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Greta: Der wütende Engel

Greta Thunberg und MitstreiterInnen demonstrieren in Rom. - Foto: Andrea Ronchini/Imago Images
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Greta ist nicht vom Himmel gefallen. Auch wenn sie aussieht wie ein wütender Engel, der aus Zorn über die böse Welt seine Flügel zertrampelt hat. Nein, Greta ist, zumindest mütterlicherseits, schon die dritte Generation aktiver HumanistInnen, die nicht wegsehen. Ihre Großmutter war Diakonin und nahm immer wieder Flüchtlinge und Menschen ohne Papiere auf. „Manchmal war es ein bisschen anstrengend. Aber es ging“, schreibt ihre Mutter. Und hat heute selbst in das Familien-Ferienhaus Flüchtlinge einquartiert.

Gretas Mutter, Malena Ernman, ist in Schweden eine berühmte Opernsängerin. Sie hat ihre internationale Karriere aufgegeben, um wegen der Klimabelastung nicht mehr fliegen zu müssen. Gretas Vater, Svante Thunberg, hat die Schauspielerei ganz aufgegeben, als sie zur Welt kam, um sich um die Tochter (und deren spätere jüngere Schwester) kümmern zu können.

Gretas Mutter hat jetzt ein Buch veröffentlicht: „Szenen aus dem Herzen – unser Leben für das Klima“. Sie hatte es schon geschrieben, bevor ihre Tochter berühmt wurde. Es endet an der Stelle, an der Greta der Familie ankündigt: „Ich werde jetzt vor dem Parlament demonstrieren.“ Dafür kauft der Vater ihr eine Sperrholzplatte beim Baumarkt für das Schild: „SKOLSTREJK FÖR KLIMATET“.

Malena Ernman erzählt uns in klaren unverstellten Worten die Geschichte einer Revolte und radikalen Randständigkeit. Die wird von Greta ausgelöst, sodann jedoch wird Stück für Stück die ganze Familie hineingezogen, bis hin zu der ­jüngeren Schwester Beata.

Greta betritt am 8. November 2013 auf Seite 24 die Szene. Da ist sie zehn Jahre alt und magersüchtig. Sie kann und will nichts mehr essen. Es beginnt ein zweijähriger Kampf um ihr Leben, der die ganze Familie an den Rand ihrer Kräfte bringt. Sie gewinnen diesen Kampf – und stellen ihr Leben in den Dienst der guten Sache, für die Greta zum Opfergang bereit ist: die Rettung der Welt.

Im Verlauf dieses Kampfes stellt sich heraus, dass Greta eine Form von Asperger hat, was ihr unter anderem erlaubt, sich so extrem auf eine Sache zu fokussieren und alles andere auszublenden. Auf die Meinungen der anderen pfeift sie. Die nehmen ihr so viel Nonkonformismus übel. MitschülerInnen hänseln sie in der Schule, LehrerInnen haben wenig Verständnis. Aber Greta macht weiter. Und ihre Eltern halten zu ihr.

Im zweiten Teil des Buches liefert die ebenfalls sehr engagierte Mutter von Greta Fakten und Appelle zum Kampf gegen „den Untergang von ­Mutter Erde“. Sie tut das kundig und leidenschaftlich.

Der Effekt dieses Buches ist eine erhöhte Sensibilität für den ganz persönlichen Beitrag zum ­Klimaschutz. Ein Nebeneffekt dürfte der Respekt für ein so entschlossenes Außenseitertum im Namen der gemeinsamen Sache sein. Und ein veränderter Blick auf Menschen mit Asperger-­Syndrom und ähnlichen Abweichungen von der „Normalität“. Eine Normalität, die ungern ­hinsieht. Greta sieht hin.

Weiterlesen: Greta & Svante Thunberg/Beata & Malena Ernman: Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima (S. Fischer, 18 €).

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