Gewaltzone Schule

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Nach der erschütternden Ermordung der Meißener Lehrerin Sigrun Leuteritz durch einen 15-jährigen Schüler lancierte EMMA in der Januar/Februar-Ausgabe 2000 einen "Aufruf an alle Lehrerinnen" und fragte nach Erfahrungen in Gewalt und Gegenwehr. Die Reaktionen von LehrerInnen und LehrerInnen-Organisationen waren zahlreich. - Charlotte Kerner, selbst Mutter eines zehnjährigen Schülers, fasst sie nachfolgend zusammen.

"Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie in der Zeitung lesen: ‘Schüler tötet Lehrerin/Er hasste sie/Mitschüler schlossen Wetten auf ihren Tod.’ Ich neige nicht zum Heroismus und deshalb sage ich frei heraus: Ich habe Angst.

Was weiß ich, was in den Hirnen pubertierender Halbwüchsiger vorgeht. Leere Gänge und einsame Treppenhäuser und Ecken in der Schule kann ich ja meiden, und im Unterricht habe ich mich bisher relativ sicher gefühlt. Zum Teil auch, weil noch andere da sind. Aber da habe ich wohl falsch gedacht." Das schreibt die 57-jährige Realschullehrerin Erdmute Rehwald aus dem nordrhein-westfälischen Ratingen in einem Artikel für die GEW-Fachzeitung Neue deutsche Schule. Aber sie fügt hinzu: "Ich wehre mich... gegen die Opferrolle." Und das heißt, das Schweigen zu brechen.
46 Lehrerinnen und zwei Lehrer folgten schon bis Anfang Februar dem Aufruf vom EMMA und schrieben ihre persönlichen Gewalt-Erfahrungen an der Schule auf. Viele wollen anonym bleiben. Denn (Jungen)Gewalt an Schulen und besonders gegen Lehrerinnen ist - so ein zentrales Ergebnis unserer Befragung - immer noch ein Tabu-Thema. Darüber laut zu sprechen, ist an deutschen Schulen nicht gern gesehen.
"Leugnen, Verharmlosen und Wegsehen ist so bequem, der 'Ruf der Schule' darf nicht gefährdet werden", schreibt die Studiendirektorin und Physiklehrerin Elisabeth Frank (51) aus Ostfildern über ihre Erfahrungen am Gymnasium.
"Die Schulleitung arbeitete eher hinter meinem Rücken und spielte das Spiel: 'Unsere Schule ist in Ordnung'", erlebte eine saarländische Hauptschullehrerin (54), 30 Dienstjahre, als sie sich darüber beschwerte, dass Schüler androhten: "Wir kommen mal bei Ihnen vorbei" und dazu "Maschinengewehrgeräusche und entsprechende Bewegungen" machten.
Oder die Realschullehrerin aus Baden-Württemberg, die zusammen mit dem Kollegium auf einer Aussprache mit dem Schulleiter über Tafelschmierereien wie "Fuck all women" (mit Frauenzeichen) und das Terminator-Zitat "Hasta la Vista" besteht. Sein Kommentar: "Ihr Frauen, ihr seid halt immer so ängstlich."
Und die Realschullehrerin aus Bayern, die die Erfahrung gemacht hat: "Kollegen sprechen das Thema Gewalt zumindest im Lehrerzimmer überhaupt nicht an. Ich deute dies so, dass das Problem 'Schülergewalt gegen Lehrerinnen' eben wieder mal ein typisches Frauenproblem ist... Wenn überhaupt, artikuliert sich die Angst höchstens in Sätzen wie: Wir brauchen Waffenkontrollen wie in amerikanischen Schulen."
Doch Schulmassaker à la USA sind auch in Deutschland eher "traurige Einzelfälle". Das betonten nach dem Mord Experten wie der Soziologe Siegfried Lamneck von der Katholischen Universität Eichstätt. Seine Forschergruppe hatte zwischen 1994 und 1999 in Bayern 4.000 SchülerInnen und 940 LehrerInnen in allgemeinbildenden und Berufschulen befragt. Fazit: "90 Prozent der Schüler sind unbescholten."
Physische Attacken auf LehrerInnen haben in den vergangenen fünf Jahren nur "minimal" zugenommen. Nur etwa zwei Prozent - fast ausschließlich Jungen - wendeten schwere körperliche Gewalt an. Diese Gruppe aber scheint den Ton anzugeben und beeinträchtige das Klima an Schulen und in der Öffentlichkeit "nachhaltig".
Trotz oder besser wegen solcher Einschätzungen war das Erschrecken nach Meissen gewaltig. Die als erledigt in Schubladen abgelegte Gewaltdebatte flackerte wieder auf. "Mir stehen weder Forschungsgelder noch Zeit für kluge Analysen zur Verfügung. Ich schaue einfach hin, erlebe und erleide zunehmend Schule und Kinder und mein Zorn wächst", berichtet Gisela Esser aus Köln, die seit 30 Jahren unterrichtet, davon sieben Jahre an einer Haupt- und den Rest an einer Gesamtschule. "Ich bin gerne Lehrerin, aber die Veränderung der Kinder vor uns machen die Arbeit zunehmend zur Last. Gerade Lehrerinnen, die es wagen, sich unerzogenen, rotzigen Jungs in den Weg zu stellen, sind ein Ziel verbaler Attacken."
In allen Antworten auf die EMMA-Umfrage ist das Urteil der Praktikerinnen weniger positiv als das der Theoretiker. Und vor allem: Zum ersten Mal wird nach dem "Geschlechteraspekt" der Gewalt gefragt. "Zunehmend wird von uns eine wachsende Aggressivität beobachtet, die meistens von Jungen ausgeht...
Besonders deutlich wird die sprachliche Gewalt. Die Sprache der Kinder ist roh und sexistisch, verbale Attacken sind ein gängiges Mittel der Auseinandersetzung", schreibt eine 49-jährige Sonderschullehrerin aus Freiburg."Frauen- bzw. mädchenfeindliche Bemerkungen, körperliche Übergriffe, die verharmlost werden, Spötteleien und diskriminierende Witze – solche Äußerungen werden von der Schülerschaft weniger versteckt ausgelebt. Solch subtiles Gewaltverhalten hat in den letzten Jahren enorm zugenommen", berichtet eine 55-jährige Realschullehrerin aus Regensburg.
"Klar gibt es Gewalt in meiner Schule. Die verbale Gewalt fängt schon morgens auf dem Weg zur Schule, im Bus oder auf dem Schulhof an und zieht sich durch den ganzen Tag. Beschimpfungen wie 'Arschloch, Mutterficker, Schwuler, Schlampe, Nutte' fallen den ganzen Tag in diversen Sprachen", schreibt eine Lehrerin an einer Schule für Lernbehinderte in Lünen.
"Es ist immer vermehrt Gewalt vorhanden, wenn die 'kritische Masse' einer Klasse überschritten ist, d.h. unter Umständen mehr Jungen als Mädchen, weniger einlenkende als hitzige SchülerInnen in der Klasse sind", berichtet eine Lehrerin aus Berlin.
"Die Schüler geben beim Eingreifen durch ein/e LehrerIn gern vor, dass alles nur Spaß ist. In meinen Augen sind sie körperlich teilweise regelrecht enthemmt und haben eine andere Schmerzgrenze", weiß eine Gesamtschullehrerin aus Halle.
Bis heute gehen verbale Übergriffe, die zunehmend den Schulalltag vergiften, nur von einer Minderheit der Schülerschaft aus - manche Studien sagen: von 25 Prozent - und werden nur von Teilen der Lehrerschaft als wirkliche "Gewalt" begriffen. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass das Gymnasium sehr lange als gewaltfreie Zone galt und ältere Studien fast ausschließlich immer von der physischen Gewaltzunahme an Realschulen und Hauptschulen reden. Dort nehmen Lehrkräfte den Jungen öfters "Waffen" weg, "das sind Laserpointer, Messer oder auch Luftpistolen", berichtet eine Hauptschullehrerin.
Aber selbst die schleswig-holsteinische Dorfschullehrerin, die sich bisher in einer heilen Welt wähnte, braucht inzwischen - so sagt sie selbst - "Scheuklappen": Denn "auch hier drohte ein Junge, mit der Dienstpistole eines Bruders in die Schule zu kommen. Die Mädchen in einigen Klassen sind erschreckend verstummt. Und ich ertappe mich dabei, ungeduldig zu werden, wenn sich eine junge Kollegin bei rüpelhaftem Verhalten nicht durchsetzt."
Übrigens: Geschrieben haben uns LehrerInnen aus allen Schulformen, allerdings nur fünf aus Hauptschulen. Vielleicht auch, weil die Lehrerinnen den Ruf "ihrer" Schule nicht noch mehr beschädigen wollen? Oder weil ihnen die Kinder aus einem härteren sozialen Milieu Leid tun? Oder könnte es sein, dass sie schon resigniert haben?
In allen Schulformen - so auch das Stimmungsbild der EMMA-Umfrage - kommen alle Gewaltformen vor: von Beleidigungen bis zum Kratzer an LehrerInnenautos, doch direkte Angriffe hat von denen, die reagiert haben, noch keine erlebt. Aber die Angst steigt, dass leere Drohungen nicht länger leer bleiben: "Anrufe und Briefe mit dem Wortlaut 'Die Hexe soll brennen' hielt ich bisher immer nur für Scherze."Die Lehrerinnen erzählen sehr offen auch von den eigenen Schwierigkeiten, klare Grenzen zu ziehen. Sind Ansprachen wie "Weiber" oder "Lesben" und der Spruch "Frauen fahren besser mit Bus und Bahn" nicht doch noch harmlos?
Und wenn Sie zu hören kriegen: "Wie sind Sie denn drauf? Stellen Sie sich nicht so an!" oder "Sind Sie frustriert? Sie gehören mal durchgefickt!" Dann liegt das vielleicht an Ihnen selbst: Haben Sie ihre Klasse vielleicht doch nicht im Griff und blamieren sich, wenn Sie sich beschweren? Im Kollegium kriegen Sie nur zu hören: "Sie grenzen sich eben nicht genug ab!"
Was tun gegen den Graffiti "Terror 99" oder das provozierende T-Shirt "No ma-am". Ist das noch Kult oder schon Gewalt? Eine "wesentliche Vorausetzung" zur Gewaltverhinderung, so eine Berufsschullehrerin, sei "die Solidarität der Kollegen mit den Kolleginnen. Nur wenn es einem Schüler niemals gelingt, diese auseinander zu dividieren, haben Kollegen und Kolleginnen die Sicherheit und Rückendeckung, die sie frei agieren lässt.
"Doch mit der LehrerInnen-Solidarität scheint es an deutschen Schulen nicht zum Besten bestellt. Vielleicht würde sich das ändern, wenn Frauen in der Schule nicht nur an der Basis ackern, sondern endlich mehr Frauen Schulen leiten und Schulpolitik machen würden.
Auch Eltern fallen Lehrerinnen nicht selten in den Rücken. "Ich rate Ihnen zu Ihrem Guten, sich nicht mehr feministisch zu äußern", bekam eine Realschullehrerin aus Schwäbisch Gmünd zu hören. Das seien Lausejungs, und die sollen einmal ganze Kerle werden. Und männliche Klassenlehrer nehmen "ihre Jungs" auch gerne in Schutz gegen Kritik von Frauen.
Hinzu kommen die kulturellen und ethnischen Gegensätze. Sie verschärfen heutzutage Konflikte gewaltig, wie die Jungenforscher Prof. Pfeiffer und Dr. Wetzels in einer neuen Studie herausfanden, die sie in der Januar/Februar-Ausgabe von EMMA vorgestellt haben. Sie kamen zum Ergebnis, dass ausländische und speziell türkische junge Männer um ein Vielfaches gewalttätiger sind als deutsche. Da hilft politisch korrektes Schweigen nicht weiter.
Dazu zwei typische Statements aus der Umfrage: "Ausländische Kinder stilisieren Kritik an ihrem schlechten Benehmen gerne zu Ausländerfeindlichkeit hoch, und das mit einer Dreistigkeit, die einem die Sprache verschlägt. Zum Beispiel mit Sätzen wie: 'Sie Nazi!'." Oder: "Zur Zeit zeigen mir vor allem meine ausländischen (albanische und türkische) Jungen, dass ich als Frau nichts wert und somit keine Respektsperson bin."
Je bestimmter Frauen auftreten, umso stärker scheinen sie männliche Gewalt zu "provozieren" – bei ausländischen und deutschen Jungen: "Die können Frauen, die selbstbewusst, selbstdefiniert und unabhängig sind, nicht aushalten", erlebte die Physikerin Frank. "Der 'reale' Widerspruch im Klassenzimmer zu den in Gewalt- und Porno-videos gezeigten Frauen löst sich vermeintlich über Demütigung und Gewalt gegen Lehrerinnen auf."
Stärker als in den Schulen stieg in den letzten Jahren – so belegen Kriminalstatistiken – die harte Jungengewalt in "kontrollschwachen Räumen", gemeint ist der sogenannte Freizeitbereich. Und genau hier beginnt sie: die Ausweitung der Gewalt in die Schulen hinein. Lehrerinnen hören und sehen die zunehmende Enthemmung, sie spüren besonders nach einem Wochenende, mit was die Köpfe der Schulrabauken gefüttert werden: mit rohen Bildern aus Porno- und Gewaltvideos und flachen Fernsehsendungen.
"Wenn man über die Jahre verfolgt, wie brutal das Fernsehen geworden ist, wundert man sich nicht mehr über die steigende Brutalität unter den Schülern und darüber, wie abgestumpft diese sind", schreibt eine Lehrerin und GEW- Kreisvorsitzende aus Rostock. Sie verweist auf über 60 "nicht gerade Werte schaffende" Sendungen, die an einem einzigen Tag über den Bildschirm flimmern. Zum Beispiel "Hör auf zu lügen, das Kind ist nicht von mir", "Wenn ihr mich seht, rastet ihr aus", und "Ich brauche eine Frau, jetzt!".
Seit der Einführung des Fernsehens schlagen die Schüler gezielter und schmerzhafter zu“, schreibt eine Lehrerin aus Baden-Württemberg, die seit 33 Jahren im Schuldienst ist.
"Die sexistische Sprache von Fünftklässlern kommt vom Pornokonsum, wie sie selbst erzählen. Jungs imitieren die Schläge von Helden aus Filmen und Computerspielen. Es gibt Begeisterung für das detailgetreue Malen von Folterszenen", berichtet eine Realschullehrerin aus Schwäbisch Gmünd.

"Vielen Kindern bleibt - vor dem Fernseher sitzend - nur noch ein 'Leben aus zweiter Hand'. Ohne Bewegungsmöglichkeiten, ohne Abenteuer und Klettereien haben sie keine Chance mehr, Aggressionen los zu werden", bedauert eine Lehrerin aus Frankfurt.
Auch durch Comedy-Sendungen, "in denen jeder jeden verarscht und man sich über alles lustig machen darf, verliert sich der Respekt vor dem Gegenüber. Daher ist es schwierig, den Schülern ihre Grenzverletzung deutlich zu machen. Ihre eigene Wahrnehmung ist oft ganz anders, sie sind sich nicht (mehr) bewusst, ab wann sie einen anderen persönlich verletzen", analysiert eine Gesamtschullehrerin aus Berlin.
Schon in der 8. Klasse, so berichtet eine Kölner Deutsch-Referendarin, tauchen in den Deutschaufsätzen "Schilderungen von Blutbädern und Knallereien" auf. Die SchülerInnen (in der Mehrheit Jungen) seien durchweg Kinder gewesen, deren Elternteile beide ganztags arbeiten mussten und die sich nachmittags selbst überlassen waren.
"Systematische Desensibilisierung" nennt eine Hauptschullehrerin auf der Schwäbischen Ostalb, was mit den Gewaltvideos und -spielen konsumierenden Jungs geschieht: "Je gewalttätiger eine Situation in der Realität, desto eher interessiert man sich dafür."
"Sie machen manchmal bei Gewaltsituationen Gesichter, als wollten sie die Szene wegzappen, so von außen, mit einer Fernbedienung, tun aber nichts. Jungen definieren sich über Äußerungen wie 'Ich fühle nichts' und halten das für besonders erstrebenswert (cool)", hat eine Sonderschullehrerin aus Glinde beobachtet.
Lehrerinnen machtlos? Ein Bollwerk gegen die Medienflut könnten Ganztagsangebote für schulpflichtige Kinder sein. Aufschlussreich, was eine Erzieherin aus Neubrandenburg berichtet: "Zu DDR-Zeiten gab es in unserem Hort (250 Kinder) etwa drei bis vier Kinder, die auffällig waren. Jetzt kannn man in einer Klasse 5 bis 8 Kinder zählen, die fürchterlich frech sind. Die vielen Gewaltfilme spielen eine große Rolle. Und Probleme im Elterhaus (Arbeitslosigkeit, Scheidung) gibt es mehr als genug."
Schülerinnen sind - auch darüber besteht große Einigkeit - eher Opfer als Täterinnen. Viele machen Selbstverteidigungskurse, um gegen körperliche Übergriffe gefeit zu sein. Und bei Wortgefechten schlagen sie zurück: Gegen Jungen, aber auch gegen Mitschülerinnen und Lehrerinnen.
"Die Mädchen sind ähnlich aktiv wie ihre Mitschüler in puncto verbale Attacken. Fehlender Respekt verführt eine Schülerin in meiner Anwesenheit dazu, über eine Kollegin zu sagen, sie sei eine alte Fotze", berichtet eine Gesamtschullehrerin aus Berlin. "Leg sie um", schrie enthemmt eine Schülerin, als eine Lehrerin aus einem Berufsbildungszentrum jemanden bat, eine Tasche wegzuräumen, die den Blick auf die Tafel versperrte. Wer war gemeint?
Für Mädchen besonders wichtig wären deshalb nach Meinung vieler Lehrerinnen Angebote, die nach Geschlecht getrennt werden. Nur dort kann noch sexistische Gewalt und fremdes und eigenes Verhalten zur Sprache kommen. Aber gerade solche Angebote lehnen männliche Kollegen häufig ab. "Eigentlich war ich der Meinung, dass Arbeit mit Jungen ein Thema für Männer wäre. Aber wo sind sie?" fragt stellvertretend für viele eine verzweifelte Lehrerin.
Die meisten Lehrer scheuen reine Jungengruppen, sie wollen auf die "Sozialschmiere Mädchen" nicht verzichten, weiß Elisabeth Frank. Die 51-Jährige, die sich besonders für geschlechtergerechte Ansätze im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht stark gemacht hat, kennt nach 30 Jahren Beruf als "Insiderin" die vaterlose (Erziehungs-)Gesellschaft:
"Männer zeigen wenig Präsenz als Väter, als Erzieher in Kindergarten und Grundschule. Am Gymnasium, wo sie die Mehrheit stellen, ziehen sie sich oft auf die reine Fachvermittlung zurück und fallen auch hier als reale Vorbilder für Jungen praktisch völlig aus. Ähnlich wie in der Familie ist Erziehung und Pflege von zwischenmenschlichen Beziehungen Frauensache. Lehrerinnen stellen sich in weitaus größerem Maße pädagogischen Herausforderungen und Konflikten."
Das macht die Lehrerinnen angreifbarer und leichter zu Zielscheiben, besonders wenn sie Gefühle - Freude, Trauer, Wut, Angst, Mitgefühl - zeigen. Frank: "Es macht Spaß, die Lehrerin zum Weinen zu bringen, ihre Angst zu spüren. Jungen fühlen sich dadurch stark, großartig und überlegen."
Nach Meinung der Kunsttherapeutin Lydia Feulner-Bärtele aus Schorndorf, Mutter dreier halbwüchsiger Kinder, drehen jedoch auch manche "weibliche Lehrkräfte kräftig an einer Spirale der Destruktivität". Sie hat beobachtet, „dass sich Frauen mit mangelndem Bewusstsein oft in männliche Strukturen hineinbegeben und dann zu ihrer Entlastung nach unten treten.
Die Auseinandersetzung findet nicht mit den erwachsenen männlichen Personen (beruflich wie privat) statt, sondern auf ganz subtile Art mit ebenfalls nicht bewusst agierenden männlichen Kindern und Jugendlichen. Trotz meiner frauensolidarischen Einstellung muss ich sagen, dass diese Frauen ihr Machtinstrumentarium (Notengebung, Bewertung, Sexismus, zum Beispiel Pauschalverurteilung der Jungs: 'Ihr seid zu blöd für Deutsch') missbrauchen, um unangepasstere Schüler gefügig zu machen."
"Ich glaube, dass Kinder schlicht und ergreifend lernen müssen, was richtig und was falsch ist. Wer weiß das schon in einer Gesellschaft, in der sich der größte Kanzler aller Zeiten im nachhinein als Schwarzgeldschieber und Gesetzesbrecher entpuppt?", kommentiert eine 43-jährige Berufsschullehrerin.
Etliche der erfahrenen Kolleginnen fordern ein absolutes Verbot von Pornos und Gewaltfilmen, Horror- und Gewalt-Videospielen. Und manche fragen, ob nicht Schuluniformen dem Markenterror ein Ende setzen könnten. Eine genervte Profi-Erzieherin fordert sogar eine Elternlizenz: "Nicht jede/r sollte Mutter/Vater werden können und die elenden Erfahrungen seiner Kindheit gnadenlos weitergeben." Viele sehen "Handlungsbedarf in erster Linie im Elternhaus".
Auf das Schulministerium, "im Kollegenjargon Fluchtburg genannt", setzen die wenigsten. Die seit 30 Jahren tätige Lehrerin Esser zieht ein vernichtendes Urteil: "Etwa im Zweijahresrhythmus wird eine pädagogische Sau nach der anderen durch den Schulhof getrieben, auf dem Rücken die Sünden der Vergangenheit, in der Schnauze das Goldstück für die Zukunft:
Partnerarbeit, Gruppenarbeit, Projektarbeit, soziales Lernen, freie Arbeit, Wochenplanarbeit, fächerübergreifender Unterricht, innere Differenzierung, Teamteaching, Schulprofil, GÖS (Öffnung von Schule), Lernen lernen, EVA (eigenverantwortliches Lernen), peer to peer, Mediation usw. usw. Aber dieses Goldstück ist in der Regel Talmi, denn auch in den oberen Etagen der Schulbürokratie ist der schöne Schein verlockend und so mancher 'pädagogisch sinnvolle' Schwachsinn wird nach dem Erklettern der Karriereleiter durch den Erfinder wieder eingestampft."
Die Gefahr ist tatsächlich groß, dass sich nicht zuletzt nach den spektakulären Vorfällen von Schülergewalt in den letzten Monaten hysterische Reaktionen und hektische Diskussionen von oben über die "Bad Boys in der Schule" breitmachen, schnelle Lösungen gefordert und das "Reden über Gewalt" genau wie das nächste Forschungsprojekt zur Symbolhandlung verkommt.
Dabei wissen ganz unten, in den Klassenzimmern, viele Lehrerinnen schon lange, was zu tun wäre. Genau wie die Kinder und viele Mütter und Väter warten auch sie schon - zu lange - auf mehr ganztägige Schulangebote, in denen ausreichend LehrerInnen wirklich er-ziehen und Kinder wirklich (er)leben können. Verglichen damit bleibt alles andere, wie zum Beispiel die "betreute volle Halbtagsschule" Flickwerk.
Hier hat die Politik - quer durch alle Parteien - seit Jahren versagt und gab es auch nach der Wiedervereinigung nie gesamtdeutsche Impulse. GEW-Bundes-vorsitzende Eva Maria Stange: "Da will keiner richtig ran." Parteiprogramme sind eben billig, bessere Schulen teuer. Und so flicken die LehrerInnen vorerst weiter und stechen sich die Finger wund.
Und dennoch: Die EMMA-Umfrage macht Mut. Mut, über die erlebte Gewalt zu reden, und zwar ohne falsche Scham und ohne Illusionen! Denn "Lehrerin sein, das heißt auch Frau sein in einer patriarchalen Gesellschaft. Sämtliche Formen der Abwertung von Frauen (ein-schließlich der eigenen inneren Abwertung mancher Frauen) finden sich auch in der Schule und machen Lehrerinnen häufiger zu Opfern der Gewalt als Lehrer", resümiert Gymnasiallehrerin Frank.
"Wichtig erscheint mir", ermutigt eine Lehrerin aus Schleswig-Holstein, "Gewalt niemals unkommentiert stehen zu lassen. Auf meine Frage: 'Warum hast du das eigentlich getan?' ergibt sich häufig, dass die Jungen sich ausgegrenzt fühlen, wichtig genommen werden wollen, Anerkennung suchen."
Eine der häufigsten Forderungen ist die nach - zumindest stundenweiser - Aufhebung der Koedukation. "Ich setze meine ganze Kraft für die Mädchenarbeit ein, ich habe es aufgegeben, etwas für das Schulzentrum allgemein anzuleiern", schreibt eine 49-jährige Lehrerin.
Unermüdlich machen Frauen "Gewalt in der Schule" in Projektwochen zum Thema. Lehrerinnen stärken sich auf Tagungen, Fortbildungen und in Workshops. Gegen Vereinzelung organisieren sie sich im Netzwerk "Frauen verändern Schule", SchülerInnen oder LehrerInnen lassen sich als Mediatoren ausbilden oder hoffen im Coolness-Training "fit für den Fight" zu werden.
Einen ganz neuen Weg geht ein Gesamtschullehrer aus Weilerswist bei Köln. Er hatte in seiner 7. Klasse beobachet, wie Schüler einen anderen zu Boden rissen, traten und schlugen. Sie sagten, "dass alles Spaß gewesen sei und sie 'Nivel gespielt' hätten. Nivel ist der französische Polizist, der von Hooligans während der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich lebensgefährlich verletzt worden ist." Inzwischen hätten außerdem einige Mädchen einer Kollegin offenbart, dass einer der Nivel-spielenden Jungen sie auch "sexuell belästigt und genötigt" habe.
Der Lehrer, der die Vorfälle in seiner Klasse zum Thema machen will, hat sich nun in einem Brief an Henry Maske gewandt: "Vielleicht können Sie uns in der Klasse besuchen und durch Ihr Vorbild mehr bewirken als wir LehrerInnen", schreibt der Pädagoge an das Box-Idol, das die Aktion "Männer gegen Männergewalt" unterstützt (Emma 1/2000). "Wir glauben, es ist noch nicht zu spät."
Viele Lehrerinnen wollen die EMMA-Fragebögen weitergeben und in ihren Gewerkschaftsgruppen im VBE und der GEW das Thema "Gewalt gegen Lehrerinnen" verstärkt aufgreifen.
Dass weiße Schleifen starke - und genau deshalb gewaltfreie - Männer in immer mehr Schulen sichtbar machen, darauf hofft auch eine Lehrerin aus Regensburg. Sie vergleicht eine solche Aktion sogar mit den "Lichterketten gegen die Ausländerfeindlichkeit vor vielen Jahren". Bis es soweit ist, ist noch viel zu tun.
Charlotte Kerner, EMMA März/April 2000

In EMMA u.a. zum Thema:

Amoklauf in Winnenden (3/2009)

Der Stoff, aus dem die Täter sind, Prof. Pfeiffer (4/2002)

Werden aus Erfurt wirklich Lehren gezogen? (4/2002)

Einsame Cowboys (5/2000)

Schule & Gewalt (5/2000)

Was ist ein richtiger Junge? (5/2000)

Jagd auf Lehrerinnen (1/2000)

Wie Jungen zu Killern gemacht werden, Dave Grossman (1/2000)

Gewalt hat ein Geschlecht, Prof. Pfeiffer (1/2000)

Massaker in Montreal: Kein Zufall (2/1990)

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