In der aktuellen EMMA

Hannah Gadsby geht über Grenzen

Foto: Ben King/Netflix
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Eine „internationale Sensation“ sei „Nanette“ (New York Times), ein „herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ (FAZ), ja sogar das „beste Comedy-Programm aller Zeiten“ (Zeit). So viel frenetischer Jubel, so viel einhellige Euphorie – kann das stimmen? Jawohl, es stimmt. Das, was die australische Komikerin in ihrer einstündigen Stand-up-Comedy bietet, ist ungeheuer witzig und wahnsinnig traurig zugleich, es ist aufwühlend und tröstlich, es ist virtuos und mutig. Die Frau schreibt Comedy-Geschichte.

Wer also ist Hannah Gadsby? Sie ist 40 Jahre alt und wuchs als jüngstes von fünf Geschwistern in Tasmanien auf, jener Insel, die 240 Kilometer vor dem australischen Festland liegt. Dort war Homosexualität bis 1997 verboten und 70 Prozent der Bevölkerung halten sie noch heute für eine Sünde. Hannah Gadsby ist homosexuell oder, wie sie es formuliert, „a little bit lesbian“. Folglich hatte Hannah ein Problem. Sie löste es, indem „ich lernte, wie man verschwindet. Ich wurde unsichtbar.“ Es gab noch ein paar weitere Probleme, aber dazu ­später mehr.

Die Tochter eines Mathematiklehrers und einer Putzfrau verließ den australischen Bible Belt und studierte Kunstgeschichte in Canberra. Sie jobbte in einem Buchladen, arbeitete als Filmvorführerin, zog von Farm zu Farm und pflanzte Bäume. Dann brach sie sich das Handgelenk und musste sich etwas Neues einfallen lassen. Sie nahm an einem Open Mic-Wettbewerb am Rande des Melbourne Comedy Festivals teil – und gewann. Hannah Gadsby, die gelernt hatte zu verschwinden, stellte fest, dass sie sich auf einer Bühne und als Kunstfigur äußerst wohl fühlte. „Es war meine Art, am Leben teilzunehmen, ohne direkt daran teilzunehmen.“

Hannah machte fortan Witze über ihre Herkunft, über ihre sexuelle Identität („Ich hatte schon immer diesen Haarschnitt, weil ihn mir jeder Friseur machte, wenn er begriff, dass ich ein kleines bisschen lesbisch bin“) und ihren Körper. Zehn Jahre lang ging das so und Hannah Gadsby war mit ihrer selbstironischen Lesben-Comedy durchaus erfolgreich. Dann kam 2017 „Nanette“.

In der ersten Hälfte der Show macht Gadsby ihre üblichen Gags. Zum Beispiel diesen: Sie steht mit 17 an einer tasmanischen Bushaltestelle und flirtet mit einer Frau. Der Freund der Frau brüllt: „Verpiss dich, du Schwuchtel!“ Die Frau sagt: „Hör auf, das ist ein Mädchen!“ Der Mann: „Oh sorry. Ich dachte, du bist eine Schwuchtel, die meine Freundin anmacht.“ Das Publikum gröhlt.

Nach etwa einer halben Stunde aber ist Schluss mit lustig. Dann bricht eine Art Inferno los. Denn jetzt erklärt Hannah Gadsby, warum sie diese Art von Witzen auf ihre Kosten nicht mehr machen will. Diese Gags über dicke Lesben, „denn wenn jemand solche Witze macht, der ohnehin schon am Rand der Gesellschaft steht, dann ist das nicht Demut, sondern Selbst-Demütigung“, donnert sie ins perplexe Publikum. „Ich habe mich für die Erlaubnis erniedrigt sprechen zu dürfen, und das werde ich nicht mehr tun. Ich muss meine Geschichte richtig erzählen.“

Die richtige Geschichte ist, dass Hannah Gadsby als Kind von einem Verwandten sexuell missbraucht und als 20-jährige von zwei Männern vergewaltigt wurde. Auch der Mann an der Bushaltestelle begriff schließlich, dass Hannah „eine weibliche Schwuchtel“ war und prügelte sie krankenhausreif. Niemand griff ein.

Die feministische Tour de Force, die Hannah Gadsby in der zweiten Programmhälfte absolviert, ist atemberaubend. Sie geht von Weinstein bis Picasso, sie handelt von Trauma, Scham und Wut. Wie Hannah Gadsby das Publikum verstört, es wegstößt und wieder zu sich holt, das ist große Kunst, auch wenn oder gerade weil die Comedian auf der Bühne manchmal selbst den Tränen nahe ist.

Anderthalb Jahre tourte Hannah Gadsby mit „Nanette“ durch die englischsprachige Welt. Die Resonanz war so überwältigend, dass Netflix seit Juni 2018 das Programm als Comedy-Special zeigt. Wie geht es nach dem Nanette-Erfolg jetzt weiter? „Ich werde das nächste Jahr überwiegend schlafend verbringen“, sagt Hannah Gadsby. Macht nichts. Wir können sie ja auf Netflix sehen, so oft wir wollen.

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Sophie Hunger jetzt auf Tour

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Können Sie es verstehen, wenn Menschen in ihrer eigenen Nische bleiben und politisch wenig Mut zeigen?
Ja, schon, ich glaube, es ist eine echte Überforderung, zu denken, man müsse zu jeder Zeit alles im Blick haben. Jeder Einzelne kann nicht immer für alle anderen sieben Milliarden ein potenzieller Empathiehafen sein. Wir hassen ja in der Regel schon unseren Nachbarn gnadenlos. In der Schweiz ist es so, dass die Welschen die Deutschschweizer nicht mögen, in der Deutschschweiz mögen die Basler die Züricher nicht, in Zürich mögen die aus dem Wiedikon die aus dem Zürichberg nicht und so weiter. Ich mag ihn immerhin lieber als die Idee, ständig etwas machen zu müssen, das für alle sein soll. Theater für alle! So ein Quatsch, was soll das sein? Ich will auch keinen Fußball für alle.

Vielleicht hat es die Demokratie deshalb so schwer, weil sie eben für alle da ist.
Meine Idealvorstellung einer Demokratie wäre, dass sie mich in Ruhe lässt, ich meinen eigenen Leidenschaften, Problemen und Schmerzen nachgehen kann und sie mich nur dann auffordert, politisch zu sein, wenn es einen Bereich betrifft, in dem man selbst ein tieferes Wissen mitbringt. Das ist der ultimative Trick einer guten Demokratie: Dass man sich nur dann zu Wort meldet, wenn man etwas zu sagen hat. Wenn man sicher ist, dass man sich besser einbringen kann als die Nachbarn. Bei den anderen Themen kann man dann zuhören und denen folgen, die in diesem Bereich Spezialisten sind.

An diesem Idealbild ist die Schweiz mit ihren Volksabstimmungen recht nah dran.
Sagen wir so, es ist ein interessantes Demokratiemodell. Wir Schweizer müssen halt regelmäßig für die Demokratie was tun, es gibt alle vier Monate eine Abstimmung, da bekommt man dann mit der Post ein Büchlein, in dem beide Seiten ihre Positionen darstellen – und unten rechts steht dann noch, was die Regierung denkt. Wobei ich es so mache, und das ist vielleicht ein bisschen lasch, dass ich bei den Themen, zu denen ich keine maximal individuelle Meinung entwickeln kann, einfach das wähle, was die Regierung vertritt.

Das klingt nicht gerade sehr rebellisch.
Aber wir haben die ja gewählt, auserkoren, ans Steuer gesetzt. Die Regierung arbeitet den ganzen Tag an diesen Themen, die Verantwortlichen reden sich stundenlang wund in kühlen Zimmern an Mahagoni-Tischen, vom Vielparteien-­System zermürbt. Sie werden mit jeder Legislatur ein dunklerer Schatten ihrer selbst, Tausende von Seiten mit Worten in Helvetica Schrift lesend, vom Volk missbilligt, machtlos. Ich finde, man sollte ihnen daher schon ein wenig ­Vertrauen entgegenbringen.

Angenommen, Sie dürften eine Volks­abstimmung in Gang setzen, um welches Thema würde es gehen?
Frauenfragen.

Ihre Forderung?
Die Quote. Überall, als Zwang. Dazu ein extremer Ausbau von Kinderkrippen, Nachmittagsbetreuungen und so weiter. Gleichberechtigung, Gleichstellung. Das bedeutet es würde auch um Männerfragen gehen, darum, dass Männer längeren Elternschaftsurlaub bekommen und so weiter. In der Schweiz bekommt ein Mann ein bis maximal zwei Tage frei, wenn er Vater wird.

Sie haben sich für Ihr neues Album in Produktions- und Aufnahmetechnik weitergebildet. Steht dahinter der Wunsch, in dieser männerdominierten Musikwelt unabhängiger zu sein? Vielleicht sogar eine Vorbildfunktion zu übernehmen?
Ich habe nicht bewusst deshalb an diesen Workshops teilgenommen, aber wenn jetzt ein 16 Jahre altes Mädchen mit Gitarre zu mir kommen und fragen würde, ob ich ihr einen Rat geben könnte, dann würde ich sagen: erstens, übertreibe, zweitens, lerne so viel du lernen kannst über alle technischen Aspekte, denn du wirst doppelt so gut sein müssen wie die andern.

War es das für Sie auch: doppelt so schwer?
Nein, bei mir lief es sehr natürlich, sehr schnell. Das hat mich zunächst naiv und blind gemacht, man geht ja gerne von sich selbst aus und denkt, dass es sich für alle anderen gleich oder zumindest ähnlich anfühlt. Ich habe dann aber erkannt, dass meine Situation eine Ausnahme ist und für die meisten Frauen die Kacke noch am Dampfen. Obama als afroamerikanischer Präsident hat keineswegs dazu geführt, dass der Rassismus in den USA überwunden wurde. Auch 13 Jahre Kanzlerschaft von Angela Merkel bedeuten nicht, dass Frauen bei der Frage politischer Macht nun sakrosankt gleichberechtigt sind. Gelöst ist das Problem erst dann, wenn die Gleichstellung für die Allgemeinheit gilt – nicht für einzelne prominente Persönlichkeiten. Gleichstellung ist bisher vor allem tonnenweise Make-Up.

Warum lief es bei Ihnen denn so glatt?
Daran hatte meine Mutter einen großen Anteil, glaube ich. Das ist interessant, die Journalisten fragen immer nach meinem Vater und nach meinem Großvater.

Ihr Vater Philippe Welti ist ein hochrangiger Schweizer Diplomat, Ihr Großvater Arthur Welti war Schauspieler und einer der Radiopioniere der Schweiz.
Beides spannende Männer, klar, aber der eigentliche Knaller in der Familie ist meine Mutter Myrtha Welti-Hunger. Also, wenn jemand Macht besaß, dann sie. Sie war Generalsekretärin der Schweizerischen Volkspartei, Aufsichtsrätin in vielen Institutionen und Hochschulen – meine Mutter war die große Nummer in der Familie. Aber es sind die Väter, nach denen man gefragt wird. Sophie Hunger, die Tochter von …

Da hat es auch nichts genützt, dass Sie den Namen der Familie Ihrer Mutter übernommen haben.
Nein. Für mich war prägend, was für ein Frauenbild meine Mutter mir vorlebte. Sie war nie eine Frau, die zu Hause auf die Kinder gewartet hat, deren Hauptaufgabe es war, der Familie mütterliche Wärme zu geben. Darunter haben wir Kinder manchmal auch etwas gelitten. Vor mir stand dafür eine Frau, die Chef war. Die Verantwortung getragen und Kriege geführt hat. Dass meine Mutter in dieser Hinsicht nicht normal war, das habe ich erst sehr viel später gemerkt. Sie ist Jahrgang 1945, war in der berglerisch geprägten Familie das erste Mädchen, das studieren durfte. Und als 1971 das Wahlrecht für Frauen in der Schweiz eingeführt wurde, war sie schon Ende 20. Sie ist also schon Teil einer anderen Generation, hat ihr Leben aber sehr kompromisslos gelebt, unterstützt von meinem Vater (überlegt). Wobei, „unterstützt“ ist das komplett falsche Wort.

Warum?
Das klingt so, als wäre es eine Gnade: Er hat auch im Haushalt mitgeholfen. (lacht) Nein, ich glaube, er fand das attraktiv und richtig. Er fand, meine Mutter war der Hammer. Und das ist es ja nun mal: Es braucht die Männer für die Gleichberechtigung, aber nicht als kulante Unterstützer, sondern als Männer, die erkennen, dass das Leben viel besser ist, wenn Frauen Macht und Erfolg haben. Deshalb ist der Begriff Feminismus manchmal nicht hilfreich – so richtig der Gedanke dahinter ist – weil es ein bisschen sexistisch ist, weil es die Männer im Wort ausschließt. Der Begriff klingt wie eine Bedrohung, so wie „vegetarischer Donnerstag“ für den Metzgermeister oder Solarenergie für Ölbaro­nessen. Das Thema Gleichberechtigung ist aber keine Bedrohung, im Gegenteil, man weiß, dass egalitäre Gesellschaften erfolgreicher und glücklicher sind, der einzelne weniger Ohnmacht empfindet, die Männer leiden ja auch im Patriarchat.

Sie haben das, was Sie technisch neu gelernt haben, direkt für das neue Album angewandt: Die neuen Songs sind deutlich elektronischer.
Ja, ich habe gemerkt, dass ich nach dem letzten Album „Supermoon“ technisch an meine Grenze gelangt war. Stücke an der Gitarre oder am Klavier zu schreiben – da dachte ich mir bei jeder Idee, das hätte ich schon mal so oder so ähnlich gemacht. Ich denke auch, es muss Brüche geben, damit das Feuer wieder zu lodern beginnt und nicht erlischt. Als ich dann aus den USA zurückkam, wollte ich die neuen Techniken anwenden und entschied, dieses Album ganz am Computer zu schreiben.

Sie leben seit einiger Zeit in Berlin, haben der Stadt das Stück „Electropolis“ gewidmet.
Es ist ein wahres Klischee: Der Klang der Stadt ist elektronisch, die Techno- und Electro-Szenen bestehen noch, man wird von ihnen umzingelt – und irgendwann packen sie einen. Das korrespondierte ganz gut mit meinem neuen technischen Wissen. Und auch mit meinem gesteigerten Interesse für Physik.

Woher rührt das?
Wenn man sich mit der Aufnahme von Schall beschäftigt, dann lernt man viel über Frequenzen, Luftwiderstand und solche Dinge. Auch interessiert mich das, was die Physiker im CERN in Genf machen, dort gibt es den Hadron Collider, den stärksten, größten Teilchenbeschleuniger der Welt. Mit dessen Hilfe wurden zum Beispiel die Higgs-Boson nachgewiesen. Ich mag es, die Welt rein physikalisch zu betrachten – nicht emotional. Oder zu erkennen, dass Emotionen physikalische Phänomene sind. Das half mir in einer Zeit, in der ein Lebensentwurf zu Bruch gegangen ist, man fühlt sich dann, als würde man in seine Einzelteile zerlegt, um aus diesen vielen Molekülen wieder ein neues Gesamtwerk zu kneten. Darum, minimal originell, auch „Molecules“ als Titel des neuen Albums.

Sie haben auf dem Vorgängeralbum „Supermoon“ den Mond entzaubert und darauf hingewiesen, dass es sich um einen Steinbrocken handelt, der früher Teil dieser Erde war. Den Mond entmystifizieren, Gefühle physikalisch betrachten – sind Sie eher Realistin als Romantikerin?
(überlegt) Mich interessiert, eine neue Sprache zu finden.

Weil die üblichen Begriffe wie Liebe und Sehnsucht so abgenutzt sind?
Schon, ja. Wir Künstler arbeiten ja immer auf der Ebene von Gefühlen. Wir möchten welche herstellen, lassen uns selbst davon leiten. Diesem Dauergefühligen möchte ich etwas entgegenstellen, damit eine Spannung entsteht. Die große Frage, mit der sich die Leute im CERN befassen, lautet ja: Aus was bestehen wir im Kern? Aus was besteht das Universum, bestehen Zeit und Raum? Die Begriffe, die wir bislang dafür finden, sind ja eher Versuche, damit umzugehen, dass wir es eben nicht verstehen. Im CERN versucht man zu verstehen – und zwar indem die Physiker Materie in maximaler Geschwindigkeit auseinanderziehen. Und sie kommen der Sache näher, es gibt die Vermutung, dass es neben den vier Grundkräften der Physik, die wir schon kennen, noch weitere Kräfte gibt. Die bekommen also schon viel raus. Werfen dabei aber immer neue Fragen auf. Ja. Das ist Forschung. Und das finde ich interessant. Ich bin schon neugierig, ich will wissen, was das alles hier soll! Ich möchte das aber nicht anhand des Resultats beantworten. Ich möchte meine Erkenntnisse aber nicht über den sichtbaren Gesamteindruck gewinnen.

Weil diese Erkenntnisse zwingend banal sind?
Es werden halt Begriffe benutzt, die ich wirklich hasse. Zum Beispiel heißt es immer wieder, Künstler seien dann gut, wenn sie authentisch sind. Ich glaube, wenn es so etwas wie Authentizität überhaupt gibt, dann finde ich sie schrecklich. Aufgabe der Kunst ist es, das Nichtauthentische zu suchen, also das Leben in den Schatten zu stellen, sich über das Leben zu erheben. Kunst muss maßlos sein, nicht authentisch. Sie geht weg von dem, was da ist. Sie erfindet eine Welt, die besser ist als das fade wirkliche Leben. Und das kann dann natürlich nicht authentisch sein.

Kann überhaupt etwas in dieser Welt authentisch sein?
Ein Gebirge, das seit drei Milliarden Jahren daliegt?

Die Natur generell?
Ich glaube, sobald etwas organisch wird, gibt es den Willen, etwas darzustellen. Das kann man bei Tieren beobachten, die durch ihr Verhalten Einfluss nehmen können.

Wenn ein Pfau ein Rad schlägt oder zwei Hirsche mit ihren Geweihen kämpfen …
… dann ist das eine Darstellung – und natürlich auch eine Inszenierung.

Ist das Streben oder Ausüben von Macht authentisch?
Schwierig, denn es braucht ja auch welche, über die man seine Macht ausübt. Die muss man gewinnen, und schon stellt man wieder etwas dar. Ganz vereinfacht gesagt, wenn Sie alleine auf dem Mond sind, dann sind Sie machtlos. Weil niemand anderes da ist.

Müssen Künstler Machtstreben mitbringen?
Schon, ja. Wenn man sich vornimmt, das Leben zu übertreffen, dann schwingt da auch Aggressivität mit. Und auch eine Überheblichkeit. Man will andere mitziehen, andere kontrollieren. Das hat etwas mit Macht zu tun.

In der aktuellen weltpolitischen Situation spielt Macht wieder eine große Rolle, Autoritäten gewinnen Wahlen, ändern die Gesellschaft, bringen Nationalismus zurück ins Spiel. Überrascht Sie diese Entwicklung?
Nicht unbedingt, weil hier ein alter Mechanismus offensichtlich wird, der viel älter ist als die modernen Demokratien. Eine Idee, die für viele noch immer ein grundsätzliches Herrschaftsrecht beschreibt. „Schutz gegen Gehorsam“ – das ist der Grundgedanke. Da ist also ein Bauer, der sagt sich: Da haben wir einen König, der verlangt von mir dies und das, das finde ich zwar nicht alles gut, aber dafür sorgt er eben dafür, dass niemand meine Hühner klaut. Diese autoritären Typen kennen diesen Mechanismus, bedienen ihn. Sie sagen sehr offen: Wenn ihr mich wählt, dann mache ich zwar, was ich will, sorge aber dafür, dass die Fabriken wieder laufen, ihr ein dickes Steak auf dem Teller habt und keine schwärzlichen Östlinge auftauchen. Das ist eine Lüge. Aber eine sehr alte Lüge.

Sind die Schweizer weniger verfänglich für diese Lüge, weil sie als Eidgenossen generell Skepsis gegenüber Autoritäten entwickeln?
Wir stehen eher auf der Seite des Naturrechts, da sind wir dann schnell bei Wilhelm Tell: Es gibt natürlich eine Obrigkeitsstruktur, aber wenn es zum Äußersten kommt, dann darf man sich die Armbrust nehmen und den Typen abknallen.

Das Interview führte André Boße. Es erschien zuerst in Galore.

Sophie Hunger Live im September/Oktober in München, Köln und Berlin,
www.sophiehunger.com

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