Loujain im Hungerstreik

Der G20-Gipfel könnte Loujain al-Hathlouls letzte Rettung sein. Foto: imago images
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„Ich bitte die Welt, mir zu helfen, meine Schwester zu retten. Sie ist seit einer Woche im Hungerstreik. Wir wissen nicht, ob sie das überlebt“, appelliert Lina al-Hathloul (25), die junge Schwester von Loujain, an ausländische Medien. Loujains Gesundheitszustand hat sich nach UN-Angaben rapide verschlechtert. Ihre Familie hat sich nun sich an deutsche DiplomatInnen gewandt, weil sie von den saudischen Behörden ignoriert wurde und weil sie auf Loujains Rettung durch den G20-Gipfel hofft.

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Wird Deutschland den Kampf um Menschenrechte aufnehmen?

Der G20-Gipfel findet am 21. und 22. November statt,  Saudi-Arabien hat in diesem Jahr die Präsidentschaft. Wegen Corona findet der Gipfel allerdings nicht real in Riad, sondern virtuell statt. Dennoch wird die Weltgememeinschaft zusammenkommen, um über ökonomische Interessen zu verhandeln. Wird Deutschland auch den Kampf um Menschenrechte aufnehmen? Wird Europa den Kronprinzen in die Pflicht nehmen?

Auf jedem seiner Schritte hin zur Macht hat der Kronprinz Mohammed bin Salman, der zukünftige Herrscher von Saudi-Arabien, – der schon jetzt das Land lenkt – sich darum bemüht, als großer Reformer zu scheinen: Es soll ein Land werden, in dem man sich vorstellen kann zu leben, zu arbeiten und Urlaub zu machen. Bei dieser Vision eines offenen, modernen Saudi-Arabiens spielen die Frauen eine zentrale Rolle.

MBS, wie er genannt wird, hat also erlaubt, dass Frauen sich frei bewegen und reisen können, auch ohne die Erlaubnis ihres männlichen Vormundes. Und er hat das seit langem bestehende Fahrverbot für Frauen aufgehoben. Damit hat er es in die Schlagzeilen der internationalen Medien geschafft und kann sich des Beifalls des Westens sicher sein. Doch viele der Aktivistinnen, die dafür gekämpft haben, sitzen heute hinter Gittern. Und das in einem Land, in dem Auspeitschungen und Enthauptungen qua Gesetz an der Tagesordnung sind. So wie Loujain. Wie wurde sie zur Kämpferin für die Frauen Saudi-Arabiens?

Loujain (31) ist in einer Mittelklasse-Familie in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad aufgewachsen und wird von ihrer Schwester Lina als „aufgeschlossen, spontan und großzügig“ beschrieben. Wie so viele Töchter vermögender Saudis studierte auch sie außer Landes. Sie erwarb einen Hochschulabschluss in Französischer Literatur an der Universität von British Columbia in Kanada, wo sie auch die Präsidentin der Arabischen StudentInnen-Vereinigung war. Danach schrieb sie sich an der Universität der Sorbonne in Abu Dhabi ein, um Soziologie zu studieren. Doch seit dem 1. Dezember 2014 ist alles anders. Loujain hatte sich entschlossen, das saudische Verbot für Frauen, selbst Auto zu fahren, öffentlich zu brechen: Von den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo sie eine offizielle Fahrerlaubnis erworben hatte, fuhr sie bis zur saudischen Grenze. Auf dem Weg postete sie ein kurzes Video auf Twitter: „Folgt mir und findet raus, was passiert …“

Das Video auf Twitter, in dem Loujain Auto fährt, war der Beginn ihres Martyriums

Bis dahin waren Frauen, die sich gegen das Fahrverbot aufgelehnt hatten, immer verhaftet worden. Ihnen wurden die Pässe weggenommen und sie wurden ausgepeitscht. Auch Loujain wurde an der Grenze umgehend festgenommen. „Ich hänge seit 24 Stunden an der Saudischen Grenze fest. Sie wollen mir meinen Pass nicht zurückgeben und mich auch nicht durchlassen“, twitterte Loujain.

Eine Mitstreiterin in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Journalistin Maysa al Amoudi, machte sich auf zur Grenze, um ihr zu helfen. Nun wurden beide Frauen eingesperrt und über zwei Monate festgehalten. Danach wurden sie entlassen, ohne dass Anklage erhoben wurde. Aber es war der Beginn von Loujains Martyrium.

Im Jahr 2018, nachdem MBS sich in die erste Reihe als Thronfolger vorgekämpft hatte, verkündete er, es sei Frauen fortan erlaubt, Auto zu fahren. Darauf hatte Loujain gewartet. Doch einige Wochen, bevor das Verbot aufgehoben wurde, war sie wieder verhaftet worden, zusammen mit vielen weiteren bekannten Frauenrechtlerinnen. Die Schriftstellerin Madawi al Rashee, eine Saudi, die im Exil lebt, erklärte mir: „Mohammed bin Salman hat erkannt, dass es bei der Frauenbewegung in Saudi-Arabien nicht nur um das Autofahren geht. Sondern dass sie für weitergehende Rechte kämpfen – und dass diese Frauen sich nicht damit zufriedengeben würden, im Auto herumzufahren. Das Auto war nur ein Symbol ihrer Unterdrückung.“

Mit anderen Worten: Das Verbot wurde aufgehoben, MBS erntete die Meriten für seine Großzügigkeit – doch die Frauen, die mehr als das wollten, landeten im Gefängnis.

Loujain wurde im Gefängnis gefoltert, ihre Beine waren schwarz von Verbrennungen

Loujain ist nun seit zwei Jahren eingesperrt. In den ersten Monaten nach ihrer Verhaftung wurde sie geschlagen und gefoltert: Elektroschocks und Waterboarding ausgesetzt. Als ihre Eltern sie im Gefängnis besuchten, brach sie zusammen. „Sie sahen, wie schwach sie war, sehr schwach. Und auf ihrem Gesicht waren rote Flecken, Verletzungen“, berichtete mir ihre Schwester Alia. „Unsere Eltern haben sie gefragt: Haben sie dich gefoltert? Und sie sagte: Nein, ihr wisst doch, es geht mir gut. Macht euch keine Sorgen. Doch sie hakten so lange nach – bis Loujain irgendwann anfing zu weinen. Sie weinte und weinte und konnte nicht mehr aufhören. Als sie stoppte, wieder zu Atem kam, zeigte sie ihnen ihre Oberschenkel. Da waren nicht nur blaue Flecken, sie waren schwarz, von Verbrennungen.“

Loujain erzählt ihren Eltern, dass unter denen, die sie verhörten, einer der engsten Vertrauten von Kronprinz Mohammed bin Salman war: Saud al Qahtani. „Ich werde dich töten, dich in Stücke schneiden und in den Gulli werfen“, hatte Qahtani ihr gedroht. „Aber vorher werde ich dich vergewaltigen.“

MBS wurde zu diesen Foltervorwürfen und Androhungen sexueller Gewalt von Norah O’Donnel, einer amerikanischen Fernsehjournalistin von „60 Minutes“, befragt. Der Prinz gab vor, nichts davon zu wissen. Er versprach aber, er würde das untersuchen. „Sollten sich die Vorwürfe erhärten, wäre das abscheulich. Der Islam verbietet Folter. Die Saudischen Gesetze verbieten Folter.“ O’Donnell hakt nach: „Sie werden sich persönlich darum kümmern?“ Der Kronprinz antwortet: „Darauf können Sie sich verlassen!“

Doch Loujains Bruder Walid und ihre beiden Schwestern, Alia und Lina, die zu ihrer eigenen Sicherheit außerhalb von Saudi-Arabien leben, sagen heute, dass es nie eine Untersuchung gegeben habe. Die Anhörungen vor Gericht in den zwei Jahren, währenddessen Loujain im Gefängnis sitzt, lassen sich an einer Hand abzählen und wurden jetzt für neun Monate ausgesetzt. Begründung: Das Gericht würde „neu strukturiert“.

Loujains Vater, Hathloul al Hathloul, ein Ingenieur, und ihre Mutter Fatema fungieren als Vertreter ihrer Tochter. Doch die Besuche der Eltern im Gefängnis werden überwacht und oft vorzeitig abgebrochen. Jedes Blatt Papier, jede Notiz, die sie austauschen, wird von den Gefängniswärtern kontrolliert und manchmal ohne jede Erklärung konfisziert.

Die Vorwürfe gegen Loujain sind zahlreich. In einem sechsseitigen Dokument, das ich durchsehen konnte, werden Loujain 14 „Verbrechen“ vorgeworfen. Unter anderem, dass sie eine „ausländische Agenda“ verfolge, indem sie sich an der „Forderung für Frauenrechte beteiligt“ habe; dass sie „internationale Organisationen kontaktiert“ habe, ebenso wie „ausländische Journalisten und Botschaften von Ländern, die der Kronprinz besuchen wird, über ihren Fall informiert“ zu haben. Außerdem ist Loujain angeklagt, „finanzielle Unterstützung angenommen“ zu haben, um an Konferenzen und Veranstaltungen teilzunehmen und dort über die Situation saudischer Frauen zu sprechen“. Vorgeworfen wird ihr auch, „zu einem Dokumentarfilm beigetragen und mit britischen Journalisten über ihre persönliche Erfahrung im Gefängnis gesprochen zu haben“. Und so geht die Liste weiter und weiter.

Loujain sollte aussagen, sie werde nicht gefoltert. Sie weigerte sich

Der Fall Loujain ist nicht der einzige. Er ist nur der, über den wir am meisten wissen. Weitere Frauenrechtlerinnen darben in saudischen Gefängnissen. Viele von der Verhaftungswelle im Sommer 2018 Betroffene sitzen wie Mayaa al-Zahrani, Samar Badawi (die Schwester von Raif Badawi), Naseema al-Sadah and Nouf Abdelaziz weiterhin im Gefängnis.

Und weitere Frauenrechtlerinnen wurden verhaftet wie die Historikerin Hatoon al Fassi, die Forscherin Abeer Namakani, Aziza Yousef, Akademikerin im Ruhestand, die Wissenschaftlerin Rogaya al-Mohareb, die Bloggerin und Menschenrechtsaktivistinnen Amaol al Harbi und Eman al Nafjan, die Journalistin Maha al-Rafidi, Aida al-Ghamdi and Israa al-Ghomgham. Einige der Frauen wurden zwar freigelassen, aber ihnen steht das Verfahren für ihre „Vergehen“ nochbevor.

Im März 2019 tadelten 36 Mitglieder des Menschenrechtsrates der UN Saudi-Arabien für seine „aggressive Unterdrückung der freien Meinungsäußerung“. Es war das erste Mal, dass Saudi-Arabien – selbst Mitglied des Menschenrechtsrates – mit einer solchen Zurechtweisung konfrontiert war. In dem Statement des UNHCR wurden insbesondere Loujain al-Hathloul, Nassima al-Sadah, Samar Badawi, Nouf Abdelaziz und Shadan al-Anezi genannt. Doch keine einzige dieser Frauen wurde seither freigelassen.

Im August 2019 hatte man Loujain einen Deal angeboten. Sie würde freigelassen, sollte sie per Video erklären, dass sie nicht gefoltert worden sei. Sie weigerte sich.

Im Februar nominierten acht Mitglieder des US-Kongresses Loujain für den Friedensnobelpreis 2020. Könnte das helfen? Trotz der vielen Preise, mit denen sie bisher geehrt wurde, und obwohl Menschenrechtsorganisationen konstant Druck machen und ihre Freilassung fordern, hat Kronprinz Mohammed bin Salman zwar die Bekleidungsregeln für Frauen in der Öffentlichkeit und die Beschränkungen in Restaurants, wo Frauen von Männern getrennt sind, gelockert. Jedoch tat er nichts für Loujain und die anderen Frauen, die derzeit in saudischen Gefängnissen sitzen. Sie bleiben in Haft – als mahnendes Beispiel für alle Frauen in Saudi-Arabien.

Die Reformen für Frauen sollen nur der Wirtschaft dienlich sein

MBS weiß, dass er den Frauen mehr Rechte einräumen muss. Seine ehrgeizige Vision 2030, mit der er die saudische Wirtschaft umkrempeln, sein Land vom Öl unabhängig machen und den Anteil der arbeitenden Bevölkerung steigern will, lässt ihm keine andere Wahl. Frauen, die traditionell ans Haus gebunden waren, muss es erlaubt werden, in denselben Büros zu arbeiten wie Männer. Frauen müssen die Möglichkeit haben, eigenständig zur Arbeit zu kommen. Und sie müssen ohne die Erlaubnis eines männlichen Aufpassers reisen können. Aber dass nur ja kein Missverständnis aufkommt: Diese sozialen Reformen haben mitnichten etwas mit der Erkenntnis zu tun, dass die Geschlechter gleichberechtigt seien. Es sind Versuche, die brachliegende Wirtschaft Saudi-Arabiens zu beleben, indem die Zahl der Arbeitskräfte erhöht wird. Und um das Land attraktiver zu machen für jene hochgebildete Gruppe von saudischen AkademikerInnen, die ihre Ausbildung im Ausland erworben haben.

Es muss davon ausgegangen werden, dass die Frauen weiterhin auf harten Widerstand stoßen: der engstirnigen Konservativen und sogar ihrer eigenen Väter und Brüder, die Angst haben. Selbst wenn die Gesetze sich ändern, die Tradition stirbt langsamer. Die Familie Hathloul hofft, dass der G20-Gipfel Ende November den Blick auf MBS‘ Menschrechtsverletzung richtet und endlich Druck auf den Kronprinzen ausüben wird. Wird der Gipfel eine Chance für die verhafteten und gefolterten Frauenrechtlerinnen sein?

MARTIN SMITH

Hier geht es zur Petition für die Freilassung von Loujain al-Hathloul.

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Fortschritt oder Backlash?

Der Druck auf Frauen ist geringer geworden, manche wagt sich ohne Kopftuch in die Öffentlichkeit. Foto: Sean Gallup/Getty Images
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Die Prinzessin hat den Raum kaum betreten, da hat sie schon vollständig Besitz von ihm ergriffen. Als würde sie zwei Gespräche zur gleichen Zeit führen, verbindet Kholoud Bin Khalid Al Saud eine herzliche Begrüßung mit der ersten Botschaft: von dem „dunklen Zeitalter“, aus dem Saudi-Arabien gerade heraus und ins Licht trete. Von all den Neuerungen, die ihr Land in einem Tempo erfassen, das vielen im Königreich atemraubend erscheint. „Vor nicht allzu langer Zeit, da lebten die Menschen hier noch in Lehmhütten, wir hatten noch Sklaven“, sagt sie. Sie erinnert an den puritanischen, wahhabitischen Staatsislam und die erzkonservativen Religionsgelehrten, die die saudische Gesellschaft – allen voran die Frauen – in ein enges Korsett eingeschnürt haben. Wenig später erzählt sie von ihrem neuen Projekt zum Recycling von Plastikflaschen. „Neunundneunzig Prozent Frauen werden da arbeiten“, sagt die Prinzessin. „Von der Technik bis zum Management.“

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Saudi-Arabien soll sich öffnen, um zukunfts-
fähig zu werden

Offen, selbstbewusst, modern, ohne die eigenen Traditionen und die eigene Identität aufzugeben – so soll Saudi-Arabien nach den Strategiepapieren seiner Führung in einigen Jahren aussehen. Die Agenda 2030 soll das erzkonservative Königreich öffnen, unabhängig vom Ölgeschäft und damit zukunftsfähig machen. Die gesellschaftlichen Zwänge sollen ebenso abnehmen wie die üppigen Zuwendungen des Staates an die Bevölkerung.

Kholoud Bin Khalid Al Soud freut sich auf die Zukunft.
Kholoud Bin Khalid Al Soud freut sich auf die Zukunft.

Nicht zuletzt die Frauen, seit jeher Saudis zweiter Klasse, profitieren von den Reformen. Sie sollen ermächtigt werden, in den Arbeitsmarkt zu drängen. Kholoud Bin Khalid Al Saud, die zur Königsfamilie gehört, ist eine perfekte Botschafterin für dieses gesellschaftliche Großprojekt. Eine selbstbewusste, dynamische Frau, die sich wie selbstverständlich in westlichen Großstädten bewegt und den Saudis jetzt auch den Umweltschutz näherbringen will. Sie preist das Durchsetzungsvermögen jenes Mannes, der den Wandel energisch vorantreibt: Ihr Vetter Kronprinz Muhammad Bin Salman, der neue starke Mann im Königreich.

Aber das Saudi-Arabien unter seiner Führung ist janusköpfig. Neben dem neuen, weltoffeneren Gesicht zeigt es immer wieder unerbittliche, brutale Züge. Denn der Kronprinz hat einen ausgeprägten Hang zum Autoritären und duldet keinen Widerspruch. Die Repression trifft jene, die weitere Freiheits- und Frauenrechte fordern, ebenso wie jene, die den Wandel rundweg ablehnen oder davon überfordert sind. Es ist eine von oben verordnete Revolution.

Sie hat das Leben der Saudis spürbar verändert. Der Kronprinz hat die gefürchtete Religionspolizei an die Kette gelegt. Restaurants in der Hauptstadt Riad schließen zur Gebetszeit nicht mehr so selbstverständlich wie früher, und die Menschen lassen sich nicht mehr so einfach zum Gebet in die Moschee beordern. Kinos eröffnen, Konzerte werden veranstaltet.

Mit Aufhebung des Fahrverbotes kam auch ein Gesetz gegen Belästigung

Auch der Druck auf die Frauen ist geringer geworden. Im Juni wurde das Fahrverbot für Frauen aufgehoben. Zugleich wurde ein Gesetz erlassen, das sie vor Belästigung schützt, was viele als mindestens genauso wichtig loben. Die Behörden sind überwältigt von dem Ansturm Tausender Frauen, die einen Führerschein erwerben wollen. Die Wartezeiten sind so lang, dass manche Frauen ins benachbarte Bahrein ausweichen, wo es schneller geht und einfacher ist. Manche argwöhnen, die Regierung wolle den Gestrigen im Königreich nicht zu viele fahrende Frauen auf einmal zumuten. Noch sind diese allerdings eher eine Seltenheit.

Sichtbarer sind die Frauen im Arbeitsleben. Sie sitzen hinter Schreibtischen in den Behörden. Unlängst co-moderierte erstmals eine Frau im staatlichen Fernsehen die Abendnachrichten. Nach Angaben der Regierung vom Oktober sind inzwischen rund 28 Prozent der Frauen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren berufstätig. Frauen eröffnen eigene Geschäfte und Lokale. Die Zahl der Frauen, die sich für eine Scheidung oder Unterhaltszahlungen für die Kinder vor ein Familiengericht wagen, nimmt zu, seit das Gesetz und die Richter sie besser schützen.

Auch das ist neu in Saudi-Arabien: Die ersten Frauen am Steuer! Foto: Sean Gallup/Getty Images
Auch das ist neu in Saudi-Arabien: Die ersten Frauen am Steuer! Foto: Sean Gallup/Getty Images

In der Küstenstadt Dschiddah, die seit jeher als der fortschrittlichste Ort im Königreich gilt, weicht die strikte Geschlechtertrennung in den Cafés und Restaurants zögerlich auf, manche Frau wagt sich sogar ohne Kopftuch auf die Straße. Und selbst jenes Bollwerk ist gefallen, das den saudischen Frauen bisher den Weg aus dem Status der Zweitklassigkeit verstellte: das Gesetz, nach dem jede Frau die Erlaubnis eines männlichen Vormunds braucht, wenn sie zum Beispiel studieren oder ins Ausland reisen will. Frauen über 21 Jahren dürfen nun ohne ihren männlichen Vormund einen Pass beantragen und sogar ohne seine Erlaubnis einholen zu müssen, ins Ausland reisen. Eine Kehrtwende: Noch vor knapp einem Jahr hatte die Saudische Regierung eine App zur Verfügung gestellt, die es dem Vormund meldete, sollte die Frau unerlaubt das Land verlassen wollen.

Es herrscht
ein Klima der Angst unter AktvistInnen

Doch Frauen, die hinter vorgehaltener Hand die Abschaffung dieses Gesetzes gefordert hatten, wollen auf keinen Fall mit ihrem Namen in der Presse auftauchen. Denn so sehr sich viele Saudis in diesen Tagen über die neuen Freiräume freuen, so sehr herrscht auch ein Klima der Angst unter den AktivistInnen, die sich seit Jahren für eben diese Freiräume stark gemacht haben. Seit Mai 2018 wurden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mindestens ein Dutzend Aktivistinnen und Aktivisten festgesetzt.

Samah Hadid, die für den Mittleren Osten zuständige Direktorin, sieht darin eine eindeutige Einschüchterungskampagne. „Niemand soll auf die Idee kommen, dass man Reformen erstreiten kann – sie sind ein Geschenk an die Untertanen“, sagt sie. Und sie beobachtet auch, dass es für ihre Organisation immer schwieriger wird, mit Anwälten, Angehörigen oder den AktivistInnen zu sprechen. Die Furcht vor der Rache des Kronprinzen sei einfach zu groß.

Loujain Al Hathloul protestierte gegen das Fahrverbot für Frauen.
Loujain Al Hathloul, die gegen das Fahrverbot für Frauen protestierte, wird als "Agentin einer fremden Macht" beschimpft .

Unter denen, die seine harte Hand schon zu spüren bekommen haben, sind mit Abdullah al Hamid, Mohammad Fahad al Qahtani und Waleed Abu al Khair drei der bekanntesten Menschenrechtler Saudi-Arabiens. Sie wurden in diesem Jahr für ihr Engagement mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Prominente Aktivistinnen, wie zum Beispiel die 29 Jahre alte Loujain al Hathloul, die sich gegen das Fahrverbot aufgelehnt hatte, werden von Regierungsmitarbeitern und der regierungstreuen Presse als Agentinnen einer „fremden Macht“ verunglimpft, deren angebliche Aufgabe es sein soll, den Zusammenhalt der saudischen Gesellschaft und die Stabilität des Königreiches zu untergraben.

Amnesty International ist besorgt, weil einigen der Gefangenen Verfahren vor den berüchtigten Antiterrorismusgerichten und damit bis zu 20 Jahre Gefangenschaft droht. „Feminismus wird auf diese Weise mit Terrorismus gleichgesetzt“, klagt Samah Hadid. Sie sieht ferner einen „besorgniserregenden Trend“, gegen politische Aktivisten die Todesstrafe zu verhängen. Auch Frauen seien davon nicht ausgenommen.

Auf den Fluren des Hauptquartiers der Religionspolizei oder in den Moscheen, in denen sich die konservativen Saudis zum Gebet versammeln, haben die Verhaftungswellen eine ähnliche Angst und Sprachlosigkeit hervorgebracht. Konservative Religionsgelehrte bekommen kaum ein kritisches Wort heraus, dabei ist ihnen deutlich die Abscheu anzumerken, wenn sie nach Kinoeröffnungen oder der Aufweichung der Geschlechtertrennung gefragt werden.

Die Aufhebung des Fahrverbots, heißt es immer wieder, sei noch das geringste Problem. „Die Menschen sind verunsichert“, sagt ein älterer Herr in einer Moschee in Riad. In seiner Welt bleibt er der Gebieter über die Frauen, die allein im Haushalt arbeiten sollen. Dass daran auch kein Kronprinz etwas ändern werde, fasst er in den Satz: „Ich bin nur meinem Schöpfer gegenüber verantwortlich.“ Es gibt viele, die denken und fühlen wie er.

So manche Mutter sieht ihre Tochter lieber verheiratet als berufstätig.

Wie gespalten das Land ist, zeigt sich in Orten wie Buraida. Es ist eine konservative Stadt, wo der Wandel weniger sichtbar ist. Dort halten sich die gesellschaftlichen Zwänge und die alten Rollenbilder beharrlicher, weil es mindestens genauso wichtig ist, was der Nachbar denkt, wie das, was der Staat vorschreibt oder nicht mehr verbietet. Dort schauen die Leute argwöhnisch auf die Entwicklungen in Riad oder Dschiddah. Dort zeigen sich die Männer entschlossen, ihre Familien vor den Reformen abzuschirmen. So manche Mutter sähe ihre Tochter ebenfalls lieber verheiratet als erfolgreich im Beruf.

Doch ganz aufhalten lässt sich der Wandel auch in Orten wie Buraida nicht. Schon deshalb, weil die gestrichenen Zuwendungen des Staates die Männer dazu zwingen, Frauen und Töchter das Arbeiten zu erlauben, um das Familieneinkommen aufzubessern. „Das verändert die Verhältnisse in den Familien“, sagt ein örtlicher Funktionär. In seiner Stadt dürfen Frauen zwar nicht hinter der Ladentheke stehen, aber er zeigt stolz auf die Regale in einem Supermarkt, wo Süßwaren zum Verkauf stehen, die von Frauen zu Hause gefertigt wurden.

Für Prinzessin Kholoud Bin Khalid Al Saud ist das ein Zeichen dafür, dass der Umbruch nicht aufzuhalten ist. Jedes Mal habe es Widerstand gegeben, wenn ein König Neuerungen eingeführt habe, erklärt sie. Gegen das Satellitenfernsehen oder die Bildungsangebote für Frauen. Und sie rügt die Saudis, die sich über die neuen, finanziellen Härten beklagen, als undankbar. „Die meisten Leute mögen, was passiert“, sagt sie. „Alle anderen werden es akzeptieren.“ So, wie sie es sagt, klingt es wie: Sie werden es akzeptieren müssen.

 

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