Ihre erste Wahl

Isabelle, Pauline und Schali gehen am 24. September zum ersten Mal wählen. © Bettina Flitner
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Sagt mal, was versteht ihr eigentlich unter Politik?
(Alle drei schweigen erstmal verlegen. Dann antwortet Pauline.)
Pauline Na ja, es geht doch darum, wie die Politiker die Gesellschaft und unsere Rechte beeinflussen.
Schali Für mich ist Politik ein Weg, selbst Dinge zu ändern.
Isabelle Genau. Und es ist ja auch nicht so, als könnten wir uns der Politik im Alltag entziehen. Ich finde es unglaublich wichtig, immer informiert zu sein.

Dabei sagt man eurer Generation ja nach, ihr wärt eher unpolitisch.
Isabelle (schüttelt entrüstet den Kopf) Also das kann ich jetzt für mich wirklich nicht sagen! Meine Freundinnen und Freunde sind alle politisch sehr interessiert. Ich weiß noch, dass ich schon im Politikunterricht meinem Lehrer gesagt habe: Sie müssen uns jetzt beibringen, wie man wählt! Dass Leute aus Desinte­resse nicht wählen gehen, das fand ich schon mit 13 zum Fremdschämen.
Pauline Ich habe da das krasse Gegenteil erlebt! Ich bin in der tiefsten Eifel auf dem Land zur Schule gegangen und da haben sich die Menschen häufig einfach gar nicht für Politik interessiert. Ich war auf einer katholischen Schule. Und meine Biologielehrerin ist einfach der festen Überzeugung gewesen, dass eine Frau unter keinen Umständen abtreiben darf, selbst dann nicht, wenn sie vergewaltigt worden ist. Und mit mir im Kurs saßen drei Mädchen, die hatten sogar Feminismus-T-Shirts an. Und ich habe noch zu ihnen gesagt: Sagt doch auch mal was dagegen! Aber sie haben geschwiegen.
Schali Auf meiner Schule war das Politikinteresse auch nicht so groß. Viele in unserem Alter sagen auch, dass es ja eh egal ist, ob man wählen geht oder nicht.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, was euer politisches Interesse geweckt hat?
Schali Also, bei mir hat das sehr viel mit meiner Kindheit zu tun. Meine Eltern sind aus dem Iran geflüchtet, als Ayatollah Khomeini 1979 an die Macht kam. Ich bin damit aufgewachsen, dass ich zwar Deutsche bin, aber anders aussehe als die meisten. Und natürlich stellt man sich dann als Kind die Frage: Wo gehöre ich eigentlich hin?
Pauline Meine Mutter ist alleinerziehend. Mein Vater hat sie verlassen, als ich ein Jahr alt war. Und ich habe als Kind sehr schnell zu spüren bekommen, was das bedeutet. Ich durfte zum Beispiel in keinen katholischen Kindergarten – in der Eifel ist das wirklich ein Problem, denn es gibt fast keine anderen. Alle anderen Mütter waren Hausfrauen, meine Mutter hatte drei Jobs. Und als ich dann in die Grundschule gekommen bin, habe ich auch so langsam begriffen, wie schlecht andere Mütter über meine Mutter reden. Zum Beispiel behaupteten sie, meine Mutter würde anschaffen gehen und solche Sachen. Auch die Lehrer haben mich das spüren lassen. Einer hat mal gesagt: Dass du so schlecht im Unterricht bist, hat doch nur damit zu tun, dass du keinen Vater hast.
Isabelle Meine Mama ist Amerikanerin, sie ist kurz vor meiner Geburt nach Deutschland gekommen. Mein Vater ist Polizist und deswegen ist der Gerechtigkeitssinn von Hause aus bei uns sehr ausgeprägt. Woran ich mich besonders erinnern kann, ist die Bundestagswahl, bei der Angela Merkel das erste Mal gewählt wurde. Ich hab damals gefragt: Papa, warum hängen denn jetzt diese blöden Plakate überall? Und er sagte: Es ist Wahl – und es kann sein, dass das allererste Mal eine Frau Bundeskanzler wird! Angela Merkel war sozusagen mein erster Kontakt zur Politik.

Wie war das denn für euch, unter einer Kanzlerin aufzuwachsen?
Pauline Als Kind hat man das gar nicht begriffen. Ich finde heute: Es geht um ­Inhalte, nicht ums Geschlecht.
Isabelle Ich finde auch gut, dass sie nicht auf ihr Geschlecht reduziert wird. Ich habe jedenfalls noch nie mitbekommen, dass jemand sagt: Angela Merkel ist eine Frau, die kann nix! Sie macht ihren Job, und den macht sie meiner Meinung nach sehr gut.

Welche politischen Themen bewegen euch eigentlich?
Isabelle Gleichberechtigung ist für mich ein Riesenthema. Oder Prostitution. Und dass die Ehe für alle durch ist, finde ich toll. Und Umweltschutz interessiert mich.
Schali Bei mir ist es auch die Gleichberechtigung. Und Umwelt- und Tierschutz. Ich lebe zum Beispiel als Vegetarierin und bin seit kurzem für die Umweltorganisa­tion WWF aktiv. Ich bin auf den Straßen unterwegs, verteile Flyer und kläre Leute über Umweltschutz und Tierrechte auf.
Pauline Flüchtlingspolitik und Integra­tion ist für mich ein ganz wichtiges Thema. Und wie gehen die Parteien mit dem Islam um?

Habt ihr denn den Eindruck, dass sich die Parteien genug um diese Themen kümmern?
Schali Nein! Ich finde das Thema Islam und Integration super schwierig. Meine iranischen Eltern sind zum Beispiel sehr gut integriert. Ich komme aus einer gleichberechtigten Familie. Aber ich sehe auch viele Zugezogene, für die Gleichberechtigung ein Fremdwort ist. Viele Frauen sind verschleiert und machen sich selber kleiner als Männer. Für mich ist deswegen die Trennung von ­Religion und Politik wichtig. Ich finde, dass sich Politiker mehr mit liberalen Muslimen unterhalten sollten. Religion gehört einfach nach Hause oder in die Kirche, nicht ins Parlament. Und dass wir immer alle in einen Topf geschmissen werden …! Sobald du aussiehst wie ich, giltst du sofort als gläubige Muslimin. Und dann beginnen auch die Vorurteile.
Pauline Ich finde, dass das Thema Prostitution viel zu kurz kommt. Da hört man ja gar nichts mehr drüber. Und allein­erziehende Mütter. Die wissen einfach nicht, wie es ist, als Frau in einer Welt zu leben, in der man in einem so großen Ausmaß fremdbestimmt ist. Und wie man mit Vätern umgehen soll, die einfach nicht zahlen wollen. Es war ja nicht so, dass mein Vater kein Geld hatte. Aber solchen Männern passiert nichts. Bestraft sind nur die Frauen.
Isabelle Und überhaupt die soziale Gerechtigkeit. Davon reden ja alle, aber was tun sie schon konkret?

Lest ihr eigentlich die Parteiprogramme?
Alle Ja!
Isabelle Und ich schaue mir die einzelnen Personen an, die kandidieren. Was machen die und was sind ihre Kernthemen? Ich gehe sogar zu den Veranstaltungen, weil es mir auch wichtig ist, wie jemand menschlich auftritt.

Du bist ja auch aktive Feministin.
Isabelle Ja, ich bin bei den deutschen ­Femen. Ich wollte irgendwann einfach nicht mehr nur reden, sondern auch etwas tun. Wir machen Aktionen gegen Sexkauf und Pornografie. Wir haben zum Beispiel in Berlin auf der Venusmesse eine Pornoschau mit Penispistolen gestürmt, wir haben quasi zurückgespritzt. Und letztens sind wir auch bei einem Konzert von Woody Allen in der Hamburger Elbphilharmonie auf die Bühne gesprungen.

Pauline, Schali, habt ihr schon auch mal so richtig protestiert?
Pauline Ich bin mit meiner Mutter schon mal auf einer Demo mitgelaufen. Zuletzt auf einer Feminismus-Demo auf der Domplatte nach der Kölner Silvesternacht. Das klingt im Vergleich jetzt etwas langweilig. Das finde ich ja total krass und bewundernswert, was die Femen da machen.

Hat sich für dich durch die Silvesternacht in Köln etwas verändert?
Pauline Nein, eigentlich nicht. Ich gehe jetzt nicht mit Angst durch die Welt und ich denke auch nicht, dass jeder Nordafrikaner oder Araber mich anfällt. Aber ich dachte schon: Scheiße, was ist da jetzt passiert, was ist da in unserer Gesellschaft drin, was vorher nicht da war – und was können wir dagegen tun? Und ich muss auch sagen: Wenn man wie ich auf dem Dorf groß wird und auf Schützenfeste geht und sich anguckt, was da abläuft – das ist auch ganz schön hart! Da packen dir die deutschen Männer genauso einfach an den Hintern. Einmal wollte mir einer seine Hand in die Unterhose stecken. Da war ich 16!
Schali Ich erlebe so etwas auch häufig, vor allem, wenn ich mich in einer großen Menschenmenge bewege. Da fühlen die Männer sich dann wahrscheinlich sicher und unbeobachtet.
Isabelle Ich bin letztens mit einer Freundin vom Club zum Bahnhof gelaufen. Das waren vielleicht zehn Minuten. Wir wurden mindestens sechs oder sieben Mal total krass angemacht. Ich habe da jetzt eine Methode gefunden: Ich kontere frontal und werde auch richtig laut. Wenn mir jemand sagt: Willst du ficken? Dann sage ich: Klar, jetzt sofort, Hose runter! Und dann sind die meisten völlig baff oder es ist ihnen total peinlich.
Schali Ich ignoriere das. Alles andere ist mir echt zu blöd. Aber ich gehe dazwischen, wenn ein anderes Mädchen angemacht wird. In der muslimischen Community schweigen ja die meisten, wenn ihnen so etwas passiert. Weil sie sich selbst die Schuld geben und sie sich schämen.

Wisst ihr, an wen ihr euch nach einem Übergriff wenden könnt?
Isabelle Also, ich würde jetzt nicht so ein Hilfetelefon anrufen. Eher meine Freundin.
Pauline Ich würde auch keine Anzeige erstatten. Da hört man ja oft, dass es dann noch schlimmer wird.

Habt ihr denn das Gefühl, dass die Politikerinnen und Politiker das Thema Sexismus und sexuelle Gewalt ernst genug nehmen?
Alle Nein. Auf keinen Fall!

Gibt es denn Politikerinnen oder Politiker, die ihr richtig gut findet?
Isabelle Sahra Wagenknecht! Und Hillary Clinton. Ich habe mich dazu entschieden, bei der Bundestagswahl taktisch zu wählen.
Schali Ich habe das bei der Landtagswahl schon so gemacht. Wen ich jetzt wählen soll, weiß ich noch nicht.

Könntet ihr euch denn vorstellen, in eine Partei zu gehen?
Isabelle Neeee.
Schali Es gibt einfach keine Partei, hinter der ich vollständig stehen kann.
Pauline Das geht mir auch so.

Wie informiert ihr euch vor der Wahl?
Pauline Im Internet, bei Online-Medien.
Isabelle Tagesschau, jeden Abend bevor ich ins Bett gehe. Aber auf dem Laptop, einen Fernseher habe ich nicht.
Schali Zur Bundestagswahl gibt es so eine Web-Seite, da stehen auch die neuesten Prognosen drauf.

Wenn ihr einen Wunsch bei Angela Merkel frei hättet, was würdet ihr euch wünschen?
Isabelle Ich würde mir wünschen, dass sie sich klarer als Feministin positioniert. Das ist immer alles so schwammig und das ärgert mich.
Pauline Ich würde mir wünschen, dass sie sich mehr für Randgruppen und für ­Benachteiligte interessiert. Und ich wünsche mir mehr Sicherheit.
Schali Ich wünsche mir auch, dass sie ein bisschen lauter ist. Ich meine, sie ist eine Frau und sie hat es so hoch und so weit geschafft. Da kann sie doch ein bisschen selbstverständlicher mit Feminismus umgehen.

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Von Kormoranen & Imam*innen

© imago
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Bei der CDU gibt es auf Seite 27 was zu Lachen. Da wird gefordert: „Wir wollen mehr als bisher Vorfahrt für Familien und Kinder in Behörden und Einrichtungen; bzw. an Flughäfen, Fahrkartenschaltern und Museen“. Will sagen: Die Familienlosen bzw. diejenigen, die gerade nicht im Familienverband auftreten, sollen Familien nun immer vorlassen in der Schlange. Warum? Weil „Familien und Kinder das Fundament unserer Gesellschaft sind“. Wie billig – in jeder Beziehung. Grundsätzlich spielt die Familienpolitik im CDU-Programm eine viel größere Rolle als die Frauenpolitik – letztere kommt als Begriff schon gar nicht mehr vor. Es fällt auf, dass die Konservativen gerade eine Rolle rückwärts machen: Diskriminierung von Frauen im Beruf, Abschaffung des Ehegattensplittings oder Betreuung in Ganztagsschulen: kein Thema. Der Kampf gegen Sexualgewalt und Frauenhass schon gar nicht.

Statt Ehegatten-Splitting ein Familientarif - aber nicht für bestehende Ehen

Die SPD ist in Sachen Frauenpolitik der Klassenprimus, Frauen kommen auf 25 von 116 Seiten des Programms vor, und zahlreiche feministische Forderungen sind eingeflossen. Das Problem ist nur: Die SPD verspricht immer viel, hält aber dann wenig oder nichts. Beispiel Ehegattensplitting. Diese Finanzierung der Hausfrauenehe, die Vater Staat alljährlich 20 Milliarden kostet, wollte die SPD laut Programm schon 1999 in der rot-grünen Regierung streichen. Es passierte: nichts. 2002, 2009, 2013 kündigte die SPD jedes Mal in ihrem Wahlprogramm erneut eine Reform des Splittings an. Es passierte: nichts. Nun also wieder: Aus dem Ehegattensplitting soll ein „Familientarif“ werden. Aber, keine Sorge, die Herren Abgeordneten im Hohen Hause: Für bestehende Ehen soll das auch bei der SPD nicht gelten, nur für zukünftige.

Das Schönste aber sind die Kormorane bei der FDP auf Seite 26. Da erklären die Liberalen programmatisch: „Wir brauchen ein Populationsmanagement für den Kormoran, das den Artenschutz im Blick hat und den Interessen der Menschen dient.“ 19 Seiten später, auf Seite 45, geht es dann auch mal kurz um Frauen („Mehr Frauen in Führungs-Verantwortung“). Christian Lindner, der Kandidat mit den coolsten Wahlplakaten hat also die Chance verpasst, einen auf Trudeau oder Macron zu machen.

Die Grünen sind in Sachen Frauenpolitik fast noch eifriger als die SPD. „Grüne Frauenpolitik unterstützt Frauen darin, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Denn wer eigenes Geld verdient, kann sein Leben selbst gestalten“, heißt es im Programm. Die Partei denkt das Thema Frauen bei jedem Thema mit. Sogar bei den „Imam*innen. Ja mit *, damit sich nicht nur biologische Frauen und Männer berufen fühlen. Diese „Imam*innen“ sollten in Zukunft „an deutschen Hochschulen unter Wahrung der Freiheit der Wissenschaft ausgebildet werden“.

Auch Die Linke bemüht sich. Frauen auf 22 von 136 Seiten. Und ein Extrakapitel „Für einen linken Feminismus – sozial gerecht, sexuell selbstbestimmt und aktiv gegen Gewalt“. Sogar der Begriff „Cisnormativität“ hat es ins Programm geschafft: „Wir unterstützen alle Schritte, die dabei helfen, mit der staatlichen und gesellschaftlichen Heteronormativität, Cisnormativität und Zweigeschlechtlichkeit als Norm zu brechen.“ Na, geht doch.

Über das fatale Frauenbild der fundamentalistischen Muslime - kein Wort

Doch bei allen fünf Parteien ist ein Problem, das nicht nur die Frauen in Deutschland stark beschäftigt, überhaupt kein Thema: die Prostitution. Und dann der Islamismus. Dabei geht es nur um Terrorismus, Moscheen und Verbände (da gerne die Anerkennung als „religiöse Gemeinschaft“). Über das fatale Frauenbild der orthodoxen bis fundamentalistischen Muslime, die Geschlechtertrennung und die Unterdrückung von Mädchen und Frauen – kein Wort. Und nichts darüber, wie die Politik da gegenhalten und die Betroffenen schützen könnte.

Nur die AfD kümmert sich intensiv um das Thema. Und genau darum hat sie ja so einen Erfolg. Doch der Rest des AfD-Programms ist auch frauenpolitisch gesehen eine Katastrophe: gegen Anti­diskriminierungsgesetz und Quoten, für Einverdienerfamilien und „Schutz des Lebens“ bei Schwangerschaftsberatung etc. Das „Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend“ soll in ein „Bundesministerium für Familie und Bevölkerungsentwicklung“ umbenannt werden. Die Rechte der Väter sollen gestärkt, die Alleinerziehenden nur dann gefördert werden, wenn sie nicht „selbstverschuldet“ allein sind. Das Schuldprinzip bei Scheidung soll wieder eingeführt werden. Und die „Tötung Ungeborener“ soll, klar, kein Menschenrecht sein. Die AfD scheint, trotz Petry, fest in der Hand der „Männerrechtler“ bzw. „Väterrechtler“.

Was die Parteien wirklich TUN, wenn sie drankommen, hängt von dem Druck der Wählerinnen und dem Engagement einzelner ­Abgeordneter ab. Also, liebe Leserinnen: Setzt die Parteien eurer Wahl und eure Abgeordnete unter Druck, stellt Fragen und ­Forderungen. Verschenkt eure Stimme nicht!

Weiterlesen in der EMMA September/Oktober 2017: Die kritische Auswertung aller Parteiprogramme auf 8 Seiten im Heft, auch Linke, Grüne und AfD. » Ausgabe bestellen

 

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