Sind die Medien noch zu retten?

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Sind die Medien noch zu retten? Diesen Titel gaben zwei Journalisten ihrem Buch über den Zustand der deutschen Medien, und hier vor allem den der sich als fortschrittlich verstehenden „Leitmedien“. Sie beklagen die Konformität der Berichterstattung: Ideologie wiegt schwerer als Realität. Und sie wünschen sich eine Rückkehr des Journalismus zu den Fakten. – Am Beispiel der von Alice Schwarzer im Mai 2016 geschriebenen und herausgege­benen Anthologie „Der Schock“ zeigen sie das Maß der Ignoranz und Herabwürdigung gegenüber unbequemer Berichterstattung.

Das ergibt sich für uns zum Beispiel aus einem NDR-Beitrag mit der Überschrift „Schwarzer gibt den Opfern von Köln eine Stimme“. Das klingt doch schon mal völlig anders als die meistgehörte Argumentation der „Einzelfälle“, die suggerieren soll, ein Geschehen sei nicht berichtenswert.

Es geht um Alice Schwarzers bemerkenswertes Buch „Der Schock“. Ein Buch, dem die Süddeutsche Zeitung vorwirft, es sei „zu einfach“ und beinhalte „Ahnung statt Analyse“ – obwohl acht Autorinnen und Autoren sehr differenziert die Situation beschreiben. Die Süddeutsche nennt Schwarzers Buch herabwürdigend einen „Sammelband“, im Blog der FAZ steht: „Alice Schwarzer versammelt Texte zur Silvesternacht von Köln“, was nicht weniger despektierlich ist, denn es handelt sich schlicht um eine Anthologie. Doch das Narrativ dieser Journalisten erlaubt eben keine Würdigung – man muss den Gegner auch gleich persönlich niedermachen, natürlich versteckt und suggestiv.

Tatsächlich bündelt Alice Schwarzer in ihrem Buch einige lesenswerte Argumentationen dafür, warum der traditionell linke Feminismus angesichts der Situation nicht schweigen darf – auch wenn die Linke mit dem Islam sympathisiert, weil dieser die USA und den Kapitalismus ebenso zu Feinden erklärt hat, wie das die europäische Linke traditionellerweise tut.

Dieser Schulterschluss zwischen Kommunisten und Islam erklärt viel. Aus Sicht der Linken sollen die weiblichen Opfer der Kölner Silvesternacht gefälligst keine Stimme bekommen, denn sie könnten den gemeinsamen Freund im Kampf gegen den Imperialismus schlechtmachen.(…)

Außerhalb Deutschlands wundert man sich mitunter, dass Wissenschaftler wie Bassam Tibi in Deutschland so wenig Erwähnung finden. Die Basler Zeitung interviewt Tibi ebenfalls und fragt rundheraus: „Wie ist es möglich, dass ein deutscher Islamexperte mit Ihrem Renommee, der dazu noch aus Syrien kommt, von deutschen Medien in Zeiten der Flüchtlingskrise nicht befragt wird?“ Tibi antwortet: „Es gibt kritische Meinungen, die in diesem Land nicht gefragt sind. Für die gibt es einen Maulkorb. Ich war der Islam- und Nahostexperte des deutschen Fernsehens, ich war 17 Jahre lang regelmäßiger Gastautor der FAZ und habe für alle größeren deutschen Zeitungen geschrieben. Dann bin ich aus allen Medien entfernt worden. Erst 2016 bin ich mit Hilfe von Alice Schwarzer und einer Journalistin der Welt in die Medien zurückgekehrt. (...) Der Dosenöffner war Köln.“ Mit Alice Schwarzer meint Tibi das erwähnte Buch „Der Schock“, in dem er mit dem Beitrag „Syrien und Deutschland“ vertreten ist.

Was ist nun mit Tibis Thesen? Sind sie falsch? Rassistisch? Fremdenfeindlich? Oder bilden sie einen Teil der Realität ab, den ein neues Medium jenseits der etablierten Medien beschreiben könnte, ohne dabei in die rechte Ecke abzurutschen?

Der taz-Journalist Daniel Bax hält offenbar gar nichts von Tibis und Schwarzers Äußerungen. Er sagt im „Journalisten-Handbuch zum Thema Islam“ des „Mediendienstes Integration“, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration: „Bei einem Teil der Journalisten kann man sehen, wie sich eine Kampf-der-Kulturen-Ideologie in Form eines geschlossenen Weltbildes verfestigt hat: Alles ist Scharia, alles ist damit erklärbar. Das behaupten Leute wie Alice Schwarzer oder Bassam Tibi schon seit 30 Jahren.“

Die Rhetorik ist grandios: Was jemand wie Schwarzer oder Tibi sagt, ist ein verfestigtes geschlossenes Weltbild und damit Unfug. Daniel Bax setzt auf seine Behauptung erst noch eins drauf: „Andere sind später lediglich auf diesen Zug aufgesprungen.“ Die Botschaft ist auch hier klar: Wer gleicher Meinung ist, ist ein Trittbrettfahrer, denkt also nicht selbst.(…)

Um die Frage der Basler Zeitung zu beantworten: Wir haben den Verdacht, dass unsere Medien Stimmen wie jene von Bassam Tibi und Alice Schwarzer ignorieren, weil sie nicht opportun sind. Das „Journalisten-Handbuch für den Islam“ ist ein Propagandainstrument, das mit keinem Wort darauf eingeht, ob vielleicht die muslimische Sexualmoral ein Grund dafür sein könnte, dass so viele junge Männer aus Nordafrika und dem arabischen Raum in Mitteleuropa in Not geraten. Das wirkt im Ergebnis wie eine agitatorische Einflussnahme einer Regierung auf die Presse. Gute Journalisten wehren sich gegen so etwas. Wir bilden in den Medien die Realität ab und entscheiden rein nach journalistischen Kriterien, was eine Nachricht ist – nicht nach den Wünschen einer Regierung.

Also: Wo sind die neuen Medien, die über diesen Einflussversuch der Bundesregierung berichten, ohne dabei rechtsextrem zu sein? Wo sind die Journalisten, die dieses „Handbuch“ als Propagandainstrument entlarven? Das Thema liegt auf dem Tisch. Es ist relevant. Die Menschen wollen darüber etwas lesen.

Wer schreibt?

Thilo Baum, Frank Eckert

 

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Der Text ist ein Auszug aus: Sind die Medien noch zu retten? Das Handwerk der öffentlichen Lommunikation (Midas, 17,90€)
 

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