Der alltägliche Mütterwahnsinn

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Ich bin so wütend, dass ich platzen könnte. Am liebsten würde ich direkt nach Berlin ins Bundesfamilienministerium fahren und diese Idioten von Politikern anbrüllen. Vor allem unsere junge Bundesfamilienministerin (Anmerkung d. Red.: Zum Zeitpunkt der erstmaligen Veröffentlichung war Kristina Schröder Familienministerin) , die anscheinend keine Ahnung hat, was in Deutschland los ist!

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Ich habe meinen ersten Auftrag als freie Journalistin, für den ich zwei Tage nach Zürich fliegen will. Zwei Tage! Und ich versuche seit zwei Wochen vergeblich, eine Nachmittags-Betreuung für die Kinder zu organisieren. Das kostet Zeit und vor allem Nerven.

„Darauf sind wir aber nicht eingestellt, die Kinder so lange zu betreuen“, sagt die Kindergartenleiterin mit gerunzelter Stirn. „Sie haben doch zwei Plätze bis 15 Uhr. Wie oft wird das denn vorkommen, dass die Kinder bis 18 Uhr hierbleiben sollen? Ein Mal im Jahr, oder wie?“ Ich starre sie fassungslos an. Ich will für zwei Tage je drei Betreuungsstunden dazukaufen. Das muss doch möglich sein. Ist es aber nicht. Dann erreiche ich endlich die Babysitterin. Sie hat Zeit, aber nur an einem der zwei Nachmittage. Immerhin. Jubel! Bis sie noch mal durchruft, weil ihr eingefallen ist, dass sie doch nicht kann.

Mein Mann sagt: „Nein, am Mittwoch habe ich noch einen wichtigen Kundentermin. Der geht mindestens bis halb sechs.“ Auf meine Frage, ob man den Termin verschieben kann, antwortet er in leicht ironischem Ton: „Einen Termin mit einem Großkunden? Nein! Weißt du, wie voll deren Terminkalender ist?“ – „Und meine Termine, was ist mit denen?“, möchte ich sie alle miteinander anbrüllen!

Manchmal möchte ich Stefan sein und zu Hause anrufen und sagen: „Du, es wird spät heute Abend, wir haben noch ein Meeting.“ Und wenn ich beruflich weg muss, muss ich eben weg. Wieso Kinderbetreuung organisieren? Ich hab’ doch eine Frau zu Hause!

Warum machen wir Frauen das mit? Stand für uns vor der Hochzeit und den Kindern nicht felsenfest, dass wir Beziehungen auf Augenhöhe haben werden? Dass wir unsere Jobs behalten und uns alles fair mit unseren Partnern teilen würden, den Haushalt, die Kinderbetreuung? Schließlich haben wir gute Ausbildungen, tolle Studienabschlüsse – und wir hatten gut bezahlte Jobs. Was ist bloß passiert?

Wir haben Kinder auf die Welt gebracht – und danach sind viele von uns abgekommen von dem Weg, den wir uns so klar gesteckt hatten. Wir machten eine kurze oder etwas längere Pause, die Elternzeit. Denn „schließlich habe ich das Kind ja nicht bekommen, um es gleich wieder abzugeben“.

Wie oft habe ich diesen Satz gehört. Auch von mir selbst. Doch nach dem kleinen Abstecher einen Weg zurück zum geplanten Lebensweg zu finden, ist schwer. Es kommt noch ein zweites Kind. Wieder Elternzeit, noch ein neuer Pfad. Und in der Zwischenzeit haben die Väter viele von uns Müttern längst überholt.

Während wir den ersten Schritt und das erste Wort der Kinder live erlebten, bekamen sie Gehaltserhöhungen und machten Karriere. Ich will weder das eine noch das andere auf- oder abwerten. Ich stelle nur fest: Jede Frau, die Mutter wird, sollte ihren weiteren Weg im Job vor der Geburt sehr gut planen. Und sich darüber klar sein, dass eine mehrjährige Elternzeit nur sehr schwer mit einer typischen Karriere vereinbar ist.

Okay, also haben viele von uns Müttern geplant oder ungeplant keine traditionelle Karriere gemacht, und die Männer ernähren mit ihren besser bezahlten Jobs die Familie. Trotzdem ist zu erwarten, dass die Männer sich an der Or ganisation des Alltags mit, zum Beispiel, zwei Kindern und zwei arbeitenden Eltern beteiligen. Und wenn sie das nicht kapieren, müsst ihr meckern, liebe Mütter!

Hier ein paar passende Antworten auf typische Väter-Ausflüchte. Er sagt: „An dem Tag, wo du deinen Termin hast, kann ich unmöglich freinehmen. Da müssen wir wohl die Babysitterin anrufen.“ Sie antworten: „Hier ist ihre Nummer.“ Oder er sagt: „Kinder-Krankheitstage nimmt aber kein Mann bei uns in der Firma.“ Sie antworten: „Sieh es sportlich, du wirst der Erste sein.“

Viele Väter fürchten, als Softie und Karriereverweigerer dazustehen oder sogar ihren Job zu verlieren, wenn sie sich Zeit für die Familie nehmen. Wir sollten ihnen klar machen, wie groß ihre Verantwortung ist: Wenn die Väter heute Angst haben, Gleichberechtigung in die Tat umzusetzen, werden ihre und unsere Töchter und Söhne später in derselben Klemme sitzen wie wir heute.

Und um auf die Bundesfamilienministerin zurückzukommen (auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole): „Liebe Frau Schröder, wir brauchen eine längere,  flexiblere, bezahlbare Betreuung für unsere Kinder. Jetzt! Sofort!“

Mittwoch, 2. Juni 2010

Es ist vollbracht: Die Kinderbetreuung steht, und ich fliege heute nach Zürich für ein Interview mit einem Kinderherzchirurgen. Eine Freundin hat mich gerettet: Sie nimmt beide Kinder an beiden Nachmittagen. Dafür werde ich ihr ewig dankbar sein und mich bei Gelegenheit revanchieren. Und Stefan hat versprochen, dasselbe zu tun: Bei meinem nächsten Termin organisiert er das Kinderprogramm.

Um halb sechs stehe ich auf und habe etwas Mühe, von der Mama- in die Geschäftsfrauen-Rolle zu schlüpfen, obwohl ich zum ersten Mal seit Langem nicht im Schlafanzug, sondern fertig angezogen und gestylt frühstücke. Normalerweise ziehe ich mich erst an, kurz bevor ich die Kinder in den Kindergarten bringe, das Styling folgt später. Ich frühstücke allein, alle schlafen noch.

Es ist ein schönes Gefühl, als Erste auf zu sein, für einen Geschäftstermin. Und ich frühstücke strategisch, um Stefan den Morgen leicht zu machen: Ich nehme einen der drei Mini-Käse, die noch im Kühlschrank sind – denn ungerade Stückzahlen von Lieblingsessen können zu Streitanfällen führen. Wir haben nun mal zwei Kinder, und es scheint lebenswichtig zu sein, dass jeder der beiden von allem immer die gleiche Anzahl bekommt. Also frühstücke ich für Stefans Nerven ein Brot mit Mini-Käse und einen Joghurt-Drink (auch davon sind drei da).

Die Rucksäcke für die Kinder stelle ich mitten in den Flur. Denn sonst – und manchmal sogar trotzdem – besteht akute Vergessensgefahr. Mein Mann schafft es auch, über Dinge einen großen Schritt zu machen, die ich strategisch in seinem Blickfeld platziere. Wenn sein nicht multitaskingfähiges Männergehirn auf „Abfahrt zum Kindergarten“ programmiert ist, kann es nichts anderes wahrnehmen. Dann schreibe ich noch zwei Zettel: einen, um Stefan zu erinnern, den Kindern Pausenbrote zu schmieren, und einen für die Badezimmertür: „Kinderzähne putzen bitte nicht vergessen!“ steht darauf. Das war’s – ich kann für zwei Tage zur Businessfrau werden.

Ach nein, noch nicht ganz. Von der S-Bahn zum Flughafen noch ein kurzer Anruf zu Hause: „Bitte creme die Kinder mit Sonnenmilch ein, bevor du sie in die Kita bringst.“ Mein Mann seufzt und lacht und wünscht mir viel Spaß. Und mir wird schlagartig klar, dass er mich eigentlich anbrüllen müsste. Denn was ich da seit dem Morgen mache, ist auch etwas, womit wir Frauen uns selbst im Weg stehen: Dieses überhebliche Bevormunden und Erinnern, weil wir überzeugt sind, dass nur wir uns gut um die Kinder kümmern können.

Schluss damit, Mädels! Die Väter machen vieles anders, aber anders ist nicht gleich schlechter! Eine Freundin sagte mal ernsthaft zu mir: „Wenn mein Mann die Kinder allein betreuen müsste, würden sie völlig verwahrlosen!“ Oder vielleicht selbstständiger werden? Weil Väter weniger bemuttern? Mein Mann vergisst jedenfalls tatsächlich die Rucksäcke der Kinder. Was meiner Tochter die Chance gibt, mal ganz für sich selbst zu sorgen. „Ich brauche heute etwas zu essen von hier“, sagt sie zur Erzieherin im Kindergarten. „Denn Mama ist mit dem Flugzeug weggeflogen, und Papa hat meinen Rucksack mit der Brotdose vergessen.“ Sie ist stolz auf sich!

Und ich bin stolz auf mich. Im Flieger nach Zürich. Toller Auftrag, große Freiheit, endlich mal raus. Vor lauter überschäumendem Freiheitsgefühl bestelle ich ein Glas Sekt und stoße mit mir selbst an.

Freitag, 3. September 2010

In seiner ersten Schulwoche war mein Sohn glücklich. Doch seit der zweiten Woche weint er plötzlich jeden Morgen. Dass ich ihn erst um 15 Uhr abhole, ist ihm zu spät. Er will nach der Schule nicht in den Hort gehen. Zugegeben, es ist ein langer Tag. Fünf Stunden Schule und dann noch zwei Stunden Hort. Fast ein Fulltime-Job, und das mit sieben Jahren. In meiner Nur-Mama-Zeit hat er fünf Stunden im Kindergarten gespielt und war danach schon müde. Aber ich liebe meinen Job und will wieder arbeiten. Ich brauche die Zeit.

Trotzdem packt mich das schlechte Gewissen: Meine Freundinnen sagen, er wird als Heulsuse abgestempelt, wenn er jeden Morgen beim Abschied weint. Das Image wird er die nächsten vier Jahre nicht mehr los, behaupten sie. Ich fühle mich in der Zwickmühle, denn es hängt anscheinend nur an mir: Wenn ich ihn um 13 Uhr abhole, wird er nicht gehänselt, ansonsten muss er die nächsten vier Jahre leiden. Nur weil ich unbedingt jeden Tag bis 15 Uhr Zeit zum Arbeiten brauche. Andere Mütter schaffen es ja auch, das Kind um 13 Uhr abzuholen.

Außerdem würden wir viel Geld sparen, zahlen ja immerhin 610 (!!!) Euro im Monat für die Betreuung der Kinder, 110 Euro für den Hort und 500 (!!!) Euro für Karlas acht Stunden im Kindergarten – obwohl sie ja jeden Tag nur sieben Stunden dort ist, aber man kann nur zwischen sechs und acht Stunden Betreuung wählen in Hamburg. Toll, oder? Das ist so, als würden die im Supermarkt die Milch nur in Sechser- oder Achter-Packs verkaufen. Sie brauchen sieben Liter? Pech gehabt!

Aber zurück zu Lasse: Er ist mein erstes Schulkind! Ich habe also keine Ahnung, ob die Freundinnen dramatisieren, die sagen, er würde als Heulsuse abgestempelt. Auf jeden Fall: Wenn ich beide Kinder um 13 Uhr holen würde, müsste ich Mittagessen kochen für Lasse, Karla hat dann immerhin schon gegessen. Das hieße, um zwölf Uhr Schluss machen mit der Arbeit.

Ich frage Stefan, ob er die Kinder morgens immer bringen könnte, dann würde ich um acht Uhr anfangen zu arbeiten, hätte genau vier Stunden. Vier mal fünf, zwanzig Stunden pro Woche, das könnte gehen, wenn ich abends und am Wochenende die anderen zehn bis 15 Stunden unterbringe. Aber abends bin ich oft sehr müde und will auch mal mit Stefan in Ruhe reden und ein Glas Wein trinken. Und am Wochenende wollen wir die Zeit zu viert genießen.

Ich kann kaum noch arbeiten vor lauter Grübeln. Telefoniere mit Freundinnen. Einmal kommen mir plötzlich die Tränen, mein Gewissen ist schlecht wie noch nie. Dann der rettende Anruf bei meiner Schwester Ilka, Museumspädagogin in Heidelberg und selbst Mutter von zwei kleinen Kindern. Sie sagt einen Satz, der einer meiner Rettungsanker wird, wann immer das schlechte Gewissen mein Herz überflutet: „Der Hort steht nicht zur Disposition, Uta!“ Und sie versichert mir, dass Lasse an der Herausforderung wachsen wird.

Der zweite Rettungsanker: ein Buch des amerikanischen Psychologen Martin Seligman, das mir schon ein paar Mal geholfen hat, wenn es um die Kinder geht. Es heißt „Kinder brauchen Optimismus“. Und auch da steht: Wenn Kinder schwierige Phasen nicht durchstehen müssen, wenn man ihnen alles erspart, dann endet das in „erlernter Hilflosigkeit.“ Das heißt, sie trauen sich immer weniger zu. Weil sie nie das großartige Gefühl kennen lernen durften, ein Hindernis aus eigener Kraft überwunden zu haben.

Der dritte Anker: Elisabeth Badinter, deren Buch „Der Konflikt: Die Frau und die Mutter“ ich lese, weil ich ein Interview mit ihr machen werde. Auch da finde ich Rückhalt. Sie schreibt unter anderem, dass Frauen nicht vergessen dürfen, dass die Erziehung ihrer Kinder nur etwa 15 bis 18 Jahre ihres Lebens in Anspruch nehmen wird. Und dann? Was kommt danach? Ich muss jetzt an später denken, sonst sitze ich hier irgendwann, die Kinder sind erwachsenen und aus dem Haus, und ich bin total frustriert – weil ich ihnen meine Leidenschaft, meinen Beruf, geopfert habe.

Und weil ich, wie Elisabeth Badinter so schön schreibt, dann erwarte, dass diese Kinder, die mein Lebenswerk sind, zumindest perfekte Menschen geworden sind (was natürlich nicht der Fall sein wird). Also werde ich frustriert sein und meinen Frust womöglich an den Kindern auslassen. Und die werden zu Recht wütend auf mich sein … Nein, der Hort steht nicht zur Disposition!
Und nachdem ich drei Nächte und vier Tage mit Telefonieren und Ratgeberlesen verbracht habe und damit, eine Entscheidung zu finden, komme ich um 15 Uhr zum Hort, und mein Sohn baut mit seinen neuen Kumpels gerade eine unterirdische Wasserleitung in der Riesensandkiste und empfängt mich mit den Worten: „Du sollst noch nicht kommen, wir bauen gerade was Tolles!“

Dienstag, 28. September 2010

Eben riefen meine Eltern an – und verstießen damit gegen eine Regel, die ich zum Schutz meiner Arbeit aufgestellt habe: dass man mich bitte erst ab 14.30 Uhr privat anrufen soll. Aber es war eine Ausnahme, denn sie wollen uns das Sideboard, das sie gerade ausgeräumt haben und auf das wir schon so sehnsüchtig warten, netterweise vorbeibringen. Heute, wenn das geht. Klar geht das. Ich freue mich darauf, sie zu sehen. Allerdings hatten wir am Wochenende Besuch, doch es sieht eigentlich für diese Umstände noch ganz passabel aus. Und als ich mich im Voraus trotzdem für die Unordnung entschuldige, sagt meine Mutter: „Kein Problem, darauf achten wir doch nicht!“ „Super“, denke ich, „dann kann ich wie geplant bis 14.30 Uhr durcharbeiten, denn ich habe viel zu tun, und sie kommen ja erst um 15.30 Uhr, wenn ich die Kinder abgeholt habe.“ Und schon spüre ich die kalten Stufen der Kellertreppe unter meinen Füßen ... „Was will ich hier?“, denke ich noch, als meine Hand nach dem Staubsauger greift.

Und dann geht es los, das Gedankengefecht der zwei Utas: „Geh sofort zurück an den Computer, du musst arbeiten, und so dreckig ist die Wohnung gar nicht. Du musst niemandem beweisen, dass du gleichzeitig Journalistin und perfekte Hausfrau bist! Bei deiner Mutter war und ist es nur deshalb immer blitzblank, weil sie eben ausschließlich Hausfrau war.“ – „Aber sie hat nebenbei auch noch eine Hausverwaltung gemacht!“ – „Aber doch nicht 35 Stunden die Woche!“

All das denke ich, während meine Hände, die eigentlich auf der Tastatur meines Computers tippen sollen, wie ferngesteuert den Staubsauger hin und her über den Teppich und das Parkett und die Fliesen in vier Zimmern schieben, der Schweiß auf meine Stirn tritt und mein Magen sich vor Anspannung verkrampft. Als die Hausfrau Uta auch noch den Müll raus gebracht und die Kinderklamotten in die Schränke geräumt hat, sitzt die Journalistin Uta nach über einer Stunde endlich wieder am Schreibtisch und denkt: „Du hast eine gespaltene Persönlichkeit, das musst du unbedingt in dein Tagebuch des täglichen Wahnsinns einer berufstätigen Mutter tippen.“ Was hiermit passiert ist. Und jetzt endlich wieder an die Computer-Arbeit! Montag, 13. Dezember 2010 Karla ist seit Freitagabend krank (sie hat 39 Grad Fieber und übergibt sich oft). Am Sonntagnachmittag geht es ihr besser.

Aber ich weiß, die Krankheit hat sie Kraft gekostet. Sie kann am Montag noch nicht wieder in den Kindergarten. Weil sie noch schlapp ist, weil sie noch nicht alles essen soll und weil es unverantwortlich gegenüber den anderen Kindern und deren Eltern wäre, falls sie noch ansteckend ist. Also spreche ich am Sonntag mit Stefan: „Wir sollten uns überlegen, wie wir es morgen organisieren, dass immer jemand bei Karla zu Hause ist.“

Früher wäre ganz selbstverständlich ich zu Hause geblieben. Aber jetzt habe ich einen Job. Und am Montag einen wichtigen Interview-Termin. Stefan sagt: „Dann muss ich mir morgen wohl einen Tag freinehmen.“

Aber sein Tonfall sagt: Muss das sein? Auch er hat viel zu tun. Ich werde wütend, erinnere ihn daran, dass er Freunden oft erzählt, wie toll er es findet, dass ich wieder arbeite, mich selbstständig gemacht habe. Jetzt brauche ich seine Hilfe, um das weiter durchzuziehen. Am Ende einigen wir uns darauf, dass jeder einen halben Tag bei Karla bleibt. Und sind ein bisschen stolz auf uns.

Montag, 10. Januar 2011

Heute Morgen war es wieder so weit: Die Milch war alle! Was in anderen Familien als Lappalie durchgehen mag, löst bei uns pure Verzweiflung aus. Mein Sohn legt seine Siebenjährigen-Stirn in tiefe Falten: „Oh nein, dann kann ich keine Cornflakes essen!“ Meine Tochter, die mit fünf Jahren immer noch nicht das heiß ersehnte Haustier besitzt und sich deshalb allmorgendlich selbst in eines verwandelt, jammert: „Aber ich bin doch eine Katze, Katzen trinken immer Milch!“ Und mein Mann, der gestern mal wieder bis nach Mitternacht gearbeitet hat, sitzt betreten vor seinem leeren Kaffeebecher. Drei Augenpaare durchbohren mich mit Blicken.

„Du musst heute einkaufen!“, soll das heißen. Klar, ich muss! Ist ja mein Job wie fast alles, was mit Haushalt und Kindern zu tun hat. Ich muss auch noch die Dinosaurier- und Prinzessinnen-Bücher zurück in die Bücherei bringen, die seit Wochen überfällig sind. Die Strafgebühr wird so hoch sein, dass wir einen Teil der Bücher auch gleich hätten kaufen können.

Dann muss ich in der Reinigung den Mantel abholen, der seit letztem Herbst dort hängt. Ich muss auch dringend bei der Schwimmschule anrufen und fragen, ob meine Kinder inzwischen von Platz 90 der Warteliste auf Platz 60 gerutscht sind. Und ich muss mit der Lehrerin meines Sohnes sprechen, weil er sagt, er hätte nie Zeit zum Frühstücken und sich nicht traut, der Lehrerin das zu sagen.

Und dann muss ich den Kindern noch Halbschuhe kaufen, bevor ihre Größe wieder ausverkauft ist wie im letzten Jahr. Das könnte ich auch spätnachmittags mit ihnen zusammen machen, aber die zwei sind völlig geschafft, wenn ich sie um 15 Uhr abhole, da will ich sie dann nicht noch ins Schuhgeschäft zerren.

Ich könnte vieles nachmittags erledigen, aber montags hat mein Sohn „Kisi“, ein Kindersicherheitstraining, mittwochs ist Turnen mit beiden. Hausaufgaben stehen sowieso jeden Nachmittag auf dem Programm, und wenn wir damit zu spät anfangen, ist Lasse so müde, dass er nicht mal mehr drei plus eins rechnen kann. Und dann wollen die beiden sich ja auch mal mit Freunden verabreden oder einfach nur zu Hause auf ihrem Lieblingsplatz am Fenster sitzen und Bilder malen.

Ich muss mir jetzt mal eine Liste machen mit dem, was ich alles muss. Denn vor allem muss ich dafür sorgen, dass ich bis zum Kinderabholen nichts tue außer meine Artikel zu schreiben und Kunden zu akquirieren. Und ich muss dringend von Hausfrau auf Businessfrau-Alltag umplanen: Großeinkauf ist von jetzt an am Wochenende oder abends, wenn die Kinder schlafen. Und Stefan fährt auf dem Weg in die Firma sowieso an der Bücherei und der Reinigung vorbei, da kann er ab und zu mal Bücher oder Mäntel abgeben oder abholen. Denn ich muss genau wie er Zeit haben zum Arbeiten! Weil es mich glücklich macht! Zumindest dann, wenn ich mal nichts anderes muss.

Montag, 11. April 2011

Der Morgen war der Hit: Stefan hat einen Termin in Frankfurt und war schon um sechs Uhr aus dem Haus. Die Kinder waren um kurz vor sechs wach. Ich lasse sie 20 Minuten fernsehen, eine blödsinnige Kindersendung, während ich dusche. Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen, denn eigentlich gibt es morgens kein Fernsehen. Dann will Karla sich nicht anziehen, ich soll das machen, aber als ich es tue, lässt sie sich dauernd hinfallen. Ich bin genervt.

Beim Frühstück kippt Lasse ein Glas Limonade über sich selbst, den Tisch, zwei Stühle und den Teppich. Auch Limonade gibt es eigentlich nicht morgens, aber ich habe keine Kraft für Konsequenz. Ich stelle schnell eine Waschmaschine an, Karla ruft, dass sie Hunger hat, ich schreie zurück, dass ich gleich komme.
Mache mir schnell einen Kaffee, während sie im Hintergrund schimpft, sie sage jetzt zum dritten Mal, sie habe Hunger. Ich erkläre, dass die Milch abgelaufen ist und ich erst schauen muss, ob sie noch genießbar ist. Das kann man im Kaffee sehen. Die Milch ist schlecht, also gibt es statt Cornflakes Brot mit Schokocreme, was eigentlich nur am Wochenende erlaubt ist. Und ich koche mir einen neuen Kaffee, leider ohne Milch.

Derweil bastelt Karla einen süßen Elefanten aus Papier, den sie nicht nur unten drunter, sondern auch oben drauf mit Klebstoff einschmiert. Sie bleibt mit dem Ärmel an ihm kleben und schreit. Ich helfe ihr, vom Rüsseltier loszukommen, und sage, sie soll sich einen anderen Pullover holen.

Dann bringe ich die Kinder in die Schule und den Kindergarten, komme nach Hause an meinen Schreibtisch, es ist halb neun. Ich stelle schnell noch eine Waschmaschine an, mache eine Einkaufsliste, denn Stefan hat Husten, ich will ihm nachher Fenchelhonig holen. Ich verdränge, dass die Betten noch nicht gemacht sind, schlurfe vorbei an den Orchideen auf der Fensterbank, die schon verwelkte Blüten haben. Die kann ich jetzt nicht gießen, keine Zeit. Ich gieße sie doch, schließlich sind es Lebewesen, die nichts dafür können, dass ich gestresst bin. Dann kann es endlich losgehen mit der Arbeit, aber nicht ohne einen Riesenbecher Kaffee, denn ich bin um neun Uhr so müde als sei es 21 Uhr!

Dienstag, 3. September 2011

Bei diesem Tagebucheintrag vorab eine kleine Notiz an alle Mütter, die hauptberuflich Mama sind: Liebe „Nur-Mütter“, ich war selbst fünf Jahre lang eine von euch, und ich möchte euch um eines bitten: Seid weder wütend noch beleidigt, wenn ich hier heute darüber schreibe, wie glücklich ich bin, keine mehr von euch zu sein. Denn dieses Aufspalten in Lager – hier die Mütter mit Job und Kindern, da die Mütter mit Kindern als alleinigem Job –, dieser Zickenkrieg, der ist unwürdig und muss sofort aufhören! Wir sind alle selbstbewusste, intelligente Frauen, und wir müssen als Frauen zusammenhalten und einander unterstützen.

Also ab heute keine Kommentare mehr wie: „Das merkt man den Kindern aber an, dass sie den ganzen Tag im Hort sind, während die Mutter arbeitet. Die sind ja emotional verwahrlost!“ oder „Mein Gott, die Frau müsste dringend mal wieder arbeiten, dann würde sie garantiert nicht drei Wochen darüber grübeln, ob ihr Kind nun in die Vorschule gehen oder lieber noch ein Jahr im Kindergarten spielen soll!“ Schluss damit, ab sofort, denn nur gemeinsam sind wir stark!

In diesem Sinne schreibe ich jetzt ganz ehrlich: Ich sitze hier am Schreibtisch und bin unendlich glücklich darüber. Und stolz darauf, den Schritt zurück in den Job, in meinem Fall in die Selbstständigkeit, gewagt und gemeistert zu haben. Mein Ziel war es, Themen zu machen, die mich begeistern für Zeitschriften, an denen mein Herz hängt. Und genau das tue ich.

Es gibt ein Zitat von Franz Kafka, das ich sehr mag: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ Wenn Sie schon im Job unterwegs sind, wünsche ich Ihnen allzeit wenig Stolpersteine. Und wenn Sie noch als „Nur-Mama“ zu Hause sitzen, aber eigentlich wissen, dass es für Sie noch einen Weg neben dem Muttersein gibt, dann ist mein Rat: Marschieren Sie los! Und nehmen Sie Ihren Mann mit!
 

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