„Den Tschador weggeworfen!“

Mina Ahadi konnte aus dem Iran fliehen. In Deutschland gründete sie den Zentralrat der Ex-Muslime. - Foto: Bettina Flitner
Artikel teilen

Du stehst in direktem Kontakt mit den „Mädchen der Revolutionsstraße“. Wie schätzt du ihre Situation ein?
Einige haben sehr große Probleme. Denn das islamische Regime bekämpft diese mutigen Frauen vehement und setzt sie mit allen Mitteln unter Druck. Einige wurden auch festgenommen und sitzen noch im Gefängnis, andere wurden gegen Kaution freigelassen. Das heißt, sie stehen jetzt unter der totalen Kontrolle des Regimes. Die Frauen, die im Gefängnis waren, berichten von Erniedrigungen und stundenlangen Verhören. Aber ich bin mir sicher: Diese Frauen werden weitermachen. Sie sind im Iran jetzt sehr bekannt – und beliebt.  

Hat ihr Protest eine Chance auf Erfolg?
Der Kopftuchzwang wird nur aufgehoben werden, wenn auch das islamische Regime verschwindet. Das Kopftuch ist ihr Machtsymbol, deswegen ist der Kampf dagegen im Iran auch so wesentlich für die Freiheit aller. Ich glaube, dass die Frauen Erfolg haben werden: Schon jetzt sind ihre Kopftücher mindestens kunterbunt, viele lassen ihre Haare vorblitzen und manche wagen es, das Kopftuch ganz auszuziehen. Das Regime kann die Frauen nicht mehr stoppen.

Was sagst du zu Trumps Sanktionen gegen den Iran – und Europas Reaktion darauf?
Das Hauptproblem im Iran ist das islamische Regime. Dieses Regime müssen wir abschaffen! Aber die USA, die Europäische Union und auch Russland sind Teil dieses Problems, nicht die Lösung. Ich finde, dass wir nicht entweder Trump oder die EU ­unterstützen sollten. Aber ich finde auch, dass die EU das islamische Regime nicht verteidigen darf. Sondern endlich die Millionen Menschen, allen voran die Frauen, ernst nehmen sollte, die seit 2009 mit allen Mitteln gegen dieses Regime kämpfen.

Du bezeichnest dich selbst als Ex-Muslimin. Warum?
Ich bin im Iran in einem kleinen Dorf geboren worden, lange vor der Revolution. Dort war man automatisch Muslimin. Ab meinem neunten Lebensjahr durfte ich nur noch im Tschador auf die Straße gehen. Ich habe meine Mutter gefragt: Warum bin ich nicht so frei wie meine Brüder? Die Antwort lautete immer: Weil wir Muslime sind, Allah will es so! Als ich 14, 15 Jahre alt war, habe ich den Koran auf Persisch gelesen. Um zu verstehen, warum Allah das alles so will. Und vieles schien mir so widersprüchlich. Ich hatte danach einfach keinen Glauben mehr. Ich bin dann nach Täbris gezogen, um Medizin zu studieren. Am ersten Tag habe ich als erstes meinen Tschador weggeschmissen.

Und wie hast du als junge Frau im Iran des Schahs gelebt?
Ich konnte ins Kino, ins Café und in die Disko gehen. Aber an der Uni habe ich trotzdem gemerkt: Es gab Denkverbote. Marx war verboten, Tolstoi auch. In dieser Zeit habe ich mich einer kommunistischen Organisation angeschlossen, gegen den Schah. Und so ging es los.

Was hat sich mit der Vertreibung des westlich orientierten Schahs und mit Khomeinis Rückkehr aus dem Pariser Exil dann für dich verändert?
Als wir Frauen auf BBC hörten, dass es da einen gewissen Khomeini gibt und er ­angeblich der Anführer dieser Revolution gegen den Schah sei, da haben wir noch gelacht! „Wer ist denn dieser Khomeini?“, haben wir gefragt. „Das hier ist doch keine islamische Revolution! Wir möchten einfach ein besseres, ein freieres Leben.“ Aber wir waren von Anfang an machtlos. Der erste Schritt des Khomeini-Regimes war dann die Einführung des Kopftuchs. Kopftuch oder Prügel.

Habt ihr euch gewehrt?
Wir haben Anfang 1979 Demonstrationen gegen die Zwangsverschleierung organisiert. Erst an der Universität. Dann vor einer Mädchenschule. Da kamen fast 2.000 Menschen. Und bärtige Männer, die uns bedroht haben. Bei der nächsten Demo hatten die bärtigen Männer dann Messer. Und bei der übernächsten Kalaschnikows. Da haben wir aufgehört zu demonstrieren.

Bist du zu diesem Zeitpunkt schon verfolgt worden?
Ich wollte ein paar Tage später wieder an die Universität zurückgehen. Und als ich meinen Ausweis vorzeigte, hat mir ein Mann den Zutritt verwehrt. „Es gibt eine Liste, auf der auch dein Name steht“, hat er zu mir gesagt. Sie hatten mich also von der Hochschule ausgeschlossen. Um Geld zu verdienen, habe ich in einer Pepsi-Cola-­Fabrik gearbeitet. Und ich war weiter politisch aktiv, zusammen mit meinem Ehemann. Eines Tages – ich kam gerade von der Arbeit nach Hause – habe ich schon von weitem die bewaffneten Revolutionswächter vor unserem Haus gesehen. Sie hatten unsere Wohnung durchsucht und meinen Mann und weitere Freunde festgenommen. Ich habe meinen Mann nie wiedergesehen. Einen Monat später haben sie ihn hingerichtet, im Zuge der ersten großen Hinrichtungswelle im Iran.

Und du?
Ich musste abtauchen. Sie hatten überall in der Stadt mein Foto verteilt, denn eigentlich hatten sie ja mich gesucht. Ich war die Aktivste von uns allen. Ich habe mich erstmal bei einer Freundin in Teheran versteckt. Das war aber irgendwann zu gefährlich für sie, also bin ich ständig von Wohnung zu Wohnung gezogen. Später hat das Regime dann auch gegen mich die Todesstrafe verhängt.

Wieso haben sich damals nicht mehr IranerInnen gegen die Mullahs gestellt?
Na ja, es war eine sehr aufgeladene, sehr komplizierte Situation. Khomeini war populistisch und hat die Massen aufgeheizt. Viele Iraner haben auch die Zeit unter dem Schah als Diktatur empfunden. Und nicht zu vergessen: Die Islamisten haben auch schon unter dem Schah ihre Macht ausgebaut. Die Opposition gegen die Mullahs war darüber hinaus gespalten. Die einen haben gesagt: Die neue Regierung ist anti-imperialistisch, wir müssen darum die Hinrichtungen und das Kopftuch akzeptieren. Hauptsache Unabhängigkeit von den USA! Die Regime-Gegner, Männer wie mein Großvater zum Beispiel, waren in der Minderheit. Er war Atheist und von Anfang an gegen Khomeini. Und viele glaubten auch, es handele sich nur um eine Übergangsphase. Und was auch wichtig ist: Das islamische Regime war von Anfang an sehr gewalttätig. Die Religionswächter waren auf den Straßen omnipräsent. Und auch einige junge Menschen, die sehr ideologisiert waren, waren gefährlich. Es hat zwei, drei Jahre gedauert, bis die Menschen im Iran total verängstigt waren. Ich dachte anfangs: Jetzt muss ich mich umbringen!

Du bist stattdessen in die kurdischen Grenzgebiete zwischen Iran und Irak geflüchtet.
Ja, mein Mann und ich hatten dort Kontakt mit einer kurdischen Organisation. Die Flucht war für mich sehr gefährlich, aber ich bin mit einer Kurdin gereist, die mir ihr Baby in den Arm gedrückt hat. Und immer, wenn wir von den Revolu­tionswächtern kontrolliert worden sind, hat sie gesagt: Sie ist nur eine Mutter, sie reist mit mir. Zehn Jahre habe ich in Kurdistan gelebt, in einem Zelt in den Bergen. Ich war Partisanin, aber nicht im Krieg. Ich habe Radio gemacht. Das war auch die Zeit des Iran-Irak-Krieges. Ich war dabei, als Saddam Hussein 1988 den Giftgas­anschlag verübt hat.

Und wie hast du überlebt?
(lacht) Das frage ich mich heute auch oft. Aber es gab ja keinen Ausweg. Damals haben wir gar nicht daran gedacht, dass wir nach Europa gehen könnten. Bis das „Zentralkomitee“ – so hieß das – gesagt hat: Ahadi, du gehst nach Wien!

Das muss ein ziemlicher Kulturschock ­gewesen sein.
In Wien war mir ständig schwindelig. Ich hatte Angst, einfach so durch die Straßen zu laufen. Nach sechs Monaten habe ich dann Asyl bekommen. Bei der Gesundheitsuntersuchung hat sich herausgestellt, dass ich schwanger bin. Kurz darauf kam dann auch mein zweiter Mann nach Wien. Ich habe als Krankenpflegerin gearbeitet und habe wieder angefangen, mich politisch zu vernetzen. 1995 bin ich mit einer Frauendelegation nach Peking gereist, zur Weltfrauenkonferenz. Wir wollten dort eine Resolution gegen die Steinigung anleiern.

In Peking ist Hillary Clintons berühmter Satz gefallen: „Frauenrechte sind Menschenrechte“.
Das ist natürlich ein wichtiger Satz – aber für mich sind es vor allem hohle Worte! Bei Hillary Clinton denke ich eher daran, dass auch sie den Islamisten geholfen und die Taliban finanziert hat. Die meisten Frauen im Westen haben uns Iranerinnen ja nicht nur einfach ignoriert. Sie haben die Gewalt gegen uns relativiert. Alice Schwarzer, die seit ihrem Besuch in Teheran 1979 über die Verbrechen der Islamisten aufgeklärt hat, war eine große Ausnahme. Als wir 1995 auf der Weltfrauenkonferenz in Peking über die Steinigung und den Kopftuchzwang diskutieren wollten, haben sie zu uns gesagt: Ach, das sind doch Einzelfälle! Oder: Das ist kulturbedingt! Die Welt ist vielfältig, da müssen wir tolerant sein. Ich war schockiert! 2001 habe ich ein Komitee gegen Steinigung gegründet, 2004 ein Komitee gegen die Todesstrafe …

… und 2007 dann den Zentralrat der Ex-Muslime.
„Wir haben abgeschworen“, das war unser Slogan. Analog zur Kampagne für das Recht auf Abtreibung. Das war zu der Zeit, in der wir auf einmal alle das gleiche Etikett bekommen haben: die Muslime. Ich weiß noch, wie ich dem WDR ein Interview zum Thema Steinigung gegeben habe. Und abends sitze ich mit meinem Mann und meinen Kindern vorm Fernseher und da steht: Mina Ahadi, Muslimin. Was soll das? Etwas später hat die Regierung die Deutsche Islam Konferenz organsiert und unzählige islamistische Organisationen an Bord geholt, mit direkten Kontakten in den Iran oder nach Saudi-Arabien. Deswegen haben wir den „Zentralrat der Ex-Muslime“ gegründet. Ich stehe seitdem immer wieder mal unter Polizeischutz. Zu meiner Familie im Iran habe ich keinen Kontakt mehr.

Und wovon lebst du eigentlich heute?
Ich bekomme unter anderem ein Stipen­dium von der Giordano Bruno Stiftung.

Bekommst du in Deutschland Zuspruch?
Von den Menschen bekomme ich sehr viel Zuspruch. Auch von denen, die gerade erst geflüchtet sind. Die sind ja froh, dass sie hier ein modernes Leben führen können. Nur die traditionell linken Parteien ignorieren meine Arbeit total. Oder sie ­bezeichnen mich als „Rassistin“. Alle demokratischen Parteien haben beim Thema Islamismus versagt.

Was können wir tun?
Viel. Einen kleinen Vorschlag habe ich schon: Am 25. November 2018, dem Inter­nationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, sollten wir weltweit auf die Straße gehen und den Kampf der Iranerinnen gegen den Kopftuchzwang unterstützen. Wir könnten jetzt anfangen, das zu organisieren. Musliminnen, Ex-Musliminnen und Nicht-Musliminnen.

Im Netz:
www.exmuslime.com

Ausgabe bestellen
Anzeige
'

Sie kämpfen für ihre Schwestern

Foto: Kaveh Kazemi/Getty Images
Artikel teilen

Auch den Mädchen der Revolutionsstraße drohen drakonische Haftstrafen und Peitschenhiebe. Kürzlich erst wurde eine der bekanntesten Aktivistinnen, Shaparak Shajarizadeh, zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach EMMA-Informationen befindet sie sich inzwischen im Ausland.

Anzeige

Und auch der 16-jährigen Maedeh Hojabri drohen vier Jahre Gefängnis und 80 Peitschenhiebe - sie hatte auf Instagram Tanz-Videos veröffentlicht. Seither folgen zahlreiche IranerInnen im In- und Ausland ihrem Beispiel. Sie tanzen aus Protest gegen die Verhaftung der jungen Frau. So wie schon am vergangenen Freitag in Köln vor der Ditib-Moschee. Und am Montag vor der iranischen Botschaft in Berlin. Auf Twitter läuft die Aktion unter dem Hashtag #DanceForFreedom.

In der letzten Ausgabe berichtete EMMA über diesen neu auf­flammenden Protest der Enkelinnen-Generation im Iran, den „Mädchen von der Revolutionsstraße“. In  der Juli/August Ausgabe porträtieren wir vier Iranerinnen im deutschen Exil: Sie sprechen über ihre relativ freie Jugend im Schah-Regime, über ihre Todesängste im Khomeini-Regime, ihre Flucht und ihr Leben im Exil.

Sie sind sehr unterschiedlich, sind Apothekerin, Unternehmerin oder Künstlerin – aber alle sind politisch engagiert gegen die iranische Diktatur und fordern Solidarität mit den Oppositionellen im Iran.

Bemerkenswert: Diese Exil-Iranerinnen befürworten überwiegend den Boykott des iranischen Regimes! Ihr Argument: Damit es irgendwann ein Ende hat und die Menschen wieder frei sind.

Mina Ahadi: "Ich habe den Tschador weggeworfen"

Mojdeh Noorzad: "Ich habe Nein gesagt!"

Parastou Forouhar: „Ich kämpfe um die Ehre meiner Eltern!“

Hourvash Pourkian „Mein Leben war wunderschön!“

Weiterlesen
 
Zur Startseite