Verschleiertes Model - jes or no?

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Gestern erst war es wieder so weit: Weißer Mittwoch! Der Tag, an dem Frauen im Iran, Junge wie Alte, ein Zeichen setzen, unter Einsatz ihres Lebens: Sie ziehen ihren weißen (oder auch schwarzen) Schleier aus, auf der Straße, auf öffentlichen Plätzen. Dann knoten sie das Kopftuch an einen Stock und schwenken ihn wie eine Fahne zum Protest. Gegen die Zwangsverschleierung.

Auch in Deutschland ging es gestern mal wieder um das Kopftuch: Dank der neuen Werbekampagne des deutschen Traditions-Unternehmens "Katjes". Eines von drei Motiven der neuen Kampagne zeigt ein islamistisch verschleiertes Model, das lässig in die Kamera blickt und dabei Katjes mampft. Die sind nämlich, erfahren wir, nicht nur lecker, sondern auch "veggie", sprich: "halal". Und damit laut islamischem Recht "erlaubt“. Keine Gelatine und, klar, auch kein Schweinefleisch. Da darf der lässige Hashtag nicht fehlen: #achtemaldrauf.

Seit das Video veröffentlicht wurde, tobt die Debatte im Netz - bis hin zu Boykottaufrufen. Bei Katjes kann man den Aufruhr nicht verstehen. Das 1950 in Emmerich am Rhein gegründete Unternehmen veröffentlichte inzwischen eine Stellungnahme auf seiner Facebook-Seite:

„Mit der neuen Kampagne wollen wir insbesondere junge Frauen ansprechen, die Spaß am Leben haben und sich dabei bewusst ernähren. Dazu zählen auch junge Muslimas, bei denen der Verzicht auf tierische Gelatine eine bedeutende Rolle spielt. Mit Katjes geht Naschen ganz einfach rein vegetarisch. Wir haben uns bewusst für drei sehr unterschiedliche starke Frauen entschieden, die als Kampagnengesichter stellvertretend für die Vielfältigkeit unserer Zielgruppe stehen und aus unserer Sicht perfekt zur Marke passen.“

Liebe Werbeabteilung von Katjes,

#achtemaldrauf: Die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Frauen mit muslimischem Hintergrund (ja, auch der gläubigen Musliminnen) ist unverschleiert und isst einfach das, worauf sie Lust hat. Mit eurer Kampagne manifestiert ihr also ein Bild, das an der Realität eurer „Zielgruppe“ völlig vorbeigeht und zur Normalisierung eines reaktionär-fundamentalistischen Frauenbildes beiträgt. Auf Kosten der Frauen. Denn ...

#achtemaldrauf: Liberale Muslime und Musliminnen werden nicht müde zu erklären, dass das Kopftuch „nicht normal, sondern antifeministisch“ ist, wie auch Seyran Ateş, Gründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, es zum Beispiel kürzlich erst formulierte. Es teilt die Frauen in „‘gute‘ und ‚schlechte‘ auf“.

#achtemaldrauf: Nicht nur im Iran, sondern auch in Nordafrika und im arabischen Raum wehren sich Frauen massiv gegen den expliziten oder impliziten Kopftuchzwang – mindestens auf Kosten ihrer gesellschaftlichen Reputation, teilweise sogar unter Einsatz ihres Lebens. Der deutsch-algerische Islamwissenschaftler und Buchautor Abdel-Hakim Ourghi („Reform des Islam: 40 Thesen“) nennt die Katjes-Werbung deswegen „einen Skandal“: „Hier wird im Namen der wirtschaftlichen Interessen mit einem Unterdrückungssymbol der Frauen Geld verdient. Wenn es um Profit geht, scheint es eine Selbstverständlichkeit, dass die humanistischen Werte einfach aufgegeben werden. Solche Werbungen im Westen sind ein inakzeptabler Verrat an muslimischen Frauen im Iran und in anderen Ländern, die von ihrer Freiheit nur träumen können!“

#achtemaldrauf: Dieses Schweinchen-Rosa nervt (jes, total!).

Mit der Kampagne liegt die Fruchtgummi-Firma leider im Trend. Vor rund drei Jahren löste H&M mit einem Model im Hidschab vergleichbare Proteste aus. Ähnlich verlief das kürzlich mit der streng verschleierten Barbie. Und sogar Emojis gibt es inzwischen mit Hidschab.

Was kommt als nächstes?

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Iran: Welche Rolle spielen die Frauen?

Sie protestiert am White Wednesday gegen die Zwangsverschleierung.
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Sie steht auf einem Stromkasten, mitten auf dem belebten Enghelab-Platz in Teheran, den Kopf stolz erhoben. Ihre langen, dunklen Haare umwehen ihre Schultern. Sie schwenkt einen Stock, an den sie ein weißes Kopftuch geknotet hat: Protest und Friedensangebot zugleich. Kurz darauf wird sie von der Sittenpolizei festgenommen.

Denn was diese junge, bisher unbekannte Frau an diesem Nachmittag in Teheran getan hat, mag andernorts für wenig Aufsehen sorgen. Aber im Iran ist es verboten: Sie ist unverschleiert auf die Straße gegangen. Spätestens ab dem neunten Lebensjahr werden iranische Mädchen qua Order der Religionswächter dazu gezwungen, sich zu verschleiern. Häufig sind sie noch jünger.

Das Screenshot der jungen, unverschleierten Frau aus einem Video ist seither weltweit zum Symbol des iranischen Widerstands geworden. Die Frau gilt als die „Rosa Parks des Irans“. Rosa Parks hatte 1955 die Revolte der Schwarzen ausgelöst, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen zu räumen.

Immer mehr Menschen gehen seit Beginn der Proteste am 28. Dezember, die in Maschhad, der zweitgrößten Stadt im Nordosten des Landes, begannen, auf die Straße. Es sind die größten Proteste seit der „Grünen Revolution“ im Jahr 2009. Ihre Motive sind vielfältig. Viele sind regimekritisch, weil der Gottesstaat ihnen zu repressiv ist. Rufe wie „Nieder mit der islamischen Republik!“ wurden laut. Manchen aber ist der iranische Präsident Hassan Rohani gar zu lasch: Sie wünschen sich einen rigideren Gottesstaat.

Die meisten Menschen scheinen jedoch aus Zorn über die hohen Lebensmittelpreise, die Arbeitslosigkeit, das Wohlstandsgefälle und die Korruption zu protestieren. Ihnen ist der als liberal geltende Präsident nicht fortschrittlich genug. Aber auch die AnhängerInnen des Religionsführers Ajatollah Ali Chamenei haben sich inzwischen organisiert.

Das Video der jungen Frau, die das weiße Tuch schwingt, wurde scheinbar am 27. Dezember aufgenommen, also noch bevor die Proteste begannen. „Es gibt keinen direkten Link zwischen ihr und dem aktuellen Protest“, sagt die Iranerin Masih Alinejad, die im New Yorker Exil lebt. Sie ist es, die den friedlichen, mutigen Protest gegen den Kopftuchzwang organisiert hat, der im Netz genauso stattfindet wie auf der Straße. Motto: „My Stealthy Freedom“ (etwa „Meine heimliche Freiheit“).

"Diese Frauen benutzen ihr Smartphone als Waffe. Sie haben keine Angst"

Diese Bewegung wird getragen von iranischen Frauen im In- und im Ausland, die alle gegen die Zwangsverschleierung kämpfen, dieses Symbol der Unterdrückung der Iranerinnen seit der Machtübernahme 1979 der Gottesstaatler unter Ayatollah Khomeini, der die Verhüllung der Frauen zum Gesetz machte. Ausgerechnet am 8. März 1979, dem Internationalen Frauentag, waren die unverschleierten Iranerinnen unter den Tschador gezwungen worden - und aus der Öffentlichkeit, von den Unis und aus den Büros verjagt. Die Proteste von Hundertausenden gegen diese Maßnahmen wurden von den Religionswächtern mit drakonischer Gewalt niedergeschlagen.

Der Unmut der Iranerinnen über ihre Entrechtung war von Anfang an groß. Aber es war lebensgefährlich für sie, sich gegen die Mullahs aufzulehnen. Erst in den letzten Jahren wagen manche Iranerinnen auch außerhalb ihrer privatesten Kreise - Freunde, Familie - den Aufstand im Kleinen: ein Haaransatz hier, ein verrutschtes Kopftuch dort. „My Stealthy Freedom“ zeugt davon, die Aktion startete im Frühjahr 2014.

Seit Mai 2017 findet darüber hinaus der „White Wednesday“ statt, an dem Iranerinnen ganz ohne Schleier oder nur mit einem leichten, weißen Schal auf die Straße gehen. „Viele dieser Frauen haben ihre Auseinandersetzungen mit der Sittenpolizei gefilmt, sie haben ihr Smartphone wie eine Waffe benutzt. Sie haben keine Angst und ohne Angst funktioniert die Maschinerie der islamischen Republik nicht mehr“, schreibt Masih Alinejad bei Women in the World.


An einem solchen weißen Mittwoch hat sich auch die unbekannte Iranerin auf den Stromkasten in Teheran gestellt. Am selben Tag übrigens, an dem der Teheraner Polizeichef Hossein Rahimi offiziell verkündete, dass Frauen, denen „der Schleier aus Versehen verrutscht”, fortan nicht mehr sofort verhaftet, sondern in Erziehungskurse gesteckt werden sollen. Kurse, in denen ihnen die „islamischen Werte eingeschärft“ werden. Alleine in Teheran soll es schon 100 dieser Einrichtungen geben.

Seit dem 27. Dezember binden auch andere Iranerinnen ein weißes Kopftuch an einen Stock und marschieren damit durch die Straße. Eine erklärt: „Ich fordere die Frauen dazu auf, es dieser jungen Frau gleichzutun! Zieht euren Hidschab aus, knotet ihn an einen Stock und schwenkt ihn! Schickt Fotos und Videos, um dieses Mädchen zu unterstützen. Sie ist eine Heldin!“

Von der Heldin fehlt seit ihrer Verhaftung jede Spur.

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