Alice Schwarzer schreibt

Die Knef in der Skandalrolle

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Sie war meine erste Liebe. Lange vor Jimmy. Da saß ich in Reihe drei, zu einszehn im Modernen Theater. In der Hand eine süßsaure Gurke aus dem Kaufhof, zu dreißig Pfennig, lose. Damals zählten noch die Pfennige. Und die Jahre. Die Filme waren ab zehn, ich aber war erst acht oder neun. War mein erster Knef-Film "Die Mörder sind unter uns" oder "Alraune" oder gar "Die Sünderin"? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich den ganzen Nachmittag lang (14-Uhr-Vorstellung) nur auf eines lauerte: auf sie! Wie sie sich bewegte, wie sie redete - wunderbar!

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Zu Hause war sie auch im Gespräch. Klar, schließlich komme ich aus einer Cineastinnenfamilie. Drei Filme, das war der Wochendurchschnitt meiner Großmutter. Am Wohnzimmertisch waren die Stars mit von der Partie: Elisabeth Bergner, Brigitte Horney oder Marlene Dietrich. Das verzeihen die Deutschen ihr nie, dass sie nach Amerika gegangen ist, pflegte meine Großmutter zu sagen. Genauso wenig wie der Dietrich. Und als die Knef dann Triumpfe als Ninotschka am Broadway feierte, da hieß es bei uns: Das werden sie ihr auch nicht danken, dafür sind sie viel zu spießig.

Es war die hohe Zeit des Försters im Silberwald, die falsche Zeit für eine wie Knef. Weltstar hätte sie werden können, aber es war eben nicht der Moment für so eine. Dieses Androgyne, bei aller Weiblichkeit. Dieses Starke, bei aller Verletzlichkeit. Dieses Intellektuelle, bei aller Leidenschaft. "Eine Marlene Dietrich für intelligente Männer" hat die Knef mal einer genannt. Für intelligente Frauen auch.

Doch wie das so ist mit den Jugendlieben: Ich habe sie aus den Augen verloren, bin untergetaucht in all den Elvis', Jimmys und Anthonys. Aber im Augenwinkel habe ich sie weiter verfolgt. Und zunehmend mehr von ihr begriffen. 1925 geboren und bei einem geliebten Großvater aufgewachsen. Als Kind einsam und zunehmend verzweifelt. Auf der Flucht trägt die 19-Jährige eine Soldaten-Uniform ("Sollte ich warten, bis ich vergewaltigt werde?") und kommt zusammen mit 40.000 deutschen Männern in russische Gefangenschaft. Als einzige Frau. Spätestens da wird sie gelernt haben, die Stimme, mit der sie später "der größte Sänger der Welt ohne Stimme" wurde (Ella Fitzgerald), so runterzudrücken.

Gleich 1946 spielte die Ex-Ufa-Schauspielerin dann in den noch rauchenden Trümmern von Berlin mit dem damals interessantesten Regisseur, mit Wolfgang Staudte. Sie ist die Frau in "Die Mörder sind unter uns", wo es vor allem um einen Mann geht. Schon da ging es los mit der Brechung der spröden, androgynen Schönheit. Staudtes Story: Ein deutscher Soldat wird mit der Schuld nicht fertig, zugesehen zu haben, wie seine Kameraden in Russland Widerständler exekutieren. Der Mann quält sich bis zum bitteren Ende, und noch nicht einmal Hildegard, die die gemeinsame Trümmerwohnung fegt und ihm mit vorgebundener Schürze das Essen serviert, kann den Verstörten retten. Nur ganz en passant und wie zufällig erfahren wir, dass sie ihrerseits eine KZ-Überlebende ist - was weder mit ihm, noch überhaupt weiter thematisiert wird. Unser Mitgefühl gilt dem Mann, nicht der Frau; gilt dem Mittäter, nicht dem Opfer.

1949 geht die "Vaterlandsverräterin" mit dem amerikanischen Besatzungs-Film-Offizier Kurt Hirsch nach Hollywood. Dort wird das deutsche "Fräulein" prompt kaltgestellt. Warum? Die Knef im Rückblick über Hollywood: "Die haben 45 ganz klar die Weltherrschaft übernehmen wollen, und das ist ihnen ja auch prima gelungen, außer bei den Franzosen". Im Ausland zu deutsch, in Deutschland zu fremd. So erging es nicht zufällig allen drei deutschen Filmstars mit Weltformat: Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Romy Schneider.

In den Jahren darauf spielt die Knef in diesem oder jenem Film, wartet im sissiseeligen Deutschland jedoch vergeblich auf eine Rolle, die ihr gemäß ist. 1961 klagt sie in einem Interview: "Ich habe das Pech, dass zur Zeit nur Rollen für Mädchen geschrieben werden - aber ich bin eine Frau."

Mitte der 60er weicht die Schauspielerin auf das Chanson aus, ganz wie zuvor die Dietrich, mit der sie sich in Hollywood eng befreundet hatte. Aber im Unterschied zu Marlene schreibt Hilde ihre Lieder selbst, schöpft aus ihrem Leben und ihrem Talent. Und die in Hollywood und Paris hart Geforderte und Geschulte kreiert mit einem Schlag ein neues Genre, irgendetwas zwischen Chanson, Blues und einem Hauch von Rap (der damals noch nicht erfunden war). Ihre Konzerte werden Triumpfe, ihre Schallplatten Bestseller.

Wenig später, 1970, eröffnet das Multitalent sich ein drittes Terrain: das der Schriftstellerin. "Der geschenkte Gaul" erscheint. "Ich hatte nicht die Absicht, zu schreiben, wie Tante Hilde zum Film kommt", erklärt sie. "Ich wollte über eine Generation in Deutschland schreiben, die noch im Kindergarten war, als Hitler kam." Das ist ihr gelungen. Die mitreißende Erzählerin schaut dem geschenkten Gaul tief ins Maul, ihr Debütbuch wird in 17 Sprachen übersetzt und drei Millionen mal verkauft.

Geld hat die Knef trotzdem nie, weil "kein Verhältnis zu Zahlen", dafür aber beste Kontakte zu Männern, die zählen konnten. Die Ehe mit dem gutaussehenden David Cameron scheitert just in dem Moment, wo sie an Krebs erkrankt. Ihr bleibt die späte Tochter Tinta, mit der sie Mutterliebe öffentlich aufführt. Heute pflegt die Tochter in Kalifornien wilde Tiere.

Es ist nicht leicht zu verstehen, dass eine so kluge und (selbst)ironische Frau wie die Knef gleichzeitig so kitschig und masochistisch sein konnte. Diese Zirkusmaskeraden, diese Affenmutterliebe, diese öffentlichen Krankheiten (60 Operationen haben wir mitgezählt). Es war wohl ihre lebenslange Zerrissenheit - die Zerrissenheit einer Zu-früh-Emanzipierten.

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Der Vergewaltigung entgehen

Hildegard Knef in dem Film "Die Mörder unter uns".
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Tage später kamen wir an das Lager. Ein Feld, ein paar Baracken, Stacheldraht. Soldaten lagen an den Barackenwänden, betrachteten unsern Einzug. Wir waren nicht mehr viele. Sie brachten uns in einen leeren Raum, schlossen ab. Morgens kam ein Offizier, rief: "Haare schneiden". Zwei russische Soldaten standen hinter ihm, klapperten mit den Scheren. Ich stöhnte, krümmte mich, jammerte, E. v. D. sagte wieder: "Er krank". Ich rannte an ihnen vorbei, tat, als ob ich die Latrine suchte, rannte zur hintersten Baracke, setzte mich zwischen die Gefangenen, sagte: "Ich bin 'ne Frau." Sie starrten mich an, hatten Angst, einige standen auf, gingen weg, andere blieben, rückten näher, schirmten mich ab.

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Abends war Appell, wir standen in Viererreihen, einer machte Meldung. Zwei russische Offiziere liefen langsam an uns vorbei, hinter ihnen ein paar Polen mit Gewehren. Die Offiziere blieben stehen, begutachteten die Neuzugänge, sprachen miteinander, gingen weiter.

"Was machen die Polen hier?", fragten sie später in der Baracke. "Die suchen Politische, die in Polen eingesetzt waren", sagte ein Gefreiter, "Die suchen Gestapoleute und so." Es war zu voll, um zu liegen, wir hockten, rutschten übereinander, dösten, hörten Keuchen. Zwei schlugen sich um eine Blechschüssel, ein Alter schluchzte: "Der hat sie mir geklaut, Mensch, die Eignen klauen einem die Klamotten." Der Jüngere schlug ihm ins Gesicht, sagte: "Du lügst, du Schwein." Erschöpft brachen sie ab, dösten weiter. "Wir müssen hier raus", flüsterte E. v. D., "Sie werden dich verraten, um ihre eigene Haut zu retten."

Ich setzte mich zwischen die Gefangenen und sagte: Ich bin 'ne Frau.

Im Morgengrauen schlossen sie die Tür auf, zwei junge Russen standen da, sagten: "Auf." Wir drängten an ihnen vorbei; der Jüngere, er war sechzehn oder siebzehn, hielt mich fest, zeigte auf meinen silbernen Einsegnungsring. Ich zog, er rührte sich nicht, ich zog stärker, er saß fest, saß auf geschwollener Hand, bewegte sich nicht, ich zerrte, die Haut platzte, der Ring blieb. Der Junge nahm ein Taschenmesser, machte sich daran, den Finger abzuschneiden. Ich sah ihn an, sah sein pickliges Kindergesicht, glaubte es nicht, glaubte es doch, sah nichts mehr, drückte seinen Hals, drückte den Adamsapfel, hörte das Messer fallen, sah seine Augen mit weißblonden Wimpern. Sie rissen mich weg, der Junge rannte mit seiner Maschinenpistole und seinem Munitionsgurt über den Barackenweg auf das Tor zu. E. v. D. lag an der Tür, der Junge hatte ihn umgerannt. Wir saßen auf dem Boden, warteten. Er kam nicht wieder, auch am nächsten Morgen nicht.

Wir standen in Appellformation, standen seit Stunden, es regnete. "Ob ich mit dem Taschenmesser die Haare schneiden kann", flüsterte ich. "Sei still", zischte E. v. D. Ein russischer Offizier kam aus der Baracke, ging rasch an uns vorbei, zwei Polen liefen hinter ihm her, stockten, sagten: "Du". Ein Volkssturm-Alter in brauner Jacke, grauer Hose und italienischer Militärmütze reckte sich hoch, hielt Hände an verdreckte Hose. "Wo du herkommen?"

"Berlin", zitterte er, "Berlin-Neukölln." – "Wo du gewesen?" – "Berlin, eingezogen bei Kriegsschluss." Neben mir nuschelte einer: "Die halten ihn für die Polizei, der hat die Jacke an." – "Du in Polen." – "Nein", brüllte der Alte, "nein, war nicht …" Sie schlugen auf ihn ein, er taumelte noch einmal hoch, sie schlugen, bis er tot war. Sie führten uns weg, riefen: "Ihr Schweine, alle Schweine." Mein Kiefer tat weh, die abgebrochenen Zähne jaulten. Zorn, Jähzorn hielt mich wach.

"Sie werden uns sieben, und wer nicht politisch war, den werden sie entlassen, das habe ich vom Leutnant gehört." – "Quatsch, die bringen uns nach Sibirien." – "Die sind froh, wenn sie uns los sind, die wollen bloß die Politischen." Sie rätselten, hofften, gaben auf.

Im Lager war Typhus, Ruhr- und über allem, zwischen allem, vor allem: Läuse. Wir knipsten Tag und Nacht, sie hatten Ersatz, wurden mehr, hatten Nachschub, waren Armee, Läusearmee.

Er zeigte mir ein kleines Bild: Das ist meine Tochter, sie ist umgekommen.

Am Nachmittag kam ein polnischer Offizier, er ließ die Verwundeten und Kranken heraustreten. E. v. D. blieb stehen, flüsterte: "Sie werden sie umbringen, den Rest nehmen sie mit." Der Pole stellte Fragen, machte Notizen, ließ sich Zeit. Mich sah er an, lange, bewegungslos. Um mich herum wurden sie unruhig, schnaubten, kratzten, er blieb stehen, sah mich nur an. Endlich sagte er: "Komm." Ich trat vor, er nahm den Helm ab, die Baskenmütze. "Was du hier machen?" Ich antwortete nicht, dachte: Schlag doch zu, schlag mich doch tot. Jähzorn kam hoch, überspülte, überflutete. "Was du hier machen?" Ich antwortete nicht, wartete auf den ersten Schlag. "Komm mit", sagte der Pole. Die Russen glotzten mich an, wir gingen an ihnen vorbei, durch das Lagertor, auf ein Bauernhaus zu.

Im ersten Stock war ein dunkles Zimmer, er nahm ein Streichholz, zündete eine Kerze an, setzte sich hinter einen Tisch, deutete auf eine Wäschetruhe, sagte: "Setz dich." Er kaute an einem Zigarettenstummel, zog eine Brieftasche heraus, nahm ein kleines Bild, hielt es über den Tisch: "Kennst du sie?" Es war ein Mädchen, es saß auf einer Bank, Beine übereinander geschlagen. Das Mädchen sah aus wie ich. Es war still im Zimmer, bis auf das leise Schmatzgeräusch, das er mit seiner Zigarette machte. Wir sahen uns an, nach einer Weile: "Wo kommst du her?" – "Aus Berlin, Wilmersdorf." – "Wer sind deine Eltern?" – Ich sagte es. – "Deine Großeltern?" – Ich sagte es.

Sein Deutsch war besser geworden, seit wir allein waren. Er zeigte auf das Bild: "Das ist meine Tochter, sie ist umgekommen bei einem Angriff auf Warschau."

Ich dachte an den toten Volkssturm-Alten, fragte: "Werde ich jetzt erschossen?" – "Vielleicht sind wir verwandt", sagte er. Er fragte mich aus, wollte wissen, wo die Familie gelebt, wann der Großvater nach Berlin, warum ich nicht Polnisch könne.

"Werde ich jetzt erschossen?", fragte ich. – "Ich bin Arzt", sagte er, war verärgert, stand auf, ging weg. Zwei Russen standen in der Tür, grinsten mich an. Der Arzt kam wieder, sagte: "Sie wollen dich verhören, sag alles, was du weißt." Sie brachten mich ins Erdgeschoss, stießen eine Tür auf, nahmen Haltung an.

Ich dachte: Sie werden mich erschießen, aber ich werde nicht kriechen.

Zwischen Rauchschwaden sah ich erhitzte Gesichter. Es waren fünf, sie saßen hinter einem großen Bauerntisch, vor einer Landkarte, drei trugen Offiziersuniform, zwei olivgrüne Jacken, die ich nicht kannte. Sie zeigten auf einen dreibeinigen Hocker, ich setzte mich, die Beine rutschten weg, ich lag auf dem Boden. Der Jähzorn flammte hoch, machte mich heiß, ließ die Läuse tanzen. Ich stand auf, wackelte vor Wut, vor Durst, vor Hunger, vor Angst. Sie waren überrascht, hatten nicht gewusst, dass der Hocker weichbeinig, lachten ein bisschen.

Ich dachte: Sie werden mich erschießen, aber ich werde nicht kriechen. Ein Offizier mit schiefen grauen Augen sagte: "Hitler kaputt, Germanski kaputt." Ich sah ihn an, dachte: Das haben schon die Muschiks gesagt, könnte dir auch war Besseres einfallen. Er sah's mir an, maß seine Wut mit meiner Wut, sprang auf, brüllte: "Was du hier machen, was du in deutscher Armee, du Spion!" Sie werden Fragen stellen, werden sie selber beantworten, werden mich erschießen, was soll der Quatsch dachte ich. "Was du in deutscher Armee?"

"Ich wollte nicht vergewaltigt werden", sagte ich. Er schlug mit der flachen Hand, es tat nicht besonders weh, es klatschte nur, ich ließ mich fallen, blieb liegen, dachte: Mit mir nicht, wenn du mich schlagen willst, bin ich so lange ohnmächtig, bis dir die Zähne ausfallen. Ich blieb liegen, sie gossen mir was Kaltes ins Gesicht, klopften ein bisschen an mir herum, gossen Kaltes nach, sagten: "Was du in Armee?"

Ich stand auf, sagte: "Ich wollte nicht vergewaltigt werden." Er klatschte wieder, brüllte:" Russische Soldaten vergewaltigen nicht."

Wie in der Schule dachte ich – wie bei der Weise – man darf nicht die Wahrheit sagen. Ich hatte keine Angst mehr, konnte nicht mehr zurück, wollte es kurz machen, es hinter mich bringen: "Ich habe es gesehen, die Frauen sind aus den Fenstern gesprungen an der Heerstraße, in der Nacht hab' ich es gesehen im Feuerschein, die Russen standen in den Fenstern."

Sie guckten sich an, zeigten wieder auf den Stuhl, vergaßen, dass er zusammengebrochen war. Der Grauäugige brüllte noch mal: "Russische Soldaten vergewaltigen nicht, deutsche Schweine vergewaltigen", setzte sich, sprach mit den anderen.

Er übersetzte, sie lachten, gaben mir Wodka. Er brannte im leeren Magen.

Ein Olivgrüner redete auf ihn ein, der Brüller übersetzte. Er zog mich vor die Landkarte, sagte: "Wie ist deutsche Armee gekommen?"

Ich zeigte auf Spandau, Nauen, Friesack, sagte: "Da hinter Friesack haben uns die Polen gefunden." – "Wo wolltest du hin?" – "Zu den Amerikanern." – "Warum?" – "Ich wollte nicht vergewaltigt werden."

Diesmal überhörte er es. Er trat kurz mit dem Fuß gegen die Wand, scharrte wie ein Pferd, kaute an seiner Papyrossi. "Wie hieß der General?" – "Das weiß ich nicht." – "Wie hieß der General?" – "Ich weiß es doch nicht, es war ein Panzergeneral, haben die Soldaten gesagt." – "Wie hieß er?" – "Ich weiß nicht, hab' ihn nie gesehen." – "Wie heißt du?"

Ich sagte: "Martina Wulf." In der Schule hatten sie mich manchmal Martina genannt, Martina-Albertina – Alike hatte ihr "Martl" draus gemacht –, und Wulf sollte ich mal heißen, von Wulfestieg abgeleitet, weil sie Knef nicht schön genug fanden für den Film, für die Plakate.

"Wir haben deinen Mann gefunden, du heißt Demandowsky, ihr habt vor Kriegsschluss geheiratet."

Einer hat ihn verpfiffen, dachte ich – wieso sagt er seinen Namen, den wusste doch keiner. "Das habe ich vergessen", sagte ich lahm.

Er übersetzte, sie lachten, schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, lachten, gaben mir Wodka. "Vergessen", prustete er. Der Wodka brannte im leeren Magen, sie sagten: "Trink, trink Wodka."

Ich wachte auf, es war schwarz, ich tastete, stieß gegen eine Wand, gegen Bettpfosten. Es stank, stank süßlich. Ich zog mich hoch, auf dem Bett lag was Weiches, meine Hände griffen in Klebriges, ich schrie: "Hilfe, Hilfe" – die Tür ging auf, ein russischer Soldat stand da, hielt Kerzenstummel, beleuchtete aufgeschnittenen Bauch, verzerrtes Greisinnengesicht, er machte das Fenster auf, sah runter, nahm den Körper, warf ihn raus, sagte: "Gutt", strahlte mich an, schloss wieder ab. Ich legte mich auf den Boden, kotzte Wodka und anderes, schlief wieder ein.

Am Morgen holten sie mich raus, setzten mich auf einen Leiterwagen, fuhren los. Ein russischer Soldat hielt die Zügel, rief "Komm" – zog mich auf die Bank neben sich, griff in die Tasche, nahm losen Zucker, sagte: "Du." Ich nahm vorsichtig, er hielt seine Riesenhand vor meinen Mund, schüttete ihn rein, schlug mir auf die Schulter, jauchzte: "Du Frau, du gutt."

Sie zeterten, rannten hinter uns her, wollten mich haben.

Im Dorf standen Frauen in polnischer, in russischer Uniform, sie liefen nebenher, brüllten zu den Soldaten rauf. Eine zerrte an meinem Fuß, rief: "Schlag sie tot, schlag Deutsche tot." Der neben mir spuckte auf den Boden, schlug die dürren Klepper, sagte: "Du gutt." Sie zeterten, rannten hinter uns her, wollten mich haben. Am Barackentor hielten wir, sie standen in Sechserreihen.

E. v. D. griff nach seinem Stiefel, wollte mir damit sagen, ich soll das Messer wegwerfen. Am Abend kamen wir an ein Feld, um das Feld Stacheldraht; sie wurden durch das Tor getrieben, Wachen stellten sich auf, der Leiterwagen zoddelte weiter, hielt vor einem Bauernhaus. Ein Olivgrüner und die drei vom Tag zuvor waren schon da. Sie fragten mich wieder, fragten dasselbe, gaben mir Wodka, sperrten mich ein. Nach Stunden ging die Tür auf, sie schubsten jemanden rein, es war E. v. D.

Er sprach schnell: "Vielleicht lassen sie dich frei. Wenn du rauskommst, geh zu Viktor de Kowa, er ist ein Freund, unsere Ansichten sind nicht die gleichen, aber er ist anständig, er wird dir helfen, erzähl ihm alles. Du musst sehen, dass du wegkommst. Denk dran, sie können kranke Frauen nicht leiden, fassen sie nicht an – hinke oder sonst was, schmeiß das Messer endlich weg. Versteck dich am Tag."

Auszug aus: Hildegard Knef 'Der geschenkte Gaul' (TB Ullstein)

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