Eine Frau wird Mann

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Wüst ist die Geschichte um die Erstkommunion, die fast daran gescheitert wäre, dass ich absolut nicht bereit war, das schlichte weiße Kleid anzuziehen. Ich mußte doch, für die drei Stunden wenigstens. Wie neidisch war ich auf die Jungen in ihren Anzügen mit Hemden und Krawatten! Kleider also, die ich von meinem Vater her kannte und in denen ich mich in meinen Zukunftsvorstellungen immer sah.

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Im Schulsport begann dann langsam die offizielle Trennung von dem, was ich eigentlich gerne tat. Für die Mädchen gab es speziell Turnen, Gymnastik und leichtere Ballspiele. Bei den Spielen war ich oft zu grob, bei den anderen Übungen, gegen die ich mich entsetzlich sträubte, bewies ich die unlustige Grazie eines nassen Sacks. Dabei war ich durchaus nicht unsportlich.

Beim Wechsel ins Gymnasium war ich fast elf. Langsam begann die Pubertät. Doch darüber dachte ich erst mal nicht nach. Die Olympischen Spiele in München ließen mich im Fernsehen meinen ersten großen Schwarm erleben: die sowjetische Turnerin Olga Korbut. Heimlich sammelte ich Bilder und malte diese Sportlerin, ich konnte ganz gut zeichnen.

Doch Olga verschwand, und dann war da ein Mädchen in meiner Klasse, das mich begeisterte. Sie hieß Silke. Wir freundeten uns auch an. Ich brachte kleine Geschenke, war ein richtiger kleiner Kavalier, war auch kräftiger als sie und nahm ihr schwere Sachen ab, trug ihr manchmal die Schultasche.

Mir erschien das alles so selbstverständlich, ich merkte nicht, daß sich die Umwelt amüsierte. Ich bestand damals auf dem Spitznamen Toby, war wohl aus irgendeinem Buch. Andere, wohlklingendere Namen aus meinen geliebten Karl-May-Büchern wären mir zwar lieber gewesen, aber die konnte ich nicht durchsetzen. War ich mit diesem Mädchen allein, dann war ich glücklich.

Sobald jedoch ihre Freundinnen dabei waren, war ich hilflos. Eifersüchtig weniger, aber hilflos. Sie war dann so anders, auch schnell beleidigt. Und diese verdrückte Art des Beleidigtseins von Mädchen war mir fremd, wie überhaupt diese Mädchenwelt und ihr Gehabe. Mit meinen Kameraden raufte ich, wenn es Differenzen gab, und dann war's gut. Aber da schob doch keiner für Tage oder Wochen beleidigt ab!

In der Jugendgruppe hatte ich Schwierigkeiten. Aber noch mehr mit mir selbst. Ich wußte allmählich, dass ich mich in Mädchen nicht verlieben sollte. Aber jedesmal, wenn es wieder soweit war, wurde ich der nette, kleine Kavalier und umwarb sie. In Gedanken. Denn das Erlebnis aus der Gruppe hatte mir einen derartigen Schock versetzt, daß ich mich Mädchen gegenüber total abkapselte. Aber auch mit den Jungen wurde es schwierig. Sie sahen in mir irgend wann keinen Raufkumpel mehr.

Mit zweien meiner Klassenkameraden verstand ich mich gleichwohl gut. Sie waren sehr weich und Mädchen gegenüber unsicher. Wir waren füreinander wohl eine Art Alibi, und es war gut so. Die Dinge, über die die anderen immer öfter begeistert tuschelten und raunten, lernten wir miteinander nicht kennen. Mir war halbwegs geholfen, nach außen hin.

Doch innen: welch eine Katastrophe! Ich verliebte mich immer wieder in Schulkameradinnen, still natürlich. Ich schreckte vor jeder noch so unverfänglichen Berührung zurück, denn ich spürte in mir ständig Angst davor, daß wieder jemand so etwas sagen könnte wie vor ein paar Jahren in der Jugendgruppe. So galt ich als merkwürdig. Meine Eltern waren, von den Schulergebnissen einmal abgesehen, mit mir nicht unbedingt glücklich. Machte ich doch gar keine Anstalten, mich langsam so zu entwickeln wie die gutgeratenen Töchter aus dem Bekanntenkreis.

Die Schulzeit ging zu Ende, es kam die Studienzeit. Hatte ich gehofft, daß ich mich nun in einer neuen Umgebung ändern würde, so wurde ich enttäuscht. Ich mußte begreifen, dass ich mich nur in Frauen verliebte. Und zwar in Frauen, die ausschließlich an Männern als Partner interessiert waren. Ich lernte in meiner Studienzeit auch ein paar Lesbierinnen kennnen. Das war nicht meine Welt. Schwierig nur, daß ich für sie kein Gespür hatte.

Ich war für Kontakt und Zuwendung anfällig, war nicht gern allein. Und so kam es, daß ich zweimal völlig verschreckt davonlief, als ich merkte, was diese Frauen von mir erwarteten. Da half auch nicht, daß ich sie gemocht hatte. Der Gedanke, dass eine Frau mich aufgrund meines mir so verhaßten weiblichen Äußeren mochte, war entsetzlich.

Ich merkte, daß ich immer stärker ein Doppelleben führte. Bei allem, was ich tat, lief die gleiche Handlung noch einmal in meinem Kopf ab, nur mit anderer Besetzung: Ging ich einkaufen, so sah ich in Gedanken einen netten jungen Mann vor den Regalen und an der Kasse stehen. Fuhr ich mit dem Auto, so sah ich einen jungen Mann am Steuer. Ich wurde mit diesen Vorstellungen fast verrückt, da diese Träume zerrissen wurden, wenn mich jemand ansprach oder ich selbst meine Stimme hörte. Allerdings übernahm ich immer mehr das Verhalten aus meinen Träumen. So eine schlaksige Lässigkeit eines jungen Mannes von Anfang Zwanzig.

Mit dieser ungewollten Doppelrolle hatte ich enorme Schwierigkeiten,meine Umwelt auch, doch ich schaffte es nicht, mich damit auseinanderzusetzen.

Ich kapselte mich ab und begann, eine Art Lebensmüdigkeit an den Tag zu legen. Ich dachte weniger an Tabletten oder Pulsadern, vielleicht war ich dazu zu feige. Ich stand eher lange auf Brücken herum und ließ es in vielen Situationen "darauf ankommen": Hatte ich ein Fahrzeug, so fuhr ich wie ein Henker. Auf Reisen suchte ich Extremsituationen, Gefahr aber mir geschah nie etwas.

Ich hatte mit der Zeit zwar wenige, aber gute Freunde gefunden, und ich begann dann doch irgendwann, über mich und meine Kämpfe mit mir selbst zu reden. Auch über meinen Schmerz nach zerbrochenen Freundschaften. Sie hörten zu und versuchten zu trösten, aber helfen konnte mir niemand. Manche dachten wohl schon an das, was dann später auch Wirklichkeit wurde. Gesagt hat es nie jemand. Aber später hat sich auch niemand so richtig gewundert. Manchmal fielen Bemerkungen wie "Mensch, was wärst du für ein toller Freund".

Dazu kam, daß mich doch der eine oder andere sehr nett fand. Es ging nicht, zumindest ging es nicht lange gut. Es waren sehr weiche, ja fast weibliche Männer, die wohl eine starke Schulter suchten. Ich war in keine feste normale Beziehung zu drängen. Eine Freundschaft überdauert Jahre, aber wohl nur, weil wir einander relativ selten sahen und andere Dinge als Erotik der Grundstein waren.

Den Männern als Mann stand ich ziemlich gleichgültig, ja ablehnend gegenüber. Meine Lustlosigkeit erstickte deren Lust im Keim. Ich wehrte mich dagegen, versuchte verzweifelt, normal zu empfinden, und probierte mit meiner Ärztin unzählige Pillenpräparate aus. Ich hatte gehört, daß einige den sexuellen Appetit schüren sollten. Sie taten es nicht.

Meiner Ärztin kam ich immer merkwürdiger vor, und sie hegte aus Erfahrung mit früheren Fällen schon den Verdacht, den ich dann, irgendwann später, selbst vor ihr aussprach. Dazu kam die heiße Phase des Studiums und die Vorbereitung aufs Examen. Mein Studium war im weiteren Sinne auf Öffentlichkeitsarbeit und Werbung ausgerichtet, das heißt nicht nur Leistung, sondern auch ansprechendes Auftreten. Für die Prüfung selbst bedeutete dies das Hervorzaubern eines netten weiblichen Äußeren, das ich einfach nicht hatte.

Gleichzeitig erwachten fast nie gekannte Begierden in mir. Ich blickte mich entzückt (und entsetzt) nach schönen Beinen unter einem knappen Rock um. Ich merkte täglich, wie meine Fassade immer größere Risse bekam, und arbeitete verzweifelt aufs Examen hin. Ich wollte es auf Anhieb schaffen, danach wollte ich mich endlich um meine Natur kümmern. Ich spürte wohl auch, daß ein zweiter Anlauf zum Examen nicht mehr drin sein würde.

Ich schaffte es - mit Hängen und Würgen. Das Examen war das Ende meiner Studienzeit und das Ende meiner Flucht vor mir selbst. Diese letzten aufgezwungenen paar Tage in einer Verkleidung mit Kostüm oder Rock, leicht geschminkt, in der ich für alle irgendwie grotesk wirkte, nahmen mir die Energie für weitere Verstellungsspielchen. Ich fühlte  mich elend, eklig und fremder als je zuvor. Aber ich kam durch. Die anderen, die es auch geschafft hatten, feierten. Ich stand vor einem Nichts und wußte nicht, wie ich es anfangen sollte.

In diese Zeit fiel auch die erste nicht mehr platonische Liebesbeziehung zu einer Frau. Es war eine ganz alte Freundin, wir kannten einander schon ewig. Ich war nie in sie verliebt gewesen. Aber jetzt in dieser Ausnahmesituation knallte es. Ich zog alle mir möglichen männlichen Register. Wir kamen zwar beide nicht mit der Situation klar, und heute haben wir keinen Kontakt mehr, aber ich verdanke dieser Frau und dieser kurzen Zeit sehr viel. Sie half mir bei den ersten Schritten in meine eigentliche

Welt. Sie brachte mich dazu, daß ich meiner Ärztin endlich von meinen Wünschen und meinem Selbstbild erzählte.

Ich ging auf dem Zahnfleisch in die Praxis. Die Ärztin sah mir das wohl an und nahm sich viel Zeit. Ließ mich einfach erst mal reden. Als ich geendet hatte, meinte sie nur, daß sie diesen Moment habe kommen sehen, da ich sie an frühere Patienten erinnere. Sie hätte nur nie von Transsexualität gesprochen, um mich nicht zu beeinflussen oder zu beunruhigen. Nun aber, da ich selbst damit gekommen sei, müsse etwas geschehen. Zuerst brauchte ich einen Psychologen.

Wir suchten. Die erste Psychologin hatte gerade ihr Examen und sagte frei heraus, sie sei damit überfordert. Der zweite Psychologe, übrigens ein bundesweit renommierter Sexualtherapeut, schlug mir eine vier- bis fünfjährige Psychoanalyse vor. Dann wisse man vielleicht, warum ich so sei. Ich lehnte ab, nicht aus Arroganz, sondern aus Verzweiflung; wie hätte ich, allein schon finanziell, diese Zeit überstehen sollen? Wie hätte ich arbeiten sollen? Als was? Als wer?

Durch Zufall erfuhr ich von einer Psychologin in meiner Stadt, die schon früher Transsexuelle behandelt hatte. Ich nahm mit ihr Kontakt auf und bekam auch einen Therapieplatz. Diese Therapie muß von Rechts wegen eine gewisse Zeit dauern und umfaßt verschiedene Dinge, wie zum Beispiel den Alltagstest. Den bestand ich problemlos. 

Ich arbeitete in dieser Zeit stundenweise als Fahrer für einen älteren Gemüsehändler und bewegte mich relativ unauffällig und begeistert im etwas rauen Lieferantenmilieu. Ich war nicht sehr groß und immer dick angezogen, da ich mir jegliche weibliche Konturen fest mit Bandagen eingewickelt und plattgedrückt hatte. Ich übte fluchen und tief reden -es war eine schöne,wenn auch anstrengende Zeit.

Schwieriger waren dann schon die Übungen, mit denen ergründet werden sollte, ob ich nicht doch noch einen Hang zum Frauenmilieu und zum Lesbentum entwickeln würde. Ich wurde von meiner Psychologin ins Frauencafe geschickt. Nicht, dass ich etwas gegen Frauen hätte. Aber die Frauen dort waren mir unheimlich: Es waren zu viele, sie waren so militant und hatten so was Intensives am Leib. Ich brach diese Übung nach relativ kurzer Zeit verschreckt ab.

Ein großes Problem war ich für meine Eltern. Sie waren erschrocken, hatten Angst vor dem, was ich vorhatte, suchten bei sich nach den Gründen und waren verzweifelt. Ich versuchte ihnen klarzumachen, daß sie keine Schuld hätten. Aber es war ein langer Prozeß. Ich rechne ihnen sehr hoch an, daß sie sich nicht abwandten, sondern bereit waren, ihrerseits mit Ärzten zu sprechen. Sie informierten sich, gaben über mich und meine Kindheit Auskunft und fügten sich schließlich dem Urteil der Ärzte, daß es für mich so das Beste sei. Ob sie je ganz verstanden haben, weiß ich nicht. Aber ich habe heute das Gefühl, daß sie es zumindest akzeptieren. Und sie sind bereit zu erkennen, daß ich heute glücklicher oder überhaupt lebe.

Fassungslos und froh erlebte ich die Zeit des Alltagstest in meinem Freundeskreis. Ich fing an, zuerst mit den engsten Freunden eine Art .Interview zu machen. Die Fragen waren etwa: Wie siehst du mich? Kannst du mich dir als Mann vorstellen? Was irritiert dich an mir? Und immer wieder war ich von der Reaktion und den Antworten verblüfft. Kaum jemand reagierte mit Entsetzen, es war eher so ein Aha-Erlebnis, ein Fingerschnippen nach dem Motto: "Das ist es! Jetzt wird mir alles klar."

Von den Männern in meiner Umgebung erfuhr ich, daß sie mich in den seltensten Fällen als weibliches Wesen empfunden hatten, eher als Kumpel. Die Frauen bescheinigten mir ein unaufdringliches, doch stark männliches Verhalten.

Ich lebte auf: War ich früher als komisch aufgefallen und auf Ablehnung gestoßen, so begegnete man mir jetzt mit Interesse, mit Hilfe und auch mit Kritik. Ich kaufte mir Hemden und Hosen, die ich zwei Jahre später mit Schaudern in die Altkleidersammlung gegeben habe: so eine Art düsterer Zuhälterlook. Oder ich probierte an den Frauen, die mich schon lange kannten und mit denen ich befreundet war, meine Flirtkünste aus. Manche empfanden es als ein faszinierendes Spiel, andere sagten aber auch, ich solle nicht so dick auftragen.

Als dann der nächste Schritt der Therapie, die Hormonbehandlung, begann, wartete ich gespannt auf den Stimmbruch, der auch bald einsetzte. Der Haarwuchs wurde kräftiger, und ich nervte meine Umgebung damit, daß ich jedes neue flauschige Barthaar feierte. In diesen Monaten durchlebte ich alle Phasen seit Beginn der Pubertät bis zum Erwachsenenalter im Zeitraffertempo.

Die Operation war für mich der letzte Schritt aus dem Frauenkörper, den ich nur noch so mit mir herumschleppte. Ich mußte nicht mehr den Oberkörper in die verhaßten Bandagen einzwängen, ich würde diese verhaßten weiblichen Formen los sein und unauffällig in der Badehose ins Schwimmbad gehen können. Das alles ist heute möglich. Ich verdanke meinem sehr fähigen Chirurgen, daß ich fast so bin, wie ich mich fühle.

Die Ärzte können heute viel, doch sie können mir nicht ermöglichen, Vater zu werden. Es gibt zwar viele Möglichkeiten mit Prothesen, aber sie funktionieren nicht. Von daher sollte man sich überlegen, ob und wie weit man sich derartigen Operationen unterzieht. Für den Alltag und für sportliche Aktivitäten gibt es andere, billigere Lösungen, mit denen man optisch schummeln kann. Und auch auf dem Örtchen für Männer gibt es Kabinen, anders geht es sowieso nicht.

Lästig und langwierig ist dann noch der Behördenkrieg, bis man endlich alle wichtigen Papiere geändert hat. Ich war schon lange beim Gericht gewesen und hatte meinen Antrag auf Namens- und Personenstandsänderung eingereicht, aber der Amtsschimmel trabt halt langsam. Ich lebte fünf Monate mit völlig unbrauchbaren Papieren. Den Bildern in Personalausweis und Führerschein sah ich nur noch für ganz gutwillige Betrachter ansatzweise ähnlich, was auch bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle zu Peinlichkeiten führte. An Einschreiben, die ich abholen mußte, kam ich nicht mehr. Ich schrieb Vollmachten für Freunde.

Schließlich erhielt ich einen Termin beim Amtsarzt, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft untersuchen mußte, ob mein Antrag berechtigt sei. Als ich vor dem Herrn stand, zeigte er sich zuerst mit meinem Äußeren (Hemd, Krawatte und Sakko) zufrieden. Er stellte fest, daß ich vermutlich nicht selbstmordgefährdet sei, daß ich vernünftige Vorstellungen von Beruf und Karriere hatte, daß "mittlerweile ein grundsätzlicher Identitätsprozeß bezüglich des männlichen Geschlechts stattgefunden hatte und daß eine Umkehrung der Identität in naher oder ferner Zukunft ausgeschlossen erschien". Etwas unangenehm war ihm, daß er mich untersuchen mußte. Wir schauten an, was eben anzuschauen war...

Mittlerweile lebe ich völlig unauffällig und normal. Ich arbeite recht erfolgreich in meinem Beruf, habe Hobbys, treibe Sport. Ich habe auch nicht die Stadt gewechselt, sondern es mit kleineren Manövern versucht.

Meine Freunde halfen mir, indem sie mir für die Übergangszeit Besorgungen weitgehend abnahmen. Heute gehe ich in andere Geschäfte als früher. Meine Hausgemeinschaft war verständnisvoll oder uninteressiert an der Sache, man nahm es hin. Die Nachbarschaft kümmert sich nicht, und ich forsche nicht nach.

In meinem Beruf gibt es mit meiner Vergangenheit kaum Probleme. Ich arbeite selbständig im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Werbung. Ich weiß nicht, ob irgendeiner meiner Kunden von meiner Vergangenheit weiß.

Ich bin heute mit einer fast gleichaltrigen Frau zusammen, die mich als Mann akzeptiert. Sie war immer nur mit Männern befreundet, sie kennt mich schon lange, hat meine Entwicklung verfolgt und schließlich für gut befunden. Wir sind ein Durchschnittspaar mit all den größeren und kleineren Problemen, die ein Paar nun mal hat. Nichts, was nun unbedingt mit meinem früheren Problem zusammenhängt. Wir haben einen tollen Freundeskreis aus Wissenden und Unwissenden. Meine Vergangenheit ist nur noch selten Thema.

Wie meine Psychologin während der Behandlung gesagt hatte: "Ihr Leben wird nicht unbedingt einfacher, aber es wird klarer"

Manchmal werde ich gefragt, ob ich den gleichen Schritt wieder tun würde. Es war für mich die einzige Möglichkeit. Sonst gäbe es mich nicht mehr.
 

Der Text ist ein Nachdruck aus: Waltraud Schiffels/Barbara Kamprad (Hg.): Im falschen Körper. Alles über Transsexualität (Kreuz Verlag).

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Ask Alice!

Ask Alice: Rat für transsexuelles Mädchen?

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Liebe Bengta,

in den vergangenen 20 Jahren ist in diesem Bereich sehr viel passiert. Menschen, die sich „in der falschen Haut“ fühlen und das Geschlecht wechseln wollen, können das heutzutage tun. Bis 2011 war dazu allerdings noch die Änderung des biologischen Geschlechts Voraussetzung. Das heißt, biologische Männer bzw. Frauen mussten sich zum anderen Geschlecht umoperieren lassen. Das ist zum Glück heute nicht mehr nötig.

Das Verfassungsgericht sprach am 11. Januar 2011 ein bahnbrechendes Urteil: Es genüg, wenn die Person „seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben“. Laut VerfassungsrichterInnen reicht es also, dass der Mensch nicht physisch, sondern lediglich psychisch die Geschlechterrolle wechselt.

Ich finde das entscheidend: Die Wahl zu haben, dass ich als geborenes Mädchen auch wie ein Junge leben kann – und wenn ich das unbedingt will sogar bis hin zur Änderung meines Personenstandes – ohne meinen Körper abzulehnen oder gar zu verstümmeln. Es ist ja auch kein körperlicher Konflikt, sondern ein seelischer. Nicht der Körper ist „falsch“, sondern die Rolle, die bis heute in unserer Gesellschaft Frauen bzw. Männern zugewiesen wird.

Ideal wäre, wenn das fragliche Mädchen sich den Ausbruch aus der Rolle auch ohne Änderung des Personenstandes zugestehen würde. Sie soll sich zum Beispiel mal Fotos von manchen Schauspielerinnen oder Schriftstellerinnen in den 1920er Jahren ansehen: Die haben sich einfach die Freiheit genommen, wie die Jungs aufzutreten, als Garçonne.

Sollte jedoch der Leidensdruck bei diesem Mädchen so groß sein, dass sie unbedingt auch auf dem Papier ihr Geschlecht wechseln will, dann könnte sie es tun. Ich würde allerdings erst nach reiflicher Überlegung handeln, mir dafür Zeit lassen und erst einfach als „Junge“ leben. Das muss sie dann natürlich auch in ihrer Umwelt durchsetzen. Das wird Konflikte bergen. Dabei könnten Sie ihr vielleicht helfen.

Auf jeden Fall rate ich ganz dringend von der Einnahme von Hormonen oder gar operativen Eingriffen ab! Sie soll sich nicht vom Schubladendenken einengen lassen, sondern sich einfach die Freiheit nehmen, zu leben, wie sie möchte.

Mit herzlichen Grüßen, auch an die Garçonne!

Alice Schwarzer
 

PS: Juristische Informationen zur Transsexualität bekommt man bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

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