Angst vor dem Blick der Anderen

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Scham rührt an die stets sprungbereite Angst, verlassen zu werden. Diese Angst, die aus den frühesten Zeiten der Kindheit stammt und in der Erziehung nicht selten instrumentalisiert wird, steckt zuletzt in allen Anpassungsleistungen, die wir aus Gründen der Schamvermeidung befolgen. Wir beugen uns den Regeln der Eltern oder den Normen der Gruppe nämlich weit öfter, um zu gefallen, als etwa aus Einsicht oder Vernunft. Die Angst, nicht zu genügen, provoziert Scheu und das – oft eingebildete – Gefühl von Unterlegenheit. Schamhaftigkeit ist eine verschärfte Variante der Schüchternheit, beide dienen dazu, Situationen, die eine Herabsetzung oder Ablehnung provozieren könnten, von vornherein zu vermeiden.

Denn Scham isoliert. Auf diesem Umstand fußen die Strategien des Ausschlusses, die – von der Stigmatisierung des Sündenbocks bis zum Mobbing – nichts weiter sind als das menschenverachtende Bündnis einer vermeintlich überlegenen Gruppe über eine ­ausgesuchte Minderheit oder eine Person. „Beschämungen sind soziale Techniken, um die eigenen Vorteile gegenüber fremden Ansprüchen konservieren zu können, um abweichende Lebensformen oder Eigenschaften als minderwertig zu klassifizieren, um die eigene Macht in der Interaktion mit Dritten zu erhöhen“, schreibt Sighard Neckel in „Soziologie der Scham“. Sie taugen dazu, durch Ausschluss kritischer oder bedrohlicher oder auch nur fremder Personen die herrschende Moral (oder Bigotterie) zu schützen.

Mit dem Ausschluss eines Menschen aus der Gemeinschaft wird dieser in eine existentielle Fremdheit – auch vor sich selber – verstoßen. „Sie war unter der Last ihrer Schande genauso allein, als ob sie auf einem anderen Stern wohnte“, heißt es in Nathaniels Hawthornes Ehebruch-Roman „The Scarlet Letter“, einer Geschichte über die isolierende Macht der Stigmatisierung. Denn der Beschämung wohnt stets ein Moment der Verdinglichung inne. Man ist seiner Handlungs- und Deutungshoheit beraubt, Objekt der Blicke der anderen.
So sperrt die Scham uns in unserem ­Scheitern ein.

Damit der Akt der Beschämung seinen Zweck erreicht, muss die Verantwortung für den beschämenden Mangel jedoch auf die beschämte Person selbst übertragen werden. Dieses Verachtungskalkül geht meistens auf, da Beschämung immer auch an
die Ohnmacht des ungeliebten, gefügig gemachten Kindes appelliert. Norbert Elias hat diesen Vorgang in seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ folgender­maßen beschrieben:

„Das Schamgefühl ist eine Art von Angst, die sich automatisch und gewohnheits­mäßig bei bestimmten Anlässen in dem Einzelnen reproduziert. … Der Konflikt, der sich in Scham-Angst äußert, ist nicht nur ein Konflikt des Individuums mit der herrschenden, gesellschaftlichen Meinung, sondern ein Konflikt, in den sein Verhalten das Individuum mit dem Teil seines Selbst gebracht hat, der diese gesellschaftliche Meinung repräsentiert. (…) Er fürchtet den Verlust der Liebe oder Achtung von Anderen, an deren Liebe und Achtung ihm liegt oder gelegen war. Deren Haltung hat sich in ihm zu einer Haltung verfestigt, die er automatisch sich selbst gegenüber einnimmt. Das ist es, was den Einzelnen gegenüber den Überlegenheitsgesten anderer, die in irgendeiner Hinsicht diesen Automatismus in ihm aktualisieren, so wehrlos macht.“

Welch seelisches Elend entsteht, wenn Menschen in der ständigen Angst leben, den Vorstellungen ihrer Umgebung, der Nachbarn, Kollegen oder auch wildfremder Leute nicht zu genügen, davon kann die Literatur – ein oft ironisch intoniertes – Lied singen. Nicht wenige Menschen richten sich in den krudesten Formen der Dauerlüge und Selbstverfehlung ein. Der Mann, der jeden Tag mit der Aktentasche das Haus verlässt, obwohl er seinen Job schon vor Wochen verloren hat, die alte Frau, die lieber ihr Leben aufs Spiel setzt, als jemanden um Hilfe zu bitten: Solche von Scham­angst bestimmten Verhaltensweisen zeigen die bösartig konformistische Seite der falsch verstandenen Scham. Überall dort, wo die Sehnsucht mit der Nomenklatur der Wohlanständigkeit und die soziale Stellung mit den verkrusteten Hierarchien in ­Konflikt geraten, herrscht auch der potenziell giftige Terror der Schambereitschaft.

Befeuert von der Angst vor sozialer Unterlegenheit, orientiert sich das Schamgefühl in der modernen Leistungsgesellschaft zudem vor allem an den Werten und Merkmalen, die der Person Prestige verleihen. Materielle Voraussetzungen, familiäre ­Verbindungen, Ausbildung oder auch das Erscheinungsbild werden – je nach Laune der Pandora – als individuelles Verdienst oder persönliches Manko empfunden. Diese Entwicklung ist relativ neu. Während in der ständischen Gesellschaft beschämende Mängel von Personen untereinander nur begrenzt vergleichbar waren, weil Standespflichten die Erfüllung je eigener Normen verlangten, vereinheitlicht sich der Bezugsrahmen sozialer Wertschätzung in der modernen Gesellschaft nach Maßgabe von Marktchancen.

Eine zentrale Rolle spielt das Leistungsprinzip als äußerlich gleiche, in Wirklichkeit jedoch sozial selektive Leitnorm der bürgerlichen Gesellschaft. „Wenn keine herkunftsrechtlichen Schranken mehr bestehen, sich Reichtum, Wissen, Titel, Kompetenz durch Leistung zu verschaffen, wird die Tatsache, über bestimmte Ressourcen nicht zu verfügen, als Makel der Person angesehen“, schreibt Sighard Neckel. „‚Unterlegenheit‘ – in der ständischen Gesellschaft noch kollektiver Status, der auf Rechtsungleichheit beruhte – erhält nunmehr einen persönlich zurechen­baren Charakter.“

Sobald die einzelnen aus ihrem sozialen Bezugsrahmen fallen – sei es der Klassenzugehörigkeit, sei es des Familienverbands, der beruflichen Tradition oder des regionalen Milieus –, werden sie heute für ihren gesellschaftlichen Status selbst verantwortlich gemacht. Soziale Benachteiligungen werden so leicht als persönliches Versagen erlebt. Und dieses Versagen bezieht sich nicht allein auf Qualifikationen, sondern auf die ganze Person. Das Schamgefühl verliert seine Bedeutung als sittliches Regulativ und trumpft als soziale Sanktion umso mächtiger auf.

Andrea Köhler

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