Margarete Mitscherlich: Wilde Analytikerin

Foto © Bettina Flitner
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Das Goldene Buch im Kaisersaal des ehrwürdigen Römers zu Frankfurt schimmerte, durch die Butzenscheibe leuchtete eine turmhohe Weihnachtstanne und die rund dreihundert Menschen im Saal, in der Mehrheit Frauen, waren einen Moment lang gerührt: Margarete Mitscherlich, die in den 1980ern ihren Mädchennamen Nielsen anhängte und seither Mitscherlich-Nielsen heißt, trug sich in eben dieses Goldene Buch der Stadt ein, in der sie seit einem halben Jahrhundert lebt.

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Der Akt war der krönende Abschluss der Verleihung des Tony-Sender-Preises durch die Stadträtin Jutta Ebeling, die mit Temperament vorgetragen hatte, wie das Denken und Handeln der Geehrten sie ganz persönlich, die gesamte Studentenbewegung und zahllose Frauen in diesem Lande aufgerüttelt und geprägt habe. Und es schien einen Moment lang, als wolle die Stadträtin anfangen, vom Rednerpult her zu rechten mit der Frau, deren Bücher sie spürbar bis heute so beschäftigen.

Und ich? Ich durfte die Laudatio halten. Anlass genug, eine Zwischenbilanz zu ziehen zum Leben und Werk einer langjährigen persönlichen Freundin und Weggefährtin von EMMA. Ersteres ist Margarete Mitscherlich seit dem Erscheinen meines Buches "Der kleine Unterschied", letzteres seit Erscheinen der ersten EMMA 1977.In der erklärte die renommierte Psychoanalytikerin zu vieler Überraschung: "Ich bin Feministin." Und sie ging auch gleich in die Vollen mit den Frauen: "Wir Frauen sollten uns davor hüten, uns Illusionen über uns selbst hinzugeben", schrieb sie in einer Zeit der grassierenden Euphorie. Denn: "Es geht für uns zwar auch, aber nicht nur um die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Von nicht geringerer - vielleicht noch größerer - Bedeutung ist die Auseinandersetzung mit den psychischen Zwängen, das heißt mit der bei den meisten Frauen noch immer ungebrochenen Verinnerlichung ihrer gesellschaftlichen Degradierung."

Das lasen nicht alle Frauen gerne. Und es hörten schon gar nicht alle Feministinnen gerne. Denn so manche hat die Psychoanalyse im Verdacht, Frauen wieder auf Rolle trimmen zu wollen. Vor allem aber stöhnte der ehrwürdige Stand der Psychoanalytiker auf: Wie konnte eine aus ihren Reihen sich gemein machen mit dieser Irrlehre namens Feminismus? Margarete Mitscherlich hatte sich also mal wieder zwischen alle Stühle gesetzt. Das ist ihr Liebstes. Denn sie ist es von Kindesbeinen an gewohnt.

Als Kind einer geliebten, deutschnational gesinnten Mutter war sie im Vaterland Dänemark eine Fremde - als Kind ihres dänisch-national gesinnten Vaters im Mutterland Deutschland nicht minder. Als frei und selbstbewusst aufgewachsener "Tomboy", der alles tun wollte, was auch der ältere Bruder tat, fremdelte sie mit dem Frausein. Als Medizin-Studentin in München stand sie als Nazi-Gegnerin daneben. Als uneheliche Mutter, die den Vater ihres Sohnes erst sechs Jahre nach dessen Geburt heiratete, war sie Ende der 1940er Jahre ein Skandal. Auch als Deutsche, die Anfang der 1950er Jahre in London bei den Exilanten die Psychoanalyse lernte, war sie die Andere. Und als Ehefrau des berühmten Alexander Mitscherlich, mit dem zusammen sie 1967 "Die Unfähigkeit zu trauern" schrieb - und damit der deutschen Seele den Spiegel vorhielt - war sie auch irgendwie anders als die anderen Ehefrauen.

Zurück aus London wurde Margarete Mitscherüch in den 1950er- und 60er Jahren in dem Land, in dem die Nazis die Analyse verjagt hatten, zur Schlüsselfigur bei der Ausbildung von Psychoanalytikerinnen. Als Ausbildungsleiterin prägte sie Generationen von heute praktizierenden Psychoanalytikerinnen und als Autorin Generationen von Frauen. Schon Anfang der 1970er Jahre war Margarete mit Alexander ein Jahr lang in Amerika und begegnete dort der Womens Liberation. Sie reagierte schnell. 1972 erschien ihr erstes Buch unter eigenem Namen: "Müssen wir hassen?" - eine Frage, die sie mit: Manchmal Ja! beantwortete.

Von nun an nahm Mitscherlich sich die Freiheit, die beiden prägendsten Theorien des 20. Jahrhunderts zusammen zu führen: die Psychoanalyse und den Feminismus. Rückblickend schreibt sie: "Mein Lebenswerk ist die Beschäftigung mit Emanzipation im weitesten Sinne, das heißt, die Befreiung von Denkeinschränkungen, Vorurteilen, Ideologien".

Bücher, Auftritte, Engagements. Und dann 1982 der Schlag: der Gefährte Alexander stirbt. Die Arbeitsteilung zwischen den beiden war klassisch: Er mehr fürs Gesellschaftspsychologische, sie eher fürs Individualpsychologische - beides Hälften eines Ganzen, das das Paar im permanenten Austausch zusammenfügte.

Seinem Tod folgt auf den Fuß die Witwenverbrennung, die teils ihr gilt (aber nicht gewagt wurde mit dem Mann an ihrer Seite), teils ihm. Denn auch Alexander Mitscherüch war einer, der es trefflich verstand, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Schließlich hatte der Mediziner und spätere Gründer des Freud-Institutes es gewagt, schon 1948 "Medizin ohne Menschlichkeit" zu veröffentlichen: eine Abrechnung mit den Ärzten, die sich in den Dienst der Nazis gestellt hatten.

Inzwischen ist Margarete Mitscherlich 88 - schwer zu glauben. Sie hört weiterhin fast täglich den Menschen auf ihrer Couch zu, liest, schreibt, mischt sich ein. Die einzige Einschränkung, die das ewig wilde Mädchen im Alter hinnehmen muss: "Meine Beine tun es nicht mehr so richtig." Na, wenn es nur das ist, Margarete!

Alice Schwarzer

Hier geht es zur Laudatio von Alice Schwarzer anlässlich der Verleihung des Tony-Sender-Preises an Dr. Margarete Mitscherlich 2005 in Frankfurt.

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100 Jahre Margarete Mitscherlich

Margarete Mitscherlich im Mai 2010. Foto © Bettina Flitner
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Die 1917 in Dänemark geborene Tochter einer deutschen Lehrerin und eines dänischen Landarztes ist in den ersten Jahren nicht zur Schule gegangen, sondern zu Hause unterrichtet worden. Der normale Anpassungsprozess blieb ihr also erspart. Das hat sich ein Leben lang gehalten.

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Ihre anarchische Lebendigkeit war bis zu ihrem Tod mit 94 Jahren ungebremst. Wofür viele Menschen sie liebten, manche aber sie auch fürchteten. Denn Margarete war unberechenbar. Und im Zweifelsfall immer auf der anderen Seite des Establishments.

Zusammen mit ihrem Mann Alexander hatte Margarete die Psychoanalyse in den 1960er Jahren aus dem Exil zurück nach Deutschland geholt, das Freud-Institut in Frankfurt gegründet und ab Mitte der 70er Jahre zahlreiche feministische Bestseller geschrieben.

Mit der 1967 veröffentlichten „Unfähigkeit zu trauern“, die Margarete und Alexander Mitscherlich zusammen geschrieben haben, stieß das Paar eine Debatte zur deutschen Vergangenheitsbewältigung an, die bis heute andauert. Alexander Mitscherlich starb 1982 – was sie nun ungeschützt der Häme ewig Gestriger und der Anti-FeministInnen dazu auslieferte.

Aber Margarete Mitscherlich stand es durch; lebte, lernte, dachte, arbeitete weiter. Noch kurz vor ihrem Tod plante sie ein Buch über die Liebe.

Margarete Mitscherlich war von der ersten Ausgabe 1977 an bis zu ihrem Tod eine treue Begleiterin von EMMA und eine inspirierende Autorin. Nachfolgend das letzte Interview, das ich im Jahr 2010 für EMMA mit ihr führte.

Und gerade plane ich, zusammen mit ihrem Sohn Matthias Mitscherlich, zwei Gedenktage am 4. und 5. November 2017, an denen WeggefährtInnen, KollegInnen und weitere Persönlichkeiten erzählen werden, warum das Werk von Margarete Mitscherlich weiterlebt.

Alice Schwarzer

www.margarete-mitscherlich.de
 

 

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