Was die Uni nicht lehrt

Bei ihrem Workshop lernen die "Medical Students for Choice" Abtreibungsmethoden. Geübt wird an Papayas.
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Alicia Baier ist Studentin der Humanmedizin im letzten Jahr an der Berliner Charité, Europas größter Uniklinik. Die 27-Jährige aus Heidelberg wohnt in einer Vierer-WG mit anderen jungen Menschen um die 30 in Berlin. Und sie ist Mitglied bei den „Medical Students for Choice“ (MSfC). Ihr Motto: „If you can’t trust me with a choice – how can you trust me with a child?“ Ihr Logo: Eine Gebärmutter, die die Muskeln ihrer Eileiter-Arme spielen lässt.

Ein- bis zweimal pro Semester veranstaltet ­Alicia mit acht weiteren MSfC-StudentInnen die so genannten „Papaya-Workshops“. „Lernt, was die Uni euch nicht lehrt“, steht auf den Plakaten der „Medical Students“. Der provokative Satz funktioniert: Das Interesse unter den StudentInnen ist groß. Newsletter und Flyer tragen ihr Übriges dazu bei, stets auch den letzten Platz im Seminar-Raum zu füllen.

Die Tische sind mit Plastikfolie aus Mülltüten beklebt, die medizinischen Instrumente liegen bereit. Und auch die Papayas. Auf jedem Tisch eine. An ihr wird die Abtreibung geübt. Die TeilnehmerInnen haben zunächst nur eine kryptische Idee, wie die Demonstration vonstattengehen soll. Doch in den Papaya-Workshops geht es nicht nur um das praktische Herantasten an den chirurgischen Abbruch mit der Absaugmethode. Auch der medikamentöse Abbruch wird besprochen sowie rechtliche und gesellschaftspolitische Aspekte von Abtreibung, mit vielen statistischen Daten gefüttert, vorgestellt. Und es bleibt Zeit für ethische Diskussionen und ganz persönliche ­Fragen an die praktizierenden Gynäkologinnen.

Die „Medical Students for Choice Berlin“, denen Alicia Baier und ihre Gruppe angehören, setzen sich für das Recht auf Abtreibung und gegen die Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen im Strafgesetzbuch ein. Das Haupt-Chapter dieser Gruppe sitzt in den USA. Von dort bekam die StudentInnengruppe auch anfangs die Instrumente geschickt. In den USA existiert die Organisation seit 25 Jahren, denn dort ist der Druck auf die Ärzte durch die „Lebensschützer“-Lobby und die Politik noch wesentlich höher als in Deutschland.

Der Schwangerschaftsabbruch ist auch in Deutschland der häufigste gynäkologische Eingriff bei Frauen. Doch gerade einmal zehn Minuten sei es in ihrem Studium bisher um Schwangerschaftsabbrüche gegangen, erzählt Alicia, und das erst im neunten Semester. In der Frauenheilkunde und Geburtshilfe gibt es deutschlandweit 18.500 berufstätige Ärzte und Ärztinnen – es führen aber nur 1.200 Einrichtungen Schwangerschaftsabbrüche durch. Tendenz leicht sinkend. Wenn sich der Trend fortsetzt, „wird es eines Tages keine Ärzte mehr geben, die diese Eingriffe vornehmen“.

Alicia Baier spielt mit dem Gedanken, Allgemeinmedizinerin zu werden. In diesem Falle fände sie es wichtig, auch Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen – bisher sei das bei Allgemeinmedizinern aber leider noch die Ausnahme.
Eine dieser wenigen AllgemeinärztInnen ist Kristina Hänel, die in ihrer Gießener Praxis Schwangerschaftsabbrüche vornahm, online darüber informierte und damit gegen den Paragraf 219a des Strafgesetzbuches verstieß. In einem Offenen Brief an Angela Merkel bat Ärztin Hänel die Bundeskanzlerin: „Helfen Sie, die Debatte um den § 219a zu versachlichen!“

Darum sind auch Alicia Baier und ihre KommilitonInnen von den „Medical Students for Choice“ bemüht. So eine Papaya wirkt auf den ersten Blick sehr niedlich für das hochsensible Thema, tatsächlich ist die Frucht aber nüchtern betrachtet nur ein „gutes Modell, das dem Uterus ähnelt“. Unter der ehrenamtlichen Anleitung erfahrener niedergelassener Ärztinnen wird der „Muttermund“ geweitet, das Röhrchen für die Absaugung (die häufigste Abtreibungsmethode) angesetzt. Die Kerne der Papaya werden so entfernt. Wenn das Röhrchen voll ist, wisse der Student, dass er alles richtig gemacht hat. Die Wände der Papaya ähnelten zudem denen der Gebärmutter, so sei es möglich ein gutes Gefühl für das Organ zu bekommen und zu arbeiten, ohne die Gebärmutterwand zu perforieren.

Es gehe bei den Workshops hauptsächlich darum, „Berührungsängste mit dem Thema abzubauen und einen Diskussions- und Informationsraum für interessierte Studierende zu schaffen“, erklärt Alicia Baier. Neben den Papaya-Workshops bieten die MSfC viele andere Veranstaltungen an. Sogar Kristina Hänel herself war schon zu Gast – über hundert ZuhörerInnen kamen.

Die „Medical Students for Choice“ sind bei Demonstrationen gegen die so genannten „Lebensschützer“ dabei. Kürzlich schrieben sie auch einen Offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn, als Reaktion auf seinen Satz: „Wenn es um das Leben von Tieren geht, da sind einige, die jetzt für Abtreibungen werben wollen, kompromisslos“. Die StudentInnen entgegneten: „Lieber Herr Spahn, einige von uns sind Vegetarier*innen, manche leben sogar vegan. Wir sind auch für die Streichung von § 219a. Wir wollen deswegen aber nicht für Schwangerschaftsabbrüche ‚werben‘. Wir wollen, dass hier und heute, im Jahr 2018, Betroffene wie Interessierte die Informationen bekommen, die Ihnen zustehen – und zwar von den Personen, die Ahnung von dem Thema haben. Aber zwischen unseren Essgewohnheiten und dieser Forderung besteht kein Zusammenhang.“

Was braucht es, um so einen Papaya-Workshop zu organisieren? „Wir haben erst mal einen Raum für eine Veranstaltung gemietet, bei der Verwaltung der Uni“, sagt Alicia Baier nüchtern. „Das kann jeder Student machen, ohne einen Grund anzugeben.“ Dann galt es, die Ärztinnen zu finden. Das war schon schwieriger, klappte aber auch.

Die Reaktionen auf die Papaya-Workshops seien „überwiegend positiv“, erzählt Alicia. In den Facebook-Gruppen, in denen die MSfC die Workshops ankündigen, seien manchmal von einzelnen Studierenden weinende Smileys gepostet worden. Aber: Beim letzten Workshop im Juni war der Andrang der MedizinstudentInnen so groß, dass die „Medical Students“ sogar Interessenten abweisen und auf das nächste Mal vertrösten mussten.

Einige Gynäkologie-Professoren der Charité beanstandeten, die Papaya sei als Übungsfrucht nicht geeignet. Demnächst sollen Alicia Baier und ihre KommilitonInnen von MSfC Berlin dazu Stellung nehmen. „Ich bin zuversichtlich, dass wir uns dort einigen werden“, sagt die Gründerin. Auch habe sich durch das Engagement der MSfC schon einiges bewegt. So plant die Universität, dass das Thema Schwangerschaftsabbruch schon ab dem kommenden Wintersemester deutlich mehr Raum im Medizinstudium erhalten solle. Dazu gibt es sogar schon einen formellen Beschluss der ehrwürdigen Charité. 

 

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Abtreibung: Die Hatz auf ÄrztInnen

Nora Szász ist eine der ÄrztInnen, die Frauen das Recht auf Abtreibung sichert. - Foto: Bert Bostelmann
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ÄrztInnen wie Nora Szász (Foto) werden ein­geschüchtert und angezeigt. Schwangere sollen sich ­wieder schämen und zum Austragen gezwungen werden. Seit fast einem halben Jahrhundert tobt nun der Kampf in Deutschland. Hat es denn nie ein Ende? Wann endlich werden Frauen die Herrinnen ihres eigenen Körpers und Lebens sein? In Kassel hat der Prozess gegen die beiden Gynäkologinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus begonnen - wegen Verstoß gegen den § 219a. Begleitet von Solidaritätsbekundungen von über 100 DemonstrantInnen. Das Urteil wurde wegen eines Befangenheitsantrags der Verteidigung gegen den vorsitzenden Richter vorerst verschoben. Ein neuer Termin steht noch nicht fest. Nachfolgend ein Auszug aus der September/Oktober EMMA, jetzt im Handel.

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Nora Szász ist wütend. Sie ist wütend über diejenigen, die sie und ihre Praxis-Kollegin Natascha Nicklaus im Internet als „Duo mortale“ beschimpfen. Grund: Die beiden Allgemeinmedizinerinnen führen Schwangerschaftsabbrüche durch. Das macht in Deutschland heute nur noch jedeR 15. GynäkologIn. Szász ist wütend, weil sie kürzlich erfahren hat, dass in Münster gerade der letzte Arzt, der noch Abtreibungen machte, aus Altersgründen seine Praxis geschlossen hat und es keinen Nachfolger gibt. Sie ist wütend, weil unter ÄrztInnen ein Schweige­gebot darüber herrscht, wer Abbrüche macht und das Thema Schwangerschaftsabbruch auch bei Ärztekongressen schlicht ignoriert wird.

Besonders wütend ist Nora Szász allerdings darüber, dass die Gesetzeslage es erlaubt, dass der Prozess gegen sie und ihre Kollegin überhaupt stattfinden kann. Deshalb hat sich die Frauenärztin geweigert, das zu tun, was der Staatsanwalt von den beiden verlangte: die Information, dass sie in der benachbarten Kasseler Tagesklinik einmal die Woche ambulante OPs durchführen, darunter auch Schwangerschaftsabbrüche, von ihrer Website zu nehmen. Denn Frauenärztin Szász weiß nur zu gut, dass es bei diesem Prozess nicht nur um sie selbst geht. Sondern dass es einer Entwicklung Einhalt zu gebieten gilt, die sie „sehr beklemmend“ findet: „Ich habe den Eindruck, ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht mehr gesellschaftsfähig. Das muss heute alles wieder unter dem Siegel der Verschwiegenheit stattfinden.“ Dazu gehört auch, dass „es nicht mehr üblich ist, dass ein Arzt ausweist, dass er oder sie Abbrüche macht und dazu steht“.

Dabei spielen Ärztinnen und Ärzte bei der Frage, ob Frauen unter medizinisch korrekten Bedingungen und ohne Lebensgefahr abtreiben können, eine Schlüsselrolle. Deshalb stehen sie unter besonderem Beschuss.

Zwar ist das in Deutschland (noch) nicht wörtlich gemeint. Doch das Beispiel USA zeigt, dass die Hatz auf so genannte „Abtreibungsärzte“ tatsächlich tödlich enden kann. Seit den 1980er-Jahren haben selbsternannte „Lebensschützer“ vier Ärzte und sieben MitarbeiterInnen von Abtreibungskliniken ermordet. Darunter den Gynäkologen Barnett Slepian, den sie 1998 vor den Augen seiner Frau und seiner vier Kinder durch das Küchenfenster erschossen, weil er im Krankenhaus „Buffalo Gyn Womenservices“ auch Schwangerschaftsabbrüche vornahm. Oder George Tiller, der an einer Klinik in Kansas Spätabbrüche machte, und dem ein „Lebensschützer“ 2009 mit einem Gewehrschuss das Leben nahm, als der Arzt gerade das Kirchenblatt seiner Gemeinde verteilte. Schon 1993 hatte „Tiller, dem Babykiller“ eine Aktivistin der „Army of God“ in beide Arme geschossen. Der jüngste Vorfall: Am 27. November 2015 nahm ein fanatisierter „Abtreibungsgegner“ in einer Planned Parenthood-Klinik in Colorado Springs 24 Geiseln und erschoss einen Polizisten und zwei Zivilisten. Auf das Konto der Pro-Life-­Bewegung gehen bisher elf Morde und über ein Dutzend weitere Mordversuche. Plus: hunderte Säureattacken, Körperverletzungen sowie Bomben- und Brandattentate auf Abtreibungs-Kliniken. In Amerika spricht man in diesem Zusammenhang schon lange von einem „Anti-­Abtreibungs-Terrorismus“.

Soweit ist es in Deutschland noch nicht. Aber auch hier gibt es massive Einschüchterungsversuche gegen ÄrztInnen.

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