In der aktuellen EMMA

Ein Spielball der Mächte

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Ich bin in Afghanistan geboren und in permanentem Kontakt mit Freundinnen. Sie erzählen mir von ihren Erlebnissen und Beobachtungen: „Die Taliban suchen gezielt nach besonders couragierten Frauen, verschleppen sie und stecken sie ins Gefängnis. Da werden die Frauen körperlich und psychisch gefoltert und sexuell missbraucht.“

Besonders betroffen sind die Frauen, die in den Großstädten des Landes selbstbestimmt leben wollen. Afghanische Großstädte sind heute für Mädchen und Frauen zu einem Gefängnis geworden. „Die Taliban erkennen Frauen nicht als Menschen an“, sagt mir eine afghanische Frauenrechtsaktivistin. „Sie verbieten uns sogar das Sprechen!“

Die Stärkung der Frauenrechte in Afghanistan war 2001 einer der Hauptgründe für das militärische Eingreifen der NATO und ihre Verbündeten. Dann aber schlossen 2020 die Amerikaner mit den Taliban ein Abkommen, das die Rechte der Frauen verriet. Für die Mehrheit der radikalislamistischen Taliban sind Frauenrechte „ein westlicher Wert“ und lehnen sie deshalb vehement ab.

Seit ihrer Machtergreifung im August 2021 verpflichten die Taliban die Frauen, die Ganzkörperschleier (Burka) zu tragen, sie verbieten ihnen, berufstätig zu sein und erlauben ihnen nur, mit männlicher Begleitung zu reisen. Ärzten ist es untersagt, Frauen zu behandeln. Als eine ihrer ersten Amtshandlungen ersetzten sie das Ministerium für Frauenangelegenheiten durch ein „Ministerium für die Einhaltung islamischer Tugend“. Wer sich nicht an die Verbote der Taliban hält, muss mit harten Strafen rechnen. Bei Zuwiderhandlung drohen die Taliban damit, Familienangehörige zu töten.

In der patriarchalen afghanischen Gesellschaft punkten die radikalen Islamisten mit dieser Haltung und finden schnell Verbündete. Sie verüben täglich die schlimmsten Verletzungen der Menschenrechte von Frauen und versuchen, sie institutionell zu verankern. Es ist nicht übertrieben, das als GeschlechterApartheid zu bezeichnen.

Afghanische Frauenrechtsaktivistinnen, die sich von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen fühlen, erinnern bei jeder Gelegenheit daran: „Der Westen kam damals mit dem Versprechen, uns zu befreien.“ Doch anstatt sie zu unterstützen, wird jetzt total ausgeblendet und ignoriert, wie die Frauen mit jedem Tag mehr aus der afghanischen Öffentlichkeit verbannt werden. Bedroht und in Schach gehalten werden die Frauen von den Taliban mit den modernsten Waffen, die ihnen das westliche Militär hinterlassen hat. „Anstatt das Land von Terroristen zu befreien, wurden sie mit den neuesten Kriegswerkzeugen ausgestattet“, beklagen meine FreundInnen.

Die Afghaninnen, mit denen ich in Kontakt bin, sind verzweifelt und enttäuscht. Denn sie haben immer schon für die Machenschaften der nationalen, aber auch der internationalen Politik mit ihren Rechten bezahlt. Frauen und Mädchen in Afghanistan wurden schon immer als Eigentum, Druckmittel oder Alibi instrumentalisiert, um ein ausschließlich von Männern bestimmtes politisches Handeln zu rechtfertigen. Dieses etablierte Muster wiederholt sich in den jüngsten Ereignissen. Dass allerdings ausgerechnet der moderne Westen, als Hüter der Menschenrechte, auch die afghanischen Frauen für ihre politischen Ziele missbraucht hat, raubt ihnen jede Hoffnung.

Bildung für Mädchen und Frauen? Ja. Vielleicht. Nein. Der Schulbesuch ist den Mädchen in den meisten Teilen des Landes ab der 7. Klasse untersagt. In einigen Provinzen haben sie allerdings Zugang zu den weiterführenden Schulen. Der Grund dafür liegt nicht an der frauenfördernden Haltung der Verantwortlichen, sondern an dem seit jeher üblichen Machtspiel zwischen den Provinzgouverneuren und der Kabuler Zentralregierung. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Fundamentalisten oder eine pro westliche Regierung in Kabul herrscht. Die Mädchen und Frauen sind Symbol von Unabhängigkeit der Provinzgouverneure und Geiseln männlicher Machtkämpfe.

Die Universitäten können die jungen Frauen nur strikt getrennt von ihren Kommilitonen und mit völliger Körperverhüllung besuchen. Es ist allerdings nur eine Frage der Zeit, bis es überhaupt keine Studentinnen mehr an den Hochschulen geben wird. Denn seit einem Jahr wird die Konkur-Prüfung (eine Aufnahmeprüfung für die Universität, die nach der 12. Klasse absolviert werden kann), nicht abgenommen.

Eine Freundin berichtete: „Meine Tochter weint den ganzen Tag. Sie hat mit so viel Freude und Engagement die Aufnahmeprüfung an der Uni bestanden und jetzt sitzt sie zu Hause.“ Resignation und Depression sind Folgen dieser Realität für Mädchen und Frauen in Afghanistan. Da wundert es nicht, dass es einen deutlichen Anstieg an Suiziden unter Frauen gibt.

Besonders hart von der Krise, Hunger und Klimakatastrophe sind die Frauen getroffen. Zur Schreckensherrschaft der Taliban kommt die akute humanitäre Notlage der afghanischen Bevölkerung hinzu. Die hat mehrere Gründe: Mit dem NATO-Abzug bleiben die internationalen Entwicklungsgelder aus, die über 20 Jahre beinahe den gesamten Staatshaushalt des Landes (etwa 80 %) ausmachten. Der afghanische Staat ist somit zahlungsunfähig, davon betroffen sind zum Beispiel die Auszahlungen der Gehälter für Beamte.

Eine weitere Ursache für den Notstand ist, dass mit der Rückkehr der Taliban die afghanischen Devisenreserven in Höhe von rund 9 Milliarden US-Dollar von den USA eingefroren wurden. Diese Sanktionen führten zu hoher Arbeitslosigkeit, denn viele Unternehmen kommen an ihre Rücklagen nicht dran und mussten deshalb ihre Betriebe schließen. Aber auch diejenigen, die in den letzten Jahren für die afghanische Regierung oder für internationale Institutionen gearbeitet haben, verloren mit dem Abzug des Militärs ihre Jobs und damit ihr Einkommen.

Schließlich sorgen die verheerenden Folgen der Klimakatastrophe (Dürre, Erdbeben und Flut), die auch Afghanistan schon längst erreicht hat, dafür, dass mehr als 50 Prozent (von knapp 40 Millionen) der Bevölkerung nicht mehr in der Lage ist, ihre Familien zu ernähren. Die Not zwingt viele dazu, nicht nur ihr Hab und Gut, sondern in der Verzweiflung auch ihre Organe zu verkaufen. Oder auch ihre Kinder. „Viele Eltern verheiraten ihre minderjährigen Töchter, auch ohne deren Einwilligung, oder geben ihre Kinder an Fremde ab, um einen Esser weniger in der Familie zu haben“, erzählte mir eine Journalistin aus Kabul.

Die frauenfeindlichen Taliban behaupten, „Ordnung zu schaffen“, stürzen allerdings Afghanistan täglich tiefer ins Chaos. Das Fehlen einer Verfassung und die schwache Regierungsführung stellt die afghanische Bevölkerung erneut auf eine Geduldsprobe. Die Unfähigkeit der Taliban, das Ausmaß der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme zu erkennen oder gar zu beseitigen, beweisen die Taliban jeden Tag aufs Neue. Anstatt Kooperationen mit allen im Land einzugehen, um die aktuellen Krisen zu bewältigen, verfolgen sie die Frauen und zwingen Tausende mit ihrer menschenrechtsverachtenden Politik, das Land zu verlassen.

Frauenrechtsaktivistinnen, JournalistInnen, die sogenannten Ortskräfte, die in den letzten Monaten aus Afghanistan evakuiert wurden, sind diejenigen, die in der Lage gewesen wären, einen stabilen Staat mit aufzubauen. Ihre Abwesenheit hat für den Aufbau des Landes fatale Folgen. Was wird aus einem Land ohne eine Mittelschicht? In den fast 50 Jahren Krieg wurde immer wieder eine Mittelschicht aufgebaut, deren Mitglieder dann allerdings – je nachdem, wer an der Macht war – in Lebensgefahr gerieten und fliehen mussten. Die Extremisten und die patriarchale afghanische Gesellschaft dulden keine mündigen Bürger. Dies gilt vor allem für Frauen, die sich aktiv in die Gesellschaft einbringen und sie mit gestalten wollen.

Die afghanische Zivilgesellschaft ist in Lebensgefahr und wer kann, versucht zu fliehen. Im Exil angekommen, ist es den meisten von ihnen ein besonderes Anliegen, ihr Engagement aus der Diaspora fortzuführen: „Mein Plan ist es, mit meinen Kolleginnen im Exil ein Netzwerk zu bilden, um gemeinsam den Frauen in Afghanistan zu helfen. Sie brauchen unsere Unterstützung, um die aktuelle Situation zu überstehen“, sagte mir eine Frauenrechtsaktivistin, die mit ihrer Tochter Afghanistan verlassen konnte.

Und eine Anwältin, die es inzwischen geschafft hat, mit Hilfe einer deutschen Organisation das Land zu verlassen, erzählte mir von ihrer Arbeit in Afghanistan. Sie verteidigte Frauen
vor ihren gewalttätigen Ehemännern und sorgte dafür, dass die Männer ins Gefängnis kamen. „Die Männer hatten Rache geschworen, sollten sie aus dem Gefängnis herauskommen.“ Die Taliban öffneten bei ihrer Machtergreifung die Tore der Gefängnisse. Ein Jahr zuvor hatten sie bereits die Kabuler Regierung dazu gebracht, rund 5.000 ihrer Gefangenen zu entlassen, darunter auch die wegen sexualisierter Gewalt inhaftierten Männer.

Im gleichen Zug wurden die Frauenhäuser geschlossen und die Frauen zurück zu ihren Familien geschickt, die sie in die Notlage gebracht hatten. Damit sind die schutzbedürftigen Frauen jetzt völlig schutzlos und in extremer Lebensgefahr.

Menschenrechtsaktivistinnen: „Wir werden gefoltert, und die Welt schaut zu.“ Die internationale Gemeinschaft ist in ihrer Afghanistan-Mission auf allen Ebenen gescheitert – und das, obwohl allein Deutschland als drittgrößter bilateraler Geber (nach den USA und Japan) mehrere Milliarden Euro für den zivilen Wiederaufbau des Landes ausgegeben hat. Der Westen hat versäumt, eine langfristige Strategie zu entwickeln und eine stabile afghanische Regierung aufzubauen. Experten werfen Deutschland und der internationalen Gemeinschaft vor, sich nie konsequent mit dem Land am Hindukusch beschäftigt zu haben. Besonders deutlich wurde das mit den Begebenheiten vor Ort bei dem Ortskräfte-Verfahren.

Einmal mehr sind es nun vor allem die Afghaninnen, die die Folgen dieser gedankenlosen Politik ausbaden müssen. Gerade diejenigen von ihnen, die dem Einsatz des internationalen Militärs vertraut haben, werden Opfer der frauenfeindlichen Taliban und sind schutzlos der Willkür der patriarchalen Gesellschaft ausgeliefert.

Auf der internationalen Ebene wird das zwar vollmundig bedauert, aber niemand fühlt sich zuständig und übernimmt die Verantwortung. Es ist auffällig, wie marginal die Frauen auch im Rahmen der Berichterstattung „ein Jahr NATO-Abzug“ in den Medien Thema waren. Und das, obwohl Frauen unter Lebensgefahr für ihre Rechte auf den Straßen demonstrierten und von den Taliban abgeführt und durch Luftschüsse und Peitschenhiebe in Schach gehalten wurden.

Was der Westen jetzt tun muss. Die Taliban werden wohl nicht so schnell aus der Regierung in Kabul zu verdrängen sein. Sie sind aber im Gegensatz zu ihrer ersten Machtperiode heute darauf angewiesen, international anerkannt zu werden. Hier besteht auch für Deutschland eine letzte Chance zu helfen. Finanzielle Unterstützung und Anerkennung der Taliban-Regierung dürfen nur unter der Bedingung gewährt werden, dass die Rechte von Frauen und die allgemeinen Menschenrechte berücksichtigt werden. Frauen müssen in entscheidenden Positionen sitzen, um tiefgreifende Veränderungen in der patriarchalen afghanischen Gesellschaft zu verankern. Dafür ist die schulische Bildung von zentraler Bedeutung und ein grundlegendes Menschenrecht.

Seit den Anfängen der sogenannten „Friedensgespräche“ führen die Taliban die internationale Gemeinschaft an der Nase herum. Sowohl bei den Verhandlungen in Doha als auch direkt nach ihrer Machtübernahme hatten sie verkündet, Frauen weiterhin die Berufstätigkeit und Mädchen den Zugang zu den Schulen zu erlauben. Gemacht haben sie genau das Gegenteil.

Um dieses Katz-und-Maus-Spiel zu durchbrechen, müssen sich Deutschland und der Westen ihrer Verpflichtung stellen und eine gemeinsame Strategie überlegen, um den Frauen zu helfen. Die Extremisten und die Warlords müssen entwaffnet und ihre Unterstützer zur Verantwortung gezogen werden! Pakistan, Saudi-Arabien und Katar müssen als Helfer der Taliban in die Pflicht genommen werden! Diese Länder könnten ein politischer Hebel sein, um Druck auf die Taliban auszuüben.

Der Führer der Taliban wird zum Beispiel von Flugzeugen des katarischen Militärs zu internationalen Treffen geflogen. Hier muss ein klares Reiseverbot ausgesprochen werden. Außerdem werden in Katar dieses Jahr die Fußball-Weltmeisterschaften ausgetragen. Es wäre eine weitere Gelegenheit, um an die Verantwortung der Kataris als Vermittler zu appellieren oder die Spiele zu boykottieren. Jetzt wird sich zeigen, wie groß die Bereitschaft ist, den Frauen in Afghanistan beizustehen – wenn es nicht reine Lippenbekenntnisse auch von Seiten des Westens sein sollen.

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