„Ich habe Nein gesagt!“

Mojdeh Noorzad (links mit ihrer Mutter) wurde im Iran verfolgt und lebt seit 34 Jahren in Köln. - Foto: Bettina Flitner
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Was bedeutet dein Name eigentlich?
Mojdeh heißt so viel wie „gute Nachricht“. Meine Eltern hatten schon drei Töchter. Als meine Mutter mit mir schwanger wurde, hat sich mein Vater damals noch ein Mädchen gewünscht – und dann kam ich. Deswegen heiße ich Mojdeh. Du siehst: Ich hatte einen tollen Vater.

Du kommst also aus einer liberalen Familie.
Sehr liberal! Ich bin in einer kleinen Stadt im Nordiran aufgewachsen, Amol. Meine drei Schwestern und ich durften eigentlich immer alles machen, was wir wollten. Meine Jugend war traumhaft schön.

Und warum hast du dich politisch engagiert?
Mit 15, 16 Jahren sind mir allmählich die sozialen Unterschiede im Iran bewusst geworden. Das war noch in der Schah-Zeit. Auf der einen Seite so viel Wohlstand, auf der anderen Seite so viel Armut. Da hat es bei mir Klick gemacht. Warum muss das in einem reichen Land wie dem Iran so sein? Damals habe ich angefangen, politische Aufsätze zu schreiben. Kurz vor meinem Abitur, im September 1978, ging dann die Revolution los. Ich habe mich einer linken Organisation gegen den Schah angeschlossen und die Proteste ­unterstützt.

Und dann?
Wollte ich erstmal studieren. Chemie! Nach zwei Semestern haben die Mullahs die Universitäten geschlossen, weil sie gemerkt haben, dass sie die Studierenden nicht mehr unter Kontrolle hatten. Das war 1980. Ich musste zurück, erst nach Amol und dann weiter nach Shahi ziehen. Dort habe ich für meinen Schwager gearbeitet, einen Pathologen. Und ich war weiter politisch aktiv, jetzt gegen Khomeini.

Wie hast du die Situation der Frauen ­damals erlebt?
Wenn ich ehrlich bin, haben mich damals als linke Aktivistin andere Themen mehr interessiert. Aber ich habe immer mit dem Protest der Frauen sympathisiert. Am 7. März 1979 hat Khomeini seine berüchtigte Rede gehalten, in der er gefordert hat, dass Beamtinnen ab jetzt mit dem Kopftuch zur Arbeit kommen müssen. Einen Tag später, am 8. März, gab es einen regelrechten Aufstand der Frauen im Iran. Millionen sind in den großen Städten auf die Straße gegangen. In Teheran ging das sechs Tage lang. In Amol gab es damals keine Demo, das war ja eine kleine Stadt.

Habt ihr beim Abendessen in der Familie über die neuen Machthaber, die Mullahs, diskutiert?
Für viele Iranerinnen und Iraner hat es erst mal gar keine Rolle gespielt, dass es jetzt Mullahs waren, die nach der Macht griffen. Hauptsache, sie waren gegen den Schah. Aber mein Vater war immer skeptisch. Die Mullahs haben ja sogar behauptet, sie würden Khomeinis Abbild auf dem Mond sehen. Meine Eltern haben damals schon ­gesagt: Das ist doch Quatsch! Und dann kam das Referendum. Es gab nur zwei Wahlmöglichkeiten: Entweder für den Schah – oder für die Islamische Republik. Wir haben das Referendum damals boykottiert. Ich gehöre also zu den Menschen, die von Anfang an Nein gesagt haben. Darauf bin ich stolz.

Wie hoch war der Druck auf die Menschen damals schon?
Riesig. Das Referendum hat ganze Familien gespalten. Zu meinen Eltern und Geschwistern haben sie gesagt: Eure Tochter Mojdeh ist schuld, dass ihr so über die ­Revolution denkt! In Amol wusste jeder, wie der andere abgestimmt hat – und wer bei welcher Organisation politisch aktiv war. Deswegen war es dann ja auch irgendwann so gefährlich für mich, und ich konnte nicht mehr länger bleiben.

Wurdest du denn verfolgt?
Ja, im Juni 1981 begannen die Verhaftungs- und Hinrichtungswellen. Die Revolutionsgarden haben unser Haus gestürmt. Und weil wir darauf nicht vorbereitet waren, lag alles herum: meine Bücher, meine Notizen und auch der Kalender der Organisation, bei der ich ­aktiv war. Glücklicherweise waren weder ich noch meine Eltern zu Hause. Ich wollte mich gerade aus Teheran auf den Weg machen, als mein Onkel anrief und mir sagte, dass ich nicht nach Amol zurückkommen kann.

Und wie bist du entkommen?
Meine Schwester und mein Schwager in Teheran haben mich aufgenommen, dafür bin ich ihnen bis heute dankbar, das war ja ein immenses Risiko. Ich war weiterhin politisch aktiv, bei einer Splittergruppe der Volksfedajin. Mein Schwager wusste, dass in meinem Zimmer die Schreibmaschine stand, mit der wir unsere Flugblätter getippt haben. Eines Abends hat er angefangen, tippen zu lernen. Und ich habe ihn gefragt: Wozu brauchst du das? Und er hat geantwortet: Wenn die kommen, dann sage ich, die Schreibmaschine gehört mir!

Irgendwann bist du dann geflüchtet, nach Deutschland.
Ja, das war 1984. Mehrere aus meiner Gruppe sind verhaftet und hingerichtet worden, am Ende waren wir nur noch zwei Frauen, die übrig waren. Dann wurde mein Vater herzkrank. Früher gab es im Iran keine Bypass-Operationen. Ich habe sehr gut Englisch gesprochen, deswegen bin ich als Dolmetscherin mit ausgereist. Ich hatte sehr große Angst, dass sie mich am Flughafen festhalten. Erst als ich im Flugzeug saß, wusste ich: Ich bin frei. Mein Vater ist alleine in den Iran zurückgekehrt.

Hast du noch Kontakt zu deiner Familie?
Ich und auch mein Mann, wir können nicht mehr in den Iran einreisen. Es wäre einfach zu gefährlich. Als meine Eltern noch lebten, waren sie manchmal auf Besuch in Köln. Und meine Geschwister treffe ich außerhalb des Irans.

Wie lebst du denn heute in Köln?
Sehr zufrieden (lacht). Als ich hier ankam, habe ich natürlich als erstes Deutsch gelernt. Dann wollte ich weiter Chemie studieren – aber alle haben mich gewarnt: Da hast du hier keine berufliche Perspektive. Also habe ich Pharmazie in Bonn studiert und dann bei einer Apotheke in Köln ein Praktikum gemacht. Die haben mich übernommen. 23 Jahre habe ich in dieser Apotheke gearbeitet. Jetzt möchte ich meine eigene Apotheke aufmachen.

Bist du denn noch politisch aktiv?
Ich bin bei keiner bestimmten Organisation mehr. Diese Hierarchien, das ist nichts für mich. Ich nenne mich auch nicht Ex-Muslimin. Ich war ja nie Muslimin. Früher war ich bei Amnesty International aktiv und habe die Kölner Städtegruppe von Terre des Femmes geleitet. Damals haben die den Kampf der Iranerinnen, insbesondere den Kampf gegen die Zwangsverschleierung, noch vollständig ignoriert. Also genau die Themen, um die es mir ging. Heute arbeite ich mit verschiedenen Aktivistinnen und Aktivisten zusammen, unter anderem in dem internationalen Frauen-Netzwerk Iran Women Solidarity. Da bin ich in einer Arbeitsgruppe gegen die Zwangsverschleierung und die Verschleierung von Kindern. Am 8. März haben wir dieses Jahr aus Solidarität mit den „Mädchen der Revolutionsstraße“ auf Kölns Einkaufsmeile Kopftücher symbolisch in Mülltüten gestopft. Ich bewundere die Frauen im Iran sehr für ihren Mut.

Was hältst du von Trumps Sanktionen gegen den Iran – und Europas Reaktion darauf?
Ich bin für Sanktionen, denn ich denke, dass das islamische Regime im Iran nicht reformierbar ist und gestürzt werden muss.  Natürlich dürften Sanktionen Lebensmittel und Medikamente nicht betreffen. Aber durch Sanktionen wird das Regime geschwächt – und die IranerInnen hätten die Möglichkeit, das Regime zu stürzen. Ich denke allerdings auch, dass Herr Trump das Regime im Iran nur zähmen möchte, um keine Konkurrenz im Nahen Osten zu haben. Weder Trump noch Europa geht es um Menschenrechtsverletzungen im Iran. Europas Iran-Politik finde ich skandalös! Denen geht es nur um wirtschaftliche Interessen. Gerade will die deutsche Wirtschaft das Handelsvolumen mit dem Regime im Iran ja sogar in den zwei­stelligen Milliardenbereich anheben

Bist du auf Grund deines politischen Engagements auch in Deutschland gefährdet?
Ja, der iranische Geheimdienst ist auch hier hervorragend vernetzt.

Wie redest du denn mit deinen beiden Töchtern über den Iran?
Wir haben von Anfang an ganz offen mit ihnen gesprochen. Uns blieb ja auch gar nichts anderes übrig: Wir hatten keinen Babysitter, also haben wir sie mit auf die Demos genommen, auf die wir gegangen sind. Der erste Satz, den meine ältere Tochter auf Persisch sagen konnte war: Nieder mit der Islamischen Republik! (lacht) Natürlich würden unsere Töchter heute gerne in den Iran reisen, aber das ist einfach zu gefährlich für sie.

Wie reagieren denn die Menschen in Deutschland?
Die Reaktionen sind sehr positiv. Nur was das Thema Kopftuch angeht, fühle ich mich in Deutschland allein gelassen. Insbesondere von der linken Szene und den Grünen. Die haben eher Verständnis für die Islamisten. Das ist doch absurd! Die sehen gar nicht die Gefahr des Islamismus. Es ist schade, dass sie einer Partei wie der AfD die Möglichkeit geben, das Thema alleine zu besetzen. Zu mir hat sogar schon mal jemand gesagt: Du redest doch wie die AfD! Zu mir! Man stelle sich diese Absurdität vor.

Im Netz:
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Sie kämpfen für ihre Schwestern

Foto: Kaveh Kazemi/Getty Images
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Auch den Mädchen der Revolutionsstraße drohen drakonische Haftstrafen und Peitschenhiebe. Kürzlich erst wurde eine der bekanntesten Aktivistinnen, Shaparak Shajarizadeh, zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach EMMA-Informationen befindet sie sich inzwischen im Ausland.

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Und auch der 16-jährigen Maedeh Hojabri drohen vier Jahre Gefängnis und 80 Peitschenhiebe - sie hatte auf Instagram Tanz-Videos veröffentlicht. Seither folgen zahlreiche IranerInnen im In- und Ausland ihrem Beispiel. Sie tanzen aus Protest gegen die Verhaftung der jungen Frau. So wie schon am vergangenen Freitag in Köln vor der Ditib-Moschee. Und am Montag vor der iranischen Botschaft in Berlin. Auf Twitter läuft die Aktion unter dem Hashtag #DanceForFreedom.

In der letzten Ausgabe berichtete EMMA über diesen neu auf­flammenden Protest der Enkelinnen-Generation im Iran, den „Mädchen von der Revolutionsstraße“. In  der Juli/August Ausgabe porträtieren wir vier Iranerinnen im deutschen Exil: Sie sprechen über ihre relativ freie Jugend im Schah-Regime, über ihre Todesängste im Khomeini-Regime, ihre Flucht und ihr Leben im Exil.

Sie sind sehr unterschiedlich, sind Apothekerin, Unternehmerin oder Künstlerin – aber alle sind politisch engagiert gegen die iranische Diktatur und fordern Solidarität mit den Oppositionellen im Iran.

Bemerkenswert: Diese Exil-Iranerinnen befürworten überwiegend den Boykott des iranischen Regimes! Ihr Argument: Damit es irgendwann ein Ende hat und die Menschen wieder frei sind.

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