Ferihan floh aus Mazedonien - vor ihrem eigenen Mann. © Bettina Flitner
Ferihan floh aus Mazedonien - vor ihrem eigenen Mann. © Bettina Flitner

Wer schĂŒtzt die Frauen nach der Flucht?

Amina musste ihre Heimat verlassen, weil sie MĂ€nnern die Hand ­gegeben hat. Diese MĂ€nner waren ihre Kollegen, mit denen die GynĂ€kologin als Ärztin einer Klinik in Kabul ­zusammenarbeitete. Oder es waren die EhemĂ€nner ihrer Patientinnen, die sie nach Dienstschluss in ihrer Privatpraxis ­behandelte. Bei diesem sĂŒndigen Akt war die Ärztin heimlich fotografiert worden. Jetzt sitzt sie mit ihren Kindern in 30 qm Deutschland.

Sie dachte, sie zieht jetzt in eine eigene Wohnung - aber sie kam wieder in einen Container

Amina hat an einer russischen UniversitĂ€t Medizin studiert, ihr Mann ist Ingenieur. Die beiden versuchten, irgendwie durchzukommen in einer Gesellschaft, in der die Taliban mit ihrem wahnwitzigen Frauenhass immer mehr an Einfluss gewannen. Sie bedrohten auch die Ärztin Amina. „Sie denken, wenn eine Frau gebildet und intellektuell ist, hat sie kein Recht zu leben“, sagt sie.

Dann, im April 2014, ging alles ganz schnell. Aminas Mann wurde verhaftet. In derselben Woche fand die Ärztin ein Flugblatt in ihrem Briefkasten: „Das ist die letzte Warnung. Sonst töten wir dich!“ Wenige Tage spĂ€ter verließ Amina ihr großes Haus in Kabul und stieg mit ihren Kindern in ein Flugzeug nach Dubai, mit falschen PĂ€ssen, die ein Schlepper organisiert hatte. Drei Monate spĂ€ter, im Juli 2014, saß sie in einem Container in Köln – und schrie.

„Ich stand unter Schock“, sagt sie. „Ich hatte geglaubt, ich komme jetzt in eine eigene Wohnung.“ Durch drei FlĂŒchtlingsheime hatte man sie und die Kinder seit ihrer Ankunft in Frankfurt geschleust und die Mutter hatte gehofft, ihre Odyssee sei in Köln nun endlich beendet. Aber hier wurden Amina und ihre Kinder in das Erstaufnahme-Heim in der Herkules­straße gebracht, Kölns grĂ¶ĂŸte FlĂŒchtlings-Unterkunft, die im ehemaligen Straßenverkehrsamt untergebracht ist. Fast 700 Menschen leben hier in 170 RĂ€umen. Weil die schließlich nicht mehr reichten, hat die Stadt Container angebaut.

Container sind hellhörig. Die TĂŒren knallten, es war laut, es gab stĂ€ndig PrĂŒgeleien. Laut einem Bericht des Innenministeriums von NRW musste im Schnitt jeden dritten Tag die Polizei anrĂŒcken, auch, weil vagabundierende Taschen- und Ladendiebe im FlĂŒchtlingsheim Unterschlupf bei ihren – meist ahnungslosen – Angehörigen gefunden hatten. „Ich hatte Angst vor den anderen FlĂŒchtlingen“, sagt die Ärztin im Exil. Deshalb ließ sie die Fenster geschlossen. Es war heiß. Der sechsjĂ€hrige Daylan, der seit einer HirnhautentzĂŒndung als Baby behindert ist, bekam einen epileptischen Anfall. Und seine Mutter einen Nerven­zusammenbruch.

Es muss um diese Zeit gewesen sein, als im selben FlĂŒchtlingsheim ein Mann Ferihan in der Dusche an der Schulter packte. Es war natĂŒrlich die Frauendusche. Der Mann griff von hinten nach der nackten Frau. Sie schrie und stieß ihn weg.

Nach Ferihan haben schon viele MĂ€nner gegriffen. In Mazedonien, wo sie herkommt, hatte ihr Mann sie in ihrem eigenen Haus zur Prostitution gezwungen. Sie war 18, als sie ihn heiratete, erzĂ€hlt die heute 40-JĂ€hrige. „Das ist in einer Roma-Familie relativ spĂ€t.“ Drei Kinder bekam sie mit ihm. „Er hat mich jeden Tag ­gedemĂŒtigt“, sagt sie. Er schlug sie, er ­vergewaltigte sie.

Ferihan ist eine schöne Frau. Die Narbe am Kopf wird von ihren langen schwarzen Haaren verdeckt, und um die Wulste am Arm und an der Hand zu zeigen, muss sie ihre Lederjacke ausziehen. Die Nase habe er ihr auch gebrochen. Er nahm Drogen und rutschte in kriminelle Kreise ab. Als ihm die Schulden ĂŒber den Kopf wuchsen, verkaufte er – seine Frau.

Zwei Jahre lang, sagt Ferihan, dann wanderte er wegen Diebstahl und Drogenhandel ins GefĂ€ngnis. Aber jetzt hatte sie seine kriminellen Kumpels am Hals. Die wollten Geld von ihr und drohten, sie umzubringen, falls sie es nicht bekĂ€men, sprich: falls sie sich nicht weiter prostituieren wĂŒrde. Ferihan erwog, in eine andere Stadt zu ziehen. Aber das hĂ€tte nichts genĂŒtzt. „Diese MĂ€nner waren gut vernetzt, eine Art Mafia.“

Eine Frau im FlĂŒchtlings-
heim wurde von einem Bewohner verprĂŒgelt

Mazedonien gilt seit September 2014 als „sicheres Herkunftsland“, so hat es der Gesetzgeber beschlossen. Doch Ferihan fĂŒhlte sich alles andere als sicher. Sie floh nach Deutschland. Aber in der Kölner Herkulesstraße war es mit der Sicherheit auch so eine Sache. Sie traute sich nachts nicht mehr auf die Toilette. Und sie traute sich auch nicht, ihre Kinder allein im Raum zu lassen. Die MĂ€nner, der LĂ€rm, das war alles zu viel fĂŒr sie. Sie aß nichts mehr, wurde depressiv.

„Jedes Mal, wenn in so einem Container-Heim jemand eine TĂŒr zuschlĂ€gt, wackelt das Bett“, bestĂ€tigt Denise Klein. Die PĂ€dagogin und Trauma-Expertin arbeitet bei der „Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung“, kurz: agisra. Der 1993 gegrĂŒndete Verein mit einer Informations- und Beratungsstelle fĂŒr Migrantinnen in der Kölner ­Altstadt setzt sich unter anderem fĂŒr die speziellen Belange weiblicher FlĂŒchtlinge ein. So fordert agisra die „Anerkennung von frauenspezifischen AsylgrĂŒnden“ und etwas, das in der aktuellen Debatte um die ­Unterbringung der FlĂŒchtlinge bisher keine Rolle zu spielen scheint: „Die ­BerĂŒcksichtigung der besonderen SchutzbedĂŒrftigkeit von alleinreisenden, allein­erziehenden und traumatisierten Frauen bei der Unterbringung“.

Als im September 2014 im westfĂ€lischen Burbach Wachleute eines Sicherheitsdienstes einen FlĂŒchtling misshandelten, ging – zu Recht – ein Aufschrei durchs Land. Was treiben die Securitys da eigentlich, wurde gefragt, und: Wer kontrolliert diese Typen ĂŒberhaupt? „Es gibt kaum Daten ĂŒber Gewalt in FlĂŒchtlingsunterkĂŒnften“, klagte der Sprecher von Pro Asyl. Übergriffe wĂŒrden „selten zur Anzeige gebracht und erst durch Medienberichte bekannt“.

Gemeint waren Übergriffe auf mĂ€nn­liche FlĂŒchtlinge. Von den Frauen redete niemand. Dabei gĂ€be es dazu viel zu sagen. Nicht nur agisra macht darauf aufmerksam, dass sexuelle BelĂ€stigung und Gewalt gegen Frauen in FlĂŒchtlingsheimen leider keine Ausnahme ist.

Auch die Initiative „Women in Exile“ wagt sich an das Tabu. Sie benennt, dass MĂ€nner auf der Flucht nicht nur Opfer sind, sondern auch TĂ€ter sein können. Die GrĂŒnderin von „Women in Exile“, Elizabeth Ngari, hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, als Frau ohne mĂ€nnlichen „BeschĂŒtzer“ in einem FlĂŒchtlingsheim zu leben.

Leben im Heim: Keine Privat-
sphÀre und sexuelle BelÀstigungen

1996 kam die heute 56-JĂ€hrige mit ihren zwei Töchtern aus Kenia nach Deutschland. Dort kamen sie in eine FlĂŒchtlingsunterkunft in Brandenburg. Ngari ­erinnert sich: „Es gab keine PrivatsphĂ€re, KĂŒche und Bad mussten mit vielen geteilt werden, sexuelle BelĂ€stigung war an der Tagesordnung.“ Bald kamen ihr Ă€hnliche VorfĂ€lle auch aus anderen UnterkĂŒnften zu Ohren. „Es gab auch Vergewaltigungen in einigen Heimen. Aber diese Dinge wurden in den FlĂŒchtlingsgruppen einfach nicht angesprochen“, sagt Ngari. FlĂŒchtlingsfrauen leiden unter einer doppelten Diskriminierung: Rassismus und Sexismus. Ein Fall hat die Kenianerin ­besonders empört: „Eine Frau in einem Brandenburger FlĂŒchtlingsheim wurde von einem Bewohner verprĂŒgelt und wandte sich an die Mitarbeiter im Heim. Die haben zu ihr gesagt: ‚Dann schließ dich doch in deinem Zimmer ein!‘“ Ngari fuhr die verletzte Frau ­zunĂ€chst ins Krankenhaus, dann zur Polizei und schließlich ins Frauenhaus. Das sei eigentlich Auf­gabe des Heimpersonals ­gewesen, sagt Ngari.

2002  hatte Ngari gemeinsam mit anderen Betroffenen „Women in Exile“ gegrĂŒndet. Untertitel: „FlĂŒchtlingsfrauen werden laut!“ Im Sommer 2014, als die FlĂŒchtlingsströme nach Deutschland immer grĂ¶ĂŸer und die Lage in den UnterkĂŒnften immer dramatischer wurde, meldete sich „Women in Exile“ mit einer spektakulĂ€ren Aktion zu Wort: Sieben Wochen lang, von Mitte Juli bis Ende August, schipperten sie mit zwei FlĂ¶ĂŸen von NĂŒrnberg, dem Sitz des „Bundesamtes fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge“ (BAMF), ĂŒber FlĂŒsse und KanĂ€le bis nach Berlin. Auf ihrer „Refugee Women Action Tour“ durch sieben BundeslĂ€nder besuchten sie Dutzende FlĂŒchtlingsheime und sprachen dort mit den Frauen. Am 28. August 2014 ĂŒbergab „Women in Exile“ dem Bundesinnen­ministerium ein Memorandum mit Forderungen.

Es gibt viel zu tun. Einiges davon betrifft speziell Frauen. Zum Beispiel die Anerkennung der „geschlechtsspezifischen AsylgrĂŒnde“, die zwar seit 2005 im deutschen Zuwanderungsgesetz festgeschrieben ist, in der Praxis aber oft daran scheitert, dass Zwangsverheiratung oder GenitalverstĂŒmmelung eben keine Verfolgung von Staats wegen sind, sondern sich in der ­Familie abspielen – und daher angeblich schwer beweisbar sind.

„Die frauenspezifischen AsylgrĂŒnde werden immer noch nicht wirklich ernst genommen. Sie gelten als Privatsache“, bedauert Shewa Sium von agisra. Hinzu kommt: Gerade weil sich die Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen oft im privaten oder intimsten Bereich abspielen, „ist es fĂŒr die Frauen sehr schwer, von ihren traumatischen Erfahrungen zu erzĂ€hlen“, sagt die PĂ€dagogin. Die Anhörung vor dem BAMF sei „wie ein Verhör. Deshalb wagen viele nicht, sofort ĂŒber den wahren Asylgrund zu sprechen.“ Eine zweite Chance aber gebe es nicht.

80 Prozent aller FlĂŒchtlinge weltweit sind Frauen und Kinder. Aber von denen, die in Europa ankommen, sind nur 20 Prozent weiblich. Auf den Fotos der FlĂŒchtlingsboote in Lampedusa sind vor allem junge MĂ€nner zu sehen. „Frauen sind meist BinnenflĂŒchtlinge oder schaffen es höchstens bis ins Nachbarland“, erklĂ€rt Denise Klein von agisra. „Bis Europa zu kommen, ist fĂŒr viele undenkbar.“

Wenn sie ĂŒberhaupt wegkommen. Bezeichnenderweise ist der Anteil der Asylbewerberinnen in Deutschland aus jenen LĂ€ndern besonders niedrig, in denen Frauen am hĂ€rtesten unterdrĂŒckt werden. So war 2013 nur jeder dritte Asylbewerber aus Afghanistan eine Frau, aus Somalia jeder fĂŒnfte, aus Pakistan sogar nur jeder zehnte. „Ist ja klar!“ sagt Shewa Sium, die vor 35 Jahren dem BĂŒrgerkrieg in Eritrea entkam. Frauen aus solchen LĂ€ndern hĂ€tten „kaum Chancen, aus ihren VerhĂ€ltnissen zu fliehen“. Schon allein deshalb, weil sie oft nicht berufstĂ€tig sein dĂŒrfen, kein eigenes Geld und keine ­Kontakte besitzen.

Sie ist Mathe-
matik-Lehrerin und arbeitet als KĂŒchenhilfe - sinnvoll?

Weitere Forderungen von „Women in Exile“ betreffen Frauen wie MĂ€nner: Zum Beispiel die Abschaffung der so genannten Residenzpflicht, die FlĂŒchtlingen und AsylbewerberInnen verbietet, den ihnen zugewiesenen Ort oder ihr Bundesland zu verlassen. Einen Teilerfolg ist schon erzielt. Seit dem 1. Januar 2015 gilt die Residenzpflicht nur noch fĂŒr drei Monate. Auch das Recht auf Wohnungssuche steht im Forderungskatalog – auch wenn nur eine „Duldung“ erteilt wurde, damit die Geduldeten nicht jahrelang in den FlĂŒchtlingsheimen vegetieren mĂŒssen; oder die Anerkennung von BerufsabschlĂŒssen, die in Deutschland trotz einiger Verbesserungen meist kompliziert und teuer ist. Gerade fĂŒr hochqualifizierte Frauen bedeutet das, dass sie oft in typischen Frauenjobs landen: KĂŒchenhilfe, Putzfrau, Pflegekraft.

DarĂŒber herrscht auch im FlĂŒchtlingsprojekt „Fliehkraft“, das im BĂŒrger­zentrum Köln-Nippes beheimatet ist, Unmut, um nicht zu sagen: Zorn. Jeden Dienstag um 11.30 Uhr ist hier „Offenes FrauencafĂ©â€œ. Rund zwanzig Frauen sind heute gekommen, haben rund um den großen Tisch Platz genommen und reichen Teller mit geschnittenen Gurken, Tomaten und Fladenbrot herum.

Auf diesen Tisch haut nun Zoreh mit der Faust, weil sie eine Sache in diesem Deutschland wirklich nicht verstehen kann. „Ich bin Mathematik-Lehrerin“, sagt die elegante Frau mit dem stahlblauen Pullover. „Und seit 19 Jahren arbeite ich als KĂŒchenhilfe, werde von einem Ein-Euro-Job zum anderen gereicht und von einer dreimonatigen Fortbildung zur nĂ€chsten. Das macht doch keinen Sinn!“

Zoreh ist 61 Jahre alt. 1987 ist sie aus dem Iran nach Afghanistan geflohen, nur mit dem, was in die Schulranzen der ­Kinder passte. Als es dort auch nicht mehr auszuhalten war, flĂŒchteten sie 1995 weiter nach Deutschland. Von ihrem Mann, einem gelernten Agraringenieur, ist sie inzwischen getrennt. „Er hat sich so verĂ€ndert“, sagt sie. „Viele unserer MĂ€nner verĂ€ndern sich.“

Aber es ist nicht nur fĂŒr die MĂ€nner schmerzhaft, wenn sie vom Ingenieur plötzlich zum Hilfsarbeiter degradiert werden.

„Frauen sind, gerade wenn Kinder da sind, noch schneller im Abseits“, weiß Nahid Fallahi, die seit sieben Jahren Frauen berĂ€t und betreut, die zu „Fliehkraft“ kommen.

Von denen, die dienstags den Weg ins FrauencafĂ© finden, sind die meisten schon seit Jahrzehnten in Deutschland. Viele sind Iranerinnen, geflohen vor Khomeini und seinen Revolutionsgarden. Sie feiern zusammen Nowruz, das iranische Neujahrsfest, oder den rheinischen Karneval. Sie machen gemeinsam AusflĂŒge und bilden sich weiter. In diesen Wochen lautet ihr Schwerpunktthema: Gesundheit. Beim nĂ€chsten Treffen wird ihnen eine Trainerin etwas ĂŒber Stress- und KonfliktbewĂ€ltigung erzĂ€hlen. In der Woche darauf kommt eine Heilpraktikerin zu ihnen.

Heute aber ist Anabel da. Die junge Ärztin hat gerade ihren Abschluss gemacht und möchte die Zeit der Jobsuche sinnvoll verbringen: Sie will helfen. Anabel hat in Tel Aviv in einer Klinik mit FlĂŒchtlingen aus Eritrea, Somalia und dem Sudan gearbeitet. Sie war in der ­GynĂ€kologie und sie weiß: „Die Frauen fliehen ĂŒber Land und da passieren schlimme Dinge.“

Heute will sie einfach zuhören, welche Fragen die Frauen haben und wissen, wo sie gebraucht wird. Ein Finger hebt sich: Sie wĂŒsste gern etwas ĂŒber Vitamine und ob man diese Vitamintabletten aus der Drogerie nehmen solle, sagt eine Frau um die 30, in dieser Runde eine der jĂŒngeren. Wenn man sich gesund ernĂ€hre, brĂ€uchte man eigentlich keine dieser Vitaminpillen, antwortet die Ärztin. Aber die Frau insistiert: Sie habe gehört, Vitamin D helfe gegen Depressionen. Schnell entspinnt sich ein GesprĂ€ch. Mit Depressionen kennen sich einige in der Runde ­offenbar aus.

Zoreh möchte noch etwas zu Deutschland sagen. „Es ist nicht gut“, findet sie, „dass in so vielen HĂ€usern nur AuslĂ€nder wohnen. Mir schadet das, denn ich vergesse mein Deutsch.“ In ihrem Haus reiche es ihr jetzt. „Wenn noch ein TĂŒrke oder noch ein Perser kommt, zahle ich keine Miete mehr!“ GelĂ€chter. Zoreh lacht auch, aber sie meint es ernst.

Auch Sozialarbeiterin Fallahi, die ebenfalls aus dem Iran kommt und seit 22 Jahren mit FlĂŒchtlingen arbeitet, hat einen Wunsch an die deutsche FlĂŒchtlingspolitik: „Die Frauen bekommen zu wenig ­Informationen ĂŒber die Rechte, die Frauen in Deutschland haben“, weiß sie. „Man mĂŒsste ihnen zum Beispiel sagen, dass sie sich gegen die Gewalt durch ihre eigenen MĂ€nner wehren können.“ Und noch etwas: „Viele Frauen sind traumatisiert. Sie mĂŒssten einen Raum haben, in dem sie ĂŒber die Gewalt reden können, die sie in ihren HeimatlĂ€ndern und auf der Flucht erlebt haben.“

Ein solcher Raum sind die FlĂŒchtlingsheime ganz offensichtlich nicht. Im Gegenteil. Auch das erfahrene „Behandlungszentrum fĂŒr Folteropfer“ in Berlin fordert: „Frauen, die schwere, teils sexualisierte Gewalt erlebt und ĂŒberlebt haben, brauchen einen besonders geschĂŒtzten Raum.“ Eine Stabilisierung der Frauen sei sonst „unmöglich“.

Wie bei Ferihan. Einmal riss ein Polizist ihre ZimmertĂŒr auf und stand mit einem Schlagstock vor ihr. Er meinte es nicht böse, die Polizei suchte einen StraftĂ€ter. Ferihans HĂ€nde zitterten, ihr Kopf hĂ€mmerte. Manchmal stand sie auf der Straße und wusste nicht mehr, wo sie war.

Die Frauen bekommen zu wenig Infor-
mationenÂ ĂŒber ihre Rechte in Deutschland

Im April 2014 hatten sich die Kölner agisra-Frauen an die Stadt gewandt. „Die Berichte der Frauen, zu denen wir ­Kontakt haben, bewegen uns dazu, fĂŒr ­alleinreisende Frauen (mit Kindern) eine separate Unterbringungsmöglichkeit zu fordern“, schrieben sie – und stießen auf offene Ohren. Schon einen Monat spĂ€ter wurde in der Herkulesstraße ein Bereich zum „Frauentrakt“ erklĂ€rt. 30 Frauen und ihre Kinder sollten dort geschĂŒtzt wohnen können. Außerdem sagte das Wohnungsamt zu, zu „prĂŒfen“, ob eine FlĂŒchtlings-Unterkunft in Köln nur mit weiblichen FlĂŒchtlingen und ihren Kindern belegt werden könne.

Doch die Freude ĂŒber den Erfolg wĂ€hrte nicht allzu lang. Denn als Mitarbeiterinnen von agisra sich den Frauentrakt ansahen, mussten sie feststellen: Es gab dort kein Wasser und keine eigenen Toiletten. Wieder schrieben sie an die Stadt: „Die Situation ist also weitestgehend gleichgeblieben. Die Frauen suchen abends und nachts die Toiletten nicht mehr auf, sie gehen, wenn ĂŒberhaupt, nur zu mehreren in die Duschen und kommen aus Angst vor Übergriffen hĂ€ufig ­ungeduscht wieder zurĂŒck.“

Das sei „technisch einfach nicht anders machbar gewesen“, erklĂ€rt das Kölner Wohnungsamt. In dem GebĂ€udetrakt lĂ€gen nunmal keine Wasserleitungen und man habe schnell handeln wollen. Die Stadt Ă€chzt gerade unter dem Handlungsbedarf: 4500 FlĂŒchtlinge hat das Land ihr zugewiesen, und Sozialdezernentin Henriette Reker vertritt den Standpunkt, dass „eine Millionenstadt es auch schaffen muss, diese 4500 Menschen aufzunehmen“. Also hat Köln eine „Task Force“ eingerichtet und kĂ€mpft um jedes Bett: Die Stadt mietet Hotels an und stellt Container auf grĂŒne Wiesen am Stadtrand; sie stellt Feldbetten in Turnhallen auf und baute den pleitegegangenen Praktiker-Baumarkt zu einem Lager fĂŒr 200 Menschen um.

Die Leitlinien fĂŒr die Unterbringung von FlĂŒchtlingen, die der Stadtrat 2004 beschlossen hatte – maximal 80 Personen pro Unterkunft, maximale Verweildauer in der Erstaufnahmeeinrichtung drei Monate etc. – können schon lĂ€ngst nicht mehr eingehalten werden. Die Lage der Frauen? Ein Problem unter vielen.

Ferihan lebt jetzt, gemeinsam mit rund 200 anderen FlĂŒchtlingen, davon viele Familien, im ehemaligen Versorgungsamt in Köln-Riehl. Der stattliche, weiße Altbau stand seit 2012 leer, jetzt werden die einstigen Amtszimmer von FlĂŒchtlingen bewohnt. Sie fĂŒhlt sich dort einigermaßen wohl, sagt Ferihan. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes hat sie eine Duldung bekommen. Die gilt fĂŒr ein halbes Jahr. Wie es dann weitergeht, weiß Ferihan nicht.

Amina, die seit August 2014 ebenfalls in dem alten AmtsgebĂ€ude lebt, weiß es auch nicht. Aber sie weiß, was sie will. An ihren Fingern zĂ€hlt sie es auf: 1. Sie möchte eine eigene Wohnung. 2. Sie will, dass ihre Kinder zur Schule gehen und Deutsch lernen. 3. Sie will selbst Deutsch lernen. 4. Sie will wieder als Ärztin arbeiten.

Eigentlich darf Amina gar keine Wohnung suchen, weil ĂŒber ihren Asylantrag noch nicht entschieden ist. Es kann ein Jahr dauern, bis ein Asylbewerber eine Ladung zur Anhörung bekommt. Bis das ganze Verfahren abgeschlossen ist, kann ein weiteres Jahr ins Land gehen. Dass Amina trotzdem auf Wohnungssuche gehen darf, beruht auf einer Sonderregelung: Weil ihr Sohn Daylan schwerstbehindert ist, wurde bei ihrer Familie eine Ausnahme gemacht.

Aber es liegen eine Menge Steine im Weg. Vor ein paar Tagen dachte Amina: Ich habe eine Wohnung! Aber als der Hausverwalter ihren Pass sehen wollte, musste sie passen. So lange ihr Asylantrag nicht positiv beschieden ist, liegt der Ausweis bei der Behörde.

Bis hierher hatte Amina sehr gefasst ­erzĂ€hlt. Wie in ihrem Haus in Kabul die Scheiben zersplittert sind, weil sich in der NĂ€he wieder mal jemand bei einem Selbstmordattentat in die Luft gesprengt hat. Wie groß und schön ihr Haus war, aber dass sie dort „einfach nicht wie ein Mensch leben konnte“. Und dass sie seit Monaten nichts von ihrem Mann gehört hat. Die TrĂ€nen rollen ihr aber erst ĂŒber die Wangen, als sie von den sanitĂ€ren Anlagen im FlĂŒchtlingsheim erzĂ€hlt. Die Toiletten seien, im wahrsten Sinne des Wortes, stĂ€ndig beschissen. NatĂŒrlich kommt jeden Tag ein Putztrupp ins Heim, aber der Zustand vor der Reinigung sei schnell wieder hergestellt. Es ist eine Frage der WĂŒrde.

Auch das Zimmer, in dem sie mit ihren drei Kindern lebt, möchte sie lieber nicht zeigen. Sie lĂ€chelt verlegen. „Es ist ĂŒberhaupt nicht aufgerĂ€umt.“ Der Raum, der  eine TĂŒr weiter liegt, sehe genauso aus wie das Sozialarbeiterinnen-BĂŒro, in dem wir gerade sitzen. Es ist groß, es hat sicher 30 Quadratmeter, Linoleumfußboden und hohe Decken. An den RĂ€ndern in Aminas Raum ist alles verteilt, sagt sie, was die Familie besitzt, beziehungsweise: was man ihr zur VerfĂŒgung gestellt hat. Drei Betten, eins davon ein Etagenbett; ein Tisch mit einem Zwei-Platten-Kocher; ein Fernseher, vor dem der vierjĂ€hrige Aamun gerade sitzt; noch mehr Tische, auf denen sich Spielzeug und Kleidung stapelt.

Viele gehen aus Angst nur zu mehreren auf die Toilette und in die Dusche

In einem der Betten liegt Daylan. Er ist sechs und fĂŒr sein Alter riesengroß. Das macht es nicht einfacher, denn Daylan kann sich nicht bewegen und ihn aus dem Bett in seinen Rollstuhl zu wuchten, ist Schwerstarbeit. Die kleine Ayla ist gerade erkĂ€ltet und sitzt nebenan mit einer Rotznase in ihrem Holzgitterbettchen.

Amina weiß, dass es schlimmere UnterkĂŒnfte gibt als diese. Aber es geht nun schon so lange und sie möchte endlich ankommen. „Damit ich das GefĂŒhl habe, ich gehöre zu diesem Land.“

Andere Schritte auf dem Weg dorthin sind aber schon getan. Amina hat den Deutschkurs besucht, der im FlĂŒchtlingsheim dreimal die Woche angeboten wird. KĂŒnftig wird sie jeden Tag zum Deutschlernen in die Volkshochschule gehen. Aamun geht in den Kindergarten und die zweijĂ€hrige Ayla zu einer Tagesmutter, beide lernen die neue Sprache kinderleicht. Sogar fĂŒr Daylan ist jetzt ein Platz in einem integrativen Kindergarten gefunden. FĂŒr all das ist Amina „sehr dankbar“. Vor allem ihrer Sozialarbeiterin. Die sei „wie ein Schutzengel“. Anita, die im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes gemeinsam mit vier anderen Sozial­arbeiterinnen die FlĂŒchtlinge in diesem Heim betreut, hat ihr bei allem geholfen, vor allem bei den unzĂ€hligen AntrĂ€gen, die bei den Ämtern gestellt werden mussten. „Manchmal verzweifelt man an der BĂŒrokratie“, sagt sie. „Aber manchmal klappt auch was richtig gut. Zum Beispiel hat sich das Jugendamt wirklich ins Zeug gelegt wegen der KindergartenplĂ€tze.“

Anita ist begeistert von Aminas Kampfgeist. „Sie ist sehr selbststĂ€ndig und hartnĂ€ckig“, sagt sie. „Wo andere verzweifeln, packt sie der Ehrgeiz.“

Fehlt noch ein letzter Schritt. Kann die erfahrene GynĂ€kologin Amina auch in Deutschland als Ärztin arbeiten? Das wird sich herausstellen, wenn sie bei der Bezirksregierung DĂŒsseldorf einen Antrag auf Approbation stellt. Dass es klappt, wĂ€re nicht nur der Afghanin zu wĂŒnschen, sondern auch uns Deutschen. Denn hierzulande herrscht Ärztemangel. Und eine GynĂ€kologin wie Amina wĂ€re eine echte Bereicherung.

Chantal Louis