In der aktuellen EMMA

Sex & Lügen

Foto: Federico Pestellini/Imago
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In einer Gesellschaft wie der unseren steht die Ehre über allem. Man urteilt nicht über das tatsächliche Sexualleben der Leute, sondern über das, was sie davon preisgeben oder preiszugeben wagen. Aber dieses Schweigegebot genügt nicht mehr, um den sozialen Frieden zu erhalten und dem Einzelnen Raum zur persönlichen Entfaltung zu geben. Unsere Gesellschaft ist zerfressen vom Gift der Heuchelei und von einer institutionalisierten Kultur der Lüge. All das gebiert Gewalt und Konfusion, Willkür und Intoleranz. Überzeugte Liberale und Konservative beschwören den Status quo gleichermaßen.

Während ich den Frauen zuhörte, drängte es mich, die Realität dieses Landes zu zeigen, die so viel komplexer und schmerzlicher ist, als man uns glauben machen will. Denn den bestehenden Gesetzen und der überlieferten Moral zufolge müsste jede und jeder, die oder der nicht verheiratet ist, unberührt sein. Demnach hätten all die jungen Männer und Frauen, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, noch nie Geschlechtsverkehr gehabt. Demnach gäbe es weder unverheiratete Paare noch Homosexuelle oder gar Prostituierte.

Glaubt man den Konservativsten, die sich bemühen, eine eher märchenhafte als reale marokkanische Identität zu bewahren, so ist Marokko ein tugendhaftes und anständiges Land, das sich vor der westlichen Dekadenz und der Freizügigkeit seiner Eliten schützen muss. Das Verbot der „Unzucht“ oder zina ist in Marokko nicht nur ein moralisches. Der Artikel 490 des Strafgesetzbuches erlaubt „Haftstrafen von einem Monat bis zu einem Jahr für alle Personen unterschiedlichen Geschlechts, die, obwohl sie nicht miteinander verheiratet sind, Sexualverkehr haben“. Und laut Artikel 489 wird „jede tendenziöse oder widernatürliche Handlung zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts mit sechs Monaten bis drei Jahren Gefängnis“ geahndet.

In einem Land, in dem Abtreibung außer in Fällen von Vergewaltigung, Inzest oder schwerer Missbildung des Fötus verboten ist und in dem zugleich „jede verheiratete Person, die des Ehebruchs überführt wird“ zwei Jahre Gefängnis riskiert (Artikel 491), spielen sich täglich dramatische Szenen ab. Man sieht und hört sie nicht, doch hinter verschlossenen Türen suchen persönliche Tragödien die Menschen heim, die oftmals das Gefühl haben, in einer scheinheiligen Gesellschaft zu leben, die sie verurteilt und verstößt.

Natürlich weiß in Wahrheit jeder, dass die ­Vorschriften, die uns leiten sollen, täglich, stündlich und in allen Milieus missachtet werden. Jedem ist es bekannt, doch niemand möchte es sehen und damit konfrontiert werden. Obwohl täglich Hunderte heimliche Abtreibungen vorgenommen werden, haben sie die Paragraphen gegen Schwan­gerschaftsabbrüche nur minimal geändert. Sie tun so, als wüssten sie nicht, dass Homosexuelle in ständiger Angst und Scham leben. Alle Autoritäten – Politiker, Eltern, Lehrer – sagen dasselbe: „Macht, was ihr wollt, solange niemand davon erfährt.“

Aber wenn Frauen in Miniröcken wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verurteilt werden, wenn Homosexuelle vor aller Augen gelyncht werden, dann scheint es mir dringend notwendig, über einen Gesellschaftsentwurf nachzudenken, der uns alle vereint und derartige Entgleisungen verhindert. Marokko kann auf eine solche Überlegung ebenso wenig verzichten wie die anderen muslimischen Staaten der Region.

In einer Zeit, in der der islamistische Terror immer heftiger wütet und in der viele muslimische Gesellschaften in moralischen Fragen zutiefst gespalten sind, können wir genau diese nicht ausklammern. Wir dürfen die Realität nicht weiter ignorieren, nur weil sie mit der Religion, dem Gesetz oder einfach dem Bild, das wir von uns selbst vermitteln wollen, nicht übereinstimmt. Wir müssen aufhören, es uns im Rückzug bequem zu machen und unsere Kultur und Identität als feststehend und ahistorisch zu begreifen. Wir sind nicht unsere Kultur, sondern unsere Kultur ist das, was wir daraus machen.

Hören wir auf, den Islam und die universellen Werte der Aufklärung, den Islam und die Gleichberechtigung, den Islam und körperliche Lust als Gegensätze zu betrachten! Denn die muslimische Religion kann nicht nur als starr manichäische Sittenlehre verstanden werden, sondern auch als eine Ethik der Befreiung, der Hinwendung zum anderen, als persönliches Wertesystem.

Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass es einer grundlegenden Umgestaltung der individuellen und sexuellen Rechte bedarf, wenn wir der Jugend Raum zur Selbstentfaltung geben und die Frauen angemessen an der Gesellschaft teilhaben lassen wollen. Wir müssen zumindest gemeinsame Überlegungen anstrengen, ohne Hass und ohne Polemik. Welchen Platz wollen wir dem Individuum in unseren Gesellschaften einräumen? Wie kann man Frauen und Minderheiten schützen? Wie schafft man Toleranz für Randgruppen in einer Gesellschaft, die das Einhalten religiöser Normen und die soziale Kontrolle über alles stellt? Was ist mit dem Recht auf Privat- und Intimsphäre, die weder vom Staat noch von Geistlichen reglementiert wird?

Über den eigenen Körper frei verfügen zu können, seine Sexualität auszuleben, ohne Gefahr und Zwang, als Quelle der Lust – all das sind Grundbedürfnisse und -rechte, die unveräußerlich und für jeden Menschen garantiert sein sollten. Die sexuellen Rechte sind nicht nur Teil der Menschenrechte, in vielen Gesellschaften hat sich über sie auch die Dominanz der Männer etabliert. Wer also das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung sichert, tritt damit unmittelbar für die Rechte der Frauen ein.

Die aktuelle Situation ist unhaltbar: ein allgemeiner Missstand, von dem ganz besonders Frauen betroffen sind, deren sexuelle Bedürfnisse, solange sie nicht die Fortpflanzung betreffen, schlicht ignoriert werden. Frauen, die vor der Hochzeit zur Keuschheit verdammt sind und danach zur Passivität. Eine Frau, deren Körper einer solchen sozialen Kontrolle unterliegt, kann ihre Bürgerrechte nicht voll wahrnehmen. Indem man sie derart „sexualisiert“ und ihr nur die Wahl zwischen Schweigen oder Verdammnis lässt, respektiert man sie nicht als Individuum.

In Marokko wie in anderen muslimischen ­Ländern kann man die bestehende sexuelle Misere als Hemmschuh für die Entwicklung des Individuums wie des Staatsbürgers betrachten. Unter einer bleiernen Glocke reproduziert der Mann im Familienkreis und im engen persönlichen Umfeld das ewig gleiche autoritäre Modell. So entstehen für ein Zwangsregime brauchbare Individuen. Sexuelle und politische Unterdrückung gehen Hand in Hand, oder wie es der Politologe Omar Saghi formuliert: „Wenn du mit 16 einen Polizisten anflehen musstest, dich nicht zu verhaften, nur weil du Händchen gehalten hast, und weil du weißt, dass deine Familie ebenso repressiv und brutal reagieren würde wie der Polizeistaat, passt du dich dem verstümmelten Leben unter einer Diktatur an.“

Seit den 1990er-Jahren werden die aufeinanderfolgenden Kriege in der arabischen Welt als Demütigung erlebt und die Hegemonie der westlichen Lebensweise als verkappter Kolonialismus empfunden. Das Gefühl, Modernität und Globalisierung erdulden zu müssen, verstärkt die Bereitschaft der Männer, das Patriarchat als Symbol einer bedrohten Identität zu erhalten. Nur in der Sexualität kann der Mann noch seine Herrschaft ausüben.

Für die Salafisten ist der Westen ein Gegenmodell: das einer übermäßigen Transparenz, in dem man alles sagt und alles sieht, überall und immerzu kopuliert und der Körper der Frau mit keinerlei Schamgefühl mehr belegt ist. Wer dem nachgibt, läuft Gefahr, im Chaos zu versinken. Die Freiheit der Frauen zu akzeptieren hieße, den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung zu beschleunigen und eine Kultur samt ihrer Traditionen zum Tode zu verurteilen. Eine von den Amerikanern Ronald Inglehart und Pippa Norris zwischen 1995 und 2001 durchgeführte Studie („Islam and the West“) zeigte, dass die Meinungen zwischen der muslimischen Welt und dem Westen nicht in puncto demokratische Werte oder politische Systeme am weitesten auseinanderklafften, sondern in puncto Rolle der Frau und Fragen der Sexualität.

Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2016 in Köln schrieb Kamel Daoud einen Kommentar, der sehr zu Unrecht kritisiert wurde. Für den algerischen Schriftsteller und Journalisten ist die arabischmuslimische Welt zerrüttet und verseucht durch das sexuelle Elend. Die Jugend erstickt unter der Last dieser Frustrationen, die sich in Gewaltausbrüchen gegenüber Frauen entladen, sei es auf dem Tahrir-Platz, in Köln oder, wie wir gesehen haben, auf den Straßen Marokkos.

Französische Intellektuelle haben Kamel Daoud daraufhin vorgeworfen, er verbreite „orientalistische Klischees“ und fälle ein Pauschalurteil über die „arabische Masse“. Es erscheint mir jedoch unmöglich, das sexuelle Elend als massive gesellschaftliche Realität zu verleugnen, deren Konsequenzen eindeutig politisch geworden sind.

Als ich noch für die Zeitschrift Jeune Afrique tätig war, führten mich immer wieder Reportagen nach Algerien und in das Tunesien Ben Alis. Oft ging es um Themen, die die Jugend betrafen, und jedes Mal konnte ich das Unbehagen dieser Menschen spüren, die ihre Sexualität nicht ausleben konnten. Wie viele junge Algerier oder Tunesier haben mir anvertraut, dass sie nicht nur Arbeitslosigkeit, Demütigung und das Fehlen von Freizeitaktivitäten erdulden mussten, sondern auch furchtbar darunter litten, ihre Freundin nicht sehen zu dürfen, kein Recht auf eine Intimsphäre zu haben.

Die empörten französischen Intellektuellen würde ich gerne nachts in eine einfache Bar in Casablanca oder Tanger einladen. Ich war vor ein paar Monaten wieder mal an so einem Ort, und ich kann sagen, das Bild, das sich dort bietet, ist trostlos. In dem düsteren, verqualmten Raum sitzen nur Männer und ein paar Prostituierte. Die jungen Leute reden kaum miteinander. Sie kippen eine Flasche Spéciale nach der anderen runter und starren eines der Mädchen an, das tanzt. In dieser Bar war ein Austausch zwischen Männern und Frauen ganz offensichtlich nur gegen Bezahlung möglich.

Das sexuelle Elend der breiten Massen betrifft besonders Frauen, junge Menschen und Arme. Es kommt aus dem ­Herzen eines Systems, dem es nicht gelingt, sich selbst zu reformieren, und das immer mehr Gewalt hervorbringt. Die Spannung zwischen dem Wunsch nach Modernität und dem – aufgesetzten oder einem echten Bedürfnis entspringenden – Festhalten an traditionellen Werten zerreißt die marokkanische Gesellschaft. Und im Zentrum dieser Spannung steht nichts Geringeres auf dem Spiel als die Entwicklung des Individuums.

Wenn die Gesetze, die die sexuelle Freiheit betreffen, von den Behörden nicht oder nur lax angewendet werden, so zögern die fanatischsten Bürger nicht, Selbstjustiz zu üben. Auch in den marokkanischen Gefängnissen sitzen Ehebrecherinnen und Homosexuelle.

Man beschuldigt mich, aus Opportunismus islamophob zu sein oder die traditionellen marokkanischen Werte nicht zu achten. Und, das Argument der Argumente, man legt mir zur Last, ich hätte mich an den Westen verkauft. Diese Verleumder haben verschiedene Gesichter. Sie kommen aus dem islamistischen Einflussbereich oder der westlichen rechtsextremen Sphäre; es sind vermeintliche Progressive, die an ihren Privilegien mehr hängen als an ihren Werten; oder verbitterte Konservative, die eine gewisse „identitäre Reinheit“, im doppelten Sinn einer reinen Identität und einer für unsere Identität kennzeichnenden Reinheit verteidigen.

Doch die sexuelle Misere steht in einem Gesamtkontext der sozialen Misere der jungen Leute: Arbeitslosigkeit, das Fehlen kultureller Angebote, Schließung der Europäischen Grenzen, radikaler Islamismus.

 

Leïla Slimani: Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt. Ü: Amelie Thoma (btb, 12 €).

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