Der Feminist

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Ein Traum wird wahr in Spanien. Der junge Ministerpräsident ist nicht nur gegen den Irakkrieg, sondern auch gegen den häuslichen Krieg.

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Er sieht aus wie der ideale Mann – und er benimmt sich auch so: einfühlsam, verantwortungsbewusst, mutig. Seine Genossen verpassten ihm wegen seiner Rehaugen einst den Spitznamen „Bambi“, die SpanierInnen halten ihn inzwischen eher für Don Quichote; für die Medien ist er ein „gelassener Sozialist“ – und selber bezeichnet der 45-jährige Ministerpräsident sich als „bekennender Feminist“.

Über Spanien, bis vor 30 Jahren noch in der Faust des faschistischen Diktators Franco und danach mal in den Händen von Sozialisten, mal Konservativen, ergießt sich seit dem Amtsantritt von José Luis Rodríguez Zapatero im März 2004 eine Welle von Reformen, die, je nach Blickwinkel, bejubelt oder verdammt werden. Als Erstes stieg Zapatero aus dem Irak-Krieg aus. Als Zweites sagte er dem häuslichen Krieg den Kampf an. Als Drittes führte er die uneingeschränkt gleichberechtigte Homoehe ein.
Die Lockerung des rigiden Abtreibungsverbotes zur Fristenlösung soll nun auf dem Fuße folgen. Auch eine Entschädigung der Opfer des Franco-Regimes ist geplant. Und wenn Prinzessin Letizia demnächst ein Mädchen zur Welt bringen sollte, dann wird es eines Tages den Thron besteigen können. Zapatero macht es möglich mit einer Änderung der bisher auf Männer beschränkten Thronfolge-Regelung.
Aber wer ist dieser Mann, der mitten im schwarzen Spanien die Weichen für den Aufbau einer laizistischen Republik nach skandinavischem Vorbild stellt? José Luis Rodríguez Zapatero, so weiß man, liebt Gedichte von Borges, die Fußballmannschaft FGC Barcelona und seine beiden Töchter Laura (12) und Alba (10). Und er liebt seine Frau Sonsoles Espinosa, von Beruf Musiklehrerin, und so emanzipiert, dass sie sich weigert, die First Lady an seiner Seite zu spielen. Kennengelernt haben die beiden sich an der juristischen Fakultät von Leon, wo er wie sie Jura studierte. Es war „Liebe auf den ersten Blick“.
Geboren wurde José Luis Rodríguez Zapatero 1960 in Kastilien, als Sohn eines Anwaltes und einer Hausfrau. Seine Familie war gegen das Franco-Regime und er wuchs in einem oppositionellen, freiheitsliebenden Klima auf. Nach dem Tod der Mutter kurz vor seiner Ernennung zum Parteivorsitzenden haben Freunde ihn zum ersten Mal weinen sehen. Er zog sich für Wochen aus der Politik zurück.
Nach dem Studium wurde Zapatero 1986 der jüngste Abgeordnete im spanischen Parlament, kam 1997 in den Vorstand der PSOE (Sozialistische Arbeiterpartei Spanien) und wurde 2000 bei einer Kampfkandidatur zur Überraschung vieler zum Parteivorsitzenden gewählt. Der Unmut über Aznar und den Irak-Krieg spülte Zapatero dann 2004 an die Spitze.
Seither muss der neue Ministerpräsident sich und Spanien viel beweisen. Und er hat dafür eine einfache Formel: Er macht alles anders als sein Vorgänger. Weg mit der penetranten Engstirnigkeit, der elitären Arroganz von Aznar. Der Neue ist gegen Aznars mächtige Verbündete, gegen die USA und die Kirche, gegen das Patriarchat und den Machismo. „Avanzamos en igualidad“ – in Gleichheit vorankommen, lautet das Credo dieses Ministerpräsidenten.
Zapateros 16-köpfigem Kabinett gehören ebenso viele Frauen wie Männer an. Sein Stellvertreter ist mit María Teresa Fernández de la Vega in Spanien erstmals eine Frau. Im Mai beschloss die Regierung das hohe Strafen androhende Gesetz gegen häusliche Gewalt und die Ehe für Homosexuelle, inklusive Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. 70 Prozent der Bevölkerung stehen im tief katholischen Spanien hinter der Homo-Ehe. Für ein Land, in dem die Inquisition erfunden wurde, ist das fast eine Revolution. Die Bischöfe toben gegen den „laizistischen Fundamentalismus“, als säße der Antichrist höchstpersönlich in der Moncloa.
„Wenn der neue Papst etwas dagegen zu sagen hat, werde ich seine Anschauungsweise respektieren“, konterte José Luis Rodríguez Zapatero diplomatisch – und hat schon weitere brisante Zukunftspläne: Die staatlichen Zuschüsse für die Kirche sollen gekürzt und die privilegierte Stellung der katholischen Kirche gegenüber anderen Religionen abgebaut werden, der Religionsunterricht soll zu einem Freifach ohne Noten konvertieren.
Eine totale Wende vollzieht Zapatero auch bei der Umweltpolitik: Der geplante Mammutstaudamm am Unterlauf des Ebro wurde gestoppt. Umweltministerin Cristina Narbona stellt dafür Wassersparprojekte und Entsalzungsanlagen in Aussicht. Und bis 2012 soll das Kyoto-Protokoll umgesetzt werden. Zapatero wagt es sogar, gegen die Bauspekulation vorzugehen. 180.000 Sozialwohnungen und staatliche Eingriffe in den überteuerten Immobiliensektor stehen schon auf dem PSOE-Wahlprogramm.
Doch in all die Aufbruchstimmung mischen sich in den spanischen Medien auch warnende Stimmen: Wird Zapateros „idealismo quijotesco“, wird Bambi irgendwann gegen Windmühlen prallen? Widerstände gibt es genug. So ist Spanien das Land mit der größten Einwanderung in Europa, bis 2025 wird die Einwohnerzahl von 42 auf 50 Millionen wachsen. Gettobildung und ein Anstieg der Gewalt sind zu erwarten, werden die NeubürgerInnen – die meist aus Macholändern kommen – nicht integriert, darunter allein 334.000 Marokkaner.
Zapatero hat einmal gesagt: „Die Macht wird mich nicht verändern.“ Das ist unwahrscheinlich – aber es wäre wunderbar.
Anne Katrin Trybek, EMMA Juli/August 2005
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