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Frauen ab 35: Im Bermuda-Dreieck

Maria Schrader macht selbst Filme - hier bei Dreharbeiten zur Serie "Unorthodox".
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Wenn Frauen im Fernsehen vorkommen, dann als junge Frauen. Ab dem 30. Lebensjahr verschwinden sie sukzessive vom Bildschirm und der Leinwand. Das gilt für alle Sender über alle Formate und Genres hinweg. Bis zu einem Alter von 30 Jahren kommen Frauen sogar häufiger oder in etwa gleich oft wie Männer in den fiktionalen und nonfiktionalen Unterhaltungsformaten vor. Ab Mitte 30 verändert sich dies, dann kommen auf eine Frau zwei Männer; ab 50 Jahren kommen auf eine Frau drei Männer, ab 60 Jahren auf eine Frau vier Männer. Es gibt also einen linearen Schwund bei den Frauen auf dem Bildschirm.

Dabei verschwinden nicht nur Schauspielerinnen, sondern auch ältere Showmoderatorinnen. Bei ihnen ist der Unterschied am größten: In der non-fiktionalen Unterhaltung kommen jenseits der 40 auf eine Frau vier Männer, jenseits der 50 auf eine Frau acht Männer. In Informationssendungen verschwinden Frauen ebenfalls ab Mitte 30 linear, ab 60 Jahren sind 81 Prozent der HauptakteurInnen Männer.

Auffällig ist, dass es kaum Frauen jenseits der 50 Jahre gibt, die regelmäßig eine Unterhaltungssendung moderieren. Fast alle ModeratorInnen von Quiz-, Unterhaltungs- und Comedyshows sowie von Tier-, Musik- und Kochsendungen in der Altersgruppe zwischen 50 und 59 Jahren sind Männer (97 %). Frauen sind hier also besonders unsichtbar.

Es scheint ein Bermudadreieck des Fernsehens zu geben, in dem Frauen ab Mitte 30 ganz offensichtlich ausgeblendet werden. Das bedeutet, dass die Frauen, die wir im Fernsehen sehen, nicht nur insgesamt weniger sind, sondern vor allem junge Frauen bis Mitte 30. Wenn man davon ausgeht, dass gerade Personen ab 50 im Beruf etabliert sind, möglicherweise in einer Führungsrolle, und durch ihre Lebenserfahrung viel zu erzählen hätten, wären sie als ExpertInnen oder ProtagonistInnen besonders interessant. Genau dann kommen aber Frauen im Fernsehen kaum noch vor. Es gibt einen Verlust an Sichtbarkeit von älteren Frauen. Festzuhalten bleibt, dass „älter“ im Fernsehen schon bei Mitte 30 Jahren beginnt. Wir könnten basierend auf den Ergebnissen sogar formulieren, dass Alter von Frauen bzw. bereits das zaghafte Älterwerden ab Mitte 30 von Frauen im Fernsehen ausgeblendet wird, während es bei männlichen Akteuren sichtbar bleibt.

Zwar werden 2016 auch ältere Männer seltener im Fernsehen gezeigt als junge Männer, insgesamt machen ProtagonistInnen bzw. HauptakteurInnen ab 60 Jahren nur 15 Prozent der Figuren aus, aber innerhalb dieser Gruppe sind Frauen noch unsichtbarer. Hier kommen, wie bereits erwähnt, auf eine Frau vier Männer.

Das hat System: Selbst im Kinderfernsehen sehen wir vier mal so viele ältere Männer wie ältere Frauen.

Natürlich muss fiktionales Fernsehen nicht die Realität abbilden, sondern kann und soll Geschichten erfinden. Interessant ist jedoch die Tatsache, dass diese erfundenen Geschichten mehr Männer zeigen und mehr ältere Männer. Sie können jenseits der Pensionsgrenze durchaus noch jüngere Männer darstellen, wie zum Beispiel Robert Atzorn (Jahrgang 1945), der erst mit 72 Jahren aufhörte, einen noch berufstä tigen Polizisten zu spielen. Gleiches gilt für Uwe Kokisch, der mit weit über 70 Jahren (Jahrgang 1944) den noch im beruflich aktiven Dienst stehenden Polizisten Comissario Brunetti spielt, mit Kindern im Teenager-Alter und einer in der Fernsehfiktion etwa gleich alten Ehefrau, die von einer Schauspielerin dargestellt wird, die 25 Jahre jünger ist.

Der Fantasie scheint in Bezug auf Männer keine Grenze gesetzt zu sein, bei Frauen jedoch schon. Verheiratete Schauspielerpaare berichteten 2017 auf dem Schauspieler-Empfang der Berlinale von ihren eigenen Erfahrungen, wie sich die Rollenangebote mit zunehmendem Alter für die Ehepartner ändern. So bekommen auch ehemals sehr erfolgreiche Frauen sukzessive weniger und die Männer mehr Rollenangebote.

Hinzu kommt der Fakt, dass Schauspielerinnen auch noch weniger Gage für ihre Rollen bekommen. Es gibt einen Einkommensunterschied von ca. 22 Prozent. Das heißt, konkret bekommt eine Frau für einen gleich langen Drehtag um ein Fünftel weniger als ein Mann in einer gleichwertigen Rolle. Bekäme ein Mann 1.000 Euro pro Tag, bekäme die Frau entsprechend 780 Euro.

Nicht nur in der Fernsehfiktion werden ältere Frauen ausgeblendet. Für die geringe Anzahl an Frauen ab 50 sind vor allem die non-fiktionalen Unterhaltungssendungen verantwortlich. Kaum einer der Moderatoren von Gameshows ist weiblich, obwohl hier durchaus Männer jenseits der 50 zum Zuge kommen. Regelmäßig sehen wir Kai Pflaume (Jahrgang 1967), Bernd Stelter (Jahrgang 1961), Jörg Brombach (Jahrgang 1955) oder Jörg Pilawa (Jahrgang 1965). Die wenigen weiblichen Showmoderatorinnen um die 50 wie etwa Inka Bause (Jahrgang 1968), Barbara Schöneberger (Jahrgang 1974) oder Sonja Zietlow (Jahrgang 1968) sind schon jetzt wesentlich seltener zu sehen als Männer.

Die einst als erfolgreichste Unterhaltungsshow-Moderatorinnen Deutschlands gefeierten Frauen wie Ulla Kock am Brink (Jahrgang 1961), Margarethe Schreinemakers (Jahrgang 1958) und Linda de Mol (Jahrgang 1964) sind fast völlig vom deutschen Bildschirm verschwunden. Die Daily-Talk Moderatorinnen Birte Karalus (Jahrgang 1966), Bärbel Schäfer (Jahrgang 1963), Sabrina Staubitz (Jahrgang 1968), Arabella Kiesbauer (Jahrgang 1969) sind selten zu sehen. Bis zu ihrer Rente moderierten Hans Meiser (Jahrgang 1946) und Karl Moik (1938 – 2015) im Fernsehen. Natürlich gibt es sie, die Ausnahmen. Carmen Nebel (Jahrgang 1956) moderiert mit 63 Jahren noch am Samstagabend. Auch die Sängerin und Kabarettistin Ina Müller (Jahrgang 1965) hat die 50 Jahrgrenze überschritten. Aber die Ausnahmen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei der Moderation im Bereich Unterhaltung einer Frau neun Männer gegenüberstehen.

Die mediale Darstellung steht der Lebensrealität entgegen: In Deutschland kommen ältere Frauen häufiger vor als ältere Männer, da ihre Lebenserwartung höher ist: 56 Prozent aller Menschen über 50 sind Frauen. Würde man also die Realität abbilden, so müssten eher Männer mit zunehmendem Alter verschwinden. Jana Lapper (2016) fasst es gelungen zusammen: „Die Filmindustrie ist dabei symptomatisch für die Gesellschaft. Frauen berichten oft, sie würden sich mit fortschreitendem Alter immer unsichtbarer fühlen. Die Zahlen der Studie scheinen das zu bestätigen. Sie zeigen auch, wer in der Gesellschaft bis heute noch die Welt erklären darf: Weiße Männer gehobenen Alters. Wie viele ergraute Moderatoren gibt es und wie viele weibliche Pendants?“

Der Text ist ein Auszug aus der Studie der MaLisa­Stiftung: „Ausgeblendet – Frauen im deutschen Film und Fernsehen“ von Elisabeth Prommer und Christine Linke (Herbert von Halem Verlag, 21 €).

 

 

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