Wie mager darf Marianne sein?

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Auf ihre vollen Lippen und die wohlgerundeten Brüste ist Emily Ratajkowski stolz. So stolz, dass das amerikanische Topmodel Mitte September auf Instagram gegen die Titelbilder der Modebeilage des Figaro wetterte. Per Photoshop waren da Ratajkowskis Kurven stark verkleinert worden. Ein Affront für das Model. „Ich hoffe, dass die Modeindustrie endlich dazu kommt, all das, was jemanden einmalig macht, nicht mehr auszuradieren“, schreibt Ratajkowski auf Instagram, „und stattdessen die Individualität hochleben zu lassen.“

Dass Modebilder am Computer auf die Norm extremer Magerkeit gestutzt werden, missfällt auch der französischen Regierung. Bildern, die „unerreichbare Schönheitsideale bewerben“, hat sie seit Oktober 2017 per Gesetz den Kampf angesagt: Fotos von Models, die am Computer manipuliert wurden, müssen mit einem Hinweis versehen werden. Die Kennzeichnungspflicht betrifft Mode-­Anzeigen in der Presse, auf Plakaten, im ­Internet sowie in Katalogen. Ausgenommen sind allerdings redaktionelle Modefotos.

Models, die in Frankreich arbeiten wollen, brauchen nun ein medizinisches Gutachten, das maximal zwei Jahre alt sein darf. Um festzustellen, ob sie „gesundheitlich geeignet“ sind, wird vor allem ihr Body Mass Index (BMI) herangezogen. Laufstegverbote für krankhaft magere Models gibt es schon seit Jahren in Italien, Spanien und Israel. Die BMI-Untergrenze von 18 gilt in Barcelona und Madrid, 18.5 in Mailand und Israel. In Frankreich jedoch obliegt die Entscheidung, ab wann jemand als magersüchtig zu ­bezeichnen ist, den Arbeitsmedizinern.

Die französischen Vorgaben gehören zu dem kürzlich verabschiedeten Gesundheitsgesetz, sie sind Stützpfeiler der staatlichen Anorexie-Prävention. In Frankreich leiden an die 600.000 Menschen, vor allem Mädchen und Frauen, an Essstörungen. Die Zahl der Magersüchtigen wird auf 40.000 geschätzt. Essstörungen gelten als zweithäufigste Todesursache in der Altersgruppe 15 bis 24 Jahre.

Seit Anfang September mobilisiert auch die Modebranche selbst gegen zu magere Models. Die französischen Luxuskonzerne LVMH und Kering wollen die Kleidergröße 32 weltweit von den Fashion-Week-Laufstegen verbannen. Nachzulesen ist dies in ihrer „Charta zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und des Wohlbefindens von ­Models“. Die gilt in allen Modehäusern im Imperium der beiden Unternehmen; zu LVMH gehören beispielsweise Louis Vuitton, Dior, Givenchy, Céline, Kenzo, Marc Jacobs; während Balenciaga, Gucci, Saint Laurent, Alexander McQueen oder Stella McCartney im Besitz von Kering sind.

Neben dem Aus für Mini-Größen schreibt die Charta den konzerneigenen Modehäusern unter anderem vor: Unter 16-Jährige können nicht bei Defilees oder Shootings mit Erwachsenenmode eingesetzt werden. Mannequins zwischen 16 und 18 Jahren haben Nachtschichtverbot. Minderjährige müssen bei der Arbeit von einer erwachsenen Vertrauensperson, ob Familienmitglied oder von der Modelagentur beauftragt, begleitet werden. Die soll auch auf die ausreichende Ernährung des Models achten.

„Als Branchenführer auf dem Luxusmarkt sehen wir uns verpflichtet, bei dieser Initiative in der ersten Reihe zu stehen“, erklärt LVMH-Aufsichtsratsmitglied Antoine Arnault. „Es ist in unserer Verantwortung, in der Mode neue Standards einzuführen und wir hoffen, dass mancher Branchen­kollege uns folgen wird.“

„Der Respekt der Würde von Frauen und Männern“ gelte, so steht es in der Charta, als „zentraler Wert“. Dass die Modehäuser dies so deutlich betonen, liegt wohl an zwei Skandalen: Im Februar 2017 hatten bei einem Balenciaga-Casting 150 Models drei Stunden in einem dunklen Treppenhaus ausharren müssen. Im Mai deckte das dänische Model Ulrikke Hoyer auf, dass sie bei einem Casting für ein Louis Vuitton-Defilee in Japan als ‚zu dick‘ abgewiesen wurde: Hoyer trägt Größe 34. Schlechte Presse für die Luxuskonzerne. Insofern ist die Charta eine Art Flucht nach vorne.

Die Arbeitsbedingungen für Models könnten dank der Charta verbessert werden, meint Cyril Brulé, Chef der französischen Modelagenturen-Gewerkschaft. Allerdings prognostiziert Brulé, bedenklich magere Models dürften noch geraume Zeit für ­Modehäuser laufen und posieren: „Ihre ­Silhouetten liegen bei Modemachern noch zu sehr im Trend.“

Vom Photoshop-Gesetz verspricht Cyril Brulé sich nichts. Essstörungs-SpezialistInnen hingegen erhoffen sich davon eine Ini­tialzündung. Anorexie-Expertin Mathilde Chevalier-Pruvo findet gut, dass „eine Gesellschaft sich Gedanken macht zum Einfluss von Bildern und zur bedenklichen Wirkung, die sie haben können“. Die Philosophin resümiert: „Es geht darum, die Körper von der Formatierung zu befreien und dem Individuellen wieder mehr Gewicht zu geben.“

Suzanne Krause

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