Wir wollen die Frauen stärken!

Claudia Hohmann vor der Profamilia-Beratungsstelle in Frankfurt. Im Hintergrund die Demo der "Lebensschützer". - Foto: Sascha Rheker
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Was passiert eigentlich bei diesen „Mahnwachen“ von „40 Tage für das Leben“?
Die so genannten „Lebensschützer“ kommen pünktlich um neun Uhr und stellen sich vor unserer Beratungsstelle auf, mit Thermoskannen und Plakaten. Auf denen stehen Sprüche wie: „Danke Mama, dass ich leben darf!“ Oder es ist ein Fötus drauf oder die Muttergottes. Manchmal sind sie zu dritt, manchmal auch ein Dutzend. Dann beten sie und singen religiöse Lieder. Das geht dann immer bis 15 Uhr in unserer Hauptberatungszeit. Sechs Wochen lang. Darüber waren wir sehr schockiert. Wir wussten zwar, dass es so etwas vor anderen Pro Familia-Beratungsstellen schon mal gab, aber das waren punktuelle Aktionen. „40 Tage für das Leben“ kam zum ersten Mal in der Fastenzeit 2017. Sie sind dann im September wiedergekommen und in diesem Jahr noch einmal zur Fastenzeit. Und für September haben sie die nächsten Mahnwachen angekündigt.

Und wie haben Sie reagiert?
Als klar war, dass diese Leute immer wiederkommen, haben wir versucht, über das Ordnungsamt zu erwirken, dass die „Mahnwache“ nicht vor der Beratungsstelle abgehalten werden darf. Aber es hieß, das sei alles sehr schwierig, weil die Mahnwachen vom Demonstrationsrecht gedeckt seien und ja auch keine Gefährdung vorliege. Die Mahn­wache musste zehn Meter von der Beratungsstelle entfernt stattfinden.

Sie haben dann die Initiative „Frankfurt für Frauenrechte“ gegründet. Das Bündnis aus 40 Organisa­tionen kämpft nun dafür, dass die Stadt dem Einhalt gebietet.
Ja, das Bündnis hat die Stadtverordnetenversammlung und den Magistrat aufgefordert, tätig zu werden und eine Schutzzone von 150 Metern auszuweisen. Bisher ist aber nichts passiert.

Aber es gibt doch ein Urteil aus Freiburg, das diese „Gehsteigbelästigungen“ verbietet. Das Urteil ist durch alle Instanzen bis zum Bundesverwaltungsgericht bestätigt.
Das stimmt, auch die Pro Familia-Beratungsstelle München hat ein solches Urteil erwirkt. Aber dort hatten die Pro-Life-Aktivisten die Passantinnen angesprochen und Plastik-Embryonen verteilt. Und bei uns in Frankfurt stehen sie eben nur da, singen und beten, sprechen aber die Frauen nicht an. Unter den „Lebensschützern“ sind auch Juristen. Die wissen schon genau, was erlaubt ist und was nicht.

Wie haben denn die Frauen reagiert, die in der Beratung diese Gebete und Gesänge mit anhören mussten?
Manche sind erschrocken. Aber es gibt auch die, die sagen: „Ich kann es irgendwie verstehen.“ Denn die meisten Frauen kommen mit einem schlechten Gewissen zu uns. Viele glauben, sie müssten sich vor uns rechtfertigen. Sie denken, sie kämen zu einer Art Gewissensprüfung. Die kommen dann sowieso schon sehr ängstlich hierher, und wenn sie dann noch diese Leute erleben, macht ihnen das noch mehr Druck. Dabei wird durch eine solche Aktion kein einziger Abbruch verhindert. Das wird nur den Frauen ein noch schlechteres Gewissen machen als sie es ohnehin schon haben.

Hat sich das schlechte Gewissen der Frauen denn in den letzten Jahren verstärkt?
Ja. Gerade auch bei den jüngeren Frauen, die den Kampf um Frauenrechte nicht miterlebt haben und deshalb kein Gefühl dafür haben, wie das ist, wenn man bestimmte Rechte nicht hat. Ich bin ja Sexualpädagogin und arbeite mit Kindern und Jugendlichen. Und da stelle ich fest, dass sich deren Wertvorstellungen wieder vielmehr um sehr romantische Vorstellungen vom Heiraten und vom Häuschen im Grünen drehen. Diese Tendenz führt dazu, dass Frauen sich noch mehr moralischen Druck machen, wenn sie ihre Schwangerschaft abbrechen wollen. Die Idealvorstellung von Liebe, Partnerschaft und Familie sind enorm hoch und klaffen immer weiter mit der Realität auseinander. Und auch wenn die Frauen die Schwangerschaft austragen, setzen sie sich sehr unter Stress, weil sie die Sorge haben, keine perfekte Mutter und Partnerin zu sein. Auch damit haben meine Kolleginnen in den Beratungen viel zu tun. All das hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren enorm verstärkt. In Frankfurt haben wir zudem eine große kulturelle Vielfalt, und da haben wir viele Menschen, die ganz andere Traditionen haben, was Familie und Partnerschaft angeht. Wir wissen ja, dass es in vielen Ländern der Welt in Sachen Gleichberechtigung anders aussieht als in Deutschland. Und das ist natürlich auch zu spüren.

Wie hoch ist denn der Anteil an Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund, die zu Ihnen in der Schwangerschaftskonfliktberatung kommen?
Er entspricht im Großen und Ganzen der Einwohnerinnenstruktur bei uns. Allerdings erleben wir gerade bei den geflüchteten Menschen, dass es in vielen Herkunftsländern sehr wenig Auf­klärung gibt.

Und wie gehen Sie in der Beratung mit dem schlechten Gewissen der Frauen um?
Wir vermitteln ihnen, dass jede Frau das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch und eine selbstbestimmte Mutterschaft hat. Uns geht es darum, die Frauen zu stärken und ihnen den Raum zu bieten, nachzudenken und ihre Unsicherheit loszuwerden. Wir versuchen, sie von ihrem schlechten Gewissen zu entlasten. Wir wissen ja, dass ungewollte Schwangerschaften passieren können, auch wenn man sorgfältig verhütet. Natürlich macht sich manch eine Vorwürfe, dass sie nicht aufgepasst hatte und fragt sich: „Wie konnte ich so bescheuert sein?“ Aber das müssen wir nicht noch verstärken.

Spüren Sie Druck von der Politik?
Hier in Frankfurt sind wir von der Stadt, egal in welcher politischen Konstellation, immer unterstützt worden. Aber wir wissen natürlich nicht, was passiert, wenn sich die politische Landschaft verändert. Wir werden vom Land Hessen und von der Stadt gemeinsam finanziert. Der Beitrag des Landes ist, solange es die Pflichtberatungen gibt, verpflichtend. Pro 40.000 Einwohnerinnen gibt es eine finanzierte Vollzeitstelle in der Schwangerenberatung. Der Beitrag der Stadt aber ist freiwillig. Und der könnte natürlich gestrichen werden.

Die gesetzlichen Vorgaben an die Beratungsstellen sind widersprüchlich. Einerseits soll die Beratung „ergebnisoffen“ sein. Andererseits sollen Frauen zur Fortsetzung der Schwangerschaft „ermutigt“ werden.
Das steht in der Tat beides im Gesetz, das ja Folge des so genannten Abtreibungs-Kompromisses ist. Das ist ein ewiges Sich-hin-und-her-Winden. Auch am § 219a sieht man ja, wie schwer sich der Gesetzgeber damit tut zu sagen: Das Recht auf einen Abbruch gibt es. Punkt. Dabei weiß man doch: Man kann Abbrüche nicht verhindern. Man kann nur die Bedingungen so mies machen, dass es Frauen in Lebensgefahr bringt.

Die nächsten Mahnwachen sind für September angekündigt. Was wissen Sie über die Initiative?
Dahinter steht die Bewegung „40 Days for Life“. Diese Bewegung kommt aus den USA, ist aber international vernetzt. Und die Aktivisten sind eng verknüpft mit denen, die auch die „Demos für alle“ organisieren. Die demonstrieren ja gegen Sexualaufklärung und gegen sexuelle Vielfalt und tragen Plakate wie: „Ich möchte, dass mein Sohn Blau tragen darf!“ Ich möchte diese Leute eigentlich nicht ernst nehmen, aber ich muss es leider tun.

Es geht ja nicht nur um ein paar durchgeknallte Fanatiker. Auch so mancher Politiker tönt ganz ähnlich.
Das stimmt. Man kann inzwischen auch wieder sagen, dass man gut findet, dass diese so genannten „Lebensschützer“ vor unserer Beratungsstelle stehen. Es gibt allerdings auch eine Gegen­bewegung, wie man an der großen Solidarität mit Kristina Hänel sieht. Auch in Frankfurt sind viele solidarisch mit uns und sagen: „Es ist super, was ihr macht! Macht weiter! Lasst euch nicht einschüchtern!“ Viele begreifen erst jetzt, was auf dem Spiel steht.

Das Gespräch führte Chantal Louis.

Im Netz:

Bündnis Frankfurt für Frauenrechte

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Abtreibung: „§219a ist erst der Anfang!“

Das "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung" stellt sich in Berlin dem "Marsch für das Leben" entgegen. - Foto: F. Boillot/imago
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Seit 2012 stellen sie sich jeden vorletzten Samstag im September den Abtreibungsgegnern bei ihrem alljährlichen „Marsch für das Leben“ entgegen. Doch in diesem Jahr dürfte das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“, ein Zusammenschluss von rund 40 Organisationen von Terre des Femmes bis zum Arbeitskreis Frauengesundheit, eine Rekordbeteiligung verzeichnen. Denn seit der letzten Gegendemo gegen die christlichen Fundamentalisten, Maskulisten und AfDlerInnen im Herbst 2017 ist viel passiert.

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Die Verurteilung der Gießener Ärztin Kristina Hänel im November 2017 war nur der Anfang. Anzeigen gegen weitere ÄrztInnen folgten, inzwischen standen auch die Kasseler Medizinerinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus wegen des Verstoßes gegen den §219a vor Gericht. Sie hatten sich, wie Hänel, geweigert, die Information darüber, dass sie Abbrüche durchführen, von ihrer Website zu nehmen. Der Prozess, der am 29. August vor dem Amtsgericht Kassel begann, wurde unterbrochen, nachdem die Ärztinnen einen Befangenheitsantrag gegen den Richter gestellt hatten. Der Antrag wurde inzwischen abgelehnt, ein neuer Prozesstermin steht noch aus.

Auch der Gynäkologin Gaber steht ein Prozess ins Haus

Auch die Berliner Gynäkologin Bettina Gaber lehnte ab, der Aufforderung der Staatsanwaltschaft Folge zu leisten und den kurzen Hinweis auf Schwangerschaftsabbrüche in ihrer Praxis von ihrer Homepage zu streichen. Ihr steht nun ebenfalls ein Prozess bevor. Bettina Gaber wird am Samstag bei der Eröffnung des Aktionstags um 12 Uhr (Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße) sprechen.

Seit dem Urteil gegen Kristina Hänel debattiert das ganze Land über den §219a und viele, die das Recht auf Abtreibung in Deutschland für gesichert hielten, begriffen jetzt: Auch hierzulande werden ÄrztInnen bedroht und kriminalisiert, ungewollt schwangere Frauen eingeschüchtert und Beratungsstellen wie Pro Familia von christlichen Fundamentalisten bedrängt. Folge des Drucks: Es gibt deutsche Städte und ganze Landstriche, in denen kein einziger Arzt mehr einen Schwangerschaftsabbruch durchführt.

Und obwohl der Staat laut Gesetz eigentlich einen „Versorgungsauftrag“ hat, sprich: dafür sorgen muss, dass genügend ÄrztInnen ungewollte Schwangerschaften abbrechen, erheben manche Bundesländer noch nicht einmal Zahlen über die Versorgungslage, wie das Magazin kontraste kürzlich in einem erschreckenden Beitrag herausfand.

Die fehlenden ÄrztInnen sind endlich ein Thema

Auch EMMA berichtet in der aktuellen Ausgabe in einem Schwerpunkt über die sich verschärfende Lage - aber auch über diejenigen die gegenhalten: Die mutigen Ärztinnen, die sich die Einschüchterung nicht länger gefallen lassen wollen; Pro Familia-Beraterinnen, die für eine Schutzzone um ihre Beratungsstelle kämpfen; die "Medical Students for Choice" an der Berliner Charité, die im Medizinstudium nicht lernen, wie man Abtreibungen durchführt und zur Selbsthilfe greifen.  

Gründe genug, am Samstag auf die Straße zu gehen und gegen den Backlash zu demonstrieren, der nicht nur in Deutschland tobt. Wie desaströs die Lage ungewollt schwangerer Frauen in anderen Ländern ist, werden Aktivistinnen aus Polen und Argentinien berichten. Doch es gibt auch Positives zu vermelden, und das wird am Samstag Ailbhe Smyth aus Irland tun: Dort hatten im Mai 2018 zwei Drittel der IrInnen für die Abschaffung des strikten Abtreibungsverbotes und für die Fristenlösung gestimmt.

Immer wieder waren in irischen Krankenhäusern schwangere Frauen in Lebensgefahr geraten oder tatsächlich gestorben, weil ÄrztInnen die Schwangerschaft auch bei schweren gesundheitlichen Gefahren nicht beenden durften. Gesiegt hatten bei dem Referendum im Mai also die wahren Lebensschützer.

„Leben schützen heißt Schwangerschaftsabbruch legalisieren!“ lautet deshalb das Motto des Aktionstages. Und: „§219a ist erst der Anfang!“ Denn die Streichung des §219a ist nur ein Etappenziel. Ziel ist eine Gesellschaft, in der Frauen und ÄrztInnen, die abtreiben, sich nicht mehr im Strafgesetzbuch wiederfinden.

Zum Aufruf des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung

 

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