In der aktuellen EMMA

“Gib dem Onkel Kurt ein Küsschen!”

Caroline Rosales: "Ich verstand, dass ich schlau sein durfte, aber gutaussehend sein musste – und verfügbar, offen, fröhlich." Keine Zicke.
Artikel teilen

In meiner frühesten Kindheitserinnerung bin ich vier Jahre alt und esse wahnsinnig gerne. Ich matsche mir beim Abendessen Kartoffel­püree zusammen aus sehr viel Butter und einem Schuss Milch; ich löffele Nutella gleich aus dem Glas in der Küche, während meine Mutter im Wohnzimmer mit ihrer Freundin telefoniert. Vorteil Festnetz in den Achtzigern. Damals konnten Kinder noch in Ruhe im Nebenzimmer etwas ausfressen. Von der Nutella-Aktion gibt es sogar ein Foto. Ich stehe als kleiner Lockenkopf auf einem Stuhl vor dem Kühlschrank, mit Nutella beschmiert und dem Glas in der Hand. Doch als ich sechs wurde, begannen meine Eltern, meine Freude am Essen mit Sorge zu betrachten.

Anzeige

Ich erinnere mich, dass wir in einem Rast­stätten-Restaurant in Belgien saßen und dort so eine Art Toast Hawaii aßen. Meine Schwester, meine Mutter, mein Vater und ich. Meine Schwester bekam ihren Teller nicht auf, also übernahm ich. Mit kindlicher Freude aß ich auch den Rest vom zweiten Toast. Als ich dann noch nach dem Toastrest meiner Mutter fragte, schauten meine Eltern sich an. „Caroline, du kannst nicht noch einen Toast essen. Das sind dann insgesamt drei Spiegel­eier. Das ist sehr viel.“

Als sechsjährige löffelte Caroline noch Nutella aus dem Glas.
Als sechsjährige löffelte Caroline noch Nutella aus dem Glas.

Mein sechsjähriges Ich war enttäuscht und peinlich berührt. Wie konnte Essen etwas sein, das rationiert werden musste? Ich glaube nicht, dass meine Eltern es böse meinten, als sie mir das dritte Spiegelei auf den Index setzten. Ich denke, sie waren als Reformhaus-Kunden eher um meine Gesundheit besorgt, aber eben auch um die Tatsache, dass ich als Mädchen nicht zu dick werden sollte. Dass ich als junge Frau mit einem Normalgewicht weniger Probleme haben würde, egal wo anzukommen, Freunde zu finden, den Beruf zu ergattern, den ich mir gewünscht hatte, war ihnen sehr bewusst. Meine Eltern sorgten sich sehr um ein ideales soziales Umfeld für mich. Die beste Schule sollte es sein, gute Manieren, sie wollten, dass ich mich kultiviert ausdrücken kann, dass ich süß und beliebt bin.

Was mich anging, war trotz aller elter­lichen Bemühungen, mit meinem sechsten Lebensjahr dennoch das absolute Worst-Case-Szenario für Eltern heute, gestern und alle Zeiten eingetreten: Denn ich war pummelig bis übergewichtig, eigenbrötlerisch, merkwürdig und ein MOF – ein Mensch ohne Freunde. Es gab die Mädchen in der Klasse, die Zöpfe und Kleider trugen, eine saubere Schreibschrift hatten – und es gab mich.

Unkämmbare dicke Locken, lila Sweatshirts, Turnschuhe und wenn mal ein Kleid, dann unförmig aufgrund der Speckröllchen am Bauch und an den Hüften. Die Mädchen in der Ballettstunde hänselten mich. Zum Kaffeekränzchen mit den Großeltern trug ich ein rosa Blumenkleid und meine Tanten fragten mich, ob ich Onkel Kurt ein Küsschen geben könnte. Wollte ich nicht. Ich tat es trotzdem. Auf dem Schulhof gab es das Jungs-fangen-Mädchen-Spiel, bei dem die Mitschüler meinen Freundinnen und mir zwischen die Beine griffen. Die Jungs nannten das „Ärgern“.

In der Pubertät zeigte mir mein Freund den ersten Porno, damals noch eine VHS-Kassette. Gina Wild im Leoparden-Slip. Was sie tun musste, sah nicht gesund oder nach Spaß aus, sagte ich mir, traute mich aber nicht, es meinem gleich­altrigen Freund zu sagen.

Sowieso lernte ich zu schweigen. Wenn meine Mutter und die Tanten mir empfahlen, weniger zu essen und auf den Märchenprinzen zu warten. Meine Pubertät und meine junge Erwachsenenzeit über war ich im Dauergefecht mit meiner Figur. Fernsehsendungen, Zeitschriften und Werbung erklärten uns Mädchen, dass der weibliche Körper bitteschön nicht schwabbeln, stinken, haaren oder bleich sein darf. Das Ergebnis: Bevor ich jemals ein Achselhaar hatte, besaß ich einen Ladyshaver; bevor mein Körper je nach Schweiß stank, roch er nach „Vanilla Kisses“; und meine Haare blondierte ich mir das erste Mal mit 14 Jahren.

Ich habe Angst vor dem Älterwerden. Vor dem unsichtbar werden.

Ich verstand, dass ich schlau sein durfte, aber gutaussehend sein musste – und verfügbar, offen, fröhlich, „keine Zicke“, sagten meine Tanten und Bekannten. Wenn später der Chef an meinen Schreibtisch kam und fragte, ob wir heute Abend essen gehen könnten, sagte ich Ja.

Erst Jahre später und nach der #MeToo-Bewegung fällt mir auf, wenn ich Erlebnisse Revue passieren lasse: Da stimmte doch schon damals irgendwas nicht. Ein komplexes Baukastensystem aus Erziehung, Handlungsempfehlungen und nett verpackten Tipps regulierte schon damals mein inneres und äußeres Erscheinungsbild.

Heute bin ich eine berufstätige zweifache Mutter. Morgens treibe ich die Kinder vor mir her, helfe Reißverschlüsse zu schließen und Schnürsenkel zu binden. Vor mir liegen immer Tage gefüllt mit Konferenzen und Abgabeterminen. Wir rennen zur Schule. Wenn Max in der Schule ist, nehme ich Lila, die neuerdings nur noch „Paprika“ heißen möchte, auf den Arm, und wir rennen zur Bushaltestelle, zur Kita. Dort setze ich sie ab. Ein paar schnelle Handküsse noch am Fenster, dann renne ich zur Arbeit. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Kinder nie sehe, dass ich ihnen zu wenig Märchen vorlese, Puste­blumen pflücke und Spiegeleier brate. Mein Vater benutzte zwei Oliven für das Spiegelei als Augen und eine Schlange Tomatenmark für den Mund. Das Eigelb war die Nase. Ich brate keine Clownsspiegeleier, ich komme abends nach Hause, wenn „Paprika“ und ihr Bruder schon Schlafanzüge anhaben und in meinem E-Mail-Fach wieder 20 Mails warten.

Frauen dürfen und müssen alles sein, Mütter sogar unfehlbar. Die perfekte plus sexy Mama ist in aller Munde, die MILF ein groteskes Ideal. Sei fürsorglich und sexuell verfügbar.

Nach der Geburt meines zweiten Kindes habe ich mir die Brüste machen lassen, als sei das alles nie passiert: die Schwangerschaft, das Stillen. Ich habe Angst vor dem Älterwerden. Vor dem unsichtbar werden, so wie es viele ältere Frauen berichten. Der Kellner im Restaurant lässt sich nicht mehr heranwinken, die Aufmerksamkeit im Job bleibt einem verwehrt.

Zeitgleich haben Diskussionen um #MeToo, den § 218, Frauen-Quoten und Gender Pay Gap unsere Gesellschaft verändert. Stück für Stück zerbrechen alte männerbesetzte Strukturen, weil Pandoras Box nicht mehr geschlossen werden kann. Darüber, dass in der Erziehung von Mädchen grundsätzlich etwas falsch läuft, dass viele Männer ein missbräuchliches Verhalten gegenüber Frauen an den Tag legen und wir Frauen viel zu wenig darüber sprechen, herrscht immer mehr Konsens. Mädchen blicken zu ihren berufstätigen Müttern auf, die Kinder von Alleinerziehenden, Regenbogen- und Patchwork-­Familien werden die nächsten Generationen prägen.

Die Geister der Vergangenheit lassen sich schwer abschütteln.

Und dennoch sind sie noch da, die Geister der Vergangenheit, sie lassen sich schwer abschütteln und gruseln uns weiter. Bis heute überlege ich mir, wie auch heute morgen beim Frühstück, ob ich mir das Brot mit Brandybutter noch „leisten“ kann (schreckliches Wort). Ich frage mich, ob meine Umgebung, meine Kinder und Freunde mich noch wertschätzen werden, wenn ich alt bin, wenn ich keine Jugendlichkeit mehr einbringen kann in unsere Verbindung, wenn ich den Wert meiner sexuellen Verfügbarkeit nicht mehr in die Waagschale werfen kann. Denn es gibt für viele Frauen meiner Generation kein weibliches Wollen. Die Anziehung liegt darin, von Männern gewollt zu werden: im Bett, im Supermarkt, in einem Büro oder Gerichtssaal, beim Finanzamt, zum Elternabend, in der Sauna, im Spa oder einer Bar. Immer ist es eine andere Frau in uns, die da steht, kämpft, tröstet oder der Zerstreuung dient. Bleib mutig, sage ich mir. Für deine und unsere Töchter. Für die kann sich noch alles ändern.

CAROLINE ROSALES

Die Autorin arbeitet als Redakteurin der FUNKE-Zentralredaktion in Berlin und ist Kolumnistin der Berliner Morgenpost. Von ihr erschien gerade das Buch „Sexuell verfügbar“ (Ullstein, 18 €)

Artikel teilen

Mädchen: Echt jetzt!

Natalia, Esra, Mayen und Brandy (v. li.). Foto: Lorraine Hoffmann
Artikel teilen

Alle sprechen über #MeToo. Ihr auch?
Esra Klar, das ist doch eine wichtige Sache! Wenn ich mal feiern gehe, dann packen mir wildfremde Typen einfach so an den Hintern. Ich sage dann: Lass das, ich möchte das nicht! Aber die machen immer weiter. Es kommen ja schon dumme Kommentare, wenn man als Frau einfach nur ein Top mit ein bisschen Ausschnitt anzieht. Nach dem Motto: Wenn du sowas anziehst, bist du doch selbst schuld!

Anzeige

Mayen Das kenne ich. Ich war letztens auf einer Party und hatte einen Body mit einem ziemlich tiefen Ausschnitt an. Und dann saß ich neben einem, mit dem ich nur so ein bisschen Small Talk gemacht habe. Der hat mich den ganzen Abend verfolgt.

Brandy Meiner Freundin ist letztens etwas noch Schlimmeres passiert. Sie war mit Bekannten feiern. Und dann hat sie bei einem übernachtet – wollte aber nichts mit ihm anfangen. Und der hat sie dann die ganze Nacht nicht in Ruhe gelassen und wollte Sex, obwohl sie immer wieder gesagt hat: Ich möchte das nicht! Sie hat sich danach total dreckig gefühlt und ­geweint, so als wäre sie schuld. So etwas bekomme ich bei vielen Mädchen mit, die ich kenne.

Mayen Ich habe mir bei Amazon jetzt für 30 Euro ein richtig fettes Pfefferspray geholt. Das sieht aus wie ein kleiner Feuerlöscher. Dafür werde ich oft ausgelacht. Aber ich bin nervös. Das war früher anders: Mit 16 bin ich betrunken nachts ­alleine nach Hause gelaufen. Heute fahre ich mit dem Auto und bleibe immer nüchtern.

Brandy Ich denke, jede Frau hat Angst, wenn sie nachts alleine irgendwo rumläuft.

Habt ihr denn keinen Rückhalt in eurer Clique?
Esra Ich rede über so etwas nur mit meinen besten Freundinnen. Wenn etwas richtig Schlimmes passieren würde, dann würde ich es auch meiner Mutter erzählen.

Natalia Ich würde als erstes mit meiner Mutter reden. Und ich arbeite ja selbst bei einer Beratungsplattform für Betroffene von Cybermobbing, die Mädchen kommen also auch zu mir und erzählen: Mein Freund hat mich angeschrieben, er will Nacktbilder von mir aufs Handy haben. Die sind gerade mal 13! Und wenn sie es gemacht haben, dann fühlen sie sich ganz schlimm, weil sie denken, sie haben etwas Dummes gemacht.

Brandy Am schlimmsten finde ich, dass Mädchen sich schämen, wenn sie Ja sagen – und wenn sie Nein sagen!

Habt ihr denn schon mal Nacktfotos von euch verschickt?
Esra Ich würde das nie machen! Und wenn ein Typ mich dazu drängen würde, dann würde ich sagen: Verpiss dich!

Brandy Und die Kerle, die nach Nacktbildern fragen, die sind doch immer Arschlöcher. Nette Typen machen das nicht.

Natalia Bei mir im Jahrgang an der Schule gibt es sowas zum Glück nicht so viel. Aber von meiner 14-jährigen Schwester höre ich immer wieder: Bei den Jungs geht jetzt schon wieder ein Nacktvideo rum! Dafür gibt es extra WhatsApp-Gruppen.

Was sagen denn die Lehrer dazu?
Natalia Die wissen gar nicht, dass es solche WhatsApp-Gruppen gibt. Die benutzen ihr Smartphone ja auch nur zum ­Telefonieren. (...)

Das Gespräch führten Alexandra Eul und Angelika Mallmann. - Das vollständige Gespräch steht in der März/April EMMA 2018. Ausgabe bestellen

Weiterlesen
 
Zur Startseite