Frieden - mit Herz und Verstand!

Von Suttners Ziel: "Die verhetzten Völker miteinander zu versöhnen."
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Bertha von Suttner (1843–1914) war Schriftstellerin, Feministin und Pazifistin. Die Tochter eines Generals stammte aus einer böhmischen Adelsfamilie, die Teil der österreichisch-ungarischen k.u.k.-Monarchie war. 1889 veröffentlicht sie den Anti-Kriegs-Roman „Die Waffen nieder!“. Sie schildert darin die Schrecken des Krieges aus Sicht einer Ehefrau. Das Buch wird ein Welterfolg und von Suttner eine der ProtagonistInnen der internationalen Friedensbewegung. 1892 gründet sie die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG). Sie war es, die Alfred Nobel zur Stiftung des Friedensnobelpreises anregte, den sie 1905, als fünfter Mensch und erste Frau, selbst verliehen bekam. Im Mai 1914 gründen Pazifistinnen innerhalb der DFG einen „Frauenbund“. An seiner ersten Tagung kann die todkranke von Suttner nicht mehr teilnehmen. Sie schickt stattdessen diesen Text. Er erscheint in der Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ unter dem Titel „Bertha von Suttners letzter Brief an die deutschen Frauen“.

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Liebwerte Schwestern!

Da die Umstände es mir leider verwehrt haben, in Ihre Mitte zu kommen, so will ich doch schriftlich an der ersten Tagung des „Frauenbundes der Deutschen Friedensgesellschaft“ teilnehmen.

Seien Sie mir gegrüßt und beglückwünscht, verehrte Kämpferinnen. Denn als solche werden Sie sich bewähren müssen: Es wird Ihnen nicht ganz leicht gemacht werden, für die pazifistischen Ideale einzutreten. Auch unter den Frauen selber dürften Ihnen viele Gegnerinnen erwachsen. Es ist durchaus nicht richtig, wie manche behaupten, dass alle Frauen von Natur aus dem Kriege abhold sind. Nein, nur die fortschrittlich gesinnten Frauen, nur solche, die sich zu sozialem Denken erzogen haben, sind es, die die Kraft haben, sich von dem Banne tausendjähriger Institutionen zu befreien, und zugleich die Kraft aufbringen, dieselben zu bekämpfen.

Die Zeit rückt immer näher, da die Frauen im Rat der Völker, in der Lenkung politischer Dinge Sitz und Stimme besitzen werden, es wird ihnen daher möglich sein, gegen das, was sie als Kulturschäden erkannt haben, nicht lediglich zu protestieren, sondern an der Umwandlung der Zustände tätig und praktisch mitzuwirken.

Die Treibereien der Waffenfabri-
kation entlarven!

Dabei werden und dürfen sie ihre spezifischen weiblichen Eigenschaften – als da sind: Milde, Reinheit, Mitleid, warme Menschenliebe – nicht zurückdrängen, sondern mit in den Dienst stellen. Nicht als ob es Aufgabe und Bestimmung der Frauen wäre, allein die kriegslose Kultur herbeizuführen; doch ist ihre Mitarbeit zur Beschleunigung und Erreichung unerlässlich. Zur Stunde sind gar viele männliche Kräfte am Werke, den Krieg abzuwehren, den unerträglich gewordenen Rüstungen ein Ziel zu setzen, die verhetzten Völker miteinander zu versöhnen, die Treibereien der Interessenten der Waffenfabrikation zu entlarven.

Wir sehen, dass die Juristen, die Völkerrechtler, die Nationalökonomen, die Arbeiter und die Handelsleute – jeder von seinem Standpunkt – die Ergebnislosigkeit des Krieges und die Schädlichkeit der allen Wohlstand untergrabenden Rüstungen anklagen; wir lesen die genialen Bücher eines Norman Angell, die den mathematischen Beweis erbringen, dass keine Landeseroberung noch Gewinn bringen kann, – kurz: politisch und ökonomisch, logisch und soziologisch wird dem anarchistisch gewordenen System der gegenseitigen Menschenabschlachtungen entgegengearbeitet.

Auch zahlreiche Geistliche verschiedenster Bekenntnisse beginnen, sich pazifistisch zu organisieren und nun treten die Frauen auf den Plan. Da fragt es sich, welche besondere Aufgabe fällt diesen zu? Eigentlich können wir, soweit unsere Kenntnisse und Einflüsse reichen, auf all den oben genannten Gebieten uns betätigen, denn heute sind uns ja keine sozialen Studien mehr verwehrt, und täglich stehen uns mehr öffentliche Ämter offen. Aber noch eines mehr können wir tun, vor dem die meisten Männer sich zurückhalten, weil sie nicht als schwachmütig und rührselig erscheinen wollen: Lassen wir unsere Herzen sprechen! Im Namen der Liebe, diesem heiligsten aller Gefühle, das ja als die eigentlichste Domäne des Weibes gilt, im Namen der Güte, die ja erst den Menschen „menschlich“ macht, im Namen des Gottesbegriffs, zu dem sich unsere Ehrfurcht erhebt, wollen wir den Krieg bekämpfen; nicht nur, weil er sich nicht mehr auszahlt und daher eine Torheit – sondern weil er grausam und daher ein Verbrechen ist. Das soll in all dem Aufwand von politischen und ökonomischen Argumenten nicht vergessen werden.

Das Gefühl nicht gegen die Gräuel verschließen

Desto besser, wenn sich der Verstand auch gegen den Krieg auflehnt, aber unterdrücken wir darum nicht die Empörung unserer Herzen. Nicht nur das Denken und Erkennen, das Rechnen und Schlussfolgern zeugt von unseren Seelenkräften, sondern auch das Fühlen. Klar und scharf sollen unsere Gedanken sein, warm und edel die Gefühle – erst so ist die volle Menschenwürde erreicht. Richtige Schlüsse ziehen ist schön – begeistert sein ist schöner. Leidenschaft brauchen wir, um zu handeln und zu wirken – nur Leidenschaft reißt hin.

Zu den Gefühlen, die uns der Krieg einflößt, gehört leidenschaftlicher Mitschmerz; denn die Gräuel, die himmelschreienden Leiden, die er verursacht, gehen schon über die Grenzen des Erträglichen hinaus. Er nimmt ja täglich mit jeder neuen Heeresverstärkung, jeder neuen Erfindung an Fürchterlichkeit zu.

Warten wir nur, bis alle Details aus den Balkankämpfen uns zur Kenntnis kommen – die Verjagten, die Massakrierten, die Verhungerten, die lebendig Verbrannten … nein, gegen das alles darf man sich nicht verschließen. All dem Elend muss man ins Gesicht sehen, aber nicht, um es als Unglück zu beklagen, sondern als Schlechtigkeit anzuklagen! Denn es ist keine Elementarkatastrophe, es ist das Ergebnis menschlichen Irrwahns und menschlicher Fühllosigkeit.

Also lassen wir uns durch den Vorwurf der Sentimentalität nicht abschrecken. Wir haben das Recht, wir Frauen, unsere Gefühle zu zeigen. Seit jeher, auch schon zu Römerszeiten, hatten die Mütter das Privileg, den Krieg zu hassen. Lassen wir uns ja diesen instinktiven Hass – der ja nur eine intensive Form von Menschenliebe ist – nicht rauben; er soll unter den mannigfaltigen Waffen, die unsere neue Zeit gegen barbarische alte Institutionen schmiedet, vielleicht eine der wirksamsten, gewiss eine der edelsten sein. Also liebe Schwestern, ans Werk und seid standhaft!

Montecuculi sagte: „Zum Kriegführen braucht man Geld, Geld und wieder Geld.“ Ich will nicht sagen, dass wir das Ding zu unserer Kampagne nicht auch gut brauchen könnten; aber die Hauptsache ist doch: Ausdauer, Ausdauer und noch einmal Ausdauer! Ich hoffe noch viel vom „Frauenbund der Deutschen Friedensgesellschaft“ zu hören. Und ich lade Sie herzlichst ein, uns eine Abordnung des Bundes zum XXI. Weltfriedenskongress nach Wien zu schicken. Eine Kundgebungsversammlung Ihnen gleichgesinnter Wiener Frauen ist auf das Programm gesetzt.

Wie würde ich mich freuen, Ihnen allen die Hand drücken und ins Auge schauen zu können!

Bertha von Suttner

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Sie erfand den Nobelpreis!

Pazifistin Bertha von Suttner. Ihr Roman "Die Waffen nieder!" wurde ein Weltbestseller.
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Der Friedensnobelpreis, das ist in Wahrheit ihr Preis, von dem schwedischen Dynamit-Fabrikaten Alfred Nobel nur bezahlt „für denjenigen oder diejenige, welcher oder welche am besten für die Verbrüderung der Menschheit, die Herabminderung der Heere und die Förderung von Friedenskongressen gewirkt hat." Die Floskel "derjenige oder diejenige" war für das 19. Jahrhundert ungewöhnlich. Denn Frauen kamen für solch prominente Preise von vorneherein nicht in Betracht. (Sie mühten sich ja gerade erst ab, zum Studium zugelassen zu werden.) Nobel aber legte der zukünftigen Preisjury mit dieser Formulierung eine bestimmte Frau nahe, die er verehrte, mit der er jahrzehntelang über den besten Weg zum Weltfrieden gestritten hatte – und deren Anliegen, die noch junge Friedensbewegung, er mit diesem Preis fördern wollte.

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Sie erhielt als erste Frau den Nobelpreis

Es handelt sich um die österreichische Schriftstellerin und Pazifistin Bertha von Suttner (1843-1914), Autorin des Welterfolges " Die Waffen nieder", Gründerin der österreichischen (1891), der Deutschen (1892) und der Ungarischen Friedensgesellschaft (1895) und unermüdliche Organisatorin der internationalen Frauenbewegung. Sie erhielt ihren Nobelpreis erst 1905 (nachdem sich die Jury vier Jahre lang geweigert hatte, eine Frau auszuzeichnen), und war damit die erste weibliche Preisträgerin und der Stolz der Frauenbewegung ihrer Zeit.

Die Beziehung zwischen dem damals 43jährigen Nobel und der um zehn Jahre jüngeren damaligen Gräfin Bertha Kinsky begann 1876 recht ungewöhnlich. Sie bewarb sich nämlich, ungeheuerlich für eine Dame ihres Standes, auf eine anonyme Zeitungsannonce: "Ein sehr reicher, hochgebildeter, älterer Herr, der in Paris lebt, sucht eine sprachenkundige Dame, gleichfalls gesetzten Alters, als Sektretärin und zur Oberaufsicht des Haushalts".

Bertha war damals in einer Notlage. 33 Jahre alt, mit fehlerhaftem Stammbaum und ohne Geld: ihre verwitwete Mutter hatte das gesamte Vermögen beim Roulette verspielt. Berthas verzweifelte Versuche, sich durch eine Ehe mit einem reichen Mann zu retten, waren in drei geplatzten Verlobungen kläglich gescheitert: Dem ersten lief sie 18jährig nach dem ersten Kuss davon, weil er so alt war. Der zweite war ein Spieler und Schuldenmacher, der früh starb. Der dritte, ein angeblich steinreicher Australier, entpuppte sich als Hochstapler.

Bertha floh zurück zum mittellosen Arthur

Mit dreißig Jahren, nach einer abgebrochenen Ausbildung als Sängerin, gab die junge Gräfin als nunmehr "alte Jungfer" alle Ehepläne auf und nahm eine Stellung als Gouvernante im Hause des Barons Suttner in Wien an. Dort verliebte sie sich in den um sieben Jahre jüngeren Sohn des Hauses und verführte ihn, wie das damals hieß. Als das Verhältnis (nach immerhin drei Jahren) aufflog, mußte sie das Haus verlassen. Denn eine Ehe war ausgeschlossen, so "alt", arm und sittenlos sie war. Ein junger Mann von Stand wie Baron Arthur von Suttner hatte ein keusches, junges, wohlhabendes Mädchen zu heiraten.

Nun also ein neuer Anfang: Reise nach Paris zu Alfred Nobel, diesem Melancholiker und einsamen, gebildeten, reichen Mann. Er war unverheiratet - und er warb um sie. Endlich ein Mann mit Geld! Berthas Lebenstraum schien sich zu erfüllen. Die beiden passten gut zueinander, führten lange tiefe Gespräche. Aber die Liebe zu Arthur war stärker. Bertha verließ Nobel und Paris und all das Geld - und floh zurück zu Arthur, der weder einen Beruf noch Geld hatte, denn seine Familie blieb unerbittlich. Die beiden heirateten heimlich und flohen aus Österreich, er 27, sie 33 Jahre alt, über das Schwarze Meer zur Fürstin von Mingrelien - einer Roulettefreundin von Berthas Mutter.

Neun Jahre brachten die Liebenden dort in Armut und Isolation zu, hielten sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Bertha, viersprachig aufgewachsen, verfasste zunächst Übersetzungen und Zeitungsartikel für Europa, dann aristokratische Liebesromane für die "Gartenlaube". So wurde sie aus Not Schriftstellerin. Arthur ahmte sie nach, wenn auch mit weniger Erfolg. Das Paar bildete sich durch Bücher eifrig weiter, wobei Bertha die Position einer Gouvernante und Arthur die ihres ergebenen Schülers behielt; Sie genossen ihr Glück und bekamen keine Kinder, worüber sie bei der herrschenden Armut nicht unglücklich waren.

Ein verheerender Stoff, der den Krieg unmöglich machen würde

Brieflich hielten sie Kontakt mit alten Freunden, darunter Alfred Nobel, der nun melancholicher denn je war, sich über Krieg und Frieden Gedanken machte und weiter an der Erfindung von immer effizienteren Sorten von Sprengstoff arbeitete: "Ich möchte einen Stoff oder eine Maschine schaffen können von so fürchterlicher, massenhaft verheerender Wirkung, dass dadurch Kriege überhaupt unmöglich würden."

Nach elf Jahren sah Bertha den alten Freund in Paris wieder. Auch sie hatte sich inzwischen mit der Frage von Krieg und Frieden beschäftigt, ausgehend von Darwins Entwicklungslehre: der Krieg widerstrebte dem (vermeintlichen) Naturgesetz eines stetigen Fortschritts und war deshalb mit aller Macht zu bekämpfen. Bertha war nun reif für jene Organisation, der sie in Paris zum ersten Mal begegnete; die internationale Friedensbewegung. Ihr Ziel: Krieg "durch die unwiderstehliche Gewalt einer hinreichend unterrichteten und energisch organisierten öffentlichen Meinung" zu verhindern und zur Lösung von Konflikten ein internationales Schiedsgericht einzurichten. "Die Nachricht elektrisierte mich."

Bertha war jetzt 46 Jahre alt, hatte ein bewegtes Leben hinter sich und erkannte nun von einem Augenblick auf den anderen ihr Lebensziel. Sie nahm Kontakt mit den großen Pionieren der Friedensbewegung auf: mit dem Engländer Hodgson Pratt, dem Franzosen Frederic Passy, dem Berliner Mediziner Virchow. Nur Freund Nobel blieb zurückhaltend: Er hatte nach wie vor kein Vertrauen in die Friedensliebe der Menschen, sondern arbeitete weiter an seinen Sprengstoffen, um durch Abschreckung zum Frieden zu gelangen.

Die Suttner stellte gleich ihr nächstes Buch in den Dienst der neuen Bewegung: "Die Waffen nieder!" war ein traditioneller Frauenroman aus aristokratischen Kreisen, aber gleichzeitig eine flammende Werbeschrift für die Friedensbewegung, schockierend durch die realistische Schilderung von Kriegsgreueln. Das Buch wurde ein Skandal - und der größte Welterfolg, den je ein deutscher Roman hatte.

Über Nacht war Bertha von Suttner berühmt - und mit ihr die (bisher nur in kleinsten Kreisen bekannte) Friedensbewegung. Blitzschnell wurde aus der Schriftstellerin eine Organisatorin in großem, internationalem Stil, eine Vereinsgründerin und Präsidentin (obwohl Frauen damals eigentlich noch nicht einmal Mitglieder in politischen Vereinen sein durften). Und sie wurde eine Vortragsreisende in Sachen Frieden, Freund Nobel finanzierte diese Reisen, Arthur begleitete sie.

Sie gründete eine pazifistische Zeitschrift

Nun gründete sie auch noch die Zeitschrift "Die Waffen nieder", schrieb die meisten Artikel selbst und mischte sich selbstbewusst in Innen- wie in Außenpolitik ein. Sie versuchte Politiker für die Friedensbewegung zu gewinnen, ließ Broschüren und Flugblätter drucken, um zu internationaler Solidarität aufzurufen, Feindbilder abzubauen und durch Druck der Völker auf die Regierenden den Frieden sichern zu helfen.

Diese „unweibliche" Betriebsamkeit brachte der Suttner die Achtung der Wiener Gesellschaft ein. Die Zeitungen verhöhnten sie in gehässigen Karikaturen als "Friedensbertha", als "Judenbertha" (wegen ihres Engagements gegen den Antisemitismus) oder als "rote Bertha" (wegen ihrer offenen Sympathien für den Sozialismus). Ihrem Ruf "Die Waffen nieder" folgten Felix Dahns'Verse: „Die Waffen hoch! Das Schwert ist Mannes eigen / Wo Männer fechten, hat das Weib zu schweigen." Sogar der blutjunge Rainer Maria Rilke gefiel sich in männlich-markigen Sprüchen gegen Bertha und die junge Friedensbewegung: "Es galt den edlen Männern aller Zeiten/Als ihres Strebens schönster, höchster Lohn,/ Fürs Vaterland zu kämpfen und zu streiten/ Als ganzer Mann und als getreuer Sohn. (...) / Doch heute sind verhallt die Kampfeslieder / Herein bricht eine neue feige Zeit / Erbärmlich murmeln sie, Die Waffen nieder'/ Genug, genug, wir wollen keinen Streit."

Die Friedensbewegung, von Bertha von Suttner angeführt und von immer mehr Frauen mitgetragen, wurde als "weibisch", "feige", "ängstlich" abgetan - gegenüber den männlichen Tugenden von Mut und Kraft und Kampf. Die Suttner ließ sich nicht beirren. Mit aller Kraft versuchte sie, Männer und Frauen zu gemeinsamer Friedensarbeit zu bewegen. Der Friede sei ein "humanes" und kein vorrangig "feminines" Ziel, die Zusammenarbeit aller Gutwilligen sei nötig.

Doch die ersten Erfolge hatten allzu optimistisch gemacht. Manche Vereinsmitglieder blieben nach den ersten Schwierigkeiten aus, die Friedenszeitschrift brachte nichts als Schulden, und Demonstrationen verhinderten keinen der Kriege. Der Tod Nobels 1896 traf die Suttner schwer, der Tod Arthurs 1902 machte sie einsam.

Sie wurde als komische Person verhöhnt

Von nun an konzentrierte sie sich voll auf ihre Mission, schrieb Nächte durch ihre Friedensartikel, reiste - schwarzgewandet und mit Witwenschleier -durch die Welt, keine Strapaze scheuend, stets unter Geldsorgen leidend. Sie nahm in Kauf, als komische Person verhöhnt zu werden. Sie zermarterte sich den Kopf nach originellen Ideen, um Förderer zu finden; 1910 appellierte sie zum Beispiel an (die ihr persönlich unbekannte) Bertha Krupp: "So hat Alfred Nobel, der Dynamitkönig, Großes für die Friedensidee getan, ebenso würde die Kanonenkönigin auf demselben Felde Außerordentliches wirken können." Über eine Reaktion ist nichts bekannt.

In diesen letzten Jahren ergab sich ein enger Kontakt mit Frauenrechtlerinnen. Die ihr angebotene Präsidentschaft des "Weltbundes der Frauen" lehnte die Suttner 1904 jedoch ab und plädierte für die von ihr bewunderte May Sewall. Im Juni 1904 gehörte sie zur Prominenz der Internationalen Frauenkonferenz in Berlin, deren Höhepunkt eine große Friedensdemonstration der Frauen in der Philharmonie mit abschließendem Suttner-Vortrag war. Enge Beziehungen hielt sie in Deutschland zu Margarete Selenka, Lina Morgenstern und Anita Augspurg, in Österreich vor allem zu Marianne Hainisch.

Der drohende, sich in Balkankriegen 1912 und 1913 ankündigende große "Zukunftskrieg", veranlasste die fast 70jährige, acht Monate lang in einer Gewalttour mit täglichen Vorträgen die USA zu bereisen, um über die gefährliche Lage in Europa aufzuklären und die reichen amerikanischen Frauenverbände um Unterstützung zu bitten: "Wir, die Friedensgesellschaft, sind hilflos; denn die Staatsgewalten beachten uns nicht ernsthaft (...). Wir brauchen Fonds, um in den Vordergrund zu gelangen, uns Gehör zu verschaffen, um die wahren Tatsachen zu veröffentlichen, die das zensurierte Europa verschweigt. Wir müssen imstande sein, die Wahrheit durch die Presse zu verkünden, die ja gegenwärtig den größten Teil für den Militarismus, ja sogar für den Krieg eintritt."

Es fehlt Geld: "Wir Pazifisten wissen, welche Schwierigkeit es ist, eine Broschüre, die für die Neutralität, für Sicherung der Kriegseventualitäten plädiert, überhaupt drucken und in ein paar hundert Exemplaren versenden zu lassen - aber alles, was für den Krieg wirkt, dem stehen die Millionenziffern zur Verfügung." Das in Amerika mühsam gesammelte Geld war in Österreich kaum ein Tropfen auf den heißen Stein der wachsenden Kriegsbegeisterung bei Männern wie Frauen.

Resigniert zwischen den Fronten

Je deutlicher die Suttner ihre eigene Hilflosigkeit spürte, um so mehr suchte sie die Schuld bei sich selbst, und um so größer wurde ihre Verehrung für die kompromisslosen Kriegsgegner der äußersten Linken, vor allem für Rosa Luxemburg. Im Februar 1914 schrieb sie an ihren Mitarbeiter Alfred Hermann Fried: "Was sagen Sie zu Rosa Luxemburg. Es müssten eben Hunderttausend in allen Ländern sein, die dasselbe sagen – dann möchte ich sehen, wie's mit dem Einsperren ginge."

Aber es gelang noch nicht einmal, die wenigen verbliebenen Friedensfreundinnen in Österreich zu einer gemeinsamen Aktion zu bewegen. Die sozialistischen Frauen lehnten es ab, mit der „Baronin" und ihrem bürgerlichen Anhang zusammenzuarbeiten und die "bürgerlichen" Kreise in Österreich traditionell national gesinnt, boykottierten die angeblich so "rote" Suttner.

Resignierte Tagebucheintragung vom 13. Mai 1914: "Gegen den Übermilitarismus, der jetzt die Atmosphäre erfüllt, ist nicht anzukämpfen... Wo sind die jungen, kräftigen, begeisternd Dreinfahrenden?" Ihr letztes Manuskript war ein Aufruf an "die lieben Schwestern" zum Frauenbund der Deutschen FriedensgesellschaftimMai 1914: "Seien Sie mir gegrüßt und beglückwünscht, verehrte Kämpferinnen. (...) Die Zeit rückt immer näher, da die Frauen im Rat der Völker, in der Lenkung politischer Dinge Sitz und Stimme besitzen werden, es wird ihnen daher möglich sein, gegen das, was sie als Kulturschäden erkannt haben, nicht lediglich zu protestieren, sondern an der Umwandlung der Zustände tätig und praktisch mitzuwirken. (...) Also liebe Schwestern, ans Werk und seid standhaft!"

Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914, wenige Tage, bevor in Sarajewo die Schüsse fielen, die den ersten Weltkrieg auslösten.

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