Die Anständige

Foto: Annika Ross
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„Ich möchte diesen Menschen in die Augen schauen“, sagt Steffi Brachtel beim Auftakt des Mammut-Prozesses gegen die acht Mitglieder der rechtsterroristischen „Gruppe Frei­tal“. Die Anklage der Bundesanwaltschaft: Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung, versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung. Unter den sächsischen Städten und Dörfern, die im Frühsommer 2015 durch fremdenfeindliche Proteste auffielen, ­gehört Freital zu denjenigen, in denen sich der Hass am ­offensten zeigte. Nun sitzt eine ganze Stadt mit auf der ­Anklagebank. Niemand stellte sich dem braunen Mob entgegen. Bis auf eine: Steffi Brachtel.

Eine ganze Stadt sitzt auf der ­Anklagebank

Monatelang wurde die Frau aus Freital, zehn Bahnminuten südlich von Dresden, terrorisiert, mit Häme übergossen, als „Verräterin“ gemobbt; ihr Sohn wurde von einem der Angeklagten tätlich angegriffen, ihr Briefkasten in die Luft gesprengt. Schließlich landete die 42-Jährige auf der „To-Do-Liste“ der Terrorgruppe – und all das, weil sie das tat, was sich gehört: den Schwächeren helfen.

Das haben „mir meine Eltern so beigebracht“, und das hält sie für „das Normale“. Doch „normal“ war sie damit in Frei­tal nicht. Als Facebook-Freunde den Comic-Witz posteten: „Warum es bei Star Trek keine Moslems gebe, will ein Sohn vom Vater wissen. Antwort: Weil Star Trek in der Zukunft spielt“, war für Steffi Brachtel eine Grenze überschritten. Zusammen mit ihrem heute 17-jährigen Sohn kommentierte sie den Post kritisch und wurde prompt aus der Freundesliste ­gelöscht und als „linke Zecke“, als „Antifa-Hure“ beschimpft. Als bekannt wird, dass das frühere Hotel „Leonardo“ zur Asylunterkunft wird, bricht sich der Hass in der Kleinstadt Bahn. Bei Demos wird offen der Hitlergruß gezeigt, das Graffito „No Asyl“ findet sich dutzendfach auf Häuserwänden, Stromkästen, Parkbänken, Kirchenfassaden. Die Flüchtlinge, die in Bussen ankommen, werden von einem pöbelnden Mob empfangen, mit Steinen beworfen, mit Böllern attackiert, Andersdenkende niedergebrüllt.

Die Bilder gingen um die Welt. Die Flüchtlinge trauten sich kaum auf die Straße, werden bis heute schikaniert und angefeindet. Was aber tun? „Es einfach nicht hinnehmen, aufstehen und handeln!“, dachte sich Steffi Brachtel. Die Vollzeit-Kellnerin war bis dato noch nie politisch aktiv gewesen und gehört keiner Partei an. Doch nun gründet Steffi mit einigen Gleichgesinnten nach den ersten Anschlägen eine Gruppe namens „Organisation für Weltoffenheit und Toleranz“. Sie hilft den Flüchtlingen und macht öffentlich, was in Freital passiert. Der Ort wird in der Presse zum „braunsten Fleck“ Dunkeldeutschlands – Steffi Brachtel zur meistgehassten Person, zur „Nestbesudlerin“. Einmal entkommt sie nur knapp einer Gruppe Rechter, die sie überfallen will.

Polizei und Oberbürgermeister ducken sich weg, wiegeln ab oder spielen die Sache herunter. Auf Bürgerversammlungen, auf denen Steffi Brachtel für ein friedliches Miteinander eintritt, wird sie niedergebrüllt und vom Mikrofon weggestoßen. „Auf dem Podium saß der sächsische Innenminister“, erzählt sie. „Eingegriffen hat niemand.“ Ihr Engagement fällt auf. Im November 2016 bekam sie den Preis für Zivilcourage des Förderkreises „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. „Der Preis hat mir Kraft gegeben, mich bestätigt“, sagt sie. Auch die Begegnung mit Angela Merkel hat ihr imponiert, ihr Mut gemacht.

Das Problem ist die schweigende Mehrheit

„Natürlich hatte ich auch Angst, ich wurde bedroht, mein Sohn angegriffen, meine Eltern hatten Angst um uns. Ich musste in Kauf nehmen, dass mein Leben nicht mehr das gleiche ist. Aber einfach stillschweigend zuschauen, das geht doch nicht“, erzählt sie mit Bestimmtheit.

Das Problem sei die schweigende Mehrheit, die das alles mittrage und relativiere. „Allein die Tatsache, dass immer nur von Böllern geredet wird, ist zynisch. Diese ‚Böller‘ haben die 130-fache Sprengkraft von dem, was in Deutschland zugelassen ist. Der Tod von Menschen wurde billigend in Kauf genommen und noch dazu beklatscht“, erzählt Brachtel. Zudem stehe nur der harte Kern vor Gericht. „Ich denke, dass es mindestens noch 20 Sympathisanten und Unterstützer gibt.“

Die Anschläge der Terrorgruppe werden als „Dumme-Jungen-Streiche“ abgetan. Die Verteidiger sprechen in Dresden von einem „Tribunal“, ganz Freital sieht sich zu Unrecht auf der Anklagebank. Die „Gruppe Freital“ trägt derweil demonstrative Gelassenheit zur Schau, im Gerichtssaal wird gefeixt, sogar gelacht. Anzeichen von Reue? Fehlanzeige.

Aus Freital wegziehen? Nein, das will Steffi Brachtel nicht. „Es ist doch mein Zuhause, das lasse ich mir nicht kaputt machen. Aber ich lasse mir mein Leben nicht von Angst diktieren.“

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