Was ist eigentlich aus ihren Kindern geworden?

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Konstanz am Bodensee. Die Psychologinnen Dr. Lisa Herrmann-Green und Monika Herrmann-Green waren eines der ersten Paare in Deutschland, das seinen Kinderwunsch via Samenspende aus Holland realisiert hat. Spender unbekannt. Auf die Idee kamen sie damals nicht zuletzt durch einen Artikel in EMMA. Heute haben die beiden Mütter "drei glückliche Superkinder": die sechsjährige Mia, den neunjäh­rigen Dylan und die zwölfjährige Lena. Ob die nicht doch schon mal nach dem Vater fragen? Eher selten. "Ich fände es okay, was über meinen Vater zu erfahren", sagt Lena cool, "aber wirklich nötig ist es nicht." Schließlich sind da noch zwei Großväter und der Patenonkel.
Die Herrmann-Green-Familie hat sich nie versteckt für ihr Familienmodell. Beim Christopher-Street-Day marschieren alle fünf mit, Flagge schwenkend. "Das macht Spaß!" findet Lena. Und in der Schule erzählt die Zwölfjährige stolz: "Ich bin durch Insemination gezeugt worden, genauso wie meine Geschwister." Inzwischen wissen deshalb alle in Lenas Klasse, was das ist: Insemination.

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Und weil den beiden Hermann-Greens ihre "Superkinder" so gut gelungen sind, veröffentlicht Lisa jetzt Ende Februar, zusammen mit einer Co-Autorin, ein Kinderbuch mit dem Titel "Die Geschichte unserer Familie" – darin wird den lieben Kleinen erzählt, wie sie und ihre Familie so zustande gekommen sind. Denn diese Mütter sind nicht nur privat überzeugte lesbische Mütter, sie beschäftigen sich auch beruflich mit diesem Thema. Zumindest die eine. Lisa berät Lesben mit Kinderwunsch und forscht als promovierte Psychologin an der Univer­sität Konstanz zum "Familienbildungsprozess bei Lesben". Sie befragte 105 Frauen und stellte fest, dass alle sich von der Konstellation sogar einen Vorteil für ihre Kinder erhoffen, da die "Wunschkinder seien und viel Aufmerksamkeit und Liebe von beiden Elternteilen erwarten können". Monika hingegen beschäftigt sich mit Fällen, in denen es – in traditionellen heterosexuellen Familien – schiefgegangen ist mit den Kindern: Sie betreut delinquente Jugendliche. Und sie hat, auf Bitten von Lena, die erste Mädchenfußballmannschaft im FC Konstanz gegründet. Sie ist in der letzten Saison Bezirks- und Hallenbezirksmeisterin geworden.

Hamburg an der Alster. Eike Fennemann hat beide Erfahrungen gemacht: Kind zu sein in einer heterosexuellen Familie sowie in einer lesbischen. Und er kennt sie alle, die Vorurteile, die blöden Witze, die Gemeinheiten gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, all die Sprüche, die Männer nach dem vierten Bier loslassen, wenn die Selbstkontrolle schwindet oder einfach, weil ein paar Frauen an der Bar stehen. Und er kennt auch den Satz über lesbische und schwule Eltern: "Die kann man doch keine Kinder erziehen lassen." Den hat mal ein türkischer Kollege in dem Hamburger Designhotel gesagt, in dem Fennemann Barkeeper ist. Da hat Eike den Sprüchemacher angefahren: "Weißt du eigentlich, wovon du redest?" Er, der Barmann, weiß es.

Als Eike Fennemann neun Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Drei ­Monate später legten seine Mutter, die Kinder­ärztin,  und ihre Freundin, eine Werbefachfrau, ihre Familien zusammen. Die nächsten drei Jahre verbrachte der Junge mit zwei Müttern, Ruth und Birgit. Mit von der Partie: seine Geschwister Max und Lena sowie der neue Bruder Fabian. Doch die Trennung vom Vater schmerzte, und die Konflikte mit der Stiefmutter wuchsen – nicht "weil sie lesbisch war und meine Mutter liebte", sondern weil sie ihm, "dem Chaoten der Familie" nicht alles ­durch­gehen ließ, sagt Fennemann heute.

Als Eike zwölf Jahre alt war und seine Versetzung gefährdet, blieb er nach den großen Ferien beim Vater und dessen neuer Frau. Erst acht Jahre später, mit Anfang 20, nahm er den Kontakt zu seiner Mutter wieder auf. Heute ist Eike 29 Jahre alt, und wenn er Probleme hat – etwa mit seiner Freundin – ruft er zuerst seine Mutter an, weil die ihm "auch unbequeme Wahrheiten nicht erspart". Und wenn Feste anstehen, Weihnachten zum Beispiel, fährt er noch nachts nach dem Dienst von Hamburg nach Düsseldorf, um mit seinen zwei Müttern und drei ­Geschwistern zu feiern, weil "die ­Familie für mich jetzt das Wichtigste ist".

Als EMMA Eikes Familie 1994 zum ersten Mal porträtierte (3/94), gingen er und seine Geschwister noch zur Schule. Mittlerweile sind sie erwachsen – und ziehen ein positives Fazit. Der Barkeeper aus Hamburg findet, dass alle Eltern sich von seinen beiden lesbischen Müttern "eine Scheibe abschneiden sollten: Meine Mütter leben nicht nebeneinander her, sie pflegen Werte wie Zusammenhalt und Verlässlichkeit. Wenn ich mal so eine Familie hätte, dann hätte ich was richtig gemacht".

Eikes Bruder Max, 27, Biologiestudent in Hamburg, ist überzeugt, dass seine Zwei-Mütter-Familie ihn im respekt­vollen Umgang mit Frauen geschult hat und er deshalb ein "Vorreiter" in ­Sachen moderne Männer sei. "Ich verdanke es meinen beiden Müttern, dass ich besser mit Frauen zurecht komme als viele andere Männer in meinem Alter. Für mich ist Gleichberechtigung selbstverständlich."

Und seine Schwester Lena tom Dieck, 23 und Studentin der Theater- und Medienwissenschaften, sagt, sie verdanke ihren Müttern vor allem "mein Selbstbewusstsein, meine ­Eigen­initiative. Und meine Offenheit". Zum Beispiel im Bereich Sexualität: "Im Alter von 16 bis 19 habe ich mich vor allem in Frauen verliebt. Mittlerweile hatte ich auch eine Beziehung zu einem Mann."

Der jüngste Bruder, Fabian Kummerow, 22 war ein "verwöhntes Einzelkind", wie er sagt, als er vor etwa 20 Jahren neu in die Familie kam. Er fand in Lena eine enge Vertraute, in Eike einen ähnlich ­"rebellischen" Charakter und in Max einen Bruder, zu dem er aufschauen konnte. Ihr Einfluss wirkt nach: "Ich möchte einmal mehrere Kinder haben, denn die guten Erfahrungen mit meiner Familie und meinen Geschwistern haben mich tief geprägt", sagt der Student heute.

Die Soziologen Judith Stacey und ­Timothy J. Biblarz haben 21 der überwiegend anglo-amerikanischen Studien über Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern neu bewertet – und bestätigen die positiven Befunde. Das Fazit der Wissenschaftler: Kinder von Homosexuellen ­entwickeln sich emotional, sozial und psychosexuell ebenso gut wie solche aus traditionellen Familien. Sie werden auch nicht häufiger als Kinder mit heterosexuellen Eltern lesbisch oder schwul. Die American Psychological Association kommt zu einem sehr ähnlichen Urteil: "Die Anpassungsfähigkeit, die Entwicklung und das psychologische Wohl von Kindern hat nichts mit der sexuellen Orientierung der Eltern zu tun."

Die deutsche Soziologin Uli Streib-Brzic hat zusammen mit der Sozialpädagogin Stefanie Gerlach 36 Kinder homosexueller Eltern getroffen und ihre Gespräche veröffentlicht ("Und was sagen die Kinder dazu?"). Natürlich, so geben einige der heute erwachsenen Kinder zu Protokoll, gab es sie, die blöden Sprüche in der Schule und die irritierten Blicke der Lehrer. Doch wie leicht oder wie schwer es die Kinder mit zwei Müttern oder Vätern damit hatten, hing entscheidend davon ab, wie selbstbewusst beziehungsweise verschämt ihre Eltern mit ihrer Homosexualität umgingen.

"Mir war schon bewusst, dass ich in einer anderen Familie groß wurde als meine Freunde", erinnert sich auch Max Fennemann. "Aber meine Mütter sind so offen und ehrlich damit umgegangen, dass wir das eben normal fanden und dachten: Das ist nichts Schlimmes. Nichts, wofür wir uns schämen müssten." Auch nicht, wenn sie in der Schule "Lesbensohn" hinter ihm herriefen. Nicht die aus der eigenen Klasse, die "ganz normal mit mir umgegangen sind", sondern "Freunde von Freunden. Aber die Sprüche haben mich nicht verletzt, weil meine Familie gut war und hinter mir stand." Das gilt auch für die Diskussionen an der Schwimmbadkasse, an der das Mütterpaar eine Familienkarte einforderte. Max und die anderen trugen sie mit Fassung. "Wir waren sogar stolz drauf. Wir haben gedacht: Bei anderen Kindern gibt es manchmal gar kein Familienleben. Aber wir sind wirklich noch ‘ne Familie!"

"Ich habe sehr früh gemerkt, dass unsere Familie anders ist, habe mir aber nie Sorgen oder Gedanken darüber gemacht", bestätigt Fabian. Er erinnert sich nur an einen marokkanischen Mitschüler, der die Offenbarung seines Freundes mit den Worten kommentierte: "Wie krass ist das denn?" Normalerweise lautete der Spruch, wenn der Junge seine Familie in der Klasse outete: "‚Echt cool!‘ Dann haben alle ­gelacht. Damit war es erledigt."

Für Lena begannen die Probleme in der zehnten Klasse. Was sie aber weniger auf die Homosexualität ihrer Mütter zurückführt, als auf ihr eigenes Interesse an Frauen, das damals erwachte. "Ich bin dann nach der zehnten Klasse abgegangen, weil die Leute komisch ­geguckt und blöde Sachen gesagt haben."  

Familien wie die von Eike, Max, Lena und Fabian nennt man heute eine "Regen­bogenfamilie". Der "Trend zum Kind", der vor etwa 20 Jahren bei den Lesben einsetzte, hält an und hat inzwischen auch schwule Männer erfasst. Das stellt nicht nur Elke Jansen vom Lesben und Schwulenverband (LSVD) in ihren Beratungen fest, es wird auch durch eine Studie des nordrhein-westfälischen Familienministeriums bestätigt. Danach konnte sich schon Ende der 90er Jahre fast jede zweite Lesbe und jeder dritte Schwule unter zwanzig "ein Leben mit Kindern" vorstellen.

Acht von zehn Kindern in Deutschland wachsen heutzutage mit Vater und Mutter in einer traditionellen Kernfamilie auf, doch die Scheidungsrate steigt, und mit ihr die Zahl der zweithäufigsten Familienform: der Einelternfamilie und der Patchworkfamilie. Wie viele Kinder bei homosexuellen Frauen beziehungsweise Männern aufwachsen, ist schwer zu ermitteln, denn viele geben sich bei Befragungen nicht zu erkennen. Familienforscher Bernd Eggen vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg kam im Jahr 2007 auf 30.000 bis 35.000 Kinder, die in schwul-lesbischen Familien aufwachsen.

Lange lebten diese Kinder mit ihren Müttern oder Vätern in einer Nische, abseits auch von der homosexuellen Szene. Neuerdings treten sie verstärkt öffentlich in Erscheinung. Mehr noch: Auch sie sind als Retter in der "demografischen Krise" gefragt. Auch sie profitieren von der Politik einer Familienministerin, die auch verpartnerten Lesben und Schwulen mit Kindern Elterngeld gewährt. Seit dem 1. August 2001 können gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft eintragen lassen. Seit dem 1. Januar 2005 hat sich auch die Stellung ihrer Kinder und die der Co-Eltern verbessert: Eingetragene PartnerInnen können die leiblichen Kinder ihrer Frau/ihres Mannes adoptieren.

Die gestiegene gesellschaftliche Anerkennung hat jedoch auch Schattenseiten. Sie provoziert Widerspruch bei den Traditionalisten in Kirche und Politik. So ist nicht nur der Augsburger Bischof Walter Mixa – überregional bekannt durch seine Behauptung, Ursula von der Leyen ­"degradiere" mit ihrer Familien­politik Frauen zu "Gebärmaschinen" – überzeugt, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften "niemals Ehen und Familien oder der geeignete Rahmen für das ­Aufwachsen von Kindern sein" könnten.

Doch die Mehrzahl der knapp hundert wissenschaftlichen Studien, die seit den 80er Jahren das Leben in so genannten Regenbogenfamilien untersuchen, kommen zu positiven Ergebnissen. Manchmal erweisen sich homosexuelle Eltern sogar als Vorteil. So können sich laut Elke Jansen und Melanie C. Steffens "Töchter lesbischer Mütter stärker als die Töchter heterosexueller Mütter vorstellen, auch männerdominierte Berufe zu ergreifen, wie Astronautin, Ingenieurin, Rechtsanwältin, Ärztin".

Doch eine Frage beschäftigt Kritiker wie Sympathisanten der Regenbogenfamilie nach wie vor. Sie lautet: Wie viel Vater braucht ein Kind, um zu gedeihen? Und was für einen Vater? Wer Max Fennemann genau zuhört, findet die These bestätigt, dass ‚männliche’ Eigenschaften nicht zwingend von männlichen Wesen vermittelt werden müssen. "Mein ‚männliches‘ Role-Model war in mancher Hinsicht Birgit", erzählt er. "Ich bin mit ihr viel mit dem Mountainbike unterwegs gewesen, habe Autos gewaschen, Holzkonstruktionen gemacht, gestrichen, gebohrt und renoviert." Und Mutter Ruth? "Mit ihr habe ich gern Bäume gefällt. Meine Mütter haben sich aus den Männerrollen das rausgefischt, was ihnen Spaß gemacht hat."

Max wiederum hat sich die Mütter-Qualitäten herausgefischt, die ihm gefielen. "Ich habe die soziale nette Art von meiner Mutter geerbt. Als Kinderärztin ist sie eher sozial unterwegs als Birgit, die in der Werbung harte Deals verhandelt. Von ihr habe ich gelernt zu sagen, was ich denke."

Max’ Freundin Carolin ist selbstverständlich "eine starke Frau. Mit Püppchen könnte ich nichts anfangen". Nur selten bedauert der 27-jährige Biologe, dass ihm ein Baustein im Verhaltensrepertoire nun doch zu fehlen scheint – und sei es nur, um zu entscheiden, ihn nicht einzusetzen: "Dass ich das Machohafte gar nicht kennengelernt habe und es auch nicht kann, das ist im Nachhinein schade."

"Meine Mutter Birgit hat mit mir auch viele Jungssachen gemacht", erzählt Fabian, der all die Jahre immer auch guten Kontakt zu seinem Vater hatte. Seine Schwester Lena, die als leibliche Tochter von Ruth einen anderen Vater hat als Fabian, hat ihren Vater "nie vermisst, weil ich mit ihm nie gut klargekommen bin".

Freidorf, ein idyllischer Ort bei Bremen, der bei Besuchern Assoziationen an Astrid Lindgrens Bullerbü wachruft. 74 Erwachsene und 16 Kinder wohnen hier in alten Bauernhäusern, umgeben von grünen Hügeln, alten Bäumen, Wiesen mit Kühen, Pferden, dazwischen Hunde, die über Sandwege hetzen und Fremde laut bellend ankündigen. Hier leben Corry Bünger, 40, und Tanja Elbrecht, 38, mit ihren Töchtern, Tabea und Laura. Die Frauen sind seit 13 Jahren ein Paar und haben in Freidorf ihren Traum vom Familienleben auf dem Lande verwirklicht. Die Familie Bünger-Elbrecht gehört zur rasch wachsenden Gruppe von Frauen, die sich ihren Kinderwunsch mithilfe einer Samenspende erfüllen. Diese neue Freiheit bringt eine neue und weit reichende Entscheidung mit sich. Frauen wie Corry Bünger müssen wählen, welche Art Vater sie für ihre Wunschkinder wollen. Einen unbekannten aus der Samenbank oder einen, den sie den Kindern irgendwann einmal präsentieren können, präsentieren müssen, wenn die Kinder nach ihm fragen. Corry Bünger, Ostheopathin in eigener Praxis, und Tanja Elbrecht, Physiotherapeutin, haben sich für die Variante mit dem bekannten Vater entschieden. Die Kinder, zwei Mädchen, wurden innerhalb weniger Wochen mit dem Samen desselben Mannes gezeugt. Tanja brachte Laura zur Welt und Corry Tabea. Die Geburtstage der Mädchen liegen nur eine Woche auseinander. Der Vater besucht beide Partys, kommt mit Geschenken zu Weihnachten und hält sich ansonsten aus der Erziehung heraus.

Das Familienmodell funktioniert nicht zuletzt deshalb, so erklären es die Mütter, weil der Vater ihrer Töchter verheiratet ist und noch ein weiteres Kind hat. Und es funktioniert, weil Freidorf seinem Namen alle Ehre macht: Es ist zwar ländlich, aber nicht konservativ. Es gibt in der Umgebung neben einer Reihe weiterer Lesben auch bodenständige Nachbarn, die das Paar und die Kinder bei silbernen Hochzeiten und beim Erntefest willkommen heißen. "Beim Schützenfest durften wir mit den Jungs aus dem Dorf im Cabrio mitfahren", erzählt Tabea stolz. Schwester Laura allerdings ist von der familiären Grundkonstellation nicht so überzeugt. Sie würde ihren Vater gerne öfter sehen: "Er fehlt mir manchmal." Nichtsdesto trotz ist Laura, die eine enge Beziehung zu ihrem Opa hat, wild entschlossen, eventuellen Meckerern an ihrer Familie mit folgendem Satz zu begegnen: "Du hast doch keine ­Erfahrung damit. Und du weißt nicht, wie schön es ist, mit zwei Müttern auf einem großen Hof zu leben." Laura möchte Tierärztin werden und "immer auf dem Hof bleiben". Ihre Schwester dagegen sieht sich in der Zukunft als Biologin in einer Robbenaufzuchtstation.

Mit dem neuen Stolz und der zunehmenden Normalität der Regenbogenfamilien müssen Bischof Mixa & Co. sich wohl abfinden. Sie haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch hinnehmen müssen, dass das Erbrecht zugunsten eingetragener LebenspartnerInnen reformiert wurde und das Steuerrecht als nächstes folgen könnte. Dann bleibt nur noch ein Bollwerk, das die Konservativen verteidigen können: die Adoption. Sie ist das letzte Tabu, das überwunden werden muss, bis Lesben und Schwule – zumindest vor dem Gesetz – als vollwertige Eltern anerkannt sind.

Für so manche Sachbearbeiterin auf dem Jugendamt sind sie das durchaus (noch) nicht. Für R. und I. E. begann der Albtraum im Februar 2005. Ihre Tochter war wenige Wochen alt, als ihre Mütter für sie beim Jugendamt Köln die Stiefkindadoption beantragen wollten: I. wollte die auf beider Wunsch geborene Tochter adoptieren. In Berlin hätte dieses Verfahren durchschnittlich sechs Monate gedauert, wie eine Umfrage des LSVD bei 71 Gerichten und Jugendämtern ergab. Aber ausgerechnet in Köln, der deutschen Lesben- und Schwulenhochburg, endete das erste Gespräch mit der zuständigen Sachbearbeiterin mit einem Schock: "Die Frau behauptete, unsere Tochter habe ein Anrecht auf ihren Vater: Schon am Wickeltisch müsse man ihr seinen Namen immer wieder vorsprechen", erinnert sich R., von Beruf Hebamme. Die Versicherungen der Mütter, dass der Vater anonym bleiben und keine Verpflichtungen wolle, blieben vergeblich. Ebenso ihre Beteuerungen, keine Unterhaltsansprüche stellen zu wollen.
Erst als der Vater notariell bestätigte, dass er alle Rechte und Pflichten gegenüber seinem Kind abgelegt habe, wurde das Verfahren wieder aufgenommen, und im Juni 2006, fast eineinhalb Jahre nach dem ersten Gespräch im Jugendamt, stimmte das Vormundschaftsgericht Köln dem Antrag endlich zu. Mittlerweile sind die beiden Mütter eines zweiten Kindes – diesmal dauerte die Entscheidung "nur" neun Monate. Die Erfahrungen der E.s sind kein Einzelfall.

Eine vom Bundesjustizministerium beim Staatsinstitut für Familienforschung in Bamberg in Auftrag gegebene Studie könnte dazu beitragen, die Situation zu verbessern. Insider vermuten, dass Justizministerin Brigitte Zypries die neuen Daten nutzen will, um das Steuerrecht und die gemeinsame Adoption auf die politische Tagesordnung zu setzen. Die wahren ExpertInnen, die Kinder von schwulen und lesbischen Eltern, würden dazu wohl nur trocken sagen: "Das wurde aber auch Zeit!"

In EMMA u. a. zum Thema:
Dossier Die neuen Familien (3/94)
Mutter, Mutter, Kind (5/99)

Zum Weiterlesen:
Uli Streib-Brzic + Stephanie Gerlach: Und was sagen die Kinder dazu? (Querverlag, 14.90 €)
Uli Streib: Das lesbisch-schwule Babybuch (Querverlag, 14.90 €)
Petra Thorn + Lisa Herrman Green: Die Geschichte unserer Familie (FAMArt, 20 €)
Alexandra Gosemärker: Erst Recht! Ratgeber zu allen Rechtsfragen rund ums Zusammenleben (Querverlag, 14.90 €)
LSVD (Hrsg.): Regenbogenfamilien
www.family.lsvd.de/beratungsfuehrer

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