10 Jahre Freierbestrafung!
Sie trugen Schilder in mehreren Sprachen, denn sie waren aus aller Welt gekommen, von Australien bis Neuseeland, von Kolumbien bis Korea. „La prostitución es violencia“ stand dort: Prostitution ist Gewalt. „Listen to survivors“ – Hört den Überlebenden zu. „Les êtres humains ne sont pas des marchandises“ – Menschen sind keine Ware.
Am 12. April marschierten über tausend Frauen (und einige solidarische Männer) durch die Straßen von Paris. In der ersten Reihe: Frauen, die selbst in der Prostitution waren und heute dafür kämpfen, dass der Kauf der Ware Frau als Verstoß gegen die Menschenwürde gilt. Und so hieß diese Demonstration auch „Marche Mondiale des Survivantes pour L’Abolition du Système Prostitutionel.
Unsere Nachbarn helfen Aussteigerinnen mit Wohnungen und Sprachkursen für Jobs
Gemeinsam mit den „Überlebenden“ marschierten ihre natürlichen Verbündeten: Feministinnen. Zum Marsch aufgerufen hatte CAP international. In der „Coalition Abolition Prostitution“ kämpfen 37 Initiativen aus 29 Ländern für eine Welt ohne Prostitution.
Anlass für die Demo: Vor zehn Jahren führte Frankreich das sogenannte „Nordische Modell“ ein. Sozialisten und Konservative stimmten, unterstützt von den großen Gewerkschaften, geschlossen dafür. Unser Nachbarland entkriminalisierte die Prostituierten komplett und bestraft seither diejenigen, die den Markt für den Menschenhandel erst schaffen: die Freier. Über 10.000 „Kunden“ mussten seither eine Geldstrafe zahlen und wurden zu einem Aufklärungskurs über die Realität in der Prostitution verurteilt. Aussteigerinnen bekommen eine Wohnung, Sprachkurse und Schulungen, um einen Job zu finden. 2.000 Frauen haben das Programm bisher durchlaufen. Zehnmal so viele Zuhälter wie in Deutschland wurden mit Hilfe schärferer Gesetze verurteilt.
Was kann Frankreich noch verbessern? Und wie ist die Lage in anderen Ländern wie Schweden, das die Freierbestrafung schon 1999 einführte, oder in Deutschland, das den Frauenkauf als normales Geschäft behandelt und immer noch ein Einreiseland für Sextouristen und ein Paradies für Zuhälter und Menschenhändler ist? Darüber wurde in der Assemblée Nationale am 13. April debattiert.
Auf den hochkarätig besetzten Podien: Frau-en wie die UN-Sonderberichterstatterin gegen Gewalt gegen Frauen, Reem Alsalem, die schwedische Gleichstellungsministerin Nina Larsson und mit Laurence Rossignol und Najat Vallaud-Belkacem gleich zwei französische Ex-Frauenministerinnen, die der Freierbestrafung den Weg geebnet hatten. Und natürlich auf fast jedem Podium eine „Überlebende“ wie Rosen Hicher, die 2014 über 800 Kilometer durch Frankreich marschierte, um für die Freierbestrafung zu demonstrieren. Sie hat ihr Ziel erreicht.
Für den „Bundesverband Nordisches Modell“ schilderte Kerstin Neuhaus die immer noch desaströse Lage. Und auch der Verein „Sisters – Für den Ausstieg aus der Prostitution“ war in Paris dabei. „Es ging sehr unter die Haut“, berichtet Solveig Senft von Sisters, „wie selbstverständlich es für alle hier ist, was Prostitution ist: Gewalt gegen Frauen“. Prostitution als „Dienstleistung“ zu betrachten, sei „leider ein deutsches Alleinstellungsmerkmal“. Fazit: „Wir müssen weiterkämpfen!“


