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Elfriede Jelinek: Sie ist präsent!

Foto: Karin Rocholl
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„Ich hatte mich eigentlich vor diesem Film gefürchtet. Es war ein Blindflug für mich. Ich hatte mein Leben ausgeliefert, doch was würde mir da zurückkommen?“ Nachdem Elfriede Jelinek den so kreativen Film von Claudia Müller gesehen hatte, sagt sie: „Aber dann war es ganz anders. Im Film wird meine Energie des Anfangs abgespult in etwas Sanfteres, mit dem ich mich vielleicht versöhnen kann (oder das andre mit mir versöhnen könnte); durch meinen achten Bezirk in Wien und die Maulbertsch-Fresken in der Kirche Maria Treu, in die ich als Kind immer in die Sonntagsmesse gegangen bin. Dann durch das Panorama der Schneealpen bei unserem steirischen Ferienhaus, mit Bankerl an genau der richtigen Stelle, dass man alles sieht, von links nach rechts. Und mein Leben: von vorne bis hinten und dazwischen.“

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Wir sehen nicht die dominante Mutter, an der Elfriede sich ein Leben lang abgearbeitet hat. Aber wir sehen kurz den Vater, der, antisemitisch verfolgt, zerbrochen in der Psychiatrie gestorben ist. Und wir sehen diese von ihr gehassten Landschaften, kongenial verfilmt zu ihren Texten. Diese Texte. Sie sind so radikal und empfindsam wie ihre Autorin. Und so musikalisch wie die Musikerin Jelinek. Vor allem aber radikal, an die Wurzel des Übels gehend: des Weiblichkeitswahns und des Männlichkeitswahns. Kein Wunder, dass sie Ärger gekriegt hat.

„Meine Grundempfindlichkeit der Angst hat mir eine persönliche Teilnahme an dem Film unmöglich gemacht“, sagt sie. Aber Elfriede Jelinek ist präsent. Präsenter könnte sie nicht sein.

„Das, was war, ist jetzt“, schreibt die Protagonistin über den Film. „Es ist wieder da, nicht in einem vampirischen Sinn des Wiedergängers, sondern als etwas, in dem Vergangenheit und Gegenwart zusammenfallen, ohne mich dazwischen zu erdrücken.“
 

Jelinek in EMMA:
Porträt "Der sensible Vampir" (10/85);
Schwarzer interviewt Jelinek: "Ich bitte um Gnade" (7/89);
Doppelinterview mit Elfriede Jelinek & Marlene Streeruwitz (5/97)

 

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