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Curie: Gewagtes Leben in Bildern

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Vor 87 Jahren starb Marie Curie, die große Wissenschaftlerin und zweifache Nobelpreisträgerin. Gerade erschien ein Buch, in dem LeserInnen jeglichen Alters Marie Curie begegnen können. Es ist ein bilderreiches Werk von überschaubarem Umfang (160 Seiten), in dem man wie in einem Fotoalbum blättern kann: Da ist Marie als Teenager in Polen, hier als junge Wissenschaftlerin im Labor in Paris. Da steht sie als Braut neben ihrem Kollegen Pierre, dort sieht man sie mit ihren beiden kleinen Töchtern, etliche Seiten später als Professorin, umringt von Studentinnen. Unvergesslich ihr Fronteinsatz als Radiologin im Ersten Weltkrieg – zusammen mit Tochter Irène.

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Freilich tauchen im Fotoalbum einer doppelten Nobelpreisträgerin auch ein schwedischer König und ein amerikanischer Präsident auf, sowie Albert Einstein im Wintermantel, ein Freund der Familie. Doch fehlt zum Abschluss auch nicht das idyllische und so französische Motiv der Großmutter Marie Curie mit Tochter, Schwiegersohn und zwei Enkelkindern beim Picknick. Die Fotos werden ergänzt um Karten, Grafiken und Text-Kästen. So ist schon rein visuell zu erfassen, wie sich ein solches Leben entfalten konnte.

Maria wurde kräftig gefördert vom Vater, der Physik- und Mathematiklehrer war

Geboren im November 1867 in Warschau, wuchs Maria Skłodowska, so ihr Geburtsname, in einem Land auf, das es auf keiner Karte mehr gab. Die polnische Bevölkerung Europas stand unter russischer Zwangsherrschaft. Unterricht in polnischer Sprache konnte nur im Geheimen stattfinden. Bildung und Rebellion waren gleichbedeutend. So wuchs Maria, kräftig gefördert auch vom Vater, der Physik- und Mathematiklehrer war, zu einer intellektuellen, kämpferischen Patriotin heran.

Familienbande werden sichtbar: Sowohl Skłodowska wie auch ihr späterer Ehemann, der Franzose Pierre Curie, profitieren von Geschwisterbündnissen. Bei Maria geht die ältere Schwester Bronia voran – ins Ausland, zum Medizinstudium in Paris. Maria arbeitet derweil als Hauslehrerin und schickt der Schwester Geld. Diese gibt ihr dann in Paris Starthilfe, als Maria es mit 24 wagt, dort ihr Physikstudium aufzunehmen – nachdem sie acht Jahre keine Schule von innen gesehen hatte.

Pierre Curie wiederum, mit 36 noch unverheiratet, hat vieles nur mit seinem älteren Physiker-Bruder Jacques zusammen erreicht. Als Pierre 1895 die Jahre jüngere Studentin Marie (wie sie sich in Frankreich nennt) zur Heirat drängt, muss sie sich entscheiden: zwischen Wissenschaft und Politik, zwischen Polen und Frankreich. Die Entscheidung hat Folgen: Marie Curie wird Doktorandin im Labor des berühmten Forschers Henri Becquerel. Pierre steigt in ihre Forschungen mit ein, beide entdecken die Radioaktivität, und alle drei bekommen 1903 den Physik-Nobelpreis.

Marie mit Tochter Irene bei der Arbeit im Labor. - Foto: Imago Images
Marie mit Tochter Irene bei der Arbeit im Labor. - Foto: Imago Images

Da ist aus dem Ehepaar Curie bereits eine Familie geworden: 1897 ist ihre Tochter Irène geboren. Anhand zahlreicher Zitate macht der Autor der Bildbiografie, der amerikanische Radiologe Richard Gunderman, deutlich, wie schwer es für Marie war, Forscherin, Mutter und Hausfrau gleichzeitig zu sein. Und er singt das Loblied eines stillen Helden: Schwiegervater Eugène Curie, gelernter Arzt, betätigt sich nicht nur als Geburtshelfer von Irène, sondern ersetzt ihr auch das Kindermädchen. Als Pierre Curie 1906 durch einen Verkehrsunfall aus dem Leben gerissen wird, übernimmt der Großvater die Vater- und Mutterrolle für Irène und ihre kleine, nicht einmal zwei Jahre alte Schwester Ève.

Curies Geschichte habe ihm gezeigt, schreibt Gunderman, „dass es nicht nur wichtig ist, woran wir arbeiten, sondern auch mit wem.“ So ist es denn auch ein enger Freund und Kollege, in den sich die Witwe neu verliebt: Paul Langevin, ein ehemaliger Doktorand von Pierre, vier Jahre jünger als sie. Doch er ist in einer unglücklichen Ehe gefangen. Die französische Presse kriegt 1911 Wind von der Sache und schmäht Marie Curie als „Ausländerin“, die „eine französische Familie“ zerstöre. Einstein rät per Brief, den „Pöbel“ zu ignorieren. Aber es ist hart. Einer Frau gesteht man eine Affäre nicht zu.

Ihren ersten Nobelpreis erhielt sie für die Entdeckung der Radioaktivität

Am Ende des Jahres nimmt Marie Curie in Stockholm stolz ihren zweiten Nobelpreis entgegen, diesmal in Chemie: für die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium.

In ihren letzten Lebensjahren untergraben die Folgen der Strahlung Maries Gesundheit. Als ihre Tochter Irène und deren Mann Frédéric Joliot-Curie im Januar 1934 demonstrieren, wie sie künstliche Radioaktivität erzeugen, ist sie sehr bewegt. Dass die beiden im darauffolgenden Jahr den Nobelpreis für die Entdeckung bekommen, erlebt Marie nicht mehr. Am 4. Juli 1934 stirbt sie in einem Sanatorium in den Alpen.

Die Verfasserin der ersten großen Marie-Curie-Biografie ist ihre Tochter Ève Curie (1937). Die Schriftstellerin, Journalistin und Politikerin zieht 1954 mit ihrem Mann, einem Diplomaten, in die USA. Sie lebt dort bis 2007 und wird 102 Jahre alt.

Übrigens: Enkelin Hélène, die sogar einen Nachkommen von Marie Curies Liebhaber Langevin geheiratet hat, kümmert sich bis heute aktiv um das wissenschaftliche Erbe der Großmutter und das Musée Curie in Paris.

JUDITH RAUCH
 

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Richard Gunderman: Curie (Langenmüller)

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