so ein Verfahren. 

Ellie Ich finde, der Arzt, der meine Eltern damals angelogen hat, als es um die angeblich reversi­blen Folgen des Testosterons ging, sollte zur Verantwortung gezogen werden. Ich würde da gern etwas unternehmen, aber ich möchte das nicht allein machen. Und ich kenne bisher keine anderen Fälle, obwohl es sie natürlich gibt. 

Was war für euch der Auslöser, dass ihr begriffen habt: Ich will zurück, ich will detransitionieren?
Ellie Das hatte mehrere Gründe. Zunächst bekam ich durch das Testosteron gesundheitliche Pro­bleme. Ich hatte vaginale Atrophie, also das, was manche Frauen nach den Wechseljahren durch den Östrogenmangel bekommen: Juckreiz, Brennen, Entzündungen in der Scheide. Außerdem Krämpfe in der Gebärmutter. Deshalb musste ich Östrogen nehmen, und ich fand es absurd, meinem eigentlich gesunden Körper noch mehr Hormone zuzuführen. Und ich begriff dann auch, dass ich nie die Chance gehabt hatte, meinen natürlichen Körper kennenzulernen. Hinzu kam, dass ich eine ältere Freundin habe, die Feministin und Lesbe ist. Mir ihr habe ich mich viel ausgetauscht. Sie hat mir über ihre Kämpfe in ihrer eigenen Jugend erzählt und ich habe so viele ­Parallelen zwischen ihr und mir gesehen. Und als sie mich fragte, warum ich Testosteron nehme, konnte ich zwar erklären, warum ich damit angefangen hatte – aber nicht, warum ich es immer noch tue. Ein weiterer Schlüsselmoment war, dass ich nach meiner Transition in Männer-Basketball-Teams gespielt und mich dort nie wohl gefühlt hatte. Als ich dann in ein lesbisches Team gegangen bin, fand ich es toll, mit lauter lesbischen Frauen zu spielen, und ich merkte, dass ich Teil von ihnen sein wollte. Und vor ungefähr einem Jahr, also nach vier Jahren mit Testosteron,  wusste ich dann: Jetzt ist es Zeit für mich, die Transition zu stoppen. 

Nele Ich habe, wie Ellie, durch das Testosteron gesundheitliche Probleme bekommen. Aber wir haben uns natürlich auch sehr viel über Feminismus ausgetauscht. Mir ist klar geworden, dass meine Essstörung eine große Rolle spielte. Das Testosteron kurbelt den Stoffwechsel an und macht mich dünner, es lässt meine Hüften und meine Brüste verschwinden. Und ich habe verstanden, dass die Übersexualisierung meiner Brüste der Grund dafür war, dass ich meine Brüste so stark abgelehnt habe. Und ich habe meine Rollenbilder hinterfragt: Frauen waren für mich liebe, nette, folgende Personen, immer freundlich, hilfsbereit und konfliktscheu. Das wollte ich einfach nicht mehr sein. Aber so wie ich es vorher gehasst habe, als Frau gesehen zu werden, habe ich mich dann zusehends unwohl damit gefühlt, als Mann gesehen zu werden, weil ich damit wieder in einer neuen Schublade war. Es ist also auch meine politische Überzeugung: Ich habe verstanden, dass ich nicht als Frau in dieser Gesellschaft leben konnte, weil diese Gesellschaft nicht gut mit Frauen umgeht.

Ihr seid alle als Männer gesehen und behandelt worden. Nun habt ihr euch entschieden, wieder als Frauen zu leben. Ihr müsst nochmal eine körperliche Veränderung durchmachen. Bestimmte Veränderungen wie eure tiefen Stimmen oder die entfernten Brüste sind nicht mehr rückgängig zu machen. Das wird vermutlich nicht leicht werden.
Sam Ich wollte als Mann unbedingt als eindeutiger Mann durchgehen. Inzwischen habe ich beschlossen, dass es mir egal ist, wie die Leute mich sehen. Heute denke ich: Wenn mir jemand sagt, ich sei für eine Frau zu maskulin, oder ich müsse deshalb trans sein, dann ist das sein oder ihr Problem. Ich habe jetzt das Standing, damit zurechtzukommen. Und ich habe ein sehr unterstützendes Umfeld: meine Mutter, meine Freundin, deren Eltern, meinen Freundeskreis. Ich fühle mich jetzt gut, wie ich bin.

Nele Ich habe vor drei Monaten das Testosteron abgesetzt, das ich zwei Jahre lang genommen habe. Ich werde jetzt also wieder Hüften bekommen und es wird sich sicher merkwürdig und vielleicht nicht immer gut anfühlen. Aber ich kann damit jetzt anders umgehen. 

Und wie werdet ihr jetzt von eurer Umwelt gesehen?
Nele Ich habe keine Ahnung! (lacht) Ich glaube, alle sind verwirrt und ich auch. Kürzlich war ich an einem Büffet und habe mir den Teller total vollgemacht. Um mich herum war eine Gruppe junger Frauen, und die hatten alle nur ganz wenig auf ihren Tellern. Und im ersten Moment dachte ich: Gott, mein voller Teller, wie peinlich! Dann fiel mir aber ein, dass die Mädels mich als Mann wahrnehmen und war erleichtert, denn als Mann darf ich das ja. Aber ich will jetzt lernen, mir diese Dinge auch als Frau herauszunehmen. Ich habe für den Teller bezahlt – natürlich tu ich mir viel drauf!

Nele und Ellie, ihr habt auf Facebook, Insta­gram und Twitter die Plattform „Post-Trans“ ins Leben gerufen. Wie sind die Reaktionen?
Nele Wir haben unseren ersten Post auch in Transgender-Gruppen geteilt, weil wir dachten, dass es dort bestimmt auch Detransitionierer gibt oder einfach Transmenschen, die andere Narrative interessant finden. Wir haben dort aber sehr viele negative Reaktionen bekommen. Mir wurden auch Freundschaften aufgekündigt, ich wurde als TERF bezeichnet (= Trans Exclusionary Radical Feminist, also: radikale Feministin, die Transmenschen ausschließt, Anm. d. Red.) und in den sozialen Netzwerken blockiert. Ein Teil unserer Freunde und Freundinnen hat aber auch sehr positiv reagiert. 

Ellie Wir versuchen die Plattform so neutral wie möglich zu halten, das heißt: Wir posten nur die Geschichten, die uns die Leute schicken, ohne sie zu verändern. Denn unser wichtigstes Ziel ist Sichtbarkeit. Wir wollen, dass die Erfahrungen von Detransitionierern gehört werden. 

Sam Es ist sehr wichtig, dass wir aufklären, damit andere Mädchen und junge Frauen nicht in dieselbe Situation kommen wie wir.

Das Gespräch führte Chantal Louis.

 

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Was für verheerende Folgen es haben kann, wenn TherapeutInnen und ÄrztInnen die Diagnose „trans“ zu schnell und unhinterfragt stellen, zeigt dieses Gespräch mit den drei jungen Frauen. Um solche Fehldiagnosen zu vermeiden, müssten die BehandlerInnen angehalten werden, sehr genau hinzuschauen: Was steckt hinter dem jeweiligen individuellen „Transitionswunsch“? Handelt es sich womöglich um einen Rollenkonflikt, der auch anders zu lösen wäre als mit irreversiblen Hormongaben und Operationen? 

Doch der Trend geht in die entgegengesetzte Richtung. So hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gerade das Verbot so genannter „Konversionstherapien“ auf den Weg gebracht. Da geht es eigentlich um Behandlungen, die Homosexualität „heilen“ sollen. Zum Beispiel solche, die der „Bund katholischer Ärzte“ anbietet. Der hält Homosexualität für eine „Störung“, die er mit einer „reparativen Therapie“ beseitigen will. Der bekennende homosexuelle Minister Spahn will dem einen Riegel vorschieben. Das Bundeskabinett hat den „Entwurf eines Gesetzes zum Schutz vor Konversionsbehandlungen“ am 17. Dezember 2019 verabschiedet, die Abstimmung im Bundestag steht kurz bevor. 

Also alles gut? Nein. Denn in diesem Gesetz geht es nicht nur um Homo-, sondern auch um Transsexualität. Künftig sollen Behandlungen strafbar sein, „die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person zu ändern oder zu unterdrücken“. Das klingt auf den ersten Blick folgerichtig. Selbstverständlich sollen auch Menschen, die empfinden, dass ihr biologisches Geschlecht nicht mit ihrem gefühlten Geschlecht übereinstimmt, nicht in die Hände reaktionärer Mediziner oder gar Teufelsaustreiber geraten.

Allerdings stellt sich eine Frage: Was bedeutet das Verbot eigentlich genau für diejenigen, die als ÄrztInnen und TherapeutInnen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten, die mit einem Transitionswunsch zu ihnen kommen? Was passiert, wenn sie die Vorstellung des- oder derjenigen, im „falschen Körper geboren“ zu sein, hinterfragen? Fällt auch das demnächst unter „Konversionstherapie“ und wäre so ein Therapeut also mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bedroht? 

„Das Verbot gilt nur dann, wenn der Gesprächspartner gezielt Einfluss zu nehmen versucht auf die sexuelle Orientierung oder die selbstempfundene geschlechtliche Identität eines Betroffenen“, heißt es auf der Website des Gesundheitsministeriums. 

Auf EMMA-Anfrage präzisiert das Gesundheitsministerium: „‚Ergebnisoffene‘ psychotherapeutische Gespräche, in denen Betroffene Raum erhalten, ihr eigenes sexuelles Empfinden und ihre geschlechtliche Identität zu reflektieren und mögliche Unsicherheiten zu thematisieren, sind keine Konversionstherapien. Sie unterliegen daher auch nicht dem geplanten Verbot.“ Das klingt nicht wirklich nach Rechtssicherheit. 

Bereits im Februar 2019 wurden die „Leitlinien zur Diagnostik, Beratung und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit“ überarbeitet. Dafür ist nicht der Gesetzgeber zuständig, sondern die so genannten Fachgesellschaften, also Standesorganisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung oder die Psychotherapeutenkammer. Vor der Reform der Leit­linien galt als Voraussetzung für den Geschlechtswechsel eine einjährige therapeutisch begleitete „Alltagserprobung“. Jetzt heißt es: Der diagnostische Prozess solle „so kurz wie möglich gehalten werden“. Auch eine „psychotherapeutisch begleitete Alltagserprobung“ sei nun „hinfällig“.

Bei dieser 2019 reformierten Leit­linie geht es um Erwachsene. Auch das ist schon problematisch. Doch in 2020 soll nun auch die Leitlinie für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechts-Dysphorie überarbeitet werden. Bisher besagen diese Leitlinien, dass irreversible ­Operationen wie die Entfernung der Brüste oder die Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken nicht vor dem 18. Lebensjahr vorgenommen werden sollen. Diese – rechtlich ohnehin nicht bindende – Empfehlung soll nun voraus­sichtlich gekippt werden; ebenso wie die Vorgabe, dass gegengeschlechtliche Hormone nicht an unter 16-Jährige gegeben werden sollen.

Auch wenn die Leitlinien keine Gesetzeskraft haben wie das Konversionsverbot, haben sie doch starke Konsequenzen, weil sie die Regeln für Behandlungen setzen. Und: Im Falle einer Klage müsste eine Ärztin oder ein Therapeut, der „nicht leitlinienkonform“ gehandelt hat, das begründen. 

Kämen also die neuen Leitlinien für Kinder und Jugendliche durch, würde das den verantwortungslosen Kräften Tür und Tor öffnen, denen schon unsere drei Interview-Partnerinnen zum Opfer gefallen sind. 

 

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